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Schneeweißchen und Rosenrot – Szene 7

Szene 7          WALDLICHTUNG

Mit einem schweren Sack kommt der Zwerg zu seiner Höhle und verschwindet. Sein Beutel schlägt dabei unsanft gegen die Baumwurzel. Der Bär hat das beobachtet. Er geht zu der Baumwurzel, die vor dem Höhleneingang liegt und versucht, mit den Tatzen eine Kerbe in das Holz zu schlagen, doch ohne richtiges Werkzeug erreicht er sehr wenig. Schließlich probiert er es mit den Zähnen.

Wurzel: Au.

Bär: Wer spricht da?

Wurzel: Ich, du Dummkopf.

Bär: Warum kannst du sprechen?

Wurzel: Du bist wirklich ein Dummkopf. Du kannst doch auch sprechen. Warum sollte ich es nicht können?

Bär: Du bist eine Baumwurzel.

Wurzel: Und du bist ein Bär.

Bär: Nein, bin ich nicht.

Wurzel: Ah, und da kommen wir zum entscheidenden Punkt. Erstens ist alles in diesem Wald lebendig und da du ein Teil des Waldes bist, kannst du mit allen anderen Lebewesen sprechen. Zweitens, wer sagt dir, dass ich eine Baumwurzel bin?

Bär: Das ist interessant. Kennst du Alberich?

Wurzel: Natürlich, er ist unser aller Herr.

Bär: Liebst du ihn?

Wurzel: Seinen Herren liebt man nicht.

Bär: Das ginge auch anders.

Wurzel: Ist es aber nicht.

Bär: Könntest du ihn für mich festhalten?

Wurzel: Was willst du von ihm?

Bär: Ihn töten. Dann hast du keinen Herren mehr und bist frei.

Wurzel: Kannst du das denn?

Bär: Ich muss es versuchen.

Wurzel: Unter diesen Umständen helfe ich dir gern.

Der Bär versteckt sich wieder. Nach einer kurzen Weile kommt Alberich aus der Höhle. Die Baumwurzel hält seinen Bart fest, er zieht daran und der Bart verfängt sich immer weiter in dem Holz.

Alberich: So ein vermaledeites Unglück!

Der Bär tritt heran.

Bär: Ja, heute ist aber auch wirklich nicht dein Glückstag.

Er beginnt, nach Alberich mit den Tatzen zu schlagen, kann aber im Umkreis von einem Meter nicht an ihn heran. Seine Tatzen schlagen immer wieder in die Luft. Der Zwerg beginnt zu lachen.

Alberich: Du hast den Winter also tatsächlich überlebt. Gratuliere. Aber mich, mich kannst du nicht verletzen. Solange ich meinen Bart habe, schützt mich meine Zauberkraft vor dir. Du wirst mich nie erwischen, ob ich nun irgendwo festhänge oder nicht.

Der Bär gibt seine Versuche auf.

Bär: Du hängst so fest, dass ich dich gar nicht zu erwischen brauche. Ich brauche einfach nur zu warten, bis du verhungert bist.

Die Baumwurzel kichert. Der Bär dreht sich um und geht in den Wald zurück. Alberich beginnt, an seinem Bart zu ziehen, doch je mehr er zieht, desto fester verheddert sich der Bart.

Schneeweißchen und Rosenrot betreten die andere Seite der Lichtung.

Rosenrot: Schau hier, der Waldmeister blüht schon!

Schneeweißchen: Wir sollten etwas für die Maibowle mitnehmen.

Die Mädchen pflücken den Waldmeister. Alberich hat sie bemerkt.

Alberich: He, was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?

Die Mädchen schauen auf und eilen zu dem Zwerg.

Rosenrot: Was hast du angefangen, kleines Männchen?

Alberich: Dumme neugierige Gans, den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben. Bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte. Nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!

Die Mädchen bemühen sich, den Bart aus der Wurzel zu bekommen, doch die Wurzel hält fest.

Rosenrot: Ich will laufen und Leute herbeiholen.

Alberich: Wahnsinnige Schafsköpfe! er wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?

Schneeweißchen: Sei nur nicht ungeduldig, ich will schon Rat schaffen.

Schneeweißchen holt aus ihrem Beutel an ihrem Gürtel eine kleine Nähschere heraus und schneidet den Bart ab. Nun ist er um ein Drittel kürzer. Der Rest hängt noch immer in der Baumwurzel fest.

Alberich (kreischt): Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohns euch der Kuckuck!

Rosenrot: Aber es ist doch noch genug dran.

Alberich: Ihr wisst überhaupt nichts von der Welt.

Mit diesen Worten packt er sein Bündel und verschwindet.

Rosenrot: Danke hätte er schon sagen können, oder?

Schneeweißchen zuckt die Schultern.

