Archiv der Kategorie: Irrlichter

In dieser Kategorie findet sich das Theaterstück „Irrlichter“. Ich habe das Stück in einzelne Szenen unterteilt, die jeweils in einem eigenen Artikel gepostet werden, damit die Artikel nicht so lang und damit besser lesbar sind.

IRRLICHTER – Notizen und Entstehungsprozess

Wie ich lesen, hat euch die Geschichte gefallen. Das freut mich sehr ;). Daher möchte ich hier noch ein paar kleine Zeilen zu Entstehung und Produktion des Theaterstückes schreiben:

1. Entstehungsgeschichte

Der Plan war mit der Theater-AG meiner Tochter ein Theaterstück aus Improvisationen und Brainstorming zu entwickeln. Ähnliches hatte ich bereits selbst während meines Studiums ausprobiert und es war eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung. Nun mußte ich feststellen, dass es etwas anderes ist, mit zwanzig Kindern zwischen 6 und 10 Jahren zu brainstormen als mit fünf Erwachsenen über zwanzig. Im Endeffekt ist es dann so gekommen, dass die Kinder ihre Wünsche geäußert haben und ich mich daran gesetzt habe, das Theaterstück zu plotten. Danach habe ich den Kindern die Geschichte erzählt und sie nochmal um Kritik gebeten, bevor ich den Dialog entgültig geschrieben habe.

Hier sind die Wünsche, die am meisten genannt wurden und nach denen ich mich dann gerichtet habe:

Es sollte eine Detektivgeschichte werden. Es sollte etwas mit Freundschaft zu tun haben. Entweder sollten Feinde Freunde werden oder Freunde, die sich zerstritten hatten, sich wieder vertragen. Es sollte jemand gerettet werden und es sollte im Urlaub spielen.

Als klar war, dass ein Mädchen verschwunden ist, von dem alle dachte, es wäre entführt, wurde noch gewünscht, dass es zum Schluss auch eine echte Entführung sein sollte, was mein damaliges Konzept ein bisschen umgeworfen hat, da ich zunächst die Geschichte im Kopf hatte, das Mädchen wäre weggelaufen, weil ihre Eltern sich im Urlaub andauernd streiten und nun auch die anderen Kinder hässlich zu ihr sind und sie würden sie bei einer Großmutter oder Tante in der Nähe finden, zu der sie sich geflüchtet hatte. Aber Wunsch ist eben Wunsch und ich hatte versprochen, das Stück so zu schreiben, wie die Kinder das wollten, also ist es am Ende doch eine echte Entführung geworden.

Komischerweise hatte damit nun wieder die Mutter eines Mädchens Probleme, die der Meinung war, eine solche Geschichte wäre doch zu grausam und nicht kindgerecht. Das Mädchen wurde dann auch kurz darauf, angeblich wegen Zeitmangels, aus der AG genommen. Schade, aber wahr. Sie war nämlich eine gute Schauspielerin.

Im Entstehungsprozess hatten sich alle Kinder gewünscht, wieviel Text sie haben wollten und es wurde klar, dass sie die Wichtigkeit der Rolle an der Anzahl ihrer Sätze bemessen, was natürlich ganz großer Quatsch ist. Ich habe jedenfalls versucht, dadurch, dass die beiden Gruppen der Ferien- und der Dorfkinder Protagonist und Antagonist sind, keine wirklichen Hauptrollen entstehen zu lassen und die Möglichkeit offenzulassen, jeder Rolle das gleiche Gewicht zu geben.

2. Produktionsprozess

Die meiste Zeit während der Einstudierung haben wir damit verbracht, die Szenen zu stellen, was sich als eine große Herausforderung herausgestellt hat, da zum Teil mehr als zehn Kinder gleichzeitig auf der Bühne waren, aber letztlich hat es doch geklappt.

Als das größte Hindernis zum Schauspiel hat sich der Text herausgestellt, weil die Kinder erst lernen mußten, dass man auf der Bühne anders sprechen muss als im wirklichen Leben, möchte man vom Zuschauer verstanden werden. Folglich wurden im Laufe der Proben unsere Schauspielübungen immer mehr zu Sprechübungen, damit die Zuschauer bei der Premiere das Stück überhaupt verstehen.

