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Ein Herz für Tiere

Hier ein kleines Kurzfilmdrehbuch, was ich vor Jahren geschrieben habe … nach einer Idee von Stefan Hilpert:

AUFBLENDE

1. INT. BAHNHOF SCHLIEßFACHANLAGE- TAG

Ein sehr langer, leerer Gang in einer Schließfachanlage. Der Gang wirkt alt aber sauber. Auf der anderen Seite der Schließfächer steht ein relativ voller Mülleimer. Kein Mensch ist zu sehen. Nur am Ende des Ganges, ganz weit hinten, laufen ab und zu Leute vorbei.

Vorspanntitel.

Im Hintergrund taucht ein Sicherheitsbeamter auf.

SICHERHEITSBEAMTER
Na warte, Bürschchen, ich krieg Dich schon!

Er läuft eilig ein Stück weit in den Gang hinein, wirft einen schnellen Blick in einen Seitengang, verschwindet wieder.

SICHERHEITSBEAMTER
Verfluchte Scheiße!

Seine Schritte werden leiser.

Langsam öffnet sich eine der Schließfachtüren im Vordergrund, eine vorsichtig tastende Hand erscheint, dann der Kopf eines ärmlich gekleideten kleinen Jungen, der sich verängstigt umschaut und dann langsam aus dem Fach herausklettert. Er dreht sich um, schaut sich nochmals in alle Richtungen um und zieht dann einen Schulranzen und eine mondäne, nicht sehr geschmackvolle Damenhandtasche aus dem Schließfach.

Zwischen der offenstehenden Schließfachtür und seinem Körper verborgen öffnet er die Handtasche, nimmt einige Gegenstände heraus – Schminke, zwei Briefe, einen von der Rentenstelle, einen aus Australien und eine Tüte mit Brotstückchen. Er legt sie neben sich.

Schließlich findet er die Geldbörse. Er öffnet sie hastig und durchsucht sie. In der Börse sind mehrere Scheine, die er nicht anrührt. Dann schüttet er das Münzgeld in seine Hand. Nachdem er alles bis auf die Münzen wieder in die Handtasche gestopft und diese unter sein T-Shirt gesteckt hat, geht er zielstrebig zu einem Schließfach auf der anderen Seite des Ganges.

Man sieht, dass der Gang keine „Sackgasse“ ist, sondern nach ein paar Metern aufhört und auf einen Quergang stößt. Um eine Hand freizubekommen, stellt er die Handtasche wieder auf den Boden. Er vergewissert sich erneut, dass niemand in der Nähe ist, dann holt er einen Schlüssel aus der Hosentasche und steckt ihn das Schlüsselloch. Der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Eine Leuchtanzeige mit der Aufschrift „NACHZAHLEN DM 5,-“ blinkt auf. Er öffnet seine andere Hand. Sie ist voller kleiner Münzen. Dann beginnt er, die Münzen in den Schlitz zu stecken. Eine nach der anderen. Zwischendurch horcht er immer wieder an der Schließfachtür, kein Laut ist zu hören.  Es dauert ewig, bis die Maschine so eine Münze verschluckt hat, und es rappelt ziemlich laut. Der noch fehlende Betrag auf der Anzeige nimmt nur schleppend langsam ab.

Der Junge wird hektisch, er versucht, die Münzen schneller reinzustopfen.

Als er gerade die letzen Münzen in den Schlitz steckt, wird er grob am Arm gepackt, der Sicherheitsbeamte von vorhin steht hinter ihm. Er ist riesengroß und sieht sehr böse aus. Die Münzen rattern durch, die Anzeige zeigt „SIE KÖNNEN JETZT DAS SCHLIEßFACH ÖFFNEN“.

SICHERHEITSBEAMTER
Na bitte, da ham wir dich je endlich!

Der Sicherheitsbeamte schaut auf die Münzen in der Hand des Jungen und den Schlüssel im Schloss des Schließfaches. Er realisiert, was der Junge getan hat.

SICHERHEITSBEAMTER
Das gibt’s doch nicht.

Er zieht den Schlüssel aus dem Schloss. Dem Jungen stehen die Tränen in den Augen. Der Sicherheitsbeamte sieht das und deutet es als Angst.

SICHERHEITSBEAMTER
Geschieht dir ganz recht. (zu sich) – und das in dem Alter. – So, Du kommst jetzt mal mit.

Der Sicherheitsbeamte schleift ihn hinter sich her in ein Büro im Bahnhofsgebäude.

2. INT. BÜRO – TAG

Der Junge sitzt ganz klein in einem Büro auf einem Stuhl. Der Sicherheitsbeamte steht mit einer alten Frau in der Tür, er hat die Handtasche und den Schließfachschlüssel in der Hand.

ALTE FRAU
Ja genau das ist er! Saubengel!

Der Sicherheitsbeamte hält ihr die Handtasche hin.

SICHERHEITSBEAMTER
Hier. Es fehlen allerdings 5 Mark.