Schneeweißchen: Lass uns nach Hause gehen und die Maibowle vorbereiten.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 6. Szene

Szene 6          HÄUSCHEN VON SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT

Es ist Frühling. Der Bär und die beiden Schwestern stehen an der Tür.

Schneeweißchen: Musst du wirklich gehen?

Rosenrot: Kannst du nicht für immer bei uns bleiben?

Der Bär schüttelt den Kopf.

Bär: Nein, ich habe noch eine Aufgabe zu erfüllen.

Schneeweißchen: Ich möchte nicht, dass du gehst.

Bär: Ich auch nicht, aber ich muss. Ich danke euch von Herzen, dass ihr mich diesen Winter aufgenommen habt. Wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe, komme ich wieder.

Rosenrot: Können wir dir helfen?

Bär: Nein, dass muss ich alleine tun. Es ist meine Verantwortung.

Schneeweißchen umarmt den Bär.

Schneeweißchen: Lebwohl!

Bär: Lebt wohl und auf bald.

Rosenrot: Lebwohl!

Der Bär geht durch die Tür hindurch. Dabei bleibt sein Fell am Scharnier hängen und reißt auf. Darunter ist ein Schimmer von Gold zu sehen.

Die beiden Mädchen schauen dem Bär nach, wie er in den Wald trottet.

Schneeweißchen: Hast du das Gold unter seinem Fell gesehen? Ich glaube, er ist nicht das, was er scheint, aber sicher bin ich mir nicht.

Rosenrot: Nein, ich habe nichts bemerkt.

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Schneeweißchen und Rosenrot – 3. Szene

Szene 3          MARKT

Schneeweißchen und Rosenrot stehen hinter ihrem Stand auf dem Markt. Sie verkaufen Pilze und Waldbeeren, sowie selbstgemachte Marmeladen und Handarbeiten. Sie sind gut gelaunt und albern herum.

Rosenrot: Waldpilze, frische Waldpilze! Heute früh gesammelt! Kauft Waldpilze, ihr Leute!

Rosenrot stößt Schneeweißchen an.

Rosenrot: Jetzt bist du dran.

Schneeweißchen traut sich nicht.

Schneeweißchen (schüchtern): Du weißt, ich kann das nicht so gut wie du.

Rosenrot: Nu komm schon, irgendwann muss du es ja lernen.

Schneeweißchen lacht.

Schneeweißchen: Muss ich nicht. Ich habe ja eine Schwester, die unsere Ware sehr sehr gut anpreisen kann.

Sie lächelt Rosenrot zuckersüß an.

Rosenrot: Was wirst du bloß machen, wenn wir nicht mehr zusammen sind?

Schneeweißchen: Das darf dann eben nicht passieren. Wir heiraten einfach zwei Brüder und bleiben immer zusammen.

Rosenrot lacht.

Rosenrot: Du und deine Phantasie. Na gut, ich mach weiter. Waldpilze! Frische Waldpilze! Leckere Brombeeren! Saftige Preiselbeeren!

Alexander tritt an den Stand und betrachtet interessiert die Auslagen und die beiden Mädchen.

Alexander: Ist der Wald, in dem ihr sammelt, hier in der Nähe?

Scheeweißchen: Nicht weit von hier in diese Richtung. Wir wohnen dort am Waldrand.

Alexander: Gibt es in dieser Gegend keinen Fürsten, der auf die Früchte des Waldes Anspruch erhebt?

Rosenrot: Nein, nicht in diesem Wald. Er ist zu wild und verwunschen. Noch nicht einmal die Soldaten des Königs trauen sich hinein.

Alexander: Und ihr?

Rosenrot: Uns ist noch nie etwas passiert.

Schneeweißchen: Einmal haben wir uns verlaufen und mussten dort übernachten. Früh am Morgen bin ich aufgewacht und habe gesehen, dass wir ganz in der Nähe einer Felswand geschlafen haben. Ein paar Schritte weiter in der Dunkelheit und wir wären abgestürzt. Neben Rosenrot, die noch geschlafen hat, saß ein Kind, ganz in Weiß gekleidet. Unsere Mutter meinte, es wäre ein Engel gewesen, der uns beschützt hat.

Alexander lächelt.

Alexander (zu sich): Vielleicht ist der Wald ja genau der richtige.

Rosenrot (neugierig): Was sagt ihr?

Alexander: Ich suche einen Ort, an dem ich absolut ungestört bin und vielleicht ist dieser Wald genau der richtige dafür.

Rosenrot: Bestimmt. Niemand kommt dorthin außer uns.

Schneeweißchen: Wer seid Ihr?

Alexander: Warum denkst du, ich sei jemand besonderes?

Schneeweißchen: Nur ein Pilger oder ein Einsiedler sucht freiwillig einen solchen Ort. Und Ihr seht weder wie der eine noch der andere aus. Eher wie ein Krieger.

