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Der gefräßige Drache

Hier einen Guten-Nacht-Geschichte, die sich mein Sohn gewünscht hat …

Der gefräßige Drache

Max lag in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Er wusste selbst nicht woran es lag. Die Geisterfallen waren aufgestellt, er hatte keine Angst und die Milchflasche war längst ausgetrunken. Trotzdem lag er mit offenen Augen in der Dunkelheit und der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Leise richtete er sich auf und kletterte aus seinem Bett. Er wollte noch ein Schwert holen. Das Schwert fehlte noch in seinem Bett. Er ging zum Fenster, an dem der Korb mit den Spielzeugwaffen stand und suchte das Gummischwert heraus. Über Luises Hellebarde baumelte noch der Gürtel mit der Schwertschnalle. Ohne recht zu wissen, warum, nahm er ihn und band ihn um den Bauch. Dann steckte er das Schwert hinein. Ein Wiehern erklang in der Stille. Max hielt inne und lauschte. Was hatte da gewiehert? Hier stand doch kein Pferd auf dem Flur oder im Kinderzimmer. Max sah sich um. Im Kinderzimmer stand tatsächlich ein Pferd, Max Schaukelpferd nämlich und es wieherte noch einmal laut und vernehmlich. Max grinste. Das war also der Grund, warum er nicht schlafen konnte. Es gab in dieser Nacht noch etwas zu tun. Schnell nahm er noch seinen Spielzeugschild aus dem Korb, hob den Ritterhelm, der achtlos auf dem Boden gelegen hatte, auf und schwang sich auf das Schaukelpferd. Das Pferdchen bäumte sich auf und los ging’s!

Max wusste nicht, was diesmal auf ihn zukommen würde, aber er wusste, dass es wichtig war, wenn sein Pferdchen wieherte. Sie ritten durch ein kleines Wäldchen auf einen See zu. Am Ufer des Sees war ein hoch aufragender Kirchturm zu sehen, der offensichtlich von einem kleinen Dorf umgeben war. Grauer Rauch stieg von einem der Häuser auf und lautes Geschrei war zu hören. Max gab seinem Pferdchen die Sporen und galoppierte in Richtung Dorf.

„Oh, oh, oh“, jammerte ein Mann. Er war in einen dunkelgrünen Gugel und einen braunen Kittel gekleidet, hatte schütteres, graues Haar und einen grauen Spitzbart und Stadt vor einem ausgebrannten Haus. Max hielt sein Pferd an und sprang ab. „Was ist denn passiert, mein Herr?“ fragte er höflich. Der Mann stellte sein Wehklagen ein und drehte sich um. „Mein schönes Haus, oh Herr Ritter, und meine Tochter. Oh mein schönes Haus!“ Max sah ihn verständnislos an. „Der Drache! Ein wütender, gefräßiger, rotschuppiger, dreiköpfiger Drache war hier und hat mein Haus angezündet und meine Tochter als Frühstück mitgenommen.“ „Das ist wirklich nicht nett.“ Max war ehrlich entrüstet. „Nein, oh nein, ach mein schönes Haus!“ „War Eure Tochter denn nicht schön?“ „Was? Nein, ach natürlich vermisse ich sie auch. Sie war, sie war, wie war sie eigentlich?“ Verwirrt wandte sich der Mann ab und begann in der Ruine seines Hauses nach Wertgegenständen zu suchen. Nach und nach klaubte er Goldmünzen, goldene Becher und Teller aus den Trümmern. Max beobachtete ihn. „Soll ich sie nicht retten?“ fragte er. „Wen?“ „Eure Tochter.“ „Ach so. Ehm, ja, ja tut das. Das Aufräumen hier mache ich sowieso lieber allein.“ Liebevoll streichelte er einen Becher, den er gerade in der Hand hielt. Max stand da und sah den Mann erwartungsvoll nach weiteren Informationen an. „Ach so, ja, er ist in diese Richtung geflogen, der Drache. Sicherlich findet ihr ihn. Und wenn er Rosalinde inzwischen gefressen haben sollte, macht euch keinen Kopf. So wichtig war es nicht. Macht euch keine Gedanken.“ Schusselig wandte er sich wieder seiner Suche zu und überließ Max seinem Schicksal. Dieser schüttelte verständnislos den Kopf. Was war das nur für ein Vater, dem sein eigenes Kind nicht wichtig war? Gedankenverloren bestieg er seinen Apfelschimmel und ritt in die angegebene Richtung davon.

