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Lilli begegnet den Ponies

Hier eine Geschichte, die für ein Bilderbuch für die ganz Kleinen (Zwei- bis Dreijährige) gedacht ist und eine Frage. Gibt es jemanden, der Lust hätte, zu der Geschichte Bilder zu malen (ich kann das leider aufgrund Talentlosigkeit nicht)? Ich würde sie mit der Geschichte veröffentlichen …

 

Lilli begegnet den Ponies

 

Mama und ihre große Schwester Susanne gehen mit Lilli zu den Ponys. Lilli liebt Ponys.

Susanne bindet ihr Pony Max zum Putzen an. Lilli läuft auf Max zu. Sie will ihn streicheln.

Max ist groß. Er senkt den Kopf und schnuppert. Dann schnaubt er.

Mit einem Satz springt Lilli zurück und klammert sich an Mamas Bein. Mama nimmt sie auf den Arm.

Lilli streichelt Max Nase. Max beginnt zu knabbern. Schnell zieht Lilli die Hand weg.

Susanne hat eine Idee. Sie nimmt Lilli und setzt sie auf Max Rücken. Jetzt ist Lilli groß.

Sie streichelt den warmen Hals, lehnt sich nach vorn und umarmt Max.

 

Warum nicht?

Hallo ihr Lieben! Hier eine Geschichte für Kindergartenkinder. Die kleine Julie fragt nicht nur ständig „Warum?“, sondern andauernd „Warum nicht?“ und das ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten …. Aber lest einfach selbst. Viel Spass!

 

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Warum nicht?

Julie ging mit Mama an der Hand vom Kindergarten nach Hause. Jeden Tag liefen sie denselben Weg. Die Sonne schien und versprach einen schönen Nachmittag. Das Grundstück vor ihnen trennte ein niedriger Zaun vom Gehweg. Dahinter im Garten lag ein kleiner privater Spielplatz. Er sah aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Eine rote Schaukel baumelte im Wind. Der kleine Sandkasten war mit einer Plane abgedeckt und die Tür eines Miniaturhäuschens hing windschief in den Angeln. Julie hatte schon immer auf diesen Spielplatz gewollt, aber immer war das Gartentor fest verschlossen gewesen. Doch an diesem Tag stand es weit offen.

Wie ein Wirbelwind spurtete sie den Weg entlang und bevor Mama es verhindern konnte, war sie durch das verrostete Gartentor in den Garten gehüpft.
„Julie! Das macht man doch nicht!“ Mama hechtete hinterher und blieb am Gartenzaun stehen. „Julie, komm sofort wieder zurück!“
Julie drehte sich mit unschuldiger Miene um und schaute Mama mit großen Augen an. „Warum nicht?“
Mama seufzte. „Komm bitte da raus. Die Leute wollen sicher nicht, dass du in ihrem Garten spielst.“
„Warum nicht?“, wiederholte Julie noch einmal.
Mama stöhnte. „Weil … weil sie vielleicht ihre Ruhe haben wollen?“
„Aber hier ist doch gar keiner da.“
Mama verdrehte die Augen. „Nein, schon, aber … aber der Garten gehört doch jemandem.“ Sie holte tief Luft und hub an zu erklären. „Schau mal, Julie, du willst doch auch nicht, dass jemand mit deinem Kuschelhasen spielt, wenn du im Kindergarten bist, oder? Obwohl du nicht da bist.“
Julie überlegte einen Augenblick, dann hellte sich ihre Miene auf. „Wir fragen einfach. Das machen wir im Kindergarten auch so.“
Und bevor Mama es verhindern konnte, war sie schon zur Tür gehüpft und hatte auf den Klingelknopf gedrückt. Mama hastete hinterher.

In diesem Moment öffnete eine ältere Dame und schaute Julie erstaunt an.
„Darf ich in deinem Garten spielen? Der ist so schön“, platzte Julie heraus. Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Blick älteren der Dame wanderte zu dem offenen Gartentor und dann wieder zurück zu dem Kind. Dann lächelte sie. „Oh, da habe ich wohl das Gartentor offen stehenlassen, aber du darfst. Es war lange mehr kein Kind in meinem Garten.“
Julie strahlte. „Danke!“ und flitzte zu der etwas rostigen Schaukel. Sie schwang sich darauf und schaukelte wild hin und her.
Mama warf der Dame einen entschuldigenden Blick zu, während diese zum Tor ging, um es zu schließen. „Es tut mir furchtbar leid, dass wir Sie gestört haben. Das wollte ich wirklich nicht, aber … aber ich war einfach nicht schnell genug.“
Die Dame lächelte. „Aber das macht doch nichts. Ich freue mich.“
Julie war inzwischen von der Schaukel gehüpft und rannte wieder auf die beiden zu. Neugierig schaute sie der alten Dame ins Gesicht. „Wie heißt du?“ fragte sie.
„Sie, es heißt Sie“, flüsterte ihre Mutter dazwischen.
„Ich heiße Margarete und du?“
„Julie. Buddelst du mit mir?“
Die Dame lächelte. „Nein, Kleine. Ich bin gerade am Backen, aber wenn du noch eine kleine Weile hier bist, dann bekommst du nachher ein Stück frischgebackenen Apfelkuchen.“
Julie strahlte sie an. „Fein, dann backe ich dir in der Zwischenzeit auch einen Sandkuchen und wir tauschen“, und – schwupps – war sie wieder verschwunden.
Mama wehrte ab. „Aber das ist wirklich nicht nötig.“
Margarete schaute sie verschmitzt an. „Warum nicht? Ich habe nicht so oft so lebhaften Besuch. Und wenn mir das offene Gartentor so einen liebreizenden Wirbelwind beschert hat, dann muss man das ausnutzen.“
Nun lächelte auch Mama und ergab sich ihrem Schicksal.

Wenig später saßen alle drei am Gartentisch, tranken Kaffee – oder in Julies Fall Kakao – und aßen Apfelkuchen.
„Du bist total nett“, nuschelte Julie mit vollem Mund.
„Julie, man spricht nicht mit vollem Mund“, ermahnte sie die Mutter.
„Warum nicht?“
„Weil man dich nicht verstehen kann.“
„Ach so.“ Julie schluckte runter. „Könnte aber auch daran liegen, dass du dir nicht die Ohren gewaschen hast, Mama.“
Margarete lachte.
Mama wurde rot. „Daran liegt es ganz bestimmt nicht.“
„So, man kann also mit ungewaschenen Ohren gut hören, aber mit vollem Mund nicht gut sprechen? Da hast du mir gestern Abend aber noch was ganz anderes erzählt!“
Ohne Kommentar aß Mama ihren Apfelkuchen weiter.
Margarete kicherte wie ein junges Mädchen.
Julie sah sie altklug an. „Ist doch unlogisch, oder findest du nicht?“
„Julie, man sagt „Sie“ zu Erwachsenen.“
„Warum?“
„Weil es höflicher ist.“
„Was heißt höflich?“
„Dass man denjenigen nett und freundlich und mit Respekt behandelt.“
„Was ist Respekt?“
„Respekt ist so etwas wie Achtung.“
„Achtung, das kenn ich. Achtung, Achtung eine Durchsage.“ Julie hielt ihre Hände an den Mund wie ein Trichter. „Der Zug nach Düsseldorf hat zehn Minuten Verspätung! Aber wir sind hier doch gar nicht auf dem Bahnhof.“
„Nein.“
Margarete mischte sich ein. „Julie, du bist ein wundervolles, kleines Mädchen und du bist genau so richtig wie du bist. Du bist sehr kostbar und wertvoll – wie ein kleiner Edelstein.“
Über Julies Gesicht ging die Sonne auf. „Das hast du schön gesagt.“
„Das ist Achtung.“
„Du hast aber gar nicht Sie zu mir gesagt.“
„Das ist auch gar nicht notwendig dafür.“
Julie drehte sich zu ihrer Mutter um. „Siehste! Alles Quatsch.“

Auf den Kaffeetassen sah man nur noch den Bodensatz und die Kuchenteller waren bis auf den letzten Krümel leergeputzt.
Julie saß wieder auf der Schaukel und winkte Mama und Margarete zu. „Huhu! Margarete!!! Willst du auch mal schaukeln?“
Margarete schüttelte lachend den Kopf.
Julie sprang mit einem Satz von der Schaukel und lief zum Tisch. Sie zupft Margarete am Ärmel. „Nun komm schon! Ich will, dass du auch mal schaukelst!“
„Ich möchte …“, korrigiert Mama.
Julie sieht sie erbost an. „Ich möchte gar nicht, ich will.“
„Das sagt man aber nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es nicht höflich ist.“
„Schon wieder dieses Wort. Ich dachte, das hätte was mit dem Bahnhof zu tun und nun sagst, man ist höflich, wenn man lügt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber ich sollte doch nicht die Wahrheit sagen. Ist das nicht dasselbe?“
Mama seufzte, wie schon so oft an diesem Nachmittag.

Margarete unterbrach das Gespräch, indem sie aufstand und mit Julie an der Hand zur Schaukel ging. „Ich werde es mal mit dem Schaukeln probieren, aber du musst mich ganz vorsichtig anstoßen, wie bei einem sehr kleinen Kind.“
„Warum?“
„Weil ich schon sehr alt bin und sehr lange nicht auf einer Schaukel gesessen habe.“ Margarete setzte sich auf die rote Schaukel und Julie schubste sie an.
„Warum eigentlich nicht? Die Schaukel steht doch die ganze Zeit bei dir im Garten!“
Margarete lachte. „Ich glaube, es liegt einfach daran, dass allein schaukeln viel weniger Spaß macht als zu zweit.“
Julie nickte. Das konnte sie verstehen. „Dann muss ich eben ganz oft wiederkommen, damit du das Schaukeln wieder lernst.“ Sie unterbrach sich für einen Moment und zog die Nase kraus. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher ein Kind in deinen Garten eingeladen, wenn du nicht gern alleine spielst?“
Unsicher klammerte sich Margarete an den Kettengliedern der Schaukel fest und überlegte. „Ich weißt nicht, ich bin einfach nicht auf den Gedanken gekommen, weil man so etwas im Allgemeinen eben nicht tut.“
Julie grinste. „Wer ist eigentlich dieser komische Mann, der immer allen Leuten die lustigen und spannenden Sachen verbietet?“
Margarete lachte. „Ich weiß auch nicht, aber weißt du, was ich weiß? Ich glaube, du hast Recht. Du solltest sehr bald wiederkommen. Das geht nicht, dass eine so alte Frau wie ich noch nicht einmal schaukeln kann.“
„Nein“, stimmte Julie zu. „Das geht wirklich nicht.“

Dreckspatz beim Kochen

Ich will jetzt keine Werbung machen, nur erklären, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist. Meine Kinder lieben ein bestimmtes Badesalz. Warum? Weil auf der Packung lustige Geschichten vom kleinen Dreckspatz zu finden sind, den Werbetextern sei Lob und Preis. Jedenfalls haben wir neulich selbst knallrotes Badesalz gemacht und natürlich musste es dazu auch eine Geschichte vom kleinen Dreckspatz geben und hier ist sie:

Mama steht in der Küche und kocht Spaghetti. Der kleine Dreckspatz kommt angerannt. „Ich will nicht in die Badewanne, ich will mithelfen!“ kräht er bestimmt und klettert auf die Arbeitsplatte. Mama schneidet die Nudelpackung auf und will die Nudeln ins Wasser tun. „Ich!“ schreit der Dreckspatz, schnappt sich ein paar von den Nudeln und läßt sie elegant in das blubbernde Wasser gleiten. Mama dirigiert seine Hand und gibt den Rest der Nudeln in den Topf. Dann öffnet sie die passierten Tomaten. „Ich!“ Mama gibt ihm die Packung und will seine Hand führen. „Alleine!“ sagt der Dreckspatz energisch. Mama läßt ihn gewähren. Mit einem Schwung zielt er in den kleineren Topf. Zu kurz. Die Sauce landet … auf seinen nackten Beinen. Mama lacht. „Nun mußt du wohl doch baden.“ „Ja, aber nur in Tomatensauce!“ erklärt der Dreckspatz voller Inbrunst.

Auf einem anderen Forum hatte ich bei dieser Geschichte Kommentare nach dem Motto: Unverantwortlich von der Mutter, das Kind so nah an die heißen Töpfe ranzulassen. Wie seht ihr das?