Alexander: Wer ich bin, erzähle ich euch wenn ich zurückkomme. (Die Mädchen schauen ihn neugierig an.) Ihr seid Schwestern? (Die Mädchen nicken.) Wart ihr jemals eifersüchtig aufeinander?

Die Schwestern schauen einander an.

Schneeweißchen: Eigentlich noch nie. Rosenrot kann unsere Ware viel besser anpreisen als ich und ich bin froh darüber.

Rosenrot: Und ich bin froh, wenn Schneeweißchen die kleinen Stickereien übernimmt. Sie hat viel mehr Geduld als ich. Und sie kann wunderschöne Geschichten erzählen. Im Winter am Kamin.

Alexander: Schneeweißchen. Rosenrot. Was für lustige Namen!

Die Mädchen kichern.

Rosenrot: Das sind nicht unsere richtigen Namen.

Schneeweißchen: Unser Vater hat sie uns gegeben. Bei unserer Geburt hat er vor dem Haus zwei Rosenbüsche gepflanzt und als sie im nächsten Sommer das erste Mal blühten, trug der eine rote und der andere weiße Rosen.

Alexander: Das ist eine schöne Geschichte. Ich muss jetzt weiterziehen, aber wenn wir uns das nächste Mal sehen, erzähle ich euch meine.

Rosenrot: Versprochen?

Alexander: Versprochen.

Alexander geht.

Schneeweißchen: Viel Glück!

Rosenrot: Waldpilze! Kauft Waldpilze ihr Leute! Leckere Waldpilze, frisch gepflückt!

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Schneeweißchen und Rosenrot – 2. Szene

Szene 2          THRONSAAL

Der König arbeitet an seinem Schreibtisch. Es klopft. Er schaut von seinen Papieren auf.

König: Herein!

Alexander tritt ein, bleibt in gemessenem Abstand vor dem Schreibtisch stehen und verbeugt sich. Wir sehen, wie Kilian, der Alexander nachgeschlichen ist, hinter der Tür stehen bleibt und lauscht.

König: Was gibt es, mein Sohn?

Alexander: Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Amt des Thronfolgers geeignet bin. Ich bitte Euch, mich bis zu meinem Geburtstag in die Einsamkeit zurückziehen zu dürfen, um darüber nachzudenken.

König: Du bist mein älterer Sohn und in einem halben Jahr einundzwanzig Jahre alt. Damit bist du geeignet.

Alexander: Aber bin ich auch gut genug?

Kilian hinter der Tür grinst.

König: Gut. Gehe und denke darüber nach. Ich werde dich mit allem ausstatten, was du brauchst. (der König nimmt einen Schild und ein Schwert von der Wand) Dieses Schwert und dieser Schild gehörten meinem Großvater. Sie werden dich schützen. (Er nimmt einen Mantel aus einer Truhe) Diesen Mantel hat meine Mutter gewebt. Er wird dich wärmen. (Er nimmt einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen von der anderen Wand) Mit diesem Bogen ging mein Vater auf die Jagd. Er wird dich nähren. (Schließlich holt er aus der Schublade des Schreibtisches einen goldenen Reif) Diesen Reif habe ich getragen, bevor ich König wurde. Er wird dich als meinen Sohn ausweisen. Bewahre die Dinge gut. Sie sind lebensnotwendig in der Fremde.

Der König möchte Alexander den Reif auf den Kopf setzen, doch dieser wehrt ab.

Alexander: Vater, ich danke Euch sehr für diese Gaben, aber ich möchte unerkannt reisen.

König: Dann stecke den Reif in dein Gepäck. So kannst du dich, wenn es nötig sein sollte, zu erkennen geben.

Alexander: Das werde ich tun. (Er umarmt seinen Vater.) Spätestens drei Tage vor meinem Geburtstag werde ich wieder da sein.

Alexander verbeugt sich und verlässt den Thronsaal. Den hinter der Tür im Flur stehenden Kilian sieht er nicht. Die Tür schlägt zu und Kilian kommt nachdenklich heraus.

Kilian: Ich weiß nicht recht, was ich denken soll. Ich möchte so gerne König werden. Ich glaube, ich wäre ein guter König. Ich würde fremde Länder erobern und das Reich vergrößern. Auf jedem Feldzug würde ich Heldentaten vollbringen. Mein Bruder ist zu nett und zu schwach dazu. Andererseits ist er mein Bruder. Es wäre am besten, er käme nicht wieder. Dann würde mein Vater mich zum Nachfolger erklären. Und wenn er doch wiederkommt? (überlegt) Josef! (Der Diener Josef erscheint.) Halte vor dem Tor Wache und melde mir sofort, wenn mein Bruder zurückkommt. Ich möchte es als erster erfahren.

Josef lächelt verschlagen.

Josef: Ich erkenne Eure Absicht, mein Herr. Soll ich meinen Dolch bereithalten?

Kilian: Nein. Ich habe andere Pläne. Sorg einfach dafür, dass ich von seiner Ankunft erfahre, bevor er das Schloss betritt.

