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Schneeweißchen und Rosenrot – Szene 8

Szene 8          SEE

Im See schwimmt ein großer, bunter Fisch (oder mehrere). Alberich schiebt ein Boot ins Schilf. Er wirft seine Angel aus.

Der Bär beobachtet Alberich vom Ufer aus.

Die Fische betrachten interessiert den Wurm, der an der Angel hängt.

Fisch (zum Wurm): Du siehst aber lecker aus. Soll ich dich jetzt gleich verspeisen oder doch erst zum Abendbrot. Hmm, mal überlegen …

Bär (vom Ufer): He Fisch! Vorsicht! Der Wurm hängt an einer tödlichen Angel. Friss ihn nicht.

Der Fisch schaut sich um.

Fisch: Wirklich? Schade. Danke für die Warnung, lieber Bär. Du hast mir das Leben gerettet. Kann ich irgendetwas für dich tun?

Bär: Ja, das kannst du. Der die Angel auswirft ist mein Feind, der Zwerg Alberich. Ein Zauberbann umgibt ihn, so dass ich ihn nicht erreichen kann. Kannst du ihn für mich unter Wasser ziehen und ertränken?

Fisch: Aber mit Leichtigkeit kann ich das für dich tun.

Der Fisch nimmt die Angelschnur in die Flosse und beginnt zu ziehen. Der Zwerg zieht ebenfalls. Beide sind ungefähr gleich stark. Während des Tauziehens verwickelt sich der Bart des Zwerges in der Angelschnur. Er will ihn wieder entheddern und wird dabei fast vom Fisch ins Wasser gezogen. Gerade noch kann er sich wieder fangen.

Alberich: Hilfe! Hilfe!

Schneeweißchen und Rosenrot haben auf der anderen Seite des Sees Blumen gepflückt und Kränze gewunden. Sie schauen auf, eilen herbei.

Rosenrot: Wo willst du hin? Du willst doch nicht ins Wasser?

Alberich: Solch ein Narr bin ich nicht. Seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen!

Die Mädchen halten Alberich fest und versuchen den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur sind fest ineinander verwirrt. Rosenrot zückt die Schere und schneidet dem Zwerg die Hälfte seines Bartes ab. Sie fallen zurück ins Boot und die Angel gleitet mit der anderen Hälfte des Bartes ins Wasser.

Alberich: Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den Meinigen garnicht sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!

Der Zwerg schultert seinen Sack und stiefelt ohne Abschiedswort aus dem Boot.

Schneeweißchen: Wir hätten ihm nicht das Leben retten sollen?

Die Mädchen schauen ihm verwundert nach.

Rosenrot: So ein unfreundlicher Geselle. Vielleicht sollten wir ihm gar nicht mehr helfen. Er hat es nicht verdient.

Schneeweißchen: Auch wenn er es nicht verdient hat. Jede gute Tat bringt etwas Gutes hervor, auch wenn wir im Augenblick noch nicht sehen können, was es ist.

Rosenrot: Bei deiner Zuversicht muss es wohl so sein, kleine Schwester.

Schneeweißchen: Natürlich ist es so.

Schneeweißchen fasst die Schwester beim Arm und sie gehen gemeinsam zurück zu der Wiese und pflücken weiter Blumen.

Der Bär hat die ganze Szene beobachtet. Enttäuscht wendet er.

Bär: Nun ist mein Plan wieder fehlgeschlagen. Ich weiß ja, dass es gut ist jemandem zu helfen, der in Not ist, doch in diesem Fall werde ich wohl ewig als Bär durch den Wald laufen, wenn die beiden Mädchen so gut auf die Geschöpfe des Waldes achtgeben. Selbst kann ich ihn nicht besiegen, seine Zauberkraft ist zu stark und die Mädchen möchte ich nicht einweihen. Ich möchte ihren Glauben an das Gute nicht zerstören. Noch ein einziges Mal will ich versuchen, einen Verbündeten aus dem Tierreich zu gewinnen. Betet für mich, dass es gelingt.

Der Bär verschwindet im Wald.