ALTE FRAU
Was? Das lasse ich nicht durchgehen. Ich warte solange hier bis Sie den Jungen befragt haben. Der muss doch Eltern haben oder nicht? Ich will jedenfalls, dass er seine Strafe erhält, um das Geld geht es mir ja gar nicht so sehr, aber sowas ….

SICHERHEITSBEAMTER
Ok, warten Sie hier …. mit dem Kleinen werde ich schon fertig.

Er geht in das Büro und schließt die Tür hinter sich.

3. INT. BAHNHOFSHALLE VOR DEM BÜRO – TAG

Die Frau setzt sich draußen auf die Bank und wartet.

Eine junge Frau mit einem kleinen Hund läuft vorbei. Die alte Frau schaut lächelnd auf den kleinen Hund.

ALTE FRAU
Jaja, die einzigen Wesen, denen man noch trauen kann.

4. INT. BÜRO – TAG

Der Sicherheitsbeamte setzt sich vor den Jungen an den Schreibtisch und schaut ihn einen Moment an.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie heißt du?

Der Junge starrt nach unten und antwortet nicht.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie du heißt?

Der Junge antwortet immer noch nicht.

SICHERHEITSBEAMTER
Was ist in dem Schließfach? Noch mehr gestohlene Geldbörsen, he?

Der Junge schaut nach unten und fängt an zu heulen. Ab dieser Stelle hören wir die Szene nur noch, während wir die tatsächlich abgelaufenen Ereignisse sehen, die dem Jungen durch den Kopf gehen.* Er antwortet auf keine dieser Fragen, fängt nur noch kläglicher an zu heulen.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie bist Du an den Schlüssel herangekommen? Ist das überhaupt Deiner?

Der Blick des Sicherheitsbeamten fällt auf den Schulranzen.

SICHERHEITSBEAMTER
Gib mal her.

Der Junge hält den Schulranzen so fest, dass der Sicherheitsbeamte ihn ihm fast entreißen muss. Er wühlt in dem Schulranzen und findet schließlich die Monatmarke mit der Adresse des Jungen.

SICHERHEITSBEAMTER
Na bitte. – Jetzt werden wir erst einmal deine Eltern anrufen.

Der Junge sinkt weiter in sich zusammen. Der Sicherheitsbeamte wählt eine Nummer. Keiner hebt ab.

SICHERHEITSBEAMTER
Na, da scheint es ja so, als ob wir noch viel Zeit haben. Also nochmal: Was ist in dem Schließfach?

Der Junge fängt wieder doller an zu heulen, antwortet aber immer noch nicht.

5. INT. BAHNHOF SCHLIEßFACHANLAGE – 2 Stunden früher *

Der Junge, seinen Schulranzen halb auf dem Rücken, schlendert den Bahnhof entlang. Er schaut träumend auf dem Boden und entdeckt neben dem Mülleimer einen Schlüssel. Neugierig hebt er ihn auf und betrachtet ihn. Die Nummer 25 ist darauf gedruckt und es ist offensichtlich ein Schlüssel eines Schließfaches.

Er schaut zu den Schließfächern und geht immer noch etwas verträumt darauf zu. Er findet das Schließfach 25 und probiert den Schlüssel. Er funktioniert nicht. Die Anzeige zeigt an, dass noch 5 DM bezahlt werden müssen, bevor sich das Schließfach öffnet.

Der Junge das Schließfach mit den Händen zu öffnen. Dann hört er ein leises Winseln aus dem Inneren. Er hält inne und schaut durch die Schlitze. Im Inneren erkennt er die Schemen eines kleinen Hundes, der dort auf dem Boden liegt. Er springt auf und versucht nur noch heftiger an der Tür des Schließfaches zu rütteln. Sie bewegt sich nicht. Das Winseln wird etwas lauter, klingt aber immer noch sehr erschöpft.

JUNGE
(flüstert durch die Tür)
Halt aus, ich komme gleich wieder!

6. INT. BAHNHOFSHALLE – TAG

Er rennt in die Wartehalle und schaut sich um. Es ist früher Nachmittag, kein Mensch ist in der Halle.  Die alte verbitterte Frau betritt die Halle. Sie ist auf dem Weg in die U-Bahn. Als der Junge sie sieht stürzt er auf sie zu.

JUNGE
Können Sie mir mal 5 Mark geben, bitte!

Die Frau starrt ihn befremdet an.

ALTE FRAU
Na wo kommen wir denn da hin?

JUNGE
Bitte, es ist ganz wichtig!

ALTE FRAU
Und was ist bitteschön so wichtig?

Der Junge starrt auf die steinharte Miene der Frau, dann schnappt er sich blitzschnell ihre Handtasche und flitzt in Richtung Schließfächer.

Die alte Frau reagiert sofort.

ALTE FRAU
Hilfe! Hilfe! Der Bengel hat meine Handtasche gestohlen!

Der Sicherheitsbeamte, der in seinem Büro gesessen hat, springt auf und rennt nach draußen. Er checkt die Situation, sieht den Jungen noch grade um die Ecke flitzen und rennt ihm nach.

7. INT. BÜRO – TAG

Der Junge heult immer noch, während der Sicherheitsbeamte auf ihn einredet.