Josef verbeugt sich.

Josef: Es wird mir ein Vergnügen sein.

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Warum nicht?

Hallo ihr Lieben! Hier eine Geschichte für Kindergartenkinder. Die kleine Julie fragt nicht nur ständig „Warum?“, sondern andauernd „Warum nicht?“ und das ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten …. Aber lest einfach selbst. Viel Spass!

 

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Warum nicht?

Julie ging mit Mama an der Hand vom Kindergarten nach Hause. Jeden Tag liefen sie denselben Weg. Die Sonne schien und versprach einen schönen Nachmittag. Das Grundstück vor ihnen trennte ein niedriger Zaun vom Gehweg. Dahinter im Garten lag ein kleiner privater Spielplatz. Er sah aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Eine rote Schaukel baumelte im Wind. Der kleine Sandkasten war mit einer Plane abgedeckt und die Tür eines Miniaturhäuschens hing windschief in den Angeln. Julie hatte schon immer auf diesen Spielplatz gewollt, aber immer war das Gartentor fest verschlossen gewesen. Doch an diesem Tag stand es weit offen.

Wie ein Wirbelwind spurtete sie den Weg entlang und bevor Mama es verhindern konnte, war sie durch das verrostete Gartentor in den Garten gehüpft.
„Julie! Das macht man doch nicht!“ Mama hechtete hinterher und blieb am Gartenzaun stehen. „Julie, komm sofort wieder zurück!“
Julie drehte sich mit unschuldiger Miene um und schaute Mama mit großen Augen an. „Warum nicht?“
Mama seufzte. „Komm bitte da raus. Die Leute wollen sicher nicht, dass du in ihrem Garten spielst.“
„Warum nicht?“, wiederholte Julie noch einmal.
Mama stöhnte. „Weil … weil sie vielleicht ihre Ruhe haben wollen?“
„Aber hier ist doch gar keiner da.“
Mama verdrehte die Augen. „Nein, schon, aber … aber der Garten gehört doch jemandem.“ Sie holte tief Luft und hub an zu erklären. „Schau mal, Julie, du willst doch auch nicht, dass jemand mit deinem Kuschelhasen spielt, wenn du im Kindergarten bist, oder? Obwohl du nicht da bist.“
Julie überlegte einen Augenblick, dann hellte sich ihre Miene auf. „Wir fragen einfach. Das machen wir im Kindergarten auch so.“
Und bevor Mama es verhindern konnte, war sie schon zur Tür gehüpft und hatte auf den Klingelknopf gedrückt. Mama hastete hinterher.

In diesem Moment öffnete eine ältere Dame und schaute Julie erstaunt an.
„Darf ich in deinem Garten spielen? Der ist so schön“, platzte Julie heraus. Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Blick älteren der Dame wanderte zu dem offenen Gartentor und dann wieder zurück zu dem Kind. Dann lächelte sie. „Oh, da habe ich wohl das Gartentor offen stehenlassen, aber du darfst. Es war lange mehr kein Kind in meinem Garten.“
Julie strahlte. „Danke!“ und flitzte zu der etwas rostigen Schaukel. Sie schwang sich darauf und schaukelte wild hin und her.
Mama warf der Dame einen entschuldigenden Blick zu, während diese zum Tor ging, um es zu schließen. „Es tut mir furchtbar leid, dass wir Sie gestört haben. Das wollte ich wirklich nicht, aber … aber ich war einfach nicht schnell genug.“
Die Dame lächelte. „Aber das macht doch nichts. Ich freue mich.“
Julie war inzwischen von der Schaukel gehüpft und rannte wieder auf die beiden zu. Neugierig schaute sie der alten Dame ins Gesicht. „Wie heißt du?“ fragte sie.
„Sie, es heißt Sie“, flüsterte ihre Mutter dazwischen.
„Ich heiße Margarete und du?“
„Julie. Buddelst du mit mir?“
Die Dame lächelte. „Nein, Kleine. Ich bin gerade am Backen, aber wenn du noch eine kleine Weile hier bist, dann bekommst du nachher ein Stück frischgebackenen Apfelkuchen.“
Julie strahlte sie an. „Fein, dann backe ich dir in der Zwischenzeit auch einen Sandkuchen und wir tauschen“, und – schwupps – war sie wieder verschwunden.
Mama wehrte ab. „Aber das ist wirklich nicht nötig.“
Margarete schaute sie verschmitzt an. „Warum nicht? Ich habe nicht so oft so lebhaften Besuch. Und wenn mir das offene Gartentor so einen liebreizenden Wirbelwind beschert hat, dann muss man das ausnutzen.“
Nun lächelte auch Mama und ergab sich ihrem Schicksal.