Schneeweißchen und Rosenrot – Szene 7

Szene 7          WALDLICHTUNG

Mit einem schweren Sack kommt der Zwerg zu seiner Höhle und verschwindet. Sein Beutel schlägt dabei unsanft gegen die Baumwurzel. Der Bär hat das beobachtet. Er geht zu der Baumwurzel, die vor dem Höhleneingang liegt und versucht, mit den Tatzen eine Kerbe in das Holz zu schlagen, doch ohne richtiges Werkzeug erreicht er sehr wenig. Schließlich probiert er es mit den Zähnen.

Wurzel: Au.

Bär: Wer spricht da?

Wurzel: Ich, du Dummkopf.

Bär: Warum kannst du sprechen?

Wurzel: Du bist wirklich ein Dummkopf. Du kannst doch auch sprechen. Warum sollte ich es nicht können?

Bär: Du bist eine Baumwurzel.

Wurzel: Und du bist ein Bär.

Bär: Nein, bin ich nicht.

Wurzel: Ah, und da kommen wir zum entscheidenden Punkt. Erstens ist alles in diesem Wald lebendig und da du ein Teil des Waldes bist, kannst du mit allen anderen Lebewesen sprechen. Zweitens, wer sagt dir, dass ich eine Baumwurzel bin?

Bär: Das ist interessant. Kennst du Alberich?

Wurzel: Natürlich, er ist unser aller Herr.

Bär: Liebst du ihn?

Wurzel: Seinen Herren liebt man nicht.

Bär: Das ginge auch anders.

Wurzel: Ist es aber nicht.

Bär: Könntest du ihn für mich festhalten?

Wurzel: Was willst du von ihm?

Bär: Ihn töten. Dann hast du keinen Herren mehr und bist frei.

Wurzel: Kannst du das denn?

Bär: Ich muss es versuchen.

Wurzel: Unter diesen Umständen helfe ich dir gern.

Der Bär versteckt sich wieder. Nach einer kurzen Weile kommt Alberich aus der Höhle. Die Baumwurzel hält seinen Bart fest, er zieht daran und der Bart verfängt sich immer weiter in dem Holz.

Alberich: So ein vermaledeites Unglück!

Der Bär tritt heran.

Bär: Ja, heute ist aber auch wirklich nicht dein Glückstag.

Er beginnt, nach Alberich mit den Tatzen zu schlagen, kann aber im Umkreis von einem Meter nicht an ihn heran. Seine Tatzen schlagen immer wieder in die Luft. Der Zwerg beginnt zu lachen.

Alberich: Du hast den Winter also tatsächlich überlebt. Gratuliere. Aber mich, mich kannst du nicht verletzen. Solange ich meinen Bart habe, schützt mich meine Zauberkraft vor dir. Du wirst mich nie erwischen, ob ich nun irgendwo festhänge oder nicht.

Der Bär gibt seine Versuche auf.

Bär: Du hängst so fest, dass ich dich gar nicht zu erwischen brauche. Ich brauche einfach nur zu warten, bis du verhungert bist.

Die Baumwurzel kichert. Der Bär dreht sich um und geht in den Wald zurück. Alberich beginnt, an seinem Bart zu ziehen, doch je mehr er zieht, desto fester verheddert sich der Bart.

Schneeweißchen und Rosenrot betreten die andere Seite der Lichtung.

Rosenrot: Schau hier, der Waldmeister blüht schon!

Schneeweißchen: Wir sollten etwas für die Maibowle mitnehmen.

Die Mädchen pflücken den Waldmeister. Alberich hat sie bemerkt.

Alberich: He, was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?

Die Mädchen schauen auf und eilen zu dem Zwerg.

Rosenrot: Was hast du angefangen, kleines Männchen?

Alberich: Dumme neugierige Gans, den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben. Bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte. Nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!

Die Mädchen bemühen sich, den Bart aus der Wurzel zu bekommen, doch die Wurzel hält fest.

Rosenrot: Ich will laufen und Leute herbeiholen.

Alberich: Wahnsinnige Schafsköpfe! er wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?

Schneeweißchen: Sei nur nicht ungeduldig, ich will schon Rat schaffen.

Schneeweißchen holt aus ihrem Beutel an ihrem Gürtel eine kleine Nähschere heraus und schneidet den Bart ab. Nun ist er um ein Drittel kürzer. Der Rest hängt noch immer in der Baumwurzel fest.

Alberich (kreischt): Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohns euch der Kuckuck!

Rosenrot: Aber es ist doch noch genug dran.