Zweitens ist mir aufgefallen, dass es viele Kinder gibt, die nicht wissen, dass man mit seinem Körper überhaupt spielen kann und dass man, solange man auf der Bühne ist, präsent und in seiner Rolle sein muss. Sobald der Text gesprochen war, wurde wieder geträumt.

Auf diese beiden Punkte würde ich jedenfalls bei der nächsten Produktion mehr Wert legen und diese noch genauer erarbeiten. Aber für die Zeit, die wir hatten, bin ich sehr zufrieden mit der Aufführung.

Nochmal? Dann zu Vorwort und Figuren

IRRLICHTER – Szene 9

Erzähler: Die Sommerferien sind vorbei. Die Schulkinder und ihre Familien reisen ab und überlassen den Zeltplatz den Dauercampern und den älteren Leuten. Ab heute wird es wieder ruhiger werden im Ort, aber vielleicht auch ein Stück langweiliger.

Der letzte Tag in den Ferien. Die Kinder spielen wieder “Münchhausen”. Dorfkinder und Ferienkinder bunt gemischt. Taschen und Koffer stehen beisammen. Die Zelte sind abgebaut. Tine bekommt den Ball.

Tine: Ich bin diesen Sommer entführt worden.

Die anderen lachen.

Mara: Damit kannst du uns nicht mehr beeindrucken.

Elternstimme: Tine, Tine wir fahren!

Die Kinder hören auf zu spielen und stehen sich gegenüber. Alle verabschieden sich von Tine.

Tim: Na dann mach’s gut und gute Heimreise.

Elternstimme: Kinder, Kinder wir wollen los.

Die Kinder umarmen sich zum Abschied.

Katinka: Kommt ihr wieder?

Kathrin: Sollen wir denn?

Petra: Klar, aber dann machen wir aber ne richtige Moorwanderung. Wenn die Hälfte von euch ankommt, ist das gut.

Kai: Wir haben keine Angst vor euch.

Annika: Wie wär’s, wenn ihr uns mal besuchen kommt?

Fleur: Au ja.

Frieda: Schon ganz nett, aber mal ehrlich, wer will denn schon in der Stadt Urlaub machen?

Klara: Ok, wir kommen wieder, aber sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!

Alle lachen.

Elternstimme: Kinder, Kinder!

Kinder nehmen die Koffer und gehen ab. Sie winken.

Tine: Also tschüss! Bis nächstes Jahr!

ENDE

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IRRLICHTER – Szene 8

Die Kinder kommen draußen vor der Seekate an. Sie flüstern.

Erzähler: Die Kinder haben das ehemalige Restaurant erreicht. Auf der Rückseite des Hauses fällt die Klippe steil zum Strand ab. Dort ist ein Teil der Hauswand bereits eingestürzt. Nur von dem etwas eingerückten Wintergarten, an dessen Rückseite eine hölzerne Außentreppe auf den darüber liegenden Balkon führt, stehen noch alle drei Seiten.

Frieda: Im oberen Stockwerk sind ein paar Dielen durchgebrochen. Man kann den ganzen Saal überblicken. Am besten, wir checken zuerst von dort die Lage.

Kai: Von oben? Wie denn? Ich mein, ich wär zwar gern Spiderman, aber …

Julina: Du wirst schon sehen.

Die Dorfkinder führen die Ferienkinder um das Haus herum zu der morschen Außentreppe, die an der Rückseite des Hauses auf den Balkon führt. Sie gehen hinauf und klettern durch ein zerbrochenes Fenster ins Innere des Hauses. Derweil gibt Frida flüsternd Anweisungen, da es stockfinster ist.

Frieda: Hier lang. Vorsicht, die Treppe ist ein wenig morsch. Da, durch das Fenster. Achtung, dass ihr euch nicht an den Glassplittern schneidet. Leise. Hier ist das Loch im Boden. Man kann alles sehen, was im unteren Stock vor sich geht.

Eilika: Ich seh gar nichts. Zu dunkel.

Tim: Doch da. Da zündet sich jemand eine Zigarette an.