Wenig später saßen alle drei am Gartentisch, tranken Kaffee – oder in Julies Fall Kakao – und aßen Apfelkuchen.
„Du bist total nett“, nuschelte Julie mit vollem Mund.
„Julie, man spricht nicht mit vollem Mund“, ermahnte sie die Mutter.
„Warum nicht?“
„Weil man dich nicht verstehen kann.“
„Ach so.“ Julie schluckte runter. „Könnte aber auch daran liegen, dass du dir nicht die Ohren gewaschen hast, Mama.“
Margarete lachte.
Mama wurde rot. „Daran liegt es ganz bestimmt nicht.“
„So, man kann also mit ungewaschenen Ohren gut hören, aber mit vollem Mund nicht gut sprechen? Da hast du mir gestern Abend aber noch was ganz anderes erzählt!“
Ohne Kommentar aß Mama ihren Apfelkuchen weiter.
Margarete kicherte wie ein junges Mädchen.
Julie sah sie altklug an. „Ist doch unlogisch, oder findest du nicht?“
„Julie, man sagt „Sie“ zu Erwachsenen.“
„Warum?“
„Weil es höflicher ist.“
„Was heißt höflich?“
„Dass man denjenigen nett und freundlich und mit Respekt behandelt.“
„Was ist Respekt?“
„Respekt ist so etwas wie Achtung.“
„Achtung, das kenn ich. Achtung, Achtung eine Durchsage.“ Julie hielt ihre Hände an den Mund wie ein Trichter. „Der Zug nach Düsseldorf hat zehn Minuten Verspätung! Aber wir sind hier doch gar nicht auf dem Bahnhof.“
„Nein.“
Margarete mischte sich ein. „Julie, du bist ein wundervolles, kleines Mädchen und du bist genau so richtig wie du bist. Du bist sehr kostbar und wertvoll – wie ein kleiner Edelstein.“
Über Julies Gesicht ging die Sonne auf. „Das hast du schön gesagt.“
„Das ist Achtung.“
„Du hast aber gar nicht Sie zu mir gesagt.“
„Das ist auch gar nicht notwendig dafür.“
Julie drehte sich zu ihrer Mutter um. „Siehste! Alles Quatsch.“

Auf den Kaffeetassen sah man nur noch den Bodensatz und die Kuchenteller waren bis auf den letzten Krümel leergeputzt.
Julie saß wieder auf der Schaukel und winkte Mama und Margarete zu. „Huhu! Margarete!!! Willst du auch mal schaukeln?“
Margarete schüttelte lachend den Kopf.
Julie sprang mit einem Satz von der Schaukel und lief zum Tisch. Sie zupft Margarete am Ärmel. „Nun komm schon! Ich will, dass du auch mal schaukelst!“
„Ich möchte …“, korrigiert Mama.
Julie sieht sie erbost an. „Ich möchte gar nicht, ich will.“
„Das sagt man aber nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es nicht höflich ist.“
„Schon wieder dieses Wort. Ich dachte, das hätte was mit dem Bahnhof zu tun und nun sagst, man ist höflich, wenn man lügt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber ich sollte doch nicht die Wahrheit sagen. Ist das nicht dasselbe?“
Mama seufzte, wie schon so oft an diesem Nachmittag.

Margarete unterbrach das Gespräch, indem sie aufstand und mit Julie an der Hand zur Schaukel ging. „Ich werde es mal mit dem Schaukeln probieren, aber du musst mich ganz vorsichtig anstoßen, wie bei einem sehr kleinen Kind.“
„Warum?“
„Weil ich schon sehr alt bin und sehr lange nicht auf einer Schaukel gesessen habe.“ Margarete setzte sich auf die rote Schaukel und Julie schubste sie an.
„Warum eigentlich nicht? Die Schaukel steht doch die ganze Zeit bei dir im Garten!“
Margarete lachte. „Ich glaube, es liegt einfach daran, dass allein schaukeln viel weniger Spaß macht als zu zweit.“
Julie nickte. Das konnte sie verstehen. „Dann muss ich eben ganz oft wiederkommen, damit du das Schaukeln wieder lernst.“ Sie unterbrach sich für einen Moment und zog die Nase kraus. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher ein Kind in deinen Garten eingeladen, wenn du nicht gern alleine spielst?“
Unsicher klammerte sich Margarete an den Kettengliedern der Schaukel fest und überlegte. „Ich weißt nicht, ich bin einfach nicht auf den Gedanken gekommen, weil man so etwas im Allgemeinen eben nicht tut.“
Julie grinste. „Wer ist eigentlich dieser komische Mann, der immer allen Leuten die lustigen und spannenden Sachen verbietet?“
Margarete lachte. „Ich weiß auch nicht, aber weißt du, was ich weiß? Ich glaube, du hast Recht. Du solltest sehr bald wiederkommen. Das geht nicht, dass eine so alte Frau wie ich noch nicht einmal schaukeln kann.“
„Nein“, stimmte Julie zu. „Das geht wirklich nicht.“

Runa

Hallo,

hier kommt eine neue Geschichte nach einer Aufgabe in meinem Schreibkurs. Es ging darum, eine Geschichte nach einem Bild zu schreiben. Auf dem Bild war eine Familie mit zwei Kindern beim Picknick zu sehen. Kommentar meiner Studienleiterin dazu war, der Stoff gefiele ihr gut, würde sich aber eher für einen längeren Text eignen. Was denkt ihr?