Der gefräßige Drache

Hier einen Guten-Nacht-Geschichte, die sich mein Sohn gewünscht hat …

Der gefräßige Drache

Max lag in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Er wusste selbst nicht woran es lag. Die Geisterfallen waren aufgestellt, er hatte keine Angst und die Milchflasche war längst ausgetrunken. Trotzdem lag er mit offenen Augen in der Dunkelheit und der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Leise richtete er sich auf und kletterte aus seinem Bett. Er wollte noch ein Schwert holen. Das Schwert fehlte noch in seinem Bett. Er ging zum Fenster, an dem der Korb mit den Spielzeugwaffen stand und suchte das Gummischwert heraus. Über Luises Hellebarde baumelte noch der Gürtel mit der Schwertschnalle. Ohne recht zu wissen, warum, nahm er ihn und band ihn um den Bauch. Dann steckte er das Schwert hinein. Ein Wiehern erklang in der Stille. Max hielt inne und lauschte. Was hatte da gewiehert? Hier stand doch kein Pferd auf dem Flur oder im Kinderzimmer. Max sah sich um. Im Kinderzimmer stand tatsächlich ein Pferd, Max Schaukelpferd nämlich und es wieherte noch einmal laut und vernehmlich. Max grinste. Das war also der Grund, warum er nicht schlafen konnte. Es gab in dieser Nacht noch etwas zu tun. Schnell nahm er noch seinen Spielzeugschild aus dem Korb, hob den Ritterhelm, der achtlos auf dem Boden gelegen hatte, auf und schwang sich auf das Schaukelpferd. Das Pferdchen bäumte sich auf und los ging’s!

Max wusste nicht, was diesmal auf ihn zukommen würde, aber er wusste, dass es wichtig war, wenn sein Pferdchen wieherte. Sie ritten durch ein kleines Wäldchen auf einen See zu. Am Ufer des Sees war ein hoch aufragender Kirchturm zu sehen, der offensichtlich von einem kleinen Dorf umgeben war. Grauer Rauch stieg von einem der Häuser auf und lautes Geschrei war zu hören. Max gab seinem Pferdchen die Sporen und galoppierte in Richtung Dorf.

„Oh, oh, oh“, jammerte ein Mann. Er war in einen dunkelgrünen Gugel und einen braunen Kittel gekleidet, hatte schütteres, graues Haar und einen grauen Spitzbart und Stadt vor einem ausgebrannten Haus. Max hielt sein Pferd an und sprang ab. „Was ist denn passiert, mein Herr?“ fragte er höflich. Der Mann stellte sein Wehklagen ein und drehte sich um. „Mein schönes Haus, oh Herr Ritter, und meine Tochter. Oh mein schönes Haus!“ Max sah ihn verständnislos an. „Der Drache! Ein wütender, gefräßiger, rotschuppiger, dreiköpfiger Drache war hier und hat mein Haus angezündet und meine Tochter als Frühstück mitgenommen.“ „Das ist wirklich nicht nett.“ Max war ehrlich entrüstet. „Nein, oh nein, ach mein schönes Haus!“ „War Eure Tochter denn nicht schön?“ „Was? Nein, ach natürlich vermisse ich sie auch. Sie war, sie war, wie war sie eigentlich?“ Verwirrt wandte sich der Mann ab und begann in der Ruine seines Hauses nach Wertgegenständen zu suchen. Nach und nach klaubte er Goldmünzen, goldene Becher und Teller aus den Trümmern. Max beobachtete ihn. „Soll ich sie nicht retten?“ fragte er. „Wen?“ „Eure Tochter.“ „Ach so. Ehm, ja, ja tut das. Das Aufräumen hier mache ich sowieso lieber allein.“ Liebevoll streichelte er einen Becher, den er gerade in der Hand hielt. Max stand da und sah den Mann erwartungsvoll nach weiteren Informationen an. „Ach so, ja, er ist in diese Richtung geflogen, der Drache. Sicherlich findet ihr ihn. Und wenn er Rosalinde inzwischen gefressen haben sollte, macht euch keinen Kopf. So wichtig war es nicht. Macht euch keine Gedanken.“ Schusselig wandte er sich wieder seiner Suche zu und überließ Max seinem Schicksal. Dieser schüttelte verständnislos den Kopf. Was war das nur für ein Vater, dem sein eigenes Kind nicht wichtig war? Gedankenverloren bestieg er seinen Apfelschimmel und ritt in die angegebene Richtung davon.

Tatsächlich fand er den Drachen einige Stunden später auf einer Lichtung liegend. Mutig zog er sein Schwert und forderte ihn zum Kampf. „Los, du Riesenvieh! Gib die Jungfrau Rosalinde heraus oder es soll dir schlecht bekommen!“ Träge öffnete der Drache ein Auge seines linken Kopfes und rülpste laut. Eine kleine lila Stickflamme schoss aus seiner Nase und versengte Max die Schuhspitzen. „Nö.“ Max fuchtelte mit seinem Schwert. „Los jetzt, ein bisschen dalli oder es knallt.“ Der Drache klappte das Auge wieder zu. „Nö.“ Damit ignorierte er den kleinen Ritter. „Oder hast du sie schon gefressen?“ fragte Max angstvoll. „Nö“, sagte diesmal der mittlere Kopf des Drachen. Jetzt wurde Max aber böse. „Kannst du eigentlich auch was anderes sagen?“ schimpfte er. „Nö“, antwortete nun wieder der linke Kopf und rülpste zum zweiten Mal. Diesmal war Max schon auf die kleine Stichflamme gefasst und trat einen Schritt zurück, bevor sie seine Schuhspitze erreichte. Entschlossen hob er sein Schwert und begann auf den Drachen einzuschlagen. Den kümmerte das nicht die Bohne. Max merkte, dass sein Schwert dem dicken Schuppenpanzer nichts anhaben konnte und änderte seine Taktik. Er pikste mit dem Schwert zwischen den Schuppen des Drachen in die Haut – mit durchschlagendem Erfolg. Der Drache kiekste und giggelte, fuhr in die Höhe und warf sich von einer Seite auf die andere. Max musste aufpassen, um nicht unter dem schweren Drachenleib begraben zu werden. Schließlich lachte, japste und kicherte der Drache mit allen drei Mäulern. Kleine blaue und rote Wölkchen pufften aus seinen Ohren und seine Hautfarbe hatte sich von blutrot auf hellrosa verfärbt. „Aufhören, aufhören!“ hechelte er. „Ich kann nicht mehr. Bitte aufhören!“ Max hielt inne. „Ach, du kannst ja doch reden“, bemerkte er kühl. „Jaja, aber nur mit dem rechten Kopf“, rechtfertigte sich der Drache. „Das reicht ja. Jetzt sag mir, wo das Mädchen ist, oder …“ Max hob drohend sein Schwert. „Jaja schon gut. Bloß nicht wieder kitzeln. Das war ja fürchterlich!“ Noch einmal pikste im Max kräftig in die Seite. „Also los.“ „Naja, ich hatte sie grad ein bisschen angeknabbert …“„Du hast was?“ Der Drache rollte mit den Augen. “Ich war gerade dabei, herzhaft zuzubeißen, als sie fürchterlich zu weinen anfing. Sie hat überhaupt nicht mehr aufgehört und ich dachte, das ist wegen der Fresserei. Alle heulen, wenn sie denken, gleich gefressen zu werden. Das bin ich ja gewöhnt. Also hielt ich inne und fragte: ‚Hast du Angst, gefressen zu werden?‘ Aber nee, sie antwortete: ‚Ja, friss mich ruhig. Mir ist es ganz recht. Ich bin sowieso nichts wert. Mein Vater liebt nur sein Geld und da man mich nicht verkaufen kann, bin ich ihm egal. Ich habe keinen Wert. Los, beiß schon zu.‘ Ich war völlig verdutzt. So was war mir noch nie passiert. Normalerweise ärgere ich die Mädchen nur etwas, indem ich so tue, als ob ich sie fressen wolle, damit sie auch schön folgsam sind, wenn sie mir dann den Haushalt führen sollen, aber das? Die wollte tatsächlich gefressen werden? Ich versteh es selbst nicht, aber ich tat etwas, was ich wirklich noch nie getan habe. Ich tröstete sie. ‚Dein Vater ist ein Idiot‘, sagte ich. ‚So ein schönes Mädchen kann man doch nur liebhaben.‘ Und ich versprach ihr, sie zu beschützen und ihr zu helfen und nun schläft sie oben in meiner Höhle.“ Max steckte sein Schwert wieder in die Scheide und reichte dem Drachen die Hand. „Dann sind wir jetzt zwei, die ihr helfen wollen. Der Drache schlug mit seiner Tatze ein.

Lange saßen sei auf der Lichtung im Sonnenschein und überlegten, wie sie dem geizigen Vater eine Lehre erteilen konnten, doch es fiel ihnen nichts Gescheites ein. Auf einmal hörten sie leise Schritte. Das Mädchen war aufgewacht und zu ihnen auf die Wiese gekommen. Sie war höchstens 12 Jahre alt und trug einen alten, abgewetzten Kittel aus grauem leinenestoff. Im Gegensatz zu ihrer schäbigen Kleidung waren ihre langen, blonden Haare sorgfältig gekämmt und fielen wie flüssiges Gold über ihren Rücken. Ohne ein Anzeichen von Überraschung setzte sie sich zu Max und dem Drachen ins Gras. Den letzten Teil der Unterhaltung hatte sie offensichtlich mitangehört, denn sie sagte: „Mein Vater interessiert nichts als sein Geld. Menschen sind für ihn nicht wertvoll und er wird es auch nicht lernen, egal, was ihr tut.“ Max protestierte: „Das glaube ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass du deinem Vater wirklich gleichgültig bist.“ „Ich aber.“ „Lass es uns ausprobieren“, schlug Max vor und erzählte, was er sich ausgedacht hatte.

Einige Stunden später kam er verschwitzt und erschöpft von dem schnellen Ritt wieder bei der verkohlten Ruine an. Der Mann hatte inzwischen alle Wertgegenstände gerettet und war dabei, die Trümmer wegzuräumen. „Herr! Herr!“ rief Max. Der Mann drehte sie um. „Herr, leider konnte ich nichts mehr für Eure Tochter tun. Ich bin zu spät gekommen. Es tut mir sehr leid.“ Max machte ein betrübtes Gesicht. Der Mann schüttelte zerstreut den Kopf. „Sehr bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich. Nun trotzdem vielen Dank für Eure Mühe und guten Tag.“ Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und beachtete Max nicht weiter. „Nur noch eins“, sagte Max. „Eure Tochter hat dem Drachen berichtet, dass Ihr einen großen Schatz hortet. Möglicherweise kommt er wieder.“ „Was?“ Der Mann fuhr erschrocken in die Höhe. Eine fieberhafte Betriebsamkeit ergriff ihn. „Dann, dann, dann …“ Er kam zu Max und packte ihn am Bein. „Ihr müsst mir helfen, das Gold zu vergraben.“ Max schaute ihn kühl von oben herab an. „Was gebt ihr mir dafür?“ „Alles, alles, was ihr wollt … ehm … außer Geld natürlich.“ Max nahm die Hand des Mannes von seinem Knie und stieg ab. „Gut. Ich helfe Euch und Ihr versprecht mir, dem nächsten Menschen, der Euch begegnet, die Füße zu küssen und für Euren Geiz um Verzeihung zu bitten.“ Der Mann hatte Max bereits den Rücken gekehrt und suchte in den Trümmern nach einer Schaufel. „Gut, gut“, antwortete er zerstreut. Er hatte gar nicht mehr richtig zugehört. Gemeinsam vergruben sie den Schatz unter einem knorrigen Apfelbaum.