SICHERHEITSBEAMTER
Warum hast Du der Frau die Handtasche geklaut?

Die Tür öffnet sich und die alte Frau steckt den Kopf herein.

ALTE FRAU
Entschuldigung, dass ich störe, aber haben Sie schon mal das Schließfach geschaut, vielleicht finden Sie da noch mehr heiße Ware.

Der Sicherheitsbeamte ist zwar etwas ungehalten über die Einmischung, sieht aber mit einem Blick auf den Jungen, dass er bei ihm im Augenblick nichts weiter erreichen kann. Er nimmt den Jungen beim Schlafittchen und den Schlüssel vom Schreibtisch und geht aus dem Raum.

8. INT. BANK VOR DEM BÜRO – TAG

SICHERHEITSBEAMTER
Na dann wollen wir mal sehen.

Die alte Frau folgt ihm auf dem Fuße.

SICHERHEITSBEAMTER
Sie warten besser hier.

Die alte Frau schaut ihn enttäuscht an. Setzt sich aber wieder folgsam auf die Bank vor dem Büro. Unruhig knetet sie ihre Hände, sie hat offensichtlich genug vom Warten. Sie schaut sich um, ob sie sieht, dass der Sicherheitsbeamte wiederkommt. Niemand ist zu sehen. Nach einer Weile steht sie auf und geht zu dem Zeitungsstand nebenan.

9. INT. SCHLIEßFÄCHER – TAG

Der Sicherheitsbeamte hält den Jungen fest am Arm, während er mit der anderen Hand das Schließfach aufschließt.

Die Tür geht auf. Innendrin liegt der kleine Hund und hebt müde den Kopf. Dann realisiert er, dass die Tür wirklich offen ist, steht auf und kommt mit wedelndem Schwanz heraus.

Der Sicherheitsbeamte schaut den Hund wie perplex an. Er lässt sogar unbewusst den Jungen los.

SICHERHEITSBEAMTER
Ist das dein Hund?

10. INT. BÜRO – TAG

Der Hund schlabbert aus einer großen Schüssel Wasser. Der Sicherheitsbeamte und der Junge sitzen sich wieder gegenüber. Nur noch die roten Augen zeugen davon, dass der Junge vorhin so kläglich geheult hat. Er schaut auf den Hund.

JUNGE
Naja, und da musste ich ihn doch befreien.

Der Sicherheitsbeamte schaut zur Tür, vor der die alte Frau nun wieder mit griesgrämiger Mine wartet. Dann schaut er wieder auf den Jungen.

SICHERHEITSBEAMTER
Ich gebe, der Dame jetzt ihre Handtasche zurück. Du kannst dir in der Zwischenzeit eine Entschuldigung überlegen.

JUNGE
Bitte nicht.

Er hat offensichtlich Angst vor der Zickigkeit der alten Frau. Der Sicherheitsbeamte ignoriert ihn und geht zur Tür. Kurz bevor er die Tür öffnet lässt er noch ein Fünfmarkstück aus seiner eigenen Hosentasche in die Handtasche gleiten. Der Junge starrt auf seine Knie, dann fällt sein Blick auf den Hund. Er schaut ihn eine Weile an, erinnert sich an die Tüte mit den Brotstücken aus der Tasche der Frau. Ihm kommt eine Idee.

11. INT. VOR DEM BÜRO – TAG

Der Sicherheitsbeamte kommt mit der Tasche in der Hand aus der Tür. Die alte Frau steht auf. Der Sicherheitsbeamte hält ihr die Tasche hin.

SICHERHEITSBEAMTER
Hier haben Sie ihr Eigentum zurück.

ALTE FRAU
Und was ist ….

SICHERHEITSBEAMTER
Der Junge hat Ihnen noch etwas zu sagen.

Er dreht sich um und öffnet die Tür zu dem Büro, während die Frau misstrauisch in ihrer Tasche wühlt, ob wirklich noch alles da ist.

SICHERHEITSBEAMTER
Kommst du bitte?

Der Junge schleicht heraus. Er hat den Hund auf dem Arm. Die Frau schaut auf. Als ihr Blick auf den kleinen Hund fällt, lächelt sie. Es ist offensichtlich, dass sie kleine Hunde liebt. Sie verzieht ihre Mine wieder als der Junge anfängt zu sprechen.

JUNGE
Ehm, ich wollte … ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen, ehm …. dass ich  …. ehm …. ihre Tasche ….

Er hebt den Kopf und der Schalk ist in seinen Augen zu sehen.

JUNGE
Und zur Entschädigung wollte ich Ihnen ein kleines Geschenk geben, ich glaube, es ist bei Ihnen in den besten Händen.

Er kommt auf sie zu und drückt ihr den Hund in die Arme. Dann schaut er noch kurz den Sicherheitsbeamten an.

JUNGE
Tschuldigung.

Dann rennt er davon.

Die Frau und der Sicherheitsbeamte schauen dem Jungen nach. Die Frau schaut auf den Hund, streichelt seinen Kopf und lächelt.

ABBLENDE

ENDE