Alberich: Ihr wisst überhaupt nichts von der Welt.

Mit diesen Worten packt er sein Bündel und verschwindet.

Rosenrot: Danke hätte er schon sagen können, oder?

Schneeweißchen zuckt die Schultern.

Schneeweißchen: Lass uns nach Hause gehen und die Maibowle vorbereiten.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 6. Szene

Szene 6          HÄUSCHEN VON SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT

Es ist Frühling. Der Bär und die beiden Schwestern stehen an der Tür.

Schneeweißchen: Musst du wirklich gehen?

Rosenrot: Kannst du nicht für immer bei uns bleiben?

Der Bär schüttelt den Kopf.

Bär: Nein, ich habe noch eine Aufgabe zu erfüllen.

Schneeweißchen: Ich möchte nicht, dass du gehst.

Bär: Ich auch nicht, aber ich muss. Ich danke euch von Herzen, dass ihr mich diesen Winter aufgenommen habt. Wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe, komme ich wieder.

Rosenrot: Können wir dir helfen?

Bär: Nein, dass muss ich alleine tun. Es ist meine Verantwortung.

Schneeweißchen umarmt den Bär.

Schneeweißchen: Lebwohl!

Bär: Lebt wohl und auf bald.

Rosenrot: Lebwohl!

Der Bär geht durch die Tür hindurch. Dabei bleibt sein Fell am Scharnier hängen und reißt auf. Darunter ist ein Schimmer von Gold zu sehen.

Die beiden Mädchen schauen dem Bär nach, wie er in den Wald trottet.

Schneeweißchen: Hast du das Gold unter seinem Fell gesehen? Ich glaube, er ist nicht das, was er scheint, aber sicher bin ich mir nicht.

Rosenrot: Nein, ich habe nichts bemerkt.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 5. Szene

Szene 5          HÄUSCHEN VON SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT

Es ist Winter. Vor den Fenstern liegt dicker Schnee. Ein lustiges Feuer prasselt im Kamin. Rosenrot sitzt am Spinnrad. Schneeweißchen schürt das Feuer. Die Mutter setzt ihre Brille auf und nimmt ein dickes Buch zur Hand.

Es klopft an der Tür.

Mutter: Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.

Rosenrot steht auf und öffnet. Der Bär steht davor und brummt. Rosenrot springt erschreckt zurück. Schneeweißchen versteckt sich unter dem Bett.

Bär: Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen.

Mutter: Du armer Bär! Leg dich ans Feuer, und gib nur acht, dass dir dein Pelz nicht brennt. Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meints ehrlich.

Der Bär legt sich vor den Kamin und seufzt behaglich. Schneeweißchen und Rosenrot kommen vorsichtig und neugierig hervor.

Bär: Ich danke euch. Ohne euch wäre ich erfroren.

Rosenrot: Was tust du denn draußen in der Kälte. Solltest du nicht in einer Höhle liegen und schlafen?

Bär: Ich habe keine gefunden.

Schneeweißchen: Aber es gibt doch so viele Höhlen hier. Die Hohlsteinhöhle, die Einhornhöhle, die Silberhöhle. Wir sind oft darin geklettert im Sommer.

Bär: Wahrscheinlich wollte er, dass ich erfriere.

Rosenrot: Wer, er?

Bär: Er, der … ich kann es euch nicht sagen.

Schneeweißchen: Wer bist du?

Bär: Ich habe gehört, dass ihr euch gern am Kamin Geschichten erzählt. Da ihr mich so freundlich aufgenommen habt, will ich euch eine erzählen.

Schneeweißchen: Das stimmt. Woher weißt du das?

Rosenrot (ungeduldig): Frag doch nicht so viel. Lass uns die Geschichte hören.

Bär: Es waren einmal zwei Prinzen. Sie waren Brüder und der eine war nur ein Jahr jünger als der andere. Wie es nun einmal so Sitte ist, wurde der Ältere zum Thronfolger bestimmt. Der jüngere Prinz aber war viel geschickter mit dem Schwert als der ältere. Jegliche Kampfkunst fiel ihm leicht. Er war für das geboren, was sich der ältere hart erkämpfen musste und doch wurde er nie so gut wie sein Bruder. So war der jüngere Bruder eifersüchtig auf den anderen, weil er den Thron erben würde und der ältere, weil der Kleine so viel geschickter war in der Kriegskunst. Bald glaubte er wie sein Bruder, dass dieser den besseren König abgeben würde. Und daher ging er weg und er kehrte nicht zurück. Was meint ihr, wollte er den Platz frei machen für seinen Bruder, weil er zu der Überzeugung gekommen war, er wäre nicht der richtige?