Mara: Es sind zwei. Ich hab’s genau gesehen. Tine ist auch da. Der mit der Zigarette hält Wache und der andere schläft neben Tine.

Maria: Wir müssen ihn irgendwie weglocken.

Klara: Das sollte doch kein Problem sein, oder?

Annika: Was ist, wenn sie uns entdecken? Das sind zwei erwachsene Männer. Gegen die haben wir keine Chance.

Frieda: Gefesselt können sie uns nichts tun.

Ihr Blick fällt auf die Feuerwehrschläuche.

Wenige Zeit später.

Erzähler: Kurze Zeit später haben sich die Kinder an verschiedenen Orten in und um das Haus herum versteckt.

Der Saal des ehemaligen Restaurants zu ebener Erde. An der Decke hängt ein großes Fischernetz, Dekoration aus längst vergangener Zeit. In den Ecken des Raumes steht allerlei Gerümpel, unter anderem mehrere alte Feuerwehrschläuche.

Wie schon im Moor sind plötzlich am Fenster Lichter zu sehen. Heiko, der Wache hält, geht pflichtbewusst zum Fenster, um nachzuschauen, was da los ist. Als er da ist, kann er nichts entdecken. Er dreht sich wieder um und geht zurück. Von draußen ist ein sehr lautes Geräusch zu hören. Er fährt herum. Wieder geht er zum Fenster und versucht etwas zu erkennen, doch es ist nichts zu sehen. Er geht wieder zurück und setzt sich hin. Ein Licht von draußen strahlt ihm direkt ins Gesicht. Er springt auf und läuft zum Fenster. Das Licht ist weg. Er wird unruhig.

Heiko: Was ist denn da los?

Er geht zur Tür, schließt sie auf und geht nach draußen. Inzwischen schleichen Katinka und Eilika zu Tine und wecken sie. Gleichzeitig wickeln Kai und Tim Klaus, den anderen Mann, in einen dicken Feuerwehrschlauch und stecken ihm einen Knebel in den Mund, bevor er noch richtig wach ist.

Eilika: Tine, Tine.

Tine: Was?

Katinka: Pst.

Eilika: Mist, ich krieg den Knoten nicht auf.

Heiko kommt von draußen wieder rein und sieht was passiert.

Heiko (brüllt): Klaus, du Depp! Wach auf!

Undeutliches Gemurmel zur Antwort. Eilika hat endlich Tines Fesseln gelöst.

Eilika (zu Tine): Los, schnell weg.

Heiko rennt auf die Kinder zu, die durch das Fenster klettern. Da fällt ein großes Fischernetz von der Decke. Klaus strampelt und schlägt um sich. Von allen Seiten stürzen sich Kinder auf ihn und wickeln ihn in den zweiten Feuerwehrschlauch ein. Er schreit aus Leibeskräften.

Tim: Ja brüll nur. Dich hört hier eh niemand.

Heiko ist still. Tim holt sein Handy aus der Tasche und tippt eine Nummer ein.

Katinka: Was machen wir jetzt mit ihnen?

Tim: Die Polizei kommt, sie abholen.

Die anderen kichern. Sie nehmen Tine in die Mitte und gehen ab. Kai zeigt den Entführern noch eine lange Nase.

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IRRLICHTER – Szene 7

Die Kinder stehen vor einem großen und einem kleinen Zelt. Alles ist dunkel.

Fleur: Hier ist Tines Zelt.

Annika: Das kleine hier gehört auch dazu. Dort habe ich ihre Eltern belauscht.

Klara (schaut vorsichtig erst in das große, dann in das kleine Zelt): Sie schlafen dort. (zeigt auf das große Zelt) In dem anderen sind nur Sachen. (zu Fleur) Kannst du dort hineinkrabbeln? Du bist die Kleinste von uns.

Fleur nickt und verschwindet geräuschlos im Zelt. Die anderen stehen Wache. Fleur kommt mit einem Brief in der Hand aus dem Zelt zurück.

Fleur: Das ist er.

Klara: Gut, dann nichts wie weg hier.

Die Kinder laufen zu dem großen Baum am Rande des Zeltplatzes. Einer nach dem anderen liest den Brief.