Als dies geschehen war, trat Rosalinde hinter dem Baum hervor, wo sie sich versteckt gehalten hatte. Entgeistert sah ihr Vater sie an. „Ich dachte, ich meinte … bist du nicht vom Drachen gefressen worden?“ fragte er taktlos. Rosalinde biss sich auf die Lippen. „Freust du dich, dass es nicht so ist?“ fragte sie zaghaft. Ihr Vater machte den Mund auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Max stieß ihn in die Rippen. „Los, entschuldige dich! Sag, dass sie dir wichtiger ist als dein Gold!“ Bockig stampfte der Mann mit dem Fuß auf. „Nein“, kreischte er. „Nein, nein, nein. Dies ist überhaupt nicht meine Tochter. Ein Bastard meiner Frau mit ihrem Liebhaber, das ist sie. Ich will und kann sie nicht länger durchfüttern!“ Rosalinde war bei diesen Worten wie zu Eis erstarrt, doch Max sagte kühl: „Wie ihr wollt“ Dann rief er laut in den Himmel: „Heija, hei, hei!“ Am Himmel erschien die gigantische Silhouette des Drachen. Er landete und packte den Mann mit seinem Krallen. „Hilfe! Hilfe!“ Der Mann quiekte und quietschte in allen Tonlagen. „So helft mir doch!“ Doch Max kümmerte sich nicht um ihn. Zu Rosalinde sagte er: „Unter dem Apfelbaum ist das Gold deines Stiefvaters vergraben. Es gehört dir.“ „Was?“ japste dieser dazwischen. Rosalinde sah Max lächelnd an. „Danke. Danke für alles.“ Sie umarmte ihn und er wurde ein ganz kleines bisschen rot. Schnell löste er sich aus der Umarmung und sah den Drachen an. „Wir machen alles wie besprochen. Der Kerl da im Tausch für Rosalinde.“ Dieser bleckte seine spitzen Zähne und grinste. Bunte Rauchwölkchen quollen aus allen sechs Ohren. „Ich werde meinen Spaß haben“, feixte er. Dann packte er den Mann fester, der immer noch zappelte und schrie, und schwang sich in die Luft. „Hilfe, ich will nicht gefressen werden, Hilfe, Hilfe!“, heulte der Mann. „Ich schmecke überhaupt nicht. Ich bin ganz zäh. Hilfe!“ „Ach halt die Klappe“, sagte der Drache. „Du sollst doch nur für mich den Haushalt führen und abwaschen, wie die anderen Mädchen vor dir.“ „Abwaschen?“ krächzte der Mann und danach war er tatsächlich still.

Max aber wurde plötzlich sehr sehr müde. Er hievte sich auf sein Pferchen, winkte Rosalinde zum Abschied noch einmal zu und trabte von dannen. Zu Hause angekommen, kletterte er samt Gürtel und Schwert in sein Bett und schlief sofort ein. Sein roter Spielzeugdrache mit den drei Köpfen saß im Regal und bewachte seinen Schlaf.

Oskar

Hier nach einiger Zeit wieder eine neue Kindergeschichte. Diesmal war es eine Aufgabe aus dem Schreibkurs, den ich gerade mache. Das vernichtende Urteil meiner Tochter lautete schon „langweilig“, aber meinem Sohn hat es gefallen. Da wir als Aufhänger ein Bild von einem Mädchen mit einem Hund auf einem Feldweg bekommen haben, kommen in der Geschichte keine Feen, Elfen, Drachen und Märchenprinzen vor und das war wohl nichts für meine Tochter. Es spielt in der schnöden Realität. Ich poste es hier trotzdem mal und bin gespannt, ob ihr es ebenso „langweilig“ findet ;).

Oskar

Sophia, ein schmales, blondes Mädchen von neun Jahren, schlug die Augen auf. Die Vögel zwitscherten und vor ihrem Fenster blühten die Kirschzweige. Überall standen Kisten herum, die Mama und Papa noch nicht ausgepackt hatten, aber das störte Sophia nicht. Sie liebte ihr neues Zuhause! Aus der Küche hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Sophia! Sophia! Steh auf, Schlafmütze! Steh auf und komm runter!“ Sophia hüpfte aus dem Bett. Schnell zog sie sich an und lief die Treppe hinunter.

In freudiger Erwartung betrat sie die Küche. Der Tisch war festlich gedeckt und Blumen standen darauf. „Wau, wau!“ kam es von unter dem Küchentisch. Sophia blieb stehen. „Was war das?“ fragte sie vorsichtig. Mama lächelte geheimnisvoll. Sie gab den Blick auf einen Schäferhund-Labrador-Mix frei, der unter dem Tisch lag und freundlich mit dem Schwanz wedelte. Sophia schluckte. Der Hund stand auf und stupste sie erwartungsvoll mit der Schnauze. „Na?“ fragte Papa erwartungsvoll. Sophia stand wie angewurzelt. „Du hast dir doch schon immer einen Hund gewünscht und nun wo wir einen großen Garten haben …“ Papa verstummte. Mama kam hinzu. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Maus!“ sagte sie. Sophia knetete nachdenklich ihre Unterlippe. „Mama, Papa … könnten wir nicht, ich meine, wo habt ihr den Hund denn her?“ fragte sie. „Aus dem Tierheim“ antwortete Papa. „War es da nicht viel schöner?“ legte Sophia nach. Papa lachte. „Wie kommst du denn darauf?“ Sophia zögerte. „Naja, weil … ich mag lieber doch keinen Hund.“ Mama fiel aus allen Wolken. „Aber warum?“

Sicher hätten Mama und Papa Sophia besser verstanden, wenn sie gewusst hätten, was zwei Tage zuvor geschehen war:
An diesem Tag war sie zum ersten Mal allein zur Schule gegangen. Früher, als sie noch in einer kleinen Wohnung in der Stadt gewohnt hatten, war sie den Weg immer mit zwei Freundinnen gegangen. Hier hatte sie noch keine Freunde und so ging sie allein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam ihr eine ältere Frau mit einem großen Rottweiler an der Leine entgegen. Ehe Sophia begriff, was geschehen war, hatte sich der Rottweiler von der Leine losgerissen und war mit wütendem Gebell über die Straße gestürmt. Instinktiv hielt Sophia ihre Schulmappe zwischen sich und den Hund, so dass seine scharfen Zähne nur in die Mappe schnappten. Die Besitzerin des Hundes kam über die Straße gerannt und versuchte, die wild fliegende Leine zu fangen. Schließlich gelang es ihr. Sie riss den Hund zurück und begann mit ihm zu schimpfen. Sophia zitterte am ganzen Körper. Sie sagte kein Wort und ging auch nicht zu der Frau hin, um sich zu beschweren. Sie wollte nur noch eins: fort. Nie, nie wieder wollte sie diesem Hund zu nahe kommen! Wie im Traum setzte sie ihre Schulmappe auf und lief schnell und immer schneller in Richtung Schule davon. Die Frau rief eine Entschuldigung hinter ihr her. Sophia hörte sie nicht mehr.

Einige Wochen später stand Sophia in der Küche und öffnete mit verhaltener Begeisterung eine Hundefutterdose. Papa beobachtete die Prozedur aufmerksam. „Willst du ihm nicht bald einen Namen geben?“ fragte er. Sophia schüttelte den Kopf. Sie stellte dem Labrador sein Fressen hin. „Wau!“ freute sich dieser und wedelt mit dem Schwanz. Dann begann er gierig zu schlingen. „Willst du ihn heute ausführen?“ fragte Papa beiläufig.  Sophia blickte auf. „Allein?“ Papa nickte. Sophia überlegte. Seit ihrem Geburtstag hatte Papa darauf bestanden, mit ihr zusammen Gassi zu gehen. Sie wusste, dass sie der Labrador mochte und ihr gehorchen würde. Dennoch … würde sie es schaffen?

Kurze Zeit später führte Sophia den Hund an der Leine einen Feldweg entlang. Es war ein wundervoller Frühlingstag. Die Sonne schien, unter den noch kahlen Bäumen blühten die Veilchen und die Birken zeigten ihr erstes Grün. Kurz vor dem Wäldchen ließ Sophia den Hund von der Leine. Sofort lief er mit der Nase am Boden ins Unterholz. Entspannt schlenderte Sophia weiter und genoss die frische Luft. Der Weg stieg sanft an.
Plötzlich sah sie auf der Kuppe des Hügels etwas, was sie erstarren ließ. Gegen die Sonne erkannte sie die Silhouette des Rottweilers. Allein. Ohne Leine. Ohne zu überlegen drehte sich Sophia um und floh den Weg zurück. Kurze Zeit später hört sie das Hecheln des Hundes hinter sich. Durch ihre Flucht hat sie nur seinen Jagdtrieb geweckt. Sie rannte, so schnell sie konnte. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie schluchzte und rannte schneller. Plötzlich schoss etwas wie ein Kugelblitz aus dem Unterholz und stellte sich mit gefährlichem Knurren zwischen sie und den Rottweiler. Wie ein Donnerrollen hörte sich die Warnung an. „Das ist MEIN Frauchen und wehe, du tust ihr etwas!“ schien es zu sagen. Sophia blieb keuchend in einiger Entfernung stehen. Sie zitterte wieder. Die beiden Hunde fixierten sich mit gesträubten Nackenhaaren und nach oben gezogenen Lefzen. Grrrrrrrrrrr. Rrrrrr. Rrrrrrrrrr. Doch dann senkte der Rottweiler den Kopf, zog den Schwanz ein und schlich den Weg zurück über den Hügel, auf dessen Kuppe jetzt die Besitzerin auftauchte.
Der Labrador leckte Sophias Hand. Sophia kniete sich nieder und umarmte ihren Hund. Ganz fest drückte sie ihn. „Weißt du was?“ flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ich nenn dich Oskar. Und ich werd nie wieder vor einem Hund Angst haben, wenn du dabei bist. Auch vor diesem Miststück nicht!“

Max und die Geister

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Max. Nachts, wenn es dunkel war, hatte er Angst vor Geistern und Gespenstern. Jeden Abend musste seine Mama das Fenster öffnen und sie hinausjagen, sonst konnte er nicht einschlafen. Aber wie alle Erwachsenen glaubte auch seine Mama nicht so recht an Gespenster und hatte eines Tages keine Lust mehr, ihm diesen Gefallen zu tun. Ihr müsst wissen, dass Erwachsene im Gegensatz nämlich verlernt haben, Geister und Fabelwesen zu sehen und zu erkennen. Sie sagte Max, er sei nun alt genug, um ohne diesen Hokuspokus einzuschlafen.

In dieser und den darauffolgenden Nächten heulte Max laut und lange, wenn ein Gespenst ihn mit seinem spinnenwebartigen Gewand gestreift oder mit seinem frostigen Atem angehaucht hatte. Die Mutter schimpfte nur, er solle ruhig sein, um seine Geschwister nicht aufzuwecken. Max wusste, dass sie ihn nicht verstehen würde. Da sie unfähig war, die Geister zu sehen, hielt sie die grausigen Schatten, die unten in der Kuschelhöhle lauerten doch tatsächlich für harmlose Kissen!

Und so kam es schließlich, dass eines Nachts mehrere Gespenster über Max Bett hinüberschwebten, fürchterlich heulten und ihn mit ihren Gewändern wachkitzelten. Max setzte sich senkrecht im Bett auf und schaute sich panisch um. Doch von den Gespenstern war nichts mehr zu sehen. Unten in der Kuschelhöhle hörte er ein vielstimmiges Kichern.

Vorsichtig und am ganzen Körper zitternd spähte er über den Rand seines Bettes, als hinter ihm eine etwas heisere, aber warm klingende Stimme ertönte. „Fürchtest du dich vor den Gespenstern?“ Max fuhr herum und starrte mit großen Augen auf das kleine Regal hinter sich. Es war vollgestopft mit seinen Kuscheltieren, die er dort zu Bett gebracht hatte: zwei kleine Bären, einen Esel und Jolly, ein Leopard, der schon seiner Mutter gehört hatte. Der Leopard war nicht nur ein Kuscheltier, sondern auch eine Handpuppe und wenn die Mutter ihn mit der Hand bewegte, sah er fast so aus, als sei er lebendig.

Obenauf lag sein Holzschwert. Wer hatte gesprochen? Ganz sachte streckte er den Arm aus und umfasste fest den Griff seines Schwertes. Nun fühlte er sich schon etwas sicherer. Die Stimme lachte leise. Max schaute genauer hin. Jolly, der Leopard, hob leicht seinen Kopf und zwinkerte ihm mit seinen schwarzen Knopfaugen schelmisch zu. „Vor den Gespenstern musst du keine Angst haben. Soll ich dir verraten, wie man sie vertreibt?“

Max traute seinen Augen nicht. „Du, du bist lebendig?“ stotterte er. Jolly lachte wieder. „Natürlich, alle Spielzeuge und Kuscheltiere können des Nachts lebendig werden, nur meist lassen sie das ihre Kinder nicht wissen.“ Wieder zwinkerte er Max zu. „Was gedenkst du jetzt gegen die Plagegeister zu tun?“ Er nickte in Richtung Kuschelhöhle, aus der bösartiges Zischeln zu hören war. Max zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Augen zumachen und hoffen, dass sie von allein fortgehen?“ „Das würde ich nicht tun“, sagte der Leopard ernst. „Damit lädst du sie direkt in deine Träume ein. Nein.“ Der Leopard rutschte nun ganz dicht an Max heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Warte, bis eines der Gespenster hierherkommt und wieder versucht, dich zu erschrecken. Dann schaust du ihm direkt in die Augen, streckst du ihm die Zunge heraus und lachst es aus. Du musst nicht laut lachen. Das wichtigste ist, dass du richtig frech bist und keine Angst hast. Willst du es mal probieren?“ Max nickte langsam. „Gut, dann leg dich ins Bett und tue so, als ob du schläfst. Sobald du ein Gespenst in deiner Nähe spüren kannst, tue, was ich gesagt habe.“

Max legte sich hin und zog die Bettdecke ganz über den Kopf. Dann versuchte er, ruhig und gleichmäßig zu atmen, aber es gelang ihm nicht ganz. Kurze Zeit später spürte er die bekannte Kälte über sich und fühlte, wie ein leiser Hauch seinen Fuß streifte, der nicht ganz unter der Decke versteckt war. Ein sirrendes Geräusch war zu vernehmen.