Schneeweißchen: Das ist ja nur der Anfang der Geschichte.

Bär: Erzähl sie zuende.

Schneeweißchen: Also gut. Ich glaube, dass der ältere Prinz sich nicht feige aus dem Staub gemacht hat, sondern er hat auf seiner Reise erkannt, dass seine Rolle die Verantwortung mit sich bringt, aus seinen Fähigkeiten das beste für sein Volk zu machen, egal wie gut sie sein mögen. Und ich glaube, dass der Kleine, sobald er mit Regierungsaufgaben vom Vater betraut wurde, erkannte, dass er seine Fähigkeiten eher als Feldherr zur Geltung bringen kann, denn als König, der sich doch eher mit langweiligen Verwaltungsaufgaben zu beschäftigen hat.

Bär: Aber so war es nicht. Der Prinz kam nicht zurück.

Rosenrot: Dann ist ihm etwas zugestoßen.

Schneeweißchen: Ich bin mir sicher, dass er zurückgekommen ist. Er wird alle Schwierigkeiten gemeistert haben.

Bär: Warum glaubst du das?

Schneeweißchen: Weil Geschichten immer gut ausgehen.

Schneeweißchen krault dem Bären das Fell.

Mutter: Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.

Bär: Ich danke Euch.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 4. Szene

Szene 4          WALDLICHTUNG

Alexander schlägt sich im Wald durch das Dickicht. Er kommt zu einem wunderschönen kleinen Talkessel, der im Hintergrund von einer steilen Felswand abgeschlossen wird. Vor dem Felsen liegt ein dicker Wurzelstrunk eines umgekippten Baumes. Oben auf dem Felsen hat ein Adler sein Nest gebaut. Alexander ist von der Schönheit des Ortes begeistert.

Alexander: Was für ein wunderschönes kleines Tal. Hier werde ich bleiben.

Alexander legt seine Waffen und sein Gepäck ab und breitet den Mantel auf der Erde aus. Dabei summt er leise vor sich hin.

Alberich, der Zwerg, lugt aus der Felswand und beobachtet Alexander. Dann schleicht er unbemerkt um ihn herum, so dass sein endlos langer Bart einen Kreis um Alexander und sein Lager bildet. Als der Kreis geschlossen ist, tritt er leise an ihn heran und klopft ihm auf die Schulter. Alexander fährt erschreckt herum.

Alberich: Was willst du hier?

Alexander verbeugt sich gekonnt.

Alexander: Mein Name ist Alexander und ich plane, die nächsten Tage hier zu nächtigen. Wie ist Euer werter Name.

Alberich: Ich bin Alberich und hier ist mein Reich und du hast ohne meine Erlaubnis die Grenze übertreten.

Alexander: Dann bitte ich jetzt um Eure geschätzte Erlaubnis.

Der Zwerg lacht höhnisch.

Alberich: Dazu ist es zu spät. Wer mein Reich betritt, verlässt es nicht wieder. (Er hebt die Hände und beginnt zu zaubern.)

Allerleirauh, Bärentraube,
ewig trage eine Haube
und ein Kleid aus Bärenhaut
dem wilden Tiere niemand traut.

Während des Zauberspruchs steht der Prinz hilflos in dem Kreis und kann sich nicht bewegen. Bei jeder Zeile verwandelt er sich mehr und mehr in einen Bären. Der Zwerg lacht hämisch.

Alberich: Jetzt kannst du dich solange in meinem Wald aufhalten, wie du willst. Nur verlassen würde ich ihn an deiner Stelle nicht, dann erwischen dich die Jäger des Königs.

Der Bär versucht, den Zwerg mit der Tatze zu hauen, doch er kommt nicht nahe genug an den Zwerg heran.

Alberich: Versuch es nur, du kannst mich nicht berühren. Gegen meine Zauberkraft kommst du nicht an.

Bär: Ich werde einen Weg finden, mich zu befreien.

Alberich: Den gibt es nicht. Der Zauber wirkt solange ich lebe.