Guten Rutsch euch allen

Patricia

 

Runa

Ich habe eine besondere Fähigkeit. Wem ich in die Augen schaue, ist mein Freund und zwar so, als sei er es schon immer gewesen. Meist ist das praktisch, doch manchmal nützt es rein gar nichts. Bei meinen Eltern zum Beispiel: Sie haben sich wieder gestritten. Meine Mutter hat meinem Vater ihre Pumps an den Kopf geworfen und er hat sie mit dem Käsemesser bedroht. Wenn ich dann hinter dem Fernsehschrank sitze und heule, schaue ich niemanden an und niemand ist mein Freund. Daher bin ich weggelaufen.Jetzt sitze ich neben meiner Reisetasche auf einem der unteren Äste des Kletterbaums am See und beobachte die Leute. Im See plantschen ein paar Kinder. Eine Dame mit Sonnenbrille bräunt ihren Oberkörper und unter der Trauerweide sitzt eine Familie und picknickt. Die beiden Mädchen lachen und albern. Irgendwie sieht die Familie merkwürdig glücklich aus, auch ein bisschen spießig. Bestimmt sind sie alle langweilig. Oder doch nicht glücklich. Das will ich herauskriegen.

Ich schwinge mich vom Ast und springe auf den Boden. Die Tasche wackelt bedenklich, bleibt aber liegen. Barfuß schlendere ich über die Wiese und schaue dabei die ältere der beiden Mädchen fest an. Als sie mich endeckt, springt sie auf und stürmt mit einem Quietschen auf mich zu. „Mensch, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“ Sie hakt mich unter und schleppt mich zu ihren Eltern und ihrer Schwester. Bei der Vorstellung fehlen ihr die Worte. Das kenne ich schon. Schnell gebe ich artig die Hand und stelle mich selbst vor. „Ich bin Runa. Wir gehen zusammen auf die Schule.“

Wenig später spiele ich mit Clara und ihrer Schwester Marie auf der Wiese Verstecken. Marie zählt. Ich zeige Clara, wie hoch man auf dem Kletterbaum kommt. Im dichten Blätterwerk wird uns Marie ganz bestimmt nicht finden. „Da steht ja eine Tasche auf dem Ast“, ruft Clara überrascht. Mist, daran hab ich nicht gedacht. „Das ist meine.“ „Wohnst du hier?“ „Nee, ich war beim Sport.“ „Ach so.“ Leise kichernd sitzen wir im Geäst. Marie läuft suchend unter uns herum. „Ist es nicht eigentlich blöd, ne kleine Schwester zu haben?“ „Warum?“ „Kleine Schwestern ärgern doch ständig“, sage ich, als ob ich es wissen müsste. „Manchmal“, gibt Clara zu. „Wollen wir sie auch mal ärgern?“ Leise flüstere ich in Claras Ohr. Clara zögert. „Ich weiß nicht.“ „Ach komm, sei doch kein Spielverderber. Das wird lustig.“ Aufmunternd schaue ich sie an.

Als Marie genau unter uns sucht, springen wir mit Kriegsgeheul aus dem Baum. Clara fällt auf Maries Schultern und wirft sie zu Boden. Marie schreit auf und schubst ihre Schwester von sich herunter, so dass diese auf den Rücken fällt. Dann stürmt sie zu ihrer Mutter. Es ist einfach klasse. Als wir zur Picknickdecke kommen, empfängt uns ihre Mutter schon mit Vorwürfen. „Clara, wie konntest du nur. Ihr habt Marie richtig wehgetan. Auf der Stelle tröstest du sie“ Clara verschränkt bockig die Arme. „Marie hat mich auch geschubst. Und außerdem war es Runas Idee und nicht meine. Sie muss sich entschuldigen.“ Na soweit kommt’s noch! Marie brüllt: „Clara hat mich voll am Kopf getroffen. Clara ist blöd!“ „Aber Schätzchen!“ versucht ihre Mutter sie zu besänftigen. Doch Marie springt wütend auf. „Und überhaupt, ich spiel jetzt nur noch mit Runa.“ Damit nimmt sie meine Hand und zieht mich über die Wiese. „Hey“, ruft Clara ihr empört hinterher, „Runa ist meine Freundin!“ Jaja, so verhalten sich liebende Geschwister in perfekt glücklichen Familien.