Max kreuzte die Finger, setzte sich kerzengrade auf und schaute fest auf den bleichen Schatten mit der grausigen Fratze. Dann holte er tief Luft und schnitt die frechste Grimasse, die ihm in den Sinn kam. „Angsthase, Pfeffernase …“ Er streckt die Zunge weit heraus und grinste das unförmige, durchsichtige Etwas an. Zu seinem Erstaunen begann das Gespenst, kleiner zu werden. „Weiter“, flüsterte Jolly hinter ihm. Max lachte nun richtig und schnitt weiterhin Grimassen.

Je kleiner das Gespenst wurde, desto weniger Angst hatte er. Kurze Zeit später war das Gespenst zu einem winzigen Ball zusammengeschrumpft und löste sich mit einem leisen „Plopp“ in Luft auf.

Max atmete auf. Jolly klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Gut gemacht.“ Er schielte zur Kuschelhöhle, aus der nun ein ängstliches Wimmern zu hören war. „Weißt du, jedes Wesen hat einen schwachen Punkt, an dem es verletzlich ist.“ Max lächelte Jolly warm an. „Danke, dass du mir geholfen hast.“ Der Leopard winkte ab. „Ach, keine Ursache. Aber, wenn du wieder mal nicht schlafen kannst, weil du Sorgen hast. Ich helfe gerne.“ Max schüttelte Jollys Pranke. „Danke“, sagte er noch einmal. „Ich rede und spiele auch so gern mit dir.“

Jolly richtete sich auf und deutete in Richtung Kuschelhöhle. „Schau mal.“ Ein weiteres Gespenst hatte sich aus dem Schatten gelöst und kam auf Max und Jolly zugeschwebt. Es zitterte am ganzen Leib und blieb in gehörigem Abstand in der Luft stehen. Es schluckte und sprach: „Wir haben gesehen, dass du unser Geheimnis kennst. Gelächter ist unser Tod. Wir werden fortgehen und dich nie wieder belästigen. Dafür bitten wir dich, unser Geheimnis nicht zu verraten.“ Max schaute das Gespenst nachdenklich an und lächelte. „Das kann ich nun wirklich nicht versprechen.“

Am nächsten Morgen weihte er seine Geschwister Laura und Paul in das Geheimnis der Gespenster ein, damit auch sie wussten, was zu tun sei, sollte sich je wieder ein Gespenst in ihr Kinderzimmer verirren. Nur von seiner Freundschaft mit Jolly erzählte er nicht. Dies blieb sein Geheimnis.

ENDE

 

Ausflug mit der Klapprakete

Es hat leider eine Weile gedauert, bis ich wieder Zeit hatte, etwas zu posten. Unser Au-pair aus Ecuador ist vor drei Tagen angekommen und nun muss ich ihr erst einmal alles zeigen ectpp. Aber jetzt ist es geschafft, hier eine neue Guten-Nacht-Geschichte für meinen kleinen Sohn:

Ausflug mit der Klapprakete

Paul war gerade am Einschlafen, als er ein werkwürdiges Surren über sich hörte. Er setzte sich auf. Was war das? Auf der Holzumrandung seines Bettes saß etwas, was wie ein übergroßer, blauleuchtender Maikäufer aussah. Neugierig betrachtete Paul das Ding.

Plötzlich klappte es mit einem leisen Plopp zu beiden Seiten auf und heraus stieg ein kleines Wesen mit riesigen Füßen und Haaren in eben der gleichen blauen Farbe wie das Ding, aus dem es geklettert war.

Es hatte eine kleine Stubsnase, lustig funkelnde grüne Augen und war über und über mit sonnenblumengelben Sommersprossen bedeckt. Seine Kleidung war ebenso bunt wie sein Körper. Es trug lila Latzhosen mit rosa Punkten, ein rot-grün kariertes Hemd und schneeweiße Handschule. Die übergroßen Füße steckten in orangefarbenen spitz zulaufenden Schuhen. Alles in allem konnte man den Eindruck bekommen, das kleine Geschöpf wäre in einen Farbtopf gefallen. Es war nicht so leicht zu sagen, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelte.

“Hallo Paul!” sagte es mit kecker Stimme. Paul runzelte die Stirn. “Woher weißt du, wer ich bin?” Das Wesen grinste. “Verrat ich nicht. Ich bin Iolo und komme vom Planeten Lolilalilu und das ist meine Klapprakete Lilaluloli.” Paul sperrte Mund und Augen auf. Antworten konnte er zunächst nicht mehr. “Na, dir scheint’s ja gründlich die Sprache verschlagen zu haben. Ich hab gehört, du liebst Raumschiffe und wollte dich auf einen kleinen Rundflug einladen.” “Ja”, konnte Paul grad noch rausbringen. “Prima, na dann steig ein.” “Wie denn?” Paul sah ratlos auf das ungefähr faustgroße Raumschiff. Iolo lachte. “Ganz einfach. Steck deinen Finger oder den großen Zeh oder was reinpasst in die Öffnung und schon bist du drin.

Vorsichtig steckte Paul seinen Zeigefinger in das Raumschiff, nicht sicher, ob es nicht lediglich zuklappen und ihm den Finger einklemmen würde. Doch es gab ein schmatzendes und saugendes Geräusch und schon fiel er auf den metallenen Fußboden vor einen Sessel. Iolo landete elegant in dem Sessel neben ihm. “Au. Ich hab mich gestoßen”, jammerte Paul. Iolo grinste. “Na die Landung musst du wohl noch etwas üben.”

Paul rappelte sich hoch und krabbelte auf den Sitz hinter ihm. Fasziniert beobachtet er, wie Iolo die Knöpfe am Schaltpult bediente. Das Raumschiff klappte mit einem kleinen Plopp zusammen. Dann surrte der Motor auf und das Raumschiff hob ab und flog in Richtung Fenster.

“Halt!” schrie Paul. “Wie kommen wir durchs Fenster?  Das ist doch zu!” “Kein Problem”, winkte Iolo ab. “Ich mach einfach den Scheibenwischer an und der wischt die Scheibe einfach weg.” “Ach so.” “”Willst du das machen?” Paul nickte.

Iolo zeigte auf einen lila-orangefarbenen Knopf und Paul bemerkte erst jetzt, dass das Raumschiff im Inneren so knallbunt war wie sein Kapitän. Jeder der Knopfe am Pult hatte eine andere Farbe und das Steuerruder leuchtete in dem schönsten Grasgrün, dass Paul fast die Augen davon wehtaten.

Er drückte auf den Scheibenwischerknopf und schon bewegten sich Vorhang und Fensterscheibe lautlos zur Seite und ließen das Raumschiff passieren, um sich hinter ihm wieder ebenso geräuschlos an ihren Platz zu bewegen. Paul staunte.

“Das ist also eine Klapprakete?” “Ja. Die erste und einzige ihrer Art. Ich habe sie selbst ausgebrütet.” Paul nahm diese Merkwürdigkeit inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit hin. Hier schien sowieso alles anders zu sein als zu Hause.

Fasziniert beobachtete er die Häuser und Bäume der Althoffstr. von oben. unten auf der Straße entdeckte er die Nachbarin mit dem kleinen, schwarzen Hund. Sonst war niemand zu sehen.

“Wo soll’s denn hingehen?” Iolo sah ihn erwartungsvoll an. Paul überlegte nicht lange. Ich möchte zum Bundestag fliegen. Ich will einmal die Koppel umkreisen und einmal durch den Luftschacht und zurück.” “Na dann machen wir das.” Iolo nahm das Steuerruder in die Hand und lenkte die Rakete in Richtung Nordosten.

Eine Weile folgen sie über die nächtliche Stadt und Paul bewunderte die tausend und abertausend Lichter unter ihnen die von unzähligen Straßenlaternen, Ampeln, Autos und Leuchtreklamen zu ihnen hinaufstrahlten, bis sich Iolo schließlich zu ihm umdrehte. “Willst du auch mal steuern?” Paul nickte.

Sie tauschten die Plätze und Paul ergriff das grasgrüne Steuerruder. Es fühlte sich warm und behaglich an. Iolo nickte. “Ja, sie mag dich. Sie wird dir gehorchen.” Paul musste lachen. “Halt einfach erst einmal auf den Fernsehturm zu.” Paul folgte und hielt das Steuerruder in die angegebene Richtung. Er fühlte sich großartig. Er steuerte ein Raumschiff und es reagierte auf die kleinste Bewegung von ihm. Jetzt war er der Kapitän.

Lässig hielt er das Steuerruder in einer Hand, als plötzlich etwas großes weißes angeflogen kam und von links gegen die Windschutzscheibe prallte. Eine Taube, die offensichtlich nicht wusste, dass man als Vogel nicht im Dunkeln nichts sieht, war mit der Klapprakete zusammengestoßen. Die Rakete geriet ins Trudeln, klappte währenddessen die Flügel auf und raste in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Straße.

“Hilfe! Wir stürzen ab!” Paul klammerte sich blindlings am Steuerrad fest.

Iolo versuchte das Kontrollbord zu erreichen, doch die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn aus der Rakete und er landete unsanft oben auf dem Dach einer Imbissbude.

Die Laluleli… pardon Lilaluloli war indes mit den Flügeln an einer Ampel hängengeblieben und baumelte nun kopfüber hoch oben neben ein paar alten Turnschuhen, die ein Scherzbold hier hinaufgeworfen hatte.

“Warte”, rief Iolo,” ich rette dich.”

Doch schnell musste er sich ducken, als eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen vorbeischlenderte. Sie zeigten auf das merkwürdige Objekt nach oben und gackerten. Einige zogen sogar ihr Handy aus der Tasche und fotografierten das bunte Etwas nebst Turnschuhen.

Iolo hatte inzwischen in Windeseile lila Sprungfedern aus seiner Hosentasche gezogen und an seinen roten Schuhe befestigt und sprang nun hinter dem Rücken der Mädchen auf die Ampel, verfehlte die Stange um Zentimeter, klammerte sich mit den Händen fest und kletterte schnaufend hinauf.

“Verflixte Taubenviecher. Dass die noch nicht mal wissen, dass sie in der Nacht zu schlafen haben”, schimpfte er leise vor sich hin, während er auf der Stange vorwärtsrobbte, um das Raumschiff zu erreichen.

Paul indes konnte nicht machen, als weiterhin kopfüber in seinem Sitz zu hängen und sich festzuklammern. Plötzlich war die ganze Fahrt gar nicht mehr so lustig.

Iolo krabbelte in das Raumschiff und schnallte sich an seinem Sitz fest.

“Achtung! Ich betätige jetzt den Schleudergang” und schon surrte der Motor wieder. Das Raumschiff flog nun im Kreis um die Ampelstange herum, an der es festhing. Immer schneller und schneller drehte es sich, bis sich schließlich der eine Flügel von der Stange befreite und der Schwung das Raumschiff aufwärts in die sternklare Nacht schleuderte.

Iolo robbte zu Paul, ergriff das Steuerruder und brachte das Schiff wieder auf Kurs.

Doch als er den hellbauen Knopf drückte, der die Rakete wieder zusammenklappen sollte, bewegte sich nur der eine Flügel. Der andere ruckte nur ein bisschen und rührte sich dann nicht mehr. “Heiliges Mondgewitter. Ach das noch. Wir müssen landen und die Klappe reparieren.”