Bär: Dann töte ich dich.

Alberich: Das haben schon andere vor dir versucht. Ohne Erfolg.

Wieder versucht der Bär, den Zwerg mit der Tatze zu erwischen. Es klappt nicht. Der Zwerg lacht und öffnet den Kreis einen Spalt breit. Dann scheucht er den Bären hinaus.

Alberich: Husch, husch zu deinesgleichen in den Wald.

Der Bär trottet davon.

Seelenruhig sammelt der Zwerg die Habseligkeiten des Bären ein. Als er den goldenen Reif in der Tasche des Bären entdeckt, betrachtet er ihn gierig.

Alberich: Wundervoll. Diese Schätze werden meinen Reichtum mehren.

Dann nimmt er alles und verschwindet damit durch einen Spalt in der Felswand.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 2. Szene

Szene 2          THRONSAAL

Der König arbeitet an seinem Schreibtisch. Es klopft. Er schaut von seinen Papieren auf.

König: Herein!

Alexander tritt ein, bleibt in gemessenem Abstand vor dem Schreibtisch stehen und verbeugt sich. Wir sehen, wie Kilian, der Alexander nachgeschlichen ist, hinter der Tür stehen bleibt und lauscht.

König: Was gibt es, mein Sohn?

Alexander: Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Amt des Thronfolgers geeignet bin. Ich bitte Euch, mich bis zu meinem Geburtstag in die Einsamkeit zurückziehen zu dürfen, um darüber nachzudenken.

König: Du bist mein älterer Sohn und in einem halben Jahr einundzwanzig Jahre alt. Damit bist du geeignet.

Alexander: Aber bin ich auch gut genug?

Kilian hinter der Tür grinst.

König: Gut. Gehe und denke darüber nach. Ich werde dich mit allem ausstatten, was du brauchst. (der König nimmt einen Schild und ein Schwert von der Wand) Dieses Schwert und dieser Schild gehörten meinem Großvater. Sie werden dich schützen. (Er nimmt einen Mantel aus einer Truhe) Diesen Mantel hat meine Mutter gewebt. Er wird dich wärmen. (Er nimmt einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen von der anderen Wand) Mit diesem Bogen ging mein Vater auf die Jagd. Er wird dich nähren. (Schließlich holt er aus der Schublade des Schreibtisches einen goldenen Reif) Diesen Reif habe ich getragen, bevor ich König wurde. Er wird dich als meinen Sohn ausweisen. Bewahre die Dinge gut. Sie sind lebensnotwendig in der Fremde.

Der König möchte Alexander den Reif auf den Kopf setzen, doch dieser wehrt ab.

Alexander: Vater, ich danke Euch sehr für diese Gaben, aber ich möchte unerkannt reisen.

König: Dann stecke den Reif in dein Gepäck. So kannst du dich, wenn es nötig sein sollte, zu erkennen geben.

Alexander: Das werde ich tun. (Er umarmt seinen Vater.) Spätestens drei Tage vor meinem Geburtstag werde ich wieder da sein.

Alexander verbeugt sich und verlässt den Thronsaal. Den hinter der Tür im Flur stehenden Kilian sieht er nicht. Die Tür schlägt zu und Kilian kommt nachdenklich heraus.

Kilian: Ich weiß nicht recht, was ich denken soll. Ich möchte so gerne König werden. Ich glaube, ich wäre ein guter König. Ich würde fremde Länder erobern und das Reich vergrößern. Auf jedem Feldzug würde ich Heldentaten vollbringen. Mein Bruder ist zu nett und zu schwach dazu. Andererseits ist er mein Bruder. Es wäre am besten, er käme nicht wieder. Dann würde mein Vater mich zum Nachfolger erklären. Und wenn er doch wiederkommt? (überlegt) Josef! (Der Diener Josef erscheint.) Halte vor dem Tor Wache und melde mir sofort, wenn mein Bruder zurückkommt. Ich möchte es als erster erfahren.

Josef lächelt verschlagen.

Josef: Ich erkenne Eure Absicht, mein Herr. Soll ich meinen Dolch bereithalten?

Kilian: Nein. Ich habe andere Pläne. Sorg einfach dafür, dass ich von seiner Ankunft erfahre, bevor er das Schloss betritt.