Katinka: Da will also jemand, dass Tines Vater, die Zulassung eines neuen Medikaments befürwortet. Und erst wenn das Medikament zugelassen ist, lässt er Tine frei.

Felix: Das ist doch Erpressung.

Annika: Ja, genau das ist es.

Fleur: Was ist eine Zulassung überhaupt?

Klara: Die Erlaubnis, dass das Medikament in der Apotheke verkauft werden darf.

Felix: Warum sollte Tines Vater das nicht tun?

Annika: Wahrscheinlich ist es nicht gut genug, oder sogar gefährlich.

Frieda: Damit wissen wir aber immer noch nicht, wo Tine steckt.

Die Kinder seufzen und schweigen. Einige gähnen.

Klara: Am besten, wir gehen jetzt schlafen und suchen morgen weiter.

Nele: Vielleicht hat uns Tine ja selbst verraten, wo sie ist. So wie Hänsel und Gretel. Was stand noch mal in dem Tagebuch?

Klara: Ich Esel! Natürlich! (zu den Dorfkindern) Wisst ihr, ob es hier in der Nähe eine Seemole oder Seekote oder so ähnlich gibt?

Petra: Klar, die Seekate. Das ist das leerstehende Restaurant, was direkt an den Klippen steht. Wegen Einsturzgefahr gesperrt.

Tim: Das perfekte Versteck.

Frieda: Na dann nichts wie los.

Alle springen auf und rennen davon.

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IRRLICHTER – Szene 6

Es ist Nacht. Susanne und Julia gehen auf einen Waldweg, der sich in einem Trampelfpad und schließlich ganz verliert, übers Moor.

Erzähler: Susanne und Julia gehen auf dem einzigen befestigten Pfad, der zum Teil über hölzerne Brücken und Stege führt, ins Moor hinein. Es liegt hinter den Dünen am Rand des kleinen Badeortes und ist der Schauplatz unzähliger Legenden und Gespenstergeschichten. Insbesondere Irrlichter sollen hier ihr Unwesen treiben.  Die Nacht ist auffallend kühl und dunstiger Nebel steigt aus dem feuchten, schlammigen Untergrund zwischen die Erlen auf. Der Vollmond am Himmel beleuchtet die Szene gespenstisch.

Unter Julias Füßen knackt das Unterholz deutlich hörbar.

Susanne (flüstert): Pscht. Leise.

Julia: Ich kann nicht. Unter meinen Füßen ist lauter Gestrüpp.

Susanne stolpert über eine Baumwurzel.

Julia: Siehst du.

Jammernd humpelt Susanne weiter. Julia geht schweigend neben ihr. Nur die Geräusche der Nacht sind zu hören.

Nach einer Weile.

Julia: Was meinst du, was sie vorhaben?

Susanne: Irgendwas Idiotisches, vermute ich. Da hinten ist der See.

Julia: Und wenn es doch nicht die Kinder sind, sondern … ein richtiger Entführer?

Susanne: Das haben wir doch alles besprochen.

Julia: Ich mein ja nur.

Susanne: Angst?

Julia schaut zu Boden.

Julia: Ich bin nur nicht gerne Lockvogel.

Susanne: Da drüben ist die Eiche.

Die beiden kommen an der Eiche an, an der ein großer weißer Zettel angepinnt ist. Susanne reißt den Zettel ab und liest ihn. Dann lacht sie.

Susanne: Na, was hab ich gesagt?

Sie gibt den Zettel Julia, die ihn laut vorliest.

Julia: “April, April, wer hierherkommt, wird reinfallen! Hoffentlich habt ihr Handtücher dabei.” Was soll denn das heißen?

Doch kaum hat Julia den Satz zu Ende gesprochen, wird den beiden das Holzbrett unter ihren Füßen mit einem Strick weggezogen. Julia und Susanne fallen hin, kullern den Abhang hinunter und landen mit einem lauten Platsch im See. Sie strampeln und prusten. Die Dorfkinder kommen mit Indianergeheul aus den Büschen hervor und stehen lachend am Ufer.