Sanft setzte die Lulalilelo … ehm … Lolilelo … nee … Lilaluloli in einem dichten Gebüsch auf. Paul und Iolo stiegen aus. Iolo trug einen kleinen Werkzeugkoffer. Fachmännisch begutachtete er das Scharnier der rechten Klappe. “Aha! Der Bolzen ist gebrochen. Irgendwo im Raumschiff muss ich einen Ersatzbolzen haben. Ich geh in mal suchen. Versuch du inzwischen, die Schrauben zu lösen.”

Iolo verschwand im Inneren des Raumschiffes und Paul nahm sich den Schraubenzieher. Er begann mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, an einer Schraube zu drehen und tatsächlich. Sie bewegte sich. Langsam und geduldig löste Paul eine Schraube nach der anderen.

Hinter ihm im Raumschiff rumpelte es. Iolo schein den gesamten Lagerraum zu durchsuchen. Dann hörte er einen triumphierenden Schrei und Iolo kehrte mit dem Bolzen wieder zu ihm zurück.

“Endlich! Hatte doch glatt vergessen, dass ich ihn in den Kühlschrank gelegt hatte.” Paul wunderte sich – nun schon zum wiederholten Mal an diesem Abend. Ein Metallbolzen im Kühlschrank? Iolo musste das Fragezeichen auf Pauls Gesicht gesehen haben, als er antwortete: “Was soll ich denn machen? Sonst wächst er womöglich zu schnell und dann passt er nicht mehr.” Paul musste unwillkürlich kichern. Die war wirklich die merkwürdigste Rakete, die er je gesehen hatte.

Iolo schaute auf die Schrauben in Pauls Hand und nickte anerkennend. “Gut gemacht.” Schnell tauschte er den Bolzen und Paul zog die Schrauben wieder fest. Er war sehr stolz, bei einer richtigen Raumschiffreparatur geholfen zu haben. Rasch wurde der Werkzeugkasten wieder in der Rakete verstaut und Iolo und Paul stiegen ein.

Paul gähnte. Iolo, der wieder auf dem Steuersitz Platz genommen hatte, drehte sich um. “Müde?” Paul nickte. “Ich bin sehr müde. Aber ich will noch eine Runde um den Bundestag drehen”, und das taten sie.

Paul konnte kaum die Augen offenhalten, aber er sah staunend auf die hell erleuchtete Kuppel und die Türmchen und Figuren, mit denen der Bundestag ringsum verziert war.

Ohne das er richtig wusste, wie, waren die beiden wieder in Pauls Zimmer und Paul kuschelte sich in sein Bett. Das Schildchen seiner Kuscheldecke zwischen den Fingern, schlief er erschöpft ein.

Iolo winkte ihm noch einmal zu, bestieg dann sein Raumschiff und flog davon.

ENDE

 

 

Kapitän Maximiliano auf Schatzsuche

Wieder eine Geburtstagsgeschichte, diesmal zum vierten Geburtstag meines Sohnes! Jaja, ist schon ein bisschen länger her …

Kapitän Maximiliano auf Schatzsuche

Max war vier Jahre alt und spielte am liebsten Piraten. Er wurde dann zum gefürchteten Piratenkapitän Maximiliano, der mit seinem Schiff, der „Schwarzen Krabbe“, die sieben Weltmeere unsicher machte.

Äußerst selten konnte er seine zwei Jahre ältere Schwester Laura davon überzeugen, mit ihm zu spielen, doch diesmal war es ihm gelungen. Laura hatte sich bereit erklärt, das kleine Waisenmädchen Jenny zu sein, dass Kapitän Maximiliano als  Schiffsjungen mit an Bord genommen hatte – allerdings nur, weil er erst auf hoher See gemerkt hatte, dass der freche Fratz ein Mädchen war, und es keine Gelegenheit gab, sie wieder zurückzuschicken.

Paul, Max kleiner Bruder, spielte immer mit, ob er nun gefragt wurde oder nicht. Ihm wurde die Rolle des Schiffspapageien Loro zugeteilt, da er sowieso immer alles nachplapperte.

Dieses Mal sollte die Fahrt zu den gefährlichen Nebelinseln gehen, auf denen ein sagenhafter Schatz versteckt sein sollte, aber auch menschenfressende Eingeborene wohnten.

Maximiliano kam gerade aus einem finster aussehenden Buchladen, in dem er die Schatzkarte für die Reise besorgt hatte, als ihm Kapitän Pudelmütze, sein Erzrivale, begegnete, der im selben Moment wie Maximiliano in die Hafenkneipe „Zum schreienden Hahn“ gehen wollte. Beide quetschten sich gleichzeitig durch die Tür, da keiner dem anderen den Vortritt lassen wollte. In der Kneipe gerieten sie nach einigen Bechern Rumtreiber-Tee. Maximiliano hatte Pudelmütze von seinem Plan erzählt und dieser kam nun auf die Idee, auch nach dem Schatz zu suchen. Maximiliano fühlte die Karte in seiner rechten Brusttasche und fühlte sich sicher. Er wettete mit Pudelmütze um tausend Goldstücke, dass er den Schatz vor Pudelmütze finden werde. Beide verabschiedeten sich mit Handschlag, der besiegelte, dass sie sich in einem Monat zur Begleichung der Wettschuld hier wiedertreffen würden.

Nun waren sie auf hoher See. Kapitän Maximiliano hatte gerade mitbekommen, dass Jenny kein Schiffsjunge sondern ein Schiffsmädchen war, und hatte schrecklich schlechte Laune.

Auf dem Schiff

Jenny hatte sich auf den höchsten Mast in Sicherheit gebracht und hielt nun zusammen mit dem Schiffspapageien Loro Ausschau nach den Inseln.

Kapitän Maximiliano hielt eigenhändig das Steuer, prüfte von Zeit zu Zeit die Karte und lauschte den Hinweisen der sechs Tanten, die neben dem Steuerrad postiert waren.

Die Mannschaft schrubbte das Deck.

Am blauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen, doch plötzlich entdeckte Jenny in der Ferne eine Nebelbank, unter der Schaumrkonen auf dem aufgewirbelten Wasser tanzten. „Hoy“, schrie sie nach unten. „Untiefe in Sicht. Wir fahren direkt darauf zu!“ „Ho, tiefe Sicht. Fahren direkt zu“, echote der Papagei. Kapitän brummte etwas in seinem Bart, zückte sein Fernrohr und sah sich die Sache genauer an. Und tatsächlich, das mußten die Inseln sein!

Ein paar Stunden später hatten sie die Stelle erreicht und tauchten in den Nebel ein. Gischt spritze und Kapitän Maximiliano gab seiner Mannschaft die Anweisung, die Segel zu reffen und mit dem Lot die Wassertiefe im Auge zu behalten. Langsam und vorsichtig schlängelte sich die „Schwarze Krabbe“ zwischen den Riffen hindurch. Jenny hielt immer noch Ausschau, doch der Nebel war so dicht, dass sie nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Plötzlich tauchte eine gewaltige, tangbedeckte Felswand direkt vor ihnen auf – die Insel! Kapitän Maximiliano riss blitzschnell das Ruder herum. Die „Schwarze Krabbe“ drehte auf der Stelle bei und saß einen Augenblick später mit einem gewaltigen RUMS auf einem vorgelagerten Felsen, der eine Handbreit aus dem Wasser ragte.

Die Matrosen versuchten alles, um das Schiff wieder flott zu bekommen. Einige tauchten sogar unter den Rumpf, um sich den Schaden von unten zu begucken, doch das Schiff saß fest und rückte und rührte sich nicht, obwohl die Brandung ringsum tobte und spritzte.

Kapitän Maximiliano und seiner Mannschaft blieb nichts anderes übrig, als die Beiboote zu Wasser zu lassen, um so den sicheren Strand zu erreichen. Die „Krabbe“ überließen sie vorerst ihrem Schicksal.

Kurz darauf ruderten sie durch die heranrollenden Wellen dem Land entgegen.

Drei der vier Boote wurden von den Brechern erfasst und so herumgewirbelt, dass sie zerschellten und die See die Matrosen einzeln an Land spuckte.

Nur das vierte Boot landete in einem Stück kopfüber auf dem weißen Sand. Ganz langsam bewegte es sich, schaukelte einen Moment und kippte dann über eine Seite auf den Kiel. Zum Vorschein kamen Kapitän Maximiliano, Jenny und vier Seeleute.  „Potz Rotzlöffel und Kanonenbart, was für einen See.“ Kapitän Maximiliano schüttelte sich den Sand aus seinen schwarzen Locken. „Potz Rotz und Kanonenfutter. Was für ein Seelachs“, krächzte nun auch der Papagei, der als einziger unbeschadet über dem Durcheinander flatterte. „Halt den Schnabel“, knurrte Kapitän Maximiliano und warf einen Schuh nach dem Vogel. „Halt den Schnabel“, wiederholte der Papagei fröhlich und setzte sich auf Maximilianos Schulter. Zärtlich knabberte er an seinem Ohr. Maximiliano mußte wider Willen kichern. Der Vogel kitzelte ihn.

Er rappelte sich hoch und sah sich um. Der Strand war von der Sonne beschienen. Der Nebelring lag nur im Wasser um die Insel herum.

Am Strand

Plötzlich stürmte eine Horde wilder Gesellen auf die Gestrandeten zu, die sich als Kapitän Pudelmütze und seine Mannschaft herausstellten. „Wir waren zuerst hier“, brüllte Pudelmütze und stürzte sich auf den verblüfften Maximiliano. Ein wüster Kampf entbrannte. Pudelmütze und Maximiliano kreutzen die Säbel immer schneller und auch ihre Matrosen waren in erbarmungslose Handgemenge und Messerkämpfe verstrickt. Die heiße Südseesonne brannte unbarmherzig auf die Kämpfenden hernieder, so dass ihnen der Schweiß ihnen von der Stirn lief .

Einzig Jenny kämpfte nicht. Sie machte sich nichts aus Pulverdampf und Säbelgerassel. Stattdessen ging sie fort, um in der Zwischenzeit die Insel zu erkunden. Loro, der Papagei folgte ihr.

Maximiliano und seine Mannschaft wehrten sich heldenhaft, doch der Übermacht von Pudelmützes Leuten waren sie nicht gewachsen. Dieser klaute Maximiliano die Schatzkarte und ließ ihn und seine Mannen fein säberlich wie die Frachtpakete verschnürt am Ufer liegen.

So wurden sie einige Stunden später von einer Horde Eingeborener gefunden, die sich neugierig aber mit erhobenen Speeren näherschlichen.

Immer noch verschnürt und an den Speeren aufgehängt, wurden sie kurz darauf unter Gejubel als „gefundenes Fressen“ ins Kanibalendorf getragen. Mißtrauisch beobachteten Maximiliano und seine Mannschaft die Eingeborenen, die fleißig Holz herbeischleppten, um über großen Feuern große Kessel mit Wasser zum Kochen zu bringen. Die Frauen putzen währenddessen Suppengemüse und warfen es in die Kessel, als Maximiliano plötzlich laut kichern mußte. Etwas kitzelte ihn am Ohr. Die Kanibalen schauten ihn mit merkwürdigen Gesichtern an, sahen jedoch, dass es sich lediglich um einen harmlosen Papageien handelte, der auf Maximilianos Brust saß und an seinem Ohr knabberte. Ihre schaurig aussehenden Gesichter verzogen sich zu einem breiten Grinsen, dann wandten sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

Bei den Eingeborenen

„Loro“, zischte Maximiliano leise durch die Zähne, „Knabber den Strick durch.“ „Strick durch?“ wiederholte der Papagei zärtlich. Er hatte nicht verstanden. „Scht“, machte der Kapitän. Er schubste Loro mit der Nase in Richtung seiner Hände und flüstert: „Mach das Seil kaputt“, endlich verstand dieser. Kaputt machen, das konnte er und machte sich an die Arbeit. Geschickt nagte er mit Hilfe von Schnabel und Krallen Maximilianos Handfesseln durch und als dieser seine Hände befreit sah, machte er sich flugs daran, zunächst auch seine Füße und dann seine Kameraden zu befreien. Die Eingeborenen waren so sehr mit der Zubereitung der Suppe beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten wie sich ihr Eintopf lautlos davonschlich, so dass ihre Suppe eine Gemüsesuppe bleiben sollte.

„Kommt, hier entlang“, flüsterte Maximiliano und führte seine Mannen auf einem schmalen Pfad direkt in den Urwald. Trotz der fehlenden Schatzkarte lief er zielsicher zu einem Wasserfall, in dessen dahinterliegender Höhle der Schatz versteckt war. Kapitän Maximiliano hatte nämlich ein fotografisches Gedächtnis.