Marie und ich sitzen unter dem Kletterbaum und spielen Elfen. Ich bin die Elfe, sie das Einhorn. Kleinlaut kommt Clara angeschlichen. „Entschuldige bitte Marie, ich hätte so etwas Blödes nicht tun sollen.“ Nanu, sie gibt klein bei? „Darf ich wieder mitspielen?“ Ach so, deswegen. Marie schaut sie freundlich an. „Na klar, komm.“ Die scheint ja ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Schnell flüstere ich: „Nur wenn sie meine Dienerin spielt. Als Strafe für vorhin.“
Aber Marie antwortet: „Nein. Sie hat sich entschuldigt und damit ist die Sache vergessen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na gut, dann spiel ich eben nicht mehr mit.“ Gerade will ich wieder auf meinen Baum klettern, als Marie mich zurückhält. Sie blickt mir fest in die Augen und kein bisschen Sympathie ist darin zu sehen. Das ist mir noch nie passiert!

„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass DU hier die Unruhestifterin bist. Und jetzt willst du dich mit mir gegen sie zusammentun. Aber mit Geschwistern läuft das so nicht. Die halten nämlich zusammen.“
Nervös starre ich auf den Boden. Dort krabbelt eine Ameise gerade angestrengt einen Grashalm hoch. „Warum machst du das eigentlich?“ Das war Claras Stimme. Nur ruhig Blut, jetzt schön die Unschuldige spielen. „Ich hab gar nichts gemacht.“ Marie schaut mich immer noch an. „Schau mal“, sagt sie ruhig. „wir sind beide deine Freundinnen und wollen dir nichts Böses. Also, warum? Hast du Kummer?“
Die Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Mechanisch antworte ich: „Ich bin von zu Hause weg, weil ich es nicht mehr ausgehalten hab. Zuviel … zuviel Streit um mich herum.“ Clara lacht. „Wir haben ja grad bemerkt, dass du das ebenfalls perfekt beherrscht.“ Tränen laufen über meine Wangen. Bin ich schon so wie meine Mutter? „Das war nur weil …“, ich suche nach einer Erklärung, die nicht so verdammt dämlich klingt, finde aber keine. „… weil ich euch auf die Probe stellen wollte. Ihr saht so verdammt glücklich aus. Und jetzt …“ Ich angele nach meiner Tasche, die immer noch auf dem Ast steht. „… jetzt muss ich mal wieder weiter. Entschuldigt, ich wollte euch nicht den Tag versauen.“

„Runa? Wie wär’s, du spielst den Rest des Tages mit und nicht gegen uns und wir fragen Papa, ob du bei uns übernachten darfst.“ Ich schlucke. Das ist mir auch noch nie passiert.

Oskar

Hier nach einiger Zeit wieder eine neue Kindergeschichte. Diesmal war es eine Aufgabe aus dem Schreibkurs, den ich gerade mache. Das vernichtende Urteil meiner Tochter lautete schon „langweilig“, aber meinem Sohn hat es gefallen. Da wir als Aufhänger ein Bild von einem Mädchen mit einem Hund auf einem Feldweg bekommen haben, kommen in der Geschichte keine Feen, Elfen, Drachen und Märchenprinzen vor und das war wohl nichts für meine Tochter. Es spielt in der schnöden Realität. Ich poste es hier trotzdem mal und bin gespannt, ob ihr es ebenso „langweilig“ findet ;).

Oskar

Sophia, ein schmales, blondes Mädchen von neun Jahren, schlug die Augen auf. Die Vögel zwitscherten und vor ihrem Fenster blühten die Kirschzweige. Überall standen Kisten herum, die Mama und Papa noch nicht ausgepackt hatten, aber das störte Sophia nicht. Sie liebte ihr neues Zuhause! Aus der Küche hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Sophia! Sophia! Steh auf, Schlafmütze! Steh auf und komm runter!“ Sophia hüpfte aus dem Bett. Schnell zog sie sich an und lief die Treppe hinunter.

In freudiger Erwartung betrat sie die Küche. Der Tisch war festlich gedeckt und Blumen standen darauf. „Wau, wau!“ kam es von unter dem Küchentisch. Sophia blieb stehen. „Was war das?“ fragte sie vorsichtig. Mama lächelte geheimnisvoll. Sie gab den Blick auf einen Schäferhund-Labrador-Mix frei, der unter dem Tisch lag und freundlich mit dem Schwanz wedelte. Sophia schluckte. Der Hund stand auf und stupste sie erwartungsvoll mit der Schnauze. „Na?“ fragte Papa erwartungsvoll. Sophia stand wie angewurzelt. „Du hast dir doch schon immer einen Hund gewünscht und nun wo wir einen großen Garten haben …“ Papa verstummte. Mama kam hinzu. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Maus!“ sagte sie. Sophia knetete nachdenklich ihre Unterlippe. „Mama, Papa … könnten wir nicht, ich meine, wo habt ihr den Hund denn her?“ fragte sie. „Aus dem Tierheim“ antwortete Papa. „War es da nicht viel schöner?“ legte Sophia nach. Papa lachte. „Wie kommst du denn darauf?“ Sophia zögerte. „Naja, weil … ich mag lieber doch keinen Hund.“ Mama fiel aus allen Wolken. „Aber warum?“