Eilika: Na, gefällt sie euch? Nachtwanderung mit anschließendem Mitternachtsbad, besondere Attraktion für unsere Feriengäste!

Katinka: Moorbäder sollen ja schön machen.

Maria: Das hilft das wohl nicht mehr.

Susanne (flüstert zu Julia): Jetzt.

Julia nickt. Dann stößt sie einen Schrei aus, der klingt, wie der eines verunglückten Vogels.

Eilika: Hast du nen Knall?

Julia: Nee, das mach ich immer wenn mir kalt ist. Ich denke, ihr habt gewonnen und wir gehen jetzt wieder zum Zeltplatz zurück. Umziehen. Schlafen.

Susanne und Julia steigen aus dem Wasser. In diesem Moment ist ein merkwürdiges Geräusch zu hören. Susanne fährt herum.

Susanne (ängstlich): Was war das?

Sophia: Was?

Susanne: Das Geräusch.

Wieder ist das Geräusch zu hören. Alle lauschen wie gebannt in diese Richtung.

Frieda: Das war der Wind.

Julia (ironisch): Jaja, der Wind, der Wind, das himmlische Kind.

Doch kurz darauf kreischt Julia auf und springt zur Seite. Alle anderen erschrecken ebenfalls und schauen sie entsetzt an.

Julia: Da war was Nasses an meinem Nacken.

Susanne (spöttisch): War wahrscheinlich auch der Wind.

Im Moor sind hier und da kleine Lichter zu sehen. Sie tauchen an bestimmten Stellen auf und verschwinden dann wieder.

Melanie: Schaut mal da.

Alle starren wie gebannt auf die Erscheinungen.

Victoria: Also meine Oma sagt immer …

Frieda: Sei ruhig.

Victoria: Also meine Oma sagt immer, Irrlichter gibt es wirklich.

Frieda (ärgerlich, um ihre Angst zu überspielen): Halt die Klappe.

Die unheimlichen Geräusche kommen wieder. Jetzt sind auch gemurmelte Worte von allen Seiten zu hören, die sich im Sprechgesang wieder und wieder wiederholen.

Irrlichter: Wer stört unsere Kreise? Wer verunglimpft unseren Namen? Wir kriegen euch und das Moor wird euch verschlingen.

Plötzlich sind überall um sie herum im Moor kleine Lichter zu sehen. Die Kinder schauen sich um und bemerken, dass Susanne und Julia verschwunden sind. Sie stehen allein im Moor.

Frieda: Wo sind sie denn hin?

Sophia: Ich hab Angst.

Frieda: Los kommt, haun wir ab.

Die Kinder gehen zusammengedrängt in die Richtung, aus der sie gekommen sind, doch von allen Seiten tauchen schwarz und braun vermummte Gestalten mit gruseligen Gesichtern auf, die sie nicht durchlassen und sie umringen. Als sie sie umstellt haben, nehmen alle gemeinsam die Masken ab. Es sind die Ferienkinder. Klara baut sich vor den verängstigten Dorfkindern auf.

Klara: Na, wer hat jetzt wen reingelegt?

Keine Antwort.

Klara: Wo ist Tine?

Frieda: Woher sollen wir das wissen?

Tim: Na ihr habt sie doch entführt.

Sophia: Haben wir nicht.

Klara (hält ihnen den Erpresserbrief vor die Nase): Der Brief ist nicht von euch?

Frieda: Wir wissen nicht, wo sie ist. Der Brief war nen Witz. Ihr habt doch selbst gelesen und überhaupt – ihr habt ihre Geschichte doch auch nicht geglaubt.

Tim: Bis sie verschwunden ist. Also, wo ist sie?

Stille.

Frieda: Tine ist noch immer nicht wiedergekommen?

Klara: Nein.

Betretenes Schweigen.

Annika: Moment mal. Hab ihr nur den Brief geschrieben oder auch noch einen an ihre Eltern?

Katinka (kleinlaut): Nur den.

Annika: Dann ist sie wirklich entführt worden.

Die anderen schauen sie fragend an.