Am Höhleneingang

Allerdings kamen ihnen durch den Wasserfall vier Matrosen entgegen, die eine schwere Kiste trugen, gefolgt von Kapitän Pudelmütze, der die Ankömmlinge hämisch angrinste. „Wir sehen uns dann im „Krähenden Hahn“. Bring schon mal deinen Wetteinsatz mit. Ich werde mit der Öffnung der Kiste bis dahin warten, damit du auch was davon hast.“ Er zeigte Maximiliano eine lange Nase und alle fünf verschwanden im Dschungel.

Erschöpft und mißmutig machten sich die Seeleute der „Schwarzen Krabbe“ auf den Rückweg zu ihrem Schiff, welches immer noch auf dem Felsenriff festsaß. Müde und ratlos setzten sie sich in den Sand und starrten ihr Schiff an.

Plötzlich sah Maximiliano, wie sich etwas Blaues an Bord bewegte. Er zückte sein Fernrohr und sah genauer hin. Es war Jenny, die über die Felsen zurück auf das Schiff geklettert war und nun ihr blaues Kopftuch schwenkte. Vorsichtig machten sich die Matrosen über die glitschigen Steine auf den Weg zu ihrem Schiff.

Dort berichtete ihnen Jenny, sie habe die Schatzkiste vor den anderen entdeckt, den einzigen Gegenstand, der sich darin befand, an sich genommen und für nachfolgende Schatzsucher eine kleine Überraschung hinterlassen. Welche, wollte sie jedoch nicht verraten. Mit diesen Worten drückte sie Maximiliano eine kleine Flöte in die Hand und dieser betrachtete sie mißtrauisch. „Und nu?“ Er sah Jenny planlos an. Jenny zuckte mit den Schultern. „Ich denke, man muss sie spielen.“ „Spielen“, echote der Papagei. Kapitän Maximiliano legte die Flöte so schnell wieder in Jennys Hand, als habe er sich daran verbrannt. „Dafür bin ich nicht zuständig“, wehrte er ab. Jenny grinste und hob die Flöte an die Lippen.

Die Seeschlange

Kaum hatte sie ihr den ersten Ton entlockt, als sich eine gewaltige Seeschlange aus dem Wasser erhob und Jenny freundlich in die Augen sah. „Ich stehe zu deinen Diensten. Was ist dein Begehr?“ Jenny schaute die Schlange mehr verblüfft als erschrocken an, besann sich aber nicht lange. „Kannst du unser Schiff wieder flott machen?“ „Aber na klar“ und mit einem kleinen Schubs ihrer Schwanzspitze hob die Schlange das Boot hoch und setze es vorsichtig ins tiefe Wasser. „Ehm“, meldete sich nun Kapitän Maximiliano. „Da wäre noch etwas. Wie überzeugen wir Pudelmütze, dass Jenny den Schatz gefunden hat? Ich mein, eine kleine Flöte wird ihn schwerlich beeindrucken …“ Maximiliano schaute Jenny und die Schlange ratlos an. Auf den Lippen der Schlange erschien ein winziges Lächeln. Dann tauchte sie ab und kam mit einer wunderschönen Perlenkette, an der ein goldenes Amulett baumelte, im Maul wieder an die Wasseroberfläche. Vorsichtig legte sie Jenny die Kette um, die sie bewundernd betrachtete. Auf dem Amulett stand in verschlungenen Buchstaben geschrieben: Der Besitzer dieses Amuletts ist der rechtmäßige Eigentümer des Schatzes der Nebelinseln.“ Kapitän Maximiliano las dies ebenfalls. „Moment mal …“, begann er zu protestieren und zeigte ungläubig auf Jenny, „eigentlich bin ich … „, doch die Schlange zwinkerte Jenny noch ein letztes Mal zu und verschwand dann mit einem riesigen Platscher in der Tiefe.

Verwundert schauten Jenny, Maximiliano und Loro ihr nach. Kapitän Maximiliano wollte schon nach der Kette an Jennys Hals, doch sie hielt selbstbewußt ihre Hand auf das Amulett und funkelte ihn an. „Die gehört mir, hast du doch gehört!“ Maximiliano machte ein betretenes Gesicht. „Aber keine Angst, ich werd dich zum „Krähenden Hahn“ begleiten.“ Jenny lachte ihn versöhnlich an.

In der Kaschemme

Genau einen Monat nach ihrem ersten Zusammentreffen betraten Kapitän Maximiliano zusammen mit Jenny und Loro und Kapitän Pudelmütze den „Krähenden Hahn“ wieder. Aug in Aug saßen sie einander an dem alten Eichentisch gegenüber, auf den Pudelmützes Matrosen die Kiste gestellt hatten. „Nun wollen wir mal sehen.“ Kapitän Pudelmützes Augen blitzten schadenfroh. Langsam und bedächtig öffnete er den Deckel der Truhe. Kurz darauf verwandelte sich sein siegesgewisses Lächeln in einen ziemlich belämmerten Gesichtsausdruck. Die Kiste war bis zum Rand gefüllt mit Sand und Kieselsteinen. Oben auf lag ein Zettel, auf dem zu lesen stand: „Für alle nachfolgenden Schatzsucher! Wie ihr seht, habe ich den Schatz schon gefunden und mitgenommen. Hier ein kleiner Trostpreis für euch. Kapitän Maximiliano.“ Maximiliano schaute Jenny überrascht an. Soviel uneigennützige Loyalität hatte er ihr gar nicht zugetraut. Diese kicherte. „Hab ich’s nicht gesagt? Nur eine kleine Überraschung …“ Kapitän Maximiliano streckte seine Hand aus. „Nun bin ich wohl an der Reihe, deinen Wetteinsatz zu fordern.“ Zähneknirschend zählte Pudelmütze die tausend Taler in Maximilianos Hand, die dieser in seiner Geldkatze verschwinden ließ. „Besten Dank.“ „Besten Dank“, krächste auch der Papagei. Pudelmütze knirschte vor Zorn mit den Zähnen. „Komm Jenny, wir haben alles, was wir wollten.“ Und so ließen sie Pudelmütze mitsamt der Kiste voller Sand und Steine stehen und verließen die Kascheme.

Von diesem Tag an beschwerte sich Maximiliano nie wieder, ein Mädchen als Schiffsjungen bekommen zu haben.

„Abendessen!“ schallte es aus der Küche. Die Kinder sahen sich an und lachten. Erst jetzt bemerkten sie, dass die Abendsonne bereits rot durch die Fenster schien und sie großen Hunger hatten. Abenteuer machen hungrig! Die Kinder klettern vom Hochbett, der „Schwarzen Krabbe“ und ließen den Wust von Verkleidungs- und Spielsachen achtlos auf dem Boden liegen. Dann rannten sie in die Küche.

ENDE

Diese Geschichte heißt: Lilli und der Höhlengeist

Dieses Märchen ist nicht von mir. Es wurde mir in den Sommerferien von meiner sechsjährigen Tochter diktiert und ich habe es wortwörtlich aufgeschrieben. Ich finde, die kindliche Ausdrucksweise verleiht der Geschichte ihren besonderen Charme.

Diese Geschichte heißt: Lilli und der Höhlengeist

Lilli wurde so wie alle Kinder von einer armen Frau geboren. Lilli schrie erst einmal. Dann nahm die arme Frau Lilli auf den Arm. Als sie erblickte, dass auf Lillis Ohr ein winziger Pickel war, wollte sie das Kind nicht mehr haben. Darum ging sie in eine Höhlengrotte und setzte das Baby vor der Tür von der Höhlengrotte ab. Ein paar arme Leute fanden das Baby und hoben es auf, um es aufzuziehen. Aber als erstes wollten sie herausfinden, wem das Baby richtig gehört. Aber sie fanden die Frau oder den Mann nicht. Also haben sie das Baby selber aufgezogen.

Dann wurde Lilli groß. Als Lilli jugendlich war, hat Lilli gesagt, sie will jetzt die Welt erkundigen gehen. Dann ging sie in den Eingang der Höhlengrotte und wollte wissen, was da vor sich geht. Dann ging sie die schönen Marmorstufen hinunter. Und dann sah sie glitzernde Herzkristalle. Und sie faßte einen von ihnen an. Es war der Schönste. Dann kam aus einer dunklen Ecke ein Gespenst. Lilli erschrak furchtbar. Aber als sie bemerkte, dass der Geist gar nichts Böses von ihr wollte, hat sie gelacht. Und dann küßte sie den Geist. Dann wurde er ein schöner Prinz. Als der Prinz Lilli anfaßte und an die Hand nahm, sagte er: „Ich bin der Höhlenprinz. Möchtest du mitkommen auf mein Schloss und mich heiraten?“ Lilli sagte ja. Als Lilli aber ja sagte, kam eine böse Hexe aus irgendeiner Ecke. Der Prinz zog sein Schwert und die Hexe zog ihren Zauberstab. Und die Hexe sagte: „Hokuspokus, malus locus, bonnus, jokus, hokuspokus!“ Und der Prinz kippte um. Aber da Lilli den Prinzen noch halten konnte, nahm sie schnell sein Schwert und stach die Hexe damit in den Hals. Und dann fiel die Hexe um. Lilli spürte, dass die Hexe tot war. Bloß der Kater, der bei ihr Wache gehalten hatte, war nicht tot. Er zerbiß jetzt ihren Rock und kratzte ihre Beine auf. Aber hinter ihr erhob sich eine Gestalt. Sie erschrack furchtbar, aber dann hat sie gesehen, dass das nur der Prinz war. Dann nahm der Prinz sie wieder bei der Hand und führte sie zum Ausgang.

Und oben am Ausgang stand Lillis richtige Mutter. „Mama!“ Die Frau rief: „Lilli!“ Und Lilli rannte ihrer Mutter in die Arme. Die Mutter nahm sie auf den Arm, obwohl sie schon so groß war. Dann erblickte die Mutter dern Prinzen. Dann sagte die Mutter „Hallo“ zu dem Prinzen und die Mama sagte: „Ich kenne deinen Vater und deine Mutter.“ Dann sagte Lilli: „Weißt du, Mama, wir haben besprochen, dass wir heiraten wollen, der Höhlenprinz und ich.“ Die Mama sagte: „Naja, wir haben das ja schon lange verabredet, dein Vater und der Vater vom Höhlenprinz. Dann kann es ja jetzt auch so geschehen. Aber da jetzt eure beiden Väter tot sind, beschließen jetzt die Mütter, dass ihr heiratet. Kommt Kinder, wir gehen jetzt nach draußen. Draußen wartet schon die Hochzeit auf euch.“

Richtig viele Verwandte und Freunde haben draußen richtig viel aufgebaut für eine Hochzeit von einem Mädchen das Lilli heißt und einem Prinz der Höhlen. Ein Orchester war da und zwei lange Tische mit richtig viel Buffet. Alle Hochzeitsgäste waren schon da. Sie haben sich hübsch gemacht und sahen elegant aus. Lilli und der Höhlenprinz gingen schnell in ihre Kabinen, um sich umzuziehen als Brautpaar. Und dann begann das Fest. Der neue König, der Höhlenprinz, hat gesagt: „Jetzt kann das Fest beginnen. Kapelle spielt!“ Und alle durften tanzen und das Brautpaar fing an zu tanzen und die Väter von dem Brautpaar guckten hinunter und winkten ihnen zu. Das Brautpaar winkte zurück. Nun war es Abend, alle Hochzeitsgäste gingen nach Hause und das Brautpaar ging von der Höhlengrotte auf sein Schloss und dort regierte es lange und bekam viele Kinder. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Diese Geschichte habe ich meiner Tochter zum siebenten Geburtstag geschenkt – mitsamt dem Bild und dem Ring, die in der Geschichte vorkommen. Das heißt, eigentlich hatte ich das Bild und den Ring erst und habe darum die Geschichte gesponnen …

Viel Spass beim Lesen!