Josef verbeugt sich.

Josef: Es wird mir ein Vergnügen sein.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 1. Szene

Szene 1          THRONSAAL

Die beiden Prinzen Alexander und Kilian kommen fechtend in den leeren Saal. Kilian treibt Alexander vorwärts, der sich verbissen verteidigt.

Kilian: Und hey und hepp und hey!

Kilian ist in seinem Element. Alexander wird wütend und drischt immer wilder auf den Bruder ein, der elegant pariert. Immer wieder muss Alexander zurückweichen. Seine Hiebe werden wilder. Kilian weicht geschickt aus. Alexander schlägt ins Leere und fällt nach vorn auf den Boden. Kilian hält sein Schwert über ihn. Alexander keucht vor Anstrengung.

Kilian: Gewonnen!

Alexander: Du hattest Glück.

Kilian: Ich bin einfach der bessere Schwertkämpfer.

Alexander steht auf.

Alexander: Revanche.

Kilian: Kein Problem.

Sie stellen sich auf und beginnen erneut zu fechten. Der Kampf ist erbittert. Beide tanzen umeinander im Saal herum. Kilian ist schnell und geschickt. Immer wieder kann er Alexanders Schlägen ausweichen. Dieser trifft eine Vase, die auf einer Anrichte steht. Sie fällt herunter und zerbricht. Die beiden Brüder kümmern sich nicht darum. Kilian greift diesmal nicht an, sondern lässt Alexander immer wieder ins Leere laufen, was diesen nur noch wütender macht. Plötzlich schnellt Kilians Schwert nach vorn und trifft Alexander an der Schulter. Diese beginnt zu bluten. Alexander hört auf zu kämpfen und hält sich die Schulter.

Alexander (schreit): Bist du verrückt? Willst du mich umbringen?

Kilian hält sein Schwert auf ihn.

Kilian: Doppelt gewonnen, wie mir scheint. Noch eine Revanche gibt es nicht. Und wenn würdest du sie auch verlieren, Brüderchen.

Alexander: Das war unfair.

Er wirft sein Schwert weg und schmeißt sich auf den Bruder, um mit ihm zu raufen. Auch Kilian lässt sein Schwert fallen und beide wälzen sich auf dem Boden.

Kilian: Vielleicht solltest du mir den Thron überlassen. Du bist einfach zu schwach dazu.

Alexander: Das könnte dir so passen.

Kilian: Wenn nicht, nehme ich einfach mein Schwert und hole ihn mir.

Alexander: Zu einem guten König gehört mehr als nur ein guter Schwertkämpfer zu sein.

Kilian: So was denn? Ein guter Flötenspieler?

Alexander: Ein König ist diplomatisch. Er besitzt Verhandlungsgeschick.

Kilian: Was kannst du mit Worten gegen ein Schwert ausrichten?

Alexander: Ein König sorgt dafür, dass es seinem Volk gut geht.

Kilian: Das ist sentimental. Ein König vergrößert seine Macht.

Alexander: Ein König besitzt nur Untertanen, wenn er ein gutes Vorbild ist.

Kilian: Ein König besitzt die Untertanen, die er beherrschen kann.

Die beiden ringen verbissen. In diesem Punkt sind sie gleich stark.

In diesem Moment öffnet sich die Tür und der König steht im Türrahmen.

König: Was ist denn hier los? Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?

Schweißnass stehen die beiden auf. Artig verbeugen sie sich vor ihrem Vater.

König: Wie könnt ihr euch nur so benehmen! Alexander! Du bist der ältere und trägst die Verantwortung. Was ist geschehen?

Alexander: Vater, wir haben uns nur ein wenig im Ringen geübt.

König: Im Thronsaal?

Alexander: Es regnet draußen.

König: Ich bin sehr enttäuscht von dir. In einem halben Jahr wirst du offiziell zu meinem Nachfolger erklärt und ich erwarte, dass du dich dementsprechend benimmst. Wie ist es damit zu vereinbaren, dass du dich wie ein Gassenjunge mit deinem kleinen Bruder auf dem Boden wälzt?

Alexander: Er hat mich herausgefordert, Vater.

König: Sag nichts weiter. Ich bin einfach sehr enttäuscht von dir.

Wortlos verlässt Alexander den Saal. Kilian grinst.

weiter bei Szene 2