Annika (ein wenig kleinlaut): Ich wollte … ich fand … ich wollte ihre Eltern einweihen und bin zu ihrem Zelt gegangen. Da hab ich ein Gespräch belauscht, in dem von einem Erpresserbrief die Rede war. Einem anderen, an ihre Eltern und …

Klara: … das bedeutet, dass sie tatsächlich wirklich richtig entführt worden ist.

Stille.

Frieda: Das tut uns wirklich schrecklich Leid mit dem Streich.

Julina: Wir müssen irgendwie den zweiten Brief lesen.

Tim: Wir? Heißt das, ihr helft uns?

Frieda: Ja.

Frieda hält Klara die Hand hin. Diese schlägt ein.

Susanne: Prima. Auf zum Zeltplatz. Ich muss sowieso in neue Klamotten schlüpfen.

Die anderen nicken und machen sich schweigend auf den Weg.

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IRRLICHTER – Szene 5

Auf dem Weg zurück zum Zeltplatz schlendern die Kinder nachdenklich nebeneinander her.

Kathrin: Ich wette, die Kinder aus dem Dorf haben den Brief geschrieben.

Mara: Warum? Das ergibt doch keinen Sinn.

Kathrin: Du hast es doch selbst gehört. “Das ist unser Haus. Je weniger Feriengäste, umso besser.”

Julia: Ich glaub nicht, dass Kinder so was tun würden.

Kathrin: Ich schon.

Annika: Und jetzt?

Klara: Wir tun, was in dem Brief steht. Eine andere Spur haben wir nicht.

Annika: Das kann sehr gefährlich werden.

Susanne: Dann sollten wir einen guten Schlachtplan parat haben.

Tim schaut nochmal auf den Brief.

Tim: Irrlichter? (überlegt) Wie erschreckt man Moorgeister? ….

Fleur hat inzwischen etwas auf dem Fußboden entdeckt und hebt es auf. Es ist ein kleines Büchlein.

Fleur: Hey, schaut mal.

Fleur zeigt das Buch den anderen. Tim erkennt es sofort.

Tim: Tines Tagebuch.

Kai: Zeig mal.

Fleur gibt Kai das Tagebuch. Kai blättert es aufmerksam durch.

Kai: Scheint nichts Interessantes drin zu stehen.

Tim nimmt ihm das Buch aus der Hand und schaut es ebenfalls durch. Dann schüttelt er  enttäuscht den Kopf. Auf der letzten Seite hält er erstaunt inne.

Tim: Was ist das?

Die anderen schauen ebenfalls neugierig auf die Seite.

Hanna: Das ist doch nur Gekritzel.

Tim: Nein, ist es nicht. Aber ich kann das kaum lesen. Was heißt denn das?

Frederike: Seekale, Seekole oder so ähnlich?

Nele: Das heißt Seemole. Klingt wie ein Ortsname hier in der Gegend. Moment, bin gleich wieder da.

Nele springt auf und kommt kurze Zeit später mit einer Karte und einem kleinen Büchlein zurück.

Nele: Tata! Ortsplan und Telefonbuch.

Sie klappen die Karte auf und suchen auf der Karte und im Telefonbuch fieberhaft nach den Namen. Schließlich schauen sie sich enttäuscht an.

Kai: Nirgendwo eine Seemole.

Mara: Hier auch nicht.

Kathrin: Versteh ich nicht, das muss doch ein Ort sein.

Klara (klappt entschlossen das Telefonbuch zu): Oder auch nicht. Darüber können wir uns später den Kopf zerbrechen. Wir haben noch viel zu tun bis Mitternacht.

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IRRLICHTER – Szene 4

Die alte Strandsauna in den Dünen. Hanna verfolgt eine Spur im Sand. Sie schaut auf und entdeckt das Haus. Ein Pfiff durch die Zähne. Vorsichtig geht sie um das Haus herum.

Hanna (ruft laut): Hey, kommt mal hierher. Ich hab was gefunden.

Die anderen Kinder kommen angerannt und betrachten die Strandsauna von allen Seiten.

Frederike: Eine Strandsauna.

Hanna: So, wie’s aussieht, steht sie leer.

Nele: Leise. Vielleicht is jemand drin.

Kai drückt die Klinke herunter und öffnet die Tür. Sie knarrt entsetzlich.