 

 

 

Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Heute hatte Laura Geburtstag. Sie war schon ganz aufgeregt. Immerhin waren sieben Jahre schon etwas Besonderes – fast erwachsen sozusagen. Neugierig schaute sie ihre Geschenkpäckchen an, die schon zusammen mit einer Kerze und einer Blume auf dem Frühstückstisch standen. „Nun mach schon auf!“ Ihr kleiner Bruder Max konnte es nicht abwarten und wollte schon selbst nach einem Geschenk greifen, um es aufzureißen. Doch Laura schaute ihn böse an und schnappte ihm das Geschenk vor der Nase weg. „Das sind meine, du Blödi!“ Dann begann sie, es in aller Ruhe auszupacken, während ihre kleinen Geschwister sich um sie drängelten, um einen Blick auf die Herrlichkeit darinnen zu erhaschen. Sie wurde enttäuschen, es war keines der ersehnten Spielzeuge, sondern ein handgemaltes Bild von einer zauberhaften Landschaft ganz in Pastelltönen gehalten, in deren Hintergrund ein Schloss zwischen zwei Bergspitzen hervorlugte. Laura strahlte. Im Gegensatz zu ihren kleinen Brüdern gefiel ihr das Bild außerordentlich gut. Sie betrachtete es andächtig und bemühte sich dann, die beiliegende Glückwunschkarte zu entziffern: „Für meine kleine Elfenprinzessin. Möge es in deinem neuen Zimmer einen Ehrenplatz erhalten und dir immer Glück und Freude bringen. Wünscht dir von Herzen deine Mama!“ stand darauf geschrieben.

Und den Ehrenplatz bekam das Bild: direkt gegenüber von Lauras Bett, von dem aus sie es noch kurz vor dem Einschlafen betrachtete und über den wundervollen ereignisreichen Geburtstag nachdachte. Zirkus hatten sie gespielt und ihren Eltern ihre Kunstfertigkeit vorgeführt, Kuchen gegessen und Süßigkeiten, verkleidet und angemalt waren sie gewesen … herrlich. Laura seufzte. Sie hatte die Augen schon fast geschlossen als sie aus dem Augenwinkel etwas Seltsames bemerkte. Das Bild, das neue schöne Bild an der Wand hatte zu leuchten begonnen. Es strahlte von innen heraus und zwar so hell und klar, dass das ganze Zimmer davon in ein rosa-bläuliches Licht getaucht wurde.

In diesem Moment bemerkte Laura, dass sie gar nicht mehr in ihrem Bett sondern auf einer weichen Wiese lag. Um sie herum blühten die wundersamsten Blumen. Laura blieb erstaunt einen Moment liegen und versuchte die Szenerie in sie aufzunehmen – den süßlichen Duft der Blüten, die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, das leise Brummen und Summen unzähliger Insekten, die geschäftig von Blüte zu Blüte flogen und die leuchtenden abertausend Farben überall um sie herum. Während sie noch staunte, wurde sie sanft von etwas Weichem an der Wange berührt. Neben ihr stand ein schneeweißes Einhorn, dass sie vorwurfsvoll aus seinen blanken, schwarzen Augen ansah. „Wir müssen zurück, Prinzessin. Im Palast wird man sich schon Sorgen machen. Du kannst hier nicht weiter liegen und träumen. „Laura musste unwillkürlich lachen. Sie eine Prinzessin? Sicher, heute war sie die Hauptperson gewesen, aber eine Prinzessin war sie gewiss nicht, wie sehr sie sich das auch gewünscht hätte. Doch in dieser Umgebung fühlte sie sich so leicht und beschwingt und war bereit, jeden Spaß und jede Dummheit zu glauben und mitzumachen. Sie hatte das Gefühl, hier könne ihr nichts passieren, noch nicht einmal, wenn sie von einem Hochhaus gesprungen wäre – soweit es hier überhaupt Hochhäuser gab. Mit einem übermütigen Satz sprang sie hoch und flog drei Meter in die Luft. War sie in dieser Nacht leichter geworden? Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, dass ihr Flügen zwischen den Schulterblättern wuchsen, die sich automatisch ausgebreitet hatten, sobald sie vom Boden aufgesprungen war. Entzückt stieß sie einen leisen Schrei aus und schwang sich in einer eleganten Bewegung auf den Rücken des Einhorns. „Klar, lass uns zurück zum Palast reiten.“ Damit presste sie die Hacken in die Flanken des Tieres und stob davon.

Auf dem Schloss angekommen, empfing sie eine empörte Stimme, die durch die ganze Halle schallte. „Prinzessin Filine! Wie konntet Ihr es wagen ohne Erlaubnis auszureiten? Ihr wisst doch, wie gefährlich der Wald um diese Jahreszeit ist.“ Laura widersprach ohne Nachzudenken. „Es war gar nicht gefährlich. Wer bist du überhaupt?“ rutschte es ihr heraus. Im selben Moment bemerkte sie, dass sie die gestrenge, etwas verknöcherte Dame wohl kennen müsse, die das vor ihr stand und sie wütend anstarrte. „Wer ist bin … wer ich … das ist ja wohl die Höhe. Mit mir erlaubst du dir keine Späße, Fräulein Tochter. Auch wenn du das einzige vergötterte Kind deines Vaters bist, werde ich nicht zulassen, dass du ihm und allen andere auf der Nase herumtanzt. Die ständigen Kämpfe mit den blauen Piraten machen ihm sowieso genug Kopfschmerzen. Dieses Jahr sind sie so zahlreich geworden, dass wir uns ihrer kaum erwehren können. Bis zum Ball bleibst du auf deinem Zimmer, Filine. Susanna wird auf dich aufpassen …“ Ihr Blick fiel auf Filines vom Reiten verschmutzen Kleidung. „… und dich wieder standesgemäß herrichten. So kannst du dich heute Abend auf keinen Fall blicken lassen.“ Die Königin machte auf dem Absatz kehrt und ließ die verdutzte Laura  neben ihrer Kammerfrau stehen.

Während sie den ganzen Nachmittag vor dem Spiegel sitzen musste, um sich „herrichten“ zu lassen, dachte Laura darüber nach, dass das Leben als Elfenprinzessin wohl doch nicht so riesig war, wie sie sich das immer vorgestellt hatte. Trauring nahm sie einen der reich verzierten Elfenbeinkämme in die Hand und betrachtete ihn. Zugegeben – alle Dinge hier waren wunderschön, aber was nütze es, wenn man offensichtlich keine Minute unbeaufsichtigt tun konnte, wozu man Lust hatte? „Was ist das für ein Ball heute Abend?“ fragte sie Susanna. „Euer Hochzeitsball selbstverständlich. Ihr werdet den König der Schlangensümpfe heiraten, wie es seit langem beschlossen wurde. Nur so kann die Feindschaft zwischen den beiden Ländern biegelegt werden.“ Laura runzelte die Stirn. „Wieso Feindschaft? Ich mein … und …“, ich kenn ihn ja gar nicht, hatte sie sagen wollen, aber das schluckte sie lieber hinunter. Wer weiß, vielleicht kannte Filine den König ja doch und war durchaus mit der Hochzeit einverstanden. „Hab ich … zugestimmt?“ fügte sie zaghaft hinzu. „Du lieber Himmel, nein. Aber kommt es darauf denn an?“ Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend sah Laura dem Abend entgegen und beschloss, ihren zukünftigen Gatten auf die Probe zu stellen.

Der König kam auf einem prächtigen schwarzen Hengst und mit einem großen Gefolge. Ein in eine bunt-geschmückte Livree gekleideter junger Mann hielt ihm beim Absteigen die Steigbügel und führte das Pferd dann zu den Ställen. Laura, die am oberen Ende der Treppe in allem Prunk stand, beobachtete ihn. „Wer war das?“ flüsterte sie ihrer Kammerfrau zu. „Sein Knappe oder sein Leibknecht?“ Susanna lachte. „Nein, das war sein jüngerer Bruder Philip. Der König gefällt sich, seine Macht zu demonstrieren, indem er ihn zu seinem persönlichen „Begleiter“ gemacht hat. Es wird gemunkelt, der Kleine sei ein wenig zurückgeblieben im Kopf, so dass er im Hintergrund gehalten werden müsse.“ Stirnrunzelnd sah Laura Prinz Philip und dem Hengst nach. Als klein konnte man ihn wahrhaftig nicht mehr bezeichnen und in dem kurzen Moment, in dem Laura ihn hatte betrachten können, war sie sich gewiss geworden, dass es mehr seiner papageienähnlichen Kleidung als seinem Gesicht mit den klaren, wachen Augen an Respektabilität mangelte.

In diesem Moment stieß hoch oben in der Luft etwas einen fürchterlichen Schrei aus und raste direkt auf den König zu, der in Windeseile sein Schwert zückte und seinen übergroßen Prunkschild schützend erhob, um der feuerspeienden Kreatur zu begegnen. Nur der Schild verhinderte, dass er gegrillt wurde, als der Drache, vom Schwert leicht an der Brust verletzt, mit einem Schmerzensschrei wieder in die Höhe schoss und lauernd um die Burg kreiste. „Höllenbrut“, knurrte der König. „Eines Tages erwische ich dich und dann brate ich dich lebendig über kleiner Flamme, das schwöre ich.“

Laura hatte das Spektakel mit Entsetzen beobachtet und noch immer folgten ihre Augen dem über den Zinnen kreisenden Drachen, als der König sie beim Arm nahm und unsanft in die Halle zog. „Wenn Ihr wollt, Prinzessin, serviere ich Euch den Kopf dieses Scheusals morgen zum Frühstück.“ Er blickte voller Hass auf den Drachen. Laura sah ihre Chance gekommen und blinzelte ihn mit weichen Augen unschuldig an. „Ich kann das nicht sehen, wenn ein Tier umgebracht wird. Vertrag dich doch lieber mit ihm. Drachen sind sehr weise. Wenn du es richtig machst, wird es möglich sein, mit ihm Frieden zu schließen.“ Woher sie das wusste, wusste sie nicht. Sie wusste aber, dass es die Wahrheit war. Der König sah sie erstaunt an. „Sein Leben verschonen?“ Er lachte laut. „Nein mein Herzchen, von König Schlangenhaut wird niemand verschont, der ihn herausgefordert hat. Aber so ein kleines einfältiges Frauenzimmer wie du kann das nicht verstehen.“ Noch bevor sie etwas antworten konnte, packte er sie wieder beim Arm und zog sie weiter. „Komm jetzt, wir wollen heiraten.“ Laura riss sich abrupt los und gewann gebührenden Abstand zum König. Sie sah ihm fest in die Augen. „Niemand, der Euch je herausgefordert hat, wird verschont?“ fragte sie so laut, dass es der ganze Hofstaat hören konnte. „So ist es“, donnerte der König zurück. „Na dann ist die Hochzeit doch völliger Quatsch! Mit dir kann man sich nicht vertragen!“ Und noch bevor der König reagieren konnte, machte sie unter den verblüfften Blicken der Anwesenden kehrt und rannte so schnell sie konnte aus der Halle.

Das Ross des Königs war in der Box direkt neben Lauras Einhorn untergebracht, dass sie nun in Windeseile zäumte. Als sie sich auf seinen Rücken schwang, schaute Prinz Philip aus der Box des großen Pferdes über die Trennwand. „Wartet Prinzessin! Was ist geschehen?“ Doch Laura gab ihrem Reittier die Sporen und stob davon ohne sich von ihm aufhalten zu lassen. nachdenklich und besorgt schaute er ihr nach. Dann verließ er seine Arbeit und den Stall und wanderte hinaus auf das freie Feld am Fuße der Burg. Auf einen leisen Pfiff hin landete neben ihm ein riesiger rostroter Drache, der ihn geduldig auf seinen Rücken steigen ließ. Dann breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und flog davon.

Im Palast herrschte große Aufregung. König Schlangenhaut schwor mit gewaltigen Worten, die Prinzessin wohlbehalten zum Palast zurückzubringen und stellte sogleich einen Suchtrupp zusammen, an dessen Spitze er sich setzte. Filines Eltern, die sich am Ende der großen Halle befunden und daher die Unterredung zwischen ihr und dem König nicht vernommen hatten, blieben verwirrt und besorgt zurück. Insbesondere Filines Mutter war der festen Überzeugung, Filine laufe direkt in ihr Unglück und so Unrecht hatte sie damit nicht.