Tatsächlich fand er den Drachen einige Stunden später auf einer Lichtung liegend. Mutig zog er sein Schwert und forderte ihn zum Kampf. „Los, du Riesenvieh! Gib die Jungfrau Rosalinde heraus oder es soll dir schlecht bekommen!“ Träge öffnete der Drache ein Auge seines linken Kopfes und rülpste laut. Eine kleine lila Stickflamme schoss aus seiner Nase und versengte Max die Schuhspitzen. „Nö.“ Max fuchtelte mit seinem Schwert. „Los jetzt, ein bisschen dalli oder es knallt.“ Der Drache klappte das Auge wieder zu. „Nö.“ Damit ignorierte er den kleinen Ritter. „Oder hast du sie schon gefressen?“ fragte Max angstvoll. „Nö“, sagte diesmal der mittlere Kopf des Drachen. Jetzt wurde Max aber böse. „Kannst du eigentlich auch was anderes sagen?“ schimpfte er. „Nö“, antwortete nun wieder der linke Kopf und rülpste zum zweiten Mal. Diesmal war Max schon auf die kleine Stichflamme gefasst und trat einen Schritt zurück, bevor sie seine Schuhspitze erreichte. Entschlossen hob er sein Schwert und begann auf den Drachen einzuschlagen. Den kümmerte das nicht die Bohne. Max merkte, dass sein Schwert dem dicken Schuppenpanzer nichts anhaben konnte und änderte seine Taktik. Er pikste mit dem Schwert zwischen den Schuppen des Drachen in die Haut – mit durchschlagendem Erfolg. Der Drache kiekste und giggelte, fuhr in die Höhe und warf sich von einer Seite auf die andere. Max musste aufpassen, um nicht unter dem schweren Drachenleib begraben zu werden. Schließlich lachte, japste und kicherte der Drache mit allen drei Mäulern. Kleine blaue und rote Wölkchen pufften aus seinen Ohren und seine Hautfarbe hatte sich von blutrot auf hellrosa verfärbt. „Aufhören, aufhören!“ hechelte er. „Ich kann nicht mehr. Bitte aufhören!“ Max hielt inne. „Ach, du kannst ja doch reden“, bemerkte er kühl. „Jaja, aber nur mit dem rechten Kopf“, rechtfertigte sich der Drache. „Das reicht ja. Jetzt sag mir, wo das Mädchen ist, oder …“ Max hob drohend sein Schwert. „Jaja schon gut. Bloß nicht wieder kitzeln. Das war ja fürchterlich!“ Noch einmal pikste im Max kräftig in die Seite. „Also los.“ „Naja, ich hatte sie grad ein bisschen angeknabbert …“„Du hast was?“ Der Drache rollte mit den Augen. “Ich war gerade dabei, herzhaft zuzubeißen, als sie fürchterlich zu weinen anfing. Sie hat überhaupt nicht mehr aufgehört und ich dachte, das ist wegen der Fresserei. Alle heulen, wenn sie denken, gleich gefressen zu werden. Das bin ich ja gewöhnt. Also hielt ich inne und fragte: ‚Hast du Angst, gefressen zu werden?‘ Aber nee, sie antwortete: ‚Ja, friss mich ruhig. Mir ist es ganz recht. Ich bin sowieso nichts wert. Mein Vater liebt nur sein Geld und da man mich nicht verkaufen kann, bin ich ihm egal. Ich habe keinen Wert. Los, beiß schon zu.‘ Ich war völlig verdutzt. So was war mir noch nie passiert. Normalerweise ärgere ich die Mädchen nur etwas, indem ich so tue, als ob ich sie fressen wolle, damit sie auch schön folgsam sind, wenn sie mir dann den Haushalt führen sollen, aber das? Die wollte tatsächlich gefressen werden? Ich versteh es selbst nicht, aber ich tat etwas, was ich wirklich noch nie getan habe. Ich tröstete sie. ‚Dein Vater ist ein Idiot‘, sagte ich. ‚So ein schönes Mädchen kann man doch nur liebhaben.‘ Und ich versprach ihr, sie zu beschützen und ihr zu helfen und nun schläft sie oben in meiner Höhle.“ Max steckte sein Schwert wieder in die Scheide und reichte dem Drachen die Hand. „Dann sind wir jetzt zwei, die ihr helfen wollen. Der Drache schlug mit seiner Tatze ein.

Lange saßen sei auf der Lichtung im Sonnenschein und überlegten, wie sie dem geizigen Vater eine Lehre erteilen konnten, doch es fiel ihnen nichts Gescheites ein. Auf einmal hörten sie leise Schritte. Das Mädchen war aufgewacht und zu ihnen auf die Wiese gekommen. Sie war höchstens 12 Jahre alt und trug einen alten, abgewetzten Kittel aus grauem leinenestoff. Im Gegensatz zu ihrer schäbigen Kleidung waren ihre langen, blonden Haare sorgfältig gekämmt und fielen wie flüssiges Gold über ihren Rücken. Ohne ein Anzeichen von Überraschung setzte sie sich zu Max und dem Drachen ins Gras. Den letzten Teil der Unterhaltung hatte sie offensichtlich mitangehört, denn sie sagte: „Mein Vater interessiert nichts als sein Geld. Menschen sind für ihn nicht wertvoll und er wird es auch nicht lernen, egal, was ihr tut.“ Max protestierte: „Das glaube ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass du deinem Vater wirklich gleichgültig bist.“ „Ich aber.“ „Lass es uns ausprobieren“, schlug Max vor und erzählte, was er sich ausgedacht hatte.