Hanna (triumphierend): Die Tür ist offen.

Alle Kinder schleichen in das Innere des Hauses und durchkämmen sämtliche Räume. Dann treffen sie sich im Flur wieder.

Klara (flüstert): Habt ihr was gefunden?

Die Kinder schütteln den Kopf.

Mara: Da waren wir noch nicht.

Mara zeigt auf eine Tür. Sie gehen hindurch und kommen in einen Raum, der vor kurzem benutzt worden zu sein scheint. Hier finden die Kinder zerschnittene Zeitungen, Schere und Klebstoff.

Kai: Schaut mal.

Die anderen werfen einen Blick auf die Zeitungen und schauen dann automatisch über ihre Schulter zur Tür.

Fleur (flüstert): Ob er noch da ist?

Kathrin: Woher weißt du, dass es ein ER ist?

Eine Tapetentür hinter ihnen geht auf. Eilika kommt hindurch.

Eilika (laut): Was macht ihr hier?

Die Ferienkinder schrecken zusammen und schauen sich um. Als sie sehen, dass es sich um ein Kind handelt, seufzen sie erleichtert.

Mara: Wir, äh, wir … weißt du, wer hier die Zeitungen so zerschnitten hat?

Eilika (spöttisch): Kein Ahnung.

Die anderen Dorfkinder kommen hinter dem einen durch die Tapetentür und bauen sich bedrohlich vor den Ferienkindern auf.

Mara schaut irritiert in die feindseligen Gesichter. Klara kommt ihr zu Hilfe.

Klara: Ehm, es ist nämlich … wir suchen ein Mädchen. Sie ist verschwunden …

Melanie: Hier ist sie nicht.

Frederike: Der Erpresserbrief …. er wurde aus Zeitungsbuchstaben zusammengestückelt.

Hanna: Könnt ihr uns vielleicht helfen, das Mädchen zu suchen?

Petra: Nein. Wir haben niemanden gesehen und auch kein kleines Mädchen. Und es wäre besser, wenn wir euch auch gleich nicht mehr sehen würden. Das ist unser Haus. Nur so nebenbei – verschwundene Feriengäste interessieren uns nicht, im Gegenteil, umso mehr umso besser.

Klara: (sauer) Wisst ihr, vielleicht sollte euch so was mal passieren, damit ihr mitreden könnt. Obwohl – sone Zimtzicken will wahrscheinlich eh niemand haben. (zu den anderen) Kommt wir gehen. Das war reine Zeitverschwendung.

Die Ferienkinder ab.

Die Dorfkinder brechen in Gelächter aus.

Sophia: Au weia. Wie kann man nur so’n Quatsch glauben.

Petra: Ist doch cool. Vielleicht kommen sie ja sogar wirklich ins Moor. Dann müssen wir uns ne gute Überraschung überlegen.

Fee: Ich wüßt schon was.

Melanie: Und was is nun mit dem komischen Mädchen? Is die jetzt wirklich verschwunden?

Petra: Is doch egal. Je länger sie wegbleibt, umso lustiger wird‘s.

Sophia: Wahrscheinlich is sie weggelaufen.

Frieda: Wirklich egal. (zu Fee) Los erzähl.

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IRRLICHTER – Szene 3

Auf dem Zeltplatz.

Erzähler: Am nächsten Morgen treffen sich die Kinder wieder. Es ist strahlend blauer Himmel. Keine einzige Wolke ist zu sehen.

Susanne, Frederike, Felix, Mara und Tim sitzen zwischen den Zelten und spielen. Klara und Fleur kommen hinzu.

Klara: Hi, hab ihr Tine irgendwo gesehen?

Susanne: Nicht seit gestern Nachmittag, warum?

Klara: Ihre Eltern haben mich gefragt, ob sie bei einem von uns geschlafen hat. Sie ist gestern Abend nicht zurückgekommen.

Susanne: Komisch.

Frederike: Na, ein bisschen komisch war sie ja sowieso, oder?

Mara: Vielleicht ist sie ausgerissen.

Felix: Ich könnt das nicht. Ich würd spätestens nach zwei Stunden vor Hunger sterben.

Tim: So schnell stirbt man nicht.