Sicher hätten Mama und Papa Sophia besser verstanden, wenn sie gewusst hätten, was zwei Tage zuvor geschehen war:
An diesem Tag war sie zum ersten Mal allein zur Schule gegangen. Früher, als sie noch in einer kleinen Wohnung in der Stadt gewohnt hatten, war sie den Weg immer mit zwei Freundinnen gegangen. Hier hatte sie noch keine Freunde und so ging sie allein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam ihr eine ältere Frau mit einem großen Rottweiler an der Leine entgegen. Ehe Sophia begriff, was geschehen war, hatte sich der Rottweiler von der Leine losgerissen und war mit wütendem Gebell über die Straße gestürmt. Instinktiv hielt Sophia ihre Schulmappe zwischen sich und den Hund, so dass seine scharfen Zähne nur in die Mappe schnappten. Die Besitzerin des Hundes kam über die Straße gerannt und versuchte, die wild fliegende Leine zu fangen. Schließlich gelang es ihr. Sie riss den Hund zurück und begann mit ihm zu schimpfen. Sophia zitterte am ganzen Körper. Sie sagte kein Wort und ging auch nicht zu der Frau hin, um sich zu beschweren. Sie wollte nur noch eins: fort. Nie, nie wieder wollte sie diesem Hund zu nahe kommen! Wie im Traum setzte sie ihre Schulmappe auf und lief schnell und immer schneller in Richtung Schule davon. Die Frau rief eine Entschuldigung hinter ihr her. Sophia hörte sie nicht mehr.

Einige Wochen später stand Sophia in der Küche und öffnete mit verhaltener Begeisterung eine Hundefutterdose. Papa beobachtete die Prozedur aufmerksam. „Willst du ihm nicht bald einen Namen geben?“ fragte er. Sophia schüttelte den Kopf. Sie stellte dem Labrador sein Fressen hin. „Wau!“ freute sich dieser und wedelt mit dem Schwanz. Dann begann er gierig zu schlingen. „Willst du ihn heute ausführen?“ fragte Papa beiläufig.  Sophia blickte auf. „Allein?“ Papa nickte. Sophia überlegte. Seit ihrem Geburtstag hatte Papa darauf bestanden, mit ihr zusammen Gassi zu gehen. Sie wusste, dass sie der Labrador mochte und ihr gehorchen würde. Dennoch … würde sie es schaffen?

Kurze Zeit später führte Sophia den Hund an der Leine einen Feldweg entlang. Es war ein wundervoller Frühlingstag. Die Sonne schien, unter den noch kahlen Bäumen blühten die Veilchen und die Birken zeigten ihr erstes Grün. Kurz vor dem Wäldchen ließ Sophia den Hund von der Leine. Sofort lief er mit der Nase am Boden ins Unterholz. Entspannt schlenderte Sophia weiter und genoss die frische Luft. Der Weg stieg sanft an.
Plötzlich sah sie auf der Kuppe des Hügels etwas, was sie erstarren ließ. Gegen die Sonne erkannte sie die Silhouette des Rottweilers. Allein. Ohne Leine. Ohne zu überlegen drehte sich Sophia um und floh den Weg zurück. Kurze Zeit später hört sie das Hecheln des Hundes hinter sich. Durch ihre Flucht hat sie nur seinen Jagdtrieb geweckt. Sie rannte, so schnell sie konnte. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie schluchzte und rannte schneller. Plötzlich schoss etwas wie ein Kugelblitz aus dem Unterholz und stellte sich mit gefährlichem Knurren zwischen sie und den Rottweiler. Wie ein Donnerrollen hörte sich die Warnung an. „Das ist MEIN Frauchen und wehe, du tust ihr etwas!“ schien es zu sagen. Sophia blieb keuchend in einiger Entfernung stehen. Sie zitterte wieder. Die beiden Hunde fixierten sich mit gesträubten Nackenhaaren und nach oben gezogenen Lefzen. Grrrrrrrrrrr. Rrrrrr. Rrrrrrrrrr. Doch dann senkte der Rottweiler den Kopf, zog den Schwanz ein und schlich den Weg zurück über den Hügel, auf dessen Kuppe jetzt die Besitzerin auftauchte.
Der Labrador leckte Sophias Hand. Sophia kniete sich nieder und umarmte ihren Hund. Ganz fest drückte sie ihn. „Weißt du was?“ flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ich nenn dich Oskar. Und ich werd nie wieder vor einem Hund Angst haben, wenn du dabei bist. Auch vor diesem Miststück nicht!“