Laura war bis zur Küste geritten und ruhte sich jetzt am Strand im Schatten einer steil abfallenden Felswand aus. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nur die Wellen rollten in beruhigendem Rhythmus an den Strand. Laura legte sich in den warmen, feinen Sand, genoss die Geräusche der Wellen und der Möwen und beobachtete die Wolken. Und so bemerkte sie nicht das blaue Segel, welches schnell näher kam. Als das Einhorn, welches die ganze Zeit genüsslich Strandhafer und andere Kräuter gefressen hatte, plötzlich scheute und wild schnaubend davon galoppierte, war es bereits zu spät. Erschrocken fuhr Laura in die Höhe und sah sich von wilden Kerlen mit blauen Gesichtern umringt, die sie höhnisch und begierig anblickten. Immerhin war sie immer noch im prächtigsten Hochzeitskleid des ganzen Landes, Diamanten und Saphire schimmerten an ihren Ohren und ihrem Hals und bevor sie sich’s versah, stülpte sich ein riesiges Schmetterlingsnetz über ihren zierlichen Körper. „Nanu, was haben wir denn hier für einen kostbaren Vogel gefangen?“ Der wildeste und größte der Kerle baute sich vor ihr auf. So gut das Netz es zuließ, richtete sich Laura würdevoll auf und antwortete mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte: „Ich bin ehm … Filine, die Tochter des mächtigsten Elfenkönigs, und wenn du Bandit mich nicht sofort freilässt, wird es dir übel ergehen.“ Der Kerl lachte nur. „Ach! Was du nicht sagst! Das wird sich schon ändern, wenn du meine Frau geworden bist. Der Elfenkönig wird doch nicht seinen lieben Schiegersohn hängen lassen, sondern ihm im Gegenteil schön brav sein Königreich übergeben.“ Laura starrte ihn entsetzt an. Das konnte doch nicht wahr sein! Vom Regen in die Traufe! Warum waren nur alle widerlichen, groben Kerle darauf aus, ausgerechnet sie zu heiraten? Ein eindeutiger Minuspunkt im Leben einer Prinzessin. „Und damit du mir nicht davonfliegst, meine Schöne, bekommst du erst einmal das hier.“ Damit befestigte er einen Gurt um ihre Brust, der ihre Flügel fesselte und steckte den Schlüssel dazu befriedigt in seine Tasche. „So, aufs Schiff mit ihr!“

Das Einhorn raste immer noch in Todesangst über die Ebene, als ein riesiger Drache es in seinem Lauf stoppte. Prinz Philip schwang sich vom Rücken des Drachen, packte das verängstigte Einhorn beim Zügel und klopfte im beruhigend den schweißnassen Hals. „Ruhig, nur ruhig. Wo ist deine Herrin, mein Freund?“ Das Einhorn rang nach Atem. Schließlich brachte es hervor. „Die Piraten, die blauen Piraten haben sie entführt!“ Prinz Philip überlegte einen Moment. Noch einmal klopfte er dem Einhorn den Hals. „Lauf nach Hause und ruh dich aus. Wir werden die Piraten verfolgen.“ Dann trat er zu seinem Drachen und schwang sich auf seinen Rücken. Das Einhorn nickte erschöpft und trottete in Richtung Schloss, während Prinz Philip auf dem Rücken seines Drachen aufs offene Meer zusteuerte.

Unendliches Blau erstreckte sich bis zum Horizont. Der Himmel war mit weißen Wölkchen getupft, das Meer mit Schaumkronen garniert. Die Horizontlinie war fast nicht auszumachen. Suchend blickte sich Prinz Philip um. Weit konnten die Piraten noch nicht gekommen sein. Schließlich erblickte er eine Welle, welche sich im Gegensatz zu den anderen Wellen schnell in eine Richtung bewegte. War das die Bugwelle eines Schiffes? Doch das dazugehörige Schiff war nirgends zu entdecken. Erst die scharfen Augen des Drachen erblickten das blaue Schiff mit dem blauen Segel, welches die Welle vor sich herschob. Prinz Philip folgte den Piraten in gebührendem Abstand. Er wollte sich nicht auf eine Konfrontation mit den Piraten einlassen, bevor er nicht gründlich die Lage erkundet hatte. Vielleicht gab es ja auch eine andere Möglichkeit, die Prinzessin zu befreien. Das Schiff landete an einer schroffen Felsenküste, die offensichtig zu einer Insel von beträchtlicher Größe gehörte. Hoch auf dem Felsen ragte steil eine halb verfallene Burg auf, die in früheren Zeiten wohl mächtigen und reichen Herren gehört haben musste, deren glanzvolle Zeiten aber schon lange vorüber waren. Philip ließ den Drachen hinter einem Felsvorsprung landen und beobachtet, wie die Piraten die Prinzessin über die morsche Zugbrücke schleiften. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, hatte aber nicht die geringste Chance auf Erfolg. Als die Piraten im Schl0ss verschwunden waren, wandte Philip sich dem Schiff zu. Trotz seiner blauen Farbe war es ganz aus Holz gebaut und wie üblich mit Teer und Werk abgedichtet. Leise besprach sich der Prinz mit seinem Drachen. Dessen Augen begannen unternehmungslustig zu funkeln und er nickte.

Die Nacht senkte sich herab. Prinz Philip umkreiste auf seinem Drachen die Zinnen der Burg. Jedes Fenster wurde vorsichtig untersucht, ob sich nicht dahinter das Gefängnis der Prinzessin befand. Schließlich wurde seine Geduld mit Erfolg belohnt. Im Turmzimmer auf der obersten Zinne erspähte er Laura und den Piratenkapitän, die sich heftig stritten. Ihre Brust war immer noch mit dem Gurt umschlossen, der ihr kaum Luft zum Atmen lies und weiterhin ihre Flügel fesselte. Leise glitt er vom Rücken des Drachen und versteckte sich auf einem Vorsprung unterhalb des Fenstersimses. „Du wirst mich schon noch heiraten wollen, wenn du lange genug hier geschmort hast!“ Mit diesen Worten stampfte der blaue Kapitän wütend aus dem kargen Raum, donnerte die Tür hinter sich zu und lies die Prinzessin allein. Laura hatte Tränen der Wut in den Augen. Sie sprang ihm nach und trommelte erfolglos gegen die verschlossene Tür, dann ging sie fast wie in Zeitlupe zur Mitte des Zimmers zurück und lies sich auf einen Schemel sinken und begann zu weinen.

Philip stieß einen leisen Pfiff aus. Laura schreckte hoch und lauschte wie erstarrt. Lautlos und mit geschmeidigen Bewegungen kletterte der Prinz ins Zimmer, den Zeigefinger an den Mund gepresst. Laura saß immer noch auf dem Schemel wie eine Statue. Philip kam zu ihr. „Hast du ein Messer?“ flüsterte sie. Philip nickt und reichte ihr ein kleines Jagdmesser. Laura nahm es und schnitt den Gurt mitten entzwei. Befreit atmete sie auf. „Danke.“ Sie gab ihm das Messer zurück. „Wie kommen wir hier weg? Wie bist du überhaupt hier hereingekommen?“ Der Prinz schmunzelte. Dann lies er einen weitere Pfiff ertönen und der Drach erschien draußen vor dem Fenster. Lauras Augen wurden groß und größer. „Oh. Der gehört zu dir? Du kannst deinen Bruder wohl nicht gerade leiden.“ Neugierig sah sie ihn an. „Die Ehre beruht auf Gegenseitigkeit. Mein Bruder gefällt sich darin, mich wie einen Dienstboten zu behandeln und obendrein noch überall im Land verbreiten zu lassen, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“ Draußen vor der Tür waren Schritte zu hören. Der Prinz wechselte automatisch in einen Flüsterton. „Komm, ich erzähl dir die ganze Geschichte unterwegs.“ Hastig flüchteten die beiden zum Fenster und bestiegen den Drachen, so dass der Pirat, der der Prinzessin ein kärgliches Abendessen bringen sollte, die Kammer leer vorfand.

„Alarm! Alarm!“ schallte es durch die Gänge, doch der Drache war bereit hoch oben in der Luft. „Alle Mann zum Schiff.“ Der Drache ging in einen Sturzflug. Laura klammerte sich erschrocken fest. „Was tust du da?“ „Keine Angst, wir machen den Piraten nur ein kleines Abschiedsgeschenk.“ Nur ein paar Zentimeter raste der Drach über dem Schiff hinweg. Segel und Masten, Planken und Ruder fingen Feuer unter seinem Atem und als die Piraten ihr Schiff erreichten, brannte es hell wie eine Fackel vor dem schwarzen Himmel. Prinz Philip aber drehte sich auf seinem Reittier übermütig um und rief dem unter seiner blauen Haut kreideweißen Kapitän zu: „Die Prinzessin lässt Euch mitteilen, dass sei Eure Werbung ablehnt. Seeräuber sind nicht ihr Stil.“ Laura lachte. Auf dem Rücken des Drachens fühlte sie sich plötzlich leicht und frei.

König Schlangenhaut war indes ohne Erfolg zum Schloss zurückgekehrt. König und Königin waren nach dem Eintreffen des Einhorns voller Sorge. Immer noch wussten sie nicht, was mit ihrer Tochter passiert war, da das Einhorn allein mit der Prinzessin zu sprechen pflegte. König Schlangenhaut versicherte, dass er nicht ruhen werde, bis die Prinzessin gefunden sei und dass ihr Vater sein Königreich auch getrost in ihrer Abwesenheit in seine Hände geben könne. Gebeugt vor Kummer war der König geneigt, das Angebot seines Beinahe-Schwiegersohns anzunehmen und ihm die Bürde der Regierung zu übertragen, auf dass er selbst nur noch die Bürde des Kummers zu tragen hätte.

In diesem Moment erfüllt ein Rauschen die Luft und der Drache landete inmitten des Schlosshofes. König und Königin staunten nicht schlecht, als sie Laura und Philip von dessen Rücken steigen sahen, doch König Schlangenhaut erfasste die Situation sofort und wusste, sie zu seinem Vorteil zu nutzen. „Na endlich, mein Lieber, ich wusste, dass ich mich in dieser Mission auf dich verlassen kann“, begrüßte er seinen Bruder. „Übergib mir nun meine Braut, damit wir die Hochzeitzeremonie fortsetzen können. Die fürstliche Belohnung, die ich dir versprochen habe, wirst du umgehend erhalten.“ Damit nahm er Lauras Hand und wollte sie zu ihren Eltern führen, doch Philip hielt sie an der anderen fest. Weder der eine noch der andere ließen los. Philip trat neben Laura und sah seinen Bruder herausfordernd an. Der Drache schnaubte bedrohlich. „Ich fürchte, mein lieber Bruder, du hast dich verrechnet. Wie du sehr genau weißt, habe ich aus eigenem Impuls gehandelt und ich werde nicht wieder auch nur einen Befehl von dir annehmen. Wie sagtest du doch immer so schön? Dem Sieger gehört die Beute. Und der Sieger bin ich.“ Wie zur Bestätigung stieß der Drache eine kleine Stickflamme aus den Nüstern, die König Schlangenhaut den Hosenboden versengte. Er schrie auf und hielt sich sein Hinterteil. „Du, du … schon längst abschießen müssen hätt ich das Vieh!“ Und damit floh er mit grotesken Bewegungen, immer noch die Hände über seinem brennenden Allerwertesten hin zum Schlossteich, in den er seinen Po mit einem leisen Zischen versenkte.

Philip sah ihm mit Erleichterung nach. „Den wären wir los.“ Laura drehte sich zu ihm und schaute ihn direkt an. „So. Und was hast du mit mir vor? Der Beute?“ fragte sie kühl. Prinz Philip lächelte. „Was immer Ihr wollt, Prinzessin. Ich stehe zu Eurer Verfügung.“ Da lachte die Prinzessin erleichtert und fiel ihm vor Freude um den Hals. „Ich will dich“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Auf der Hochzeit überreichte Philip ihr anstelle des üblichen, goldenen Rings ein braun-bronzenes Medaillon, in welches merkwürdige Muster eingraviert waren. „Das habe ich von meiner Urgroßmutter geerbt. Sie sagte mir, sie hätte es von einer Quellnymphe erhalten und es würde jedem Mädchen, welches es trägt, die Klarheit des Wassers und die Zuversicht und Geborgenheit der Erde schenken.“ Laura sah ihm gerade in seine goldbraunen Augen. Mehr war im Augenblick nicht nötig.

Laura erwachte vom Gebrabbel ihrer kleinen Schwester im Bett unter ihr. Ihr erster Blick fiel auf das Bild an der Wand gegenüber. Zwar leuchtete es nicht mehr, das es war noch immer strahlend schön. Ein wunderschöner Traum war das gewesen, wie schön wäre es, wenn sie noch hätte dort bleiben können. Sie streckte sich und wollte sich aufrichten, als sie mit etwas an ihrer Hand in der Bettdecke hängen blieb. „Au! Mist!“ Verwundert besah sie den kleinen Gegenstand, der an ihrem Ringfinger gestreckt war. Es war genau das Medaillon aufs ihrem Traum.

ENDE