Einige Stunden später kam er verschwitzt und erschöpft von dem schnellen Ritt wieder bei der verkohlten Ruine an. Der Mann hatte inzwischen alle Wertgegenstände gerettet und war dabei, die Trümmer wegzuräumen. „Herr! Herr!“ rief Max. Der Mann drehte sie um. „Herr, leider konnte ich nichts mehr für Eure Tochter tun. Ich bin zu spät gekommen. Es tut mir sehr leid.“ Max machte ein betrübtes Gesicht. Der Mann schüttelte zerstreut den Kopf. „Sehr bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich. Nun trotzdem vielen Dank für Eure Mühe und guten Tag.“ Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und beachtete Max nicht weiter. „Nur noch eins“, sagte Max. „Eure Tochter hat dem Drachen berichtet, dass Ihr einen großen Schatz hortet. Möglicherweise kommt er wieder.“ „Was?“ Der Mann fuhr erschrocken in die Höhe. Eine fieberhafte Betriebsamkeit ergriff ihn. „Dann, dann, dann …“ Er kam zu Max und packte ihn am Bein. „Ihr müsst mir helfen, das Gold zu vergraben.“ Max schaute ihn kühl von oben herab an. „Was gebt ihr mir dafür?“ „Alles, alles, was ihr wollt … ehm … außer Geld natürlich.“ Max nahm die Hand des Mannes von seinem Knie und stieg ab. „Gut. Ich helfe Euch und Ihr versprecht mir, dem nächsten Menschen, der Euch begegnet, die Füße zu küssen und für Euren Geiz um Verzeihung zu bitten.“ Der Mann hatte Max bereits den Rücken gekehrt und suchte in den Trümmern nach einer Schaufel. „Gut, gut“, antwortete er zerstreut. Er hatte gar nicht mehr richtig zugehört. Gemeinsam vergruben sie den Schatz unter einem knorrigen Apfelbaum.

Als dies geschehen war, trat Rosalinde hinter dem Baum hervor, wo sie sich versteckt gehalten hatte. Entgeistert sah ihr Vater sie an. „Ich dachte, ich meinte … bist du nicht vom Drachen gefressen worden?“ fragte er taktlos. Rosalinde biss sich auf die Lippen. „Freust du dich, dass es nicht so ist?“ fragte sie zaghaft. Ihr Vater machte den Mund auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Max stieß ihn in die Rippen. „Los, entschuldige dich! Sag, dass sie dir wichtiger ist als dein Gold!“ Bockig stampfte der Mann mit dem Fuß auf. „Nein“, kreischte er. „Nein, nein, nein. Dies ist überhaupt nicht meine Tochter. Ein Bastard meiner Frau mit ihrem Liebhaber, das ist sie. Ich will und kann sie nicht länger durchfüttern!“ Rosalinde war bei diesen Worten wie zu Eis erstarrt, doch Max sagte kühl: „Wie ihr wollt“ Dann rief er laut in den Himmel: „Heija, hei, hei!“ Am Himmel erschien die gigantische Silhouette des Drachen. Er landete und packte den Mann mit seinem Krallen. „Hilfe! Hilfe!“ Der Mann quiekte und quietschte in allen Tonlagen. „So helft mir doch!“ Doch Max kümmerte sich nicht um ihn. Zu Rosalinde sagte er: „Unter dem Apfelbaum ist das Gold deines Stiefvaters vergraben. Es gehört dir.“ „Was?“ japste dieser dazwischen. Rosalinde sah Max lächelnd an. „Danke. Danke für alles.“ Sie umarmte ihn und er wurde ein ganz kleines bisschen rot. Schnell löste er sich aus der Umarmung und sah den Drachen an. „Wir machen alles wie besprochen. Der Kerl da im Tausch für Rosalinde.“ Dieser bleckte seine spitzen Zähne und grinste. Bunte Rauchwölkchen quollen aus allen sechs Ohren. „Ich werde meinen Spaß haben“, feixte er. Dann packte er den Mann fester, der immer noch zappelte und schrie, und schwang sich in die Luft. „Hilfe, ich will nicht gefressen werden, Hilfe, Hilfe!“, heulte der Mann. „Ich schmecke überhaupt nicht. Ich bin ganz zäh. Hilfe!“ „Ach halt die Klappe“, sagte der Drache. „Du sollst doch nur für mich den Haushalt führen und abwaschen, wie die anderen Mädchen vor dir.“ „Abwaschen?“ krächzte der Mann und danach war er tatsächlich still.

Max aber wurde plötzlich sehr sehr müde. Er hievte sich auf sein Pferchen, winkte Rosalinde zum Abschied noch einmal zu und trabte von dannen. Zu Hause angekommen, kletterte er samt Gürtel und Schwert in sein Bett und schlief sofort ein. Sein roter Spielzeugdrache mit den drei Köpfen saß im Regal und bewachte seinen Schlaf.