Julina kommt mit einem Fahrrad und einem Postkorb auf den Platz zwischen den Zelten gefahren.

Hanna: Schaut mal, da kommt die Post.

Alle Kinder stehen auf, rennen zum Fahrrad und umringen Julina. Weitere kommen dazu.

Julina nimmt professionell einen Fächer Briefe in die Hand und liest nacheinander die Namen vor.

Julina: Fuchs?

Tim: Das ist für uns.

Der Brief wechselt den Besitzer. Tim läuft mit dem Brief zum Zelt seiner Eltern.

Julina: Müller?

Felix: Hier.

Nele: Hier.

Beide lachen. Julina kann sich das Lachen grade so verkneifen und macht weiterhin ein professionelles Gesicht.

Julina: Waltraud Müller.

Nele: Das ist meine Mutter.

Der Brief wechselt den Besitzer.

Felix: Deine Mutter heißt Waltraud?

Nele zuckt mit den Schultern, will sich zum Gehen wenden, bleibt aber stehen und schaut Julina weiter interessiert zu.

Julina hält noch einen Brief in der Hand. Sie dreht und wendet ihn, räuspert sich und spricht betont langsam.

Julina: Auf dem hier steht … nun ja, ich glaub, der is für euch.

Klara: Ich nehm ihn.

Julina übergibt den Brief, nimmt ihr Fahrrad und radelt schnell davon.

Klara schaut sich den Brief von allen Seiten an. Die anderen Kinder scharen sich um sie und bestürmen sie alle gleichzeitig.

Kathrin: Lass sehen.

Kai: Was steht drauf?

Frederike: Zeig doch mal her.

Klara: Komisch.

Nele: Was ist?

Klara: Schaut mal, was da drauf steht: An die Kinder vom Zeltplatz. In ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben? Welcher Depp macht denn so was?

Klara reißt den Brief auf.

Annika: Darfst du das denn überhaupt?

Klara: Der Brief ist doch für uns, oder?

Sie nimmt den Brief heraus und liest ihn. Die anderen recken die Hälse, um auch etwas sehen zu können.

Als sie fertig ist mit Lesen, senkt sie das Blatt Papier und steht wie vom Donner gerührt da.

Klara: Ach du meine Scheiße.

Julia: Das sagt man doch nicht.

Fleur: Meine Mutter sagt immer –

Klara: Haltet mal die Klappe und hört zu. Hier steht:

Wir haben Tine. Wenn ihr sie wiederhaben wollt, kommt um Mitternacht ALLEIN zur dicken Eiche im Moor. Dort findet ihr weitere Anweisungen. Gez. die Irrlichter

Stille. Alle setzen sich langsam in einen Kreis.

Kathrin: Hätten wir sie nicht ausgelacht, wär sie nicht …

Klara: … fortgelaufen und …

Mara: … den beiden komischen Verfolgern direkt in die Arme.

Tim (entschlossen): Wir bringen das wieder in Ordnung.

Annika: Sollten wir den Brief nicht ihren Eltern zeigen?

Tim: Und was sollen wir ihnen sagen? Tut uns ja leid, wir sind schuld daran, dass Ihre Tochter gekidnappt wurde? Nein, ich denke, wir müssen das allein wieder gutmachen.

Annika: Können wir das denn?

Die anderen Kinder nicken zustimmend. Annika bleibt skeptisch, doch die anderen stecken enthusiastisch die Köpfe zusammen.

Susanne: Also ich finde, wir sollten uns zunächst in den Dünen umschauen.

Klara:  Am besten, wir teilen uns auf und durchkämmen die Gegend.

Tim: Ok, los kommt.

Die Kinder rennen davon. Annika bleibt als einzige stehen.

Annika (zu sich): Also ich weiß nicht. (dann plötzlich entschlossen) Ich geh jetzt zu ihren Eltern und erzähl ihnen alles.

Sie wendet sich und geht zu einem der Zelte. Als sie eintreten will, hört sie von innen ein lautes Gespräch, was sie innehalten lässt. Sie lauscht.

Mutter: Was willst du nun tun?

Vater: Nichts. Hier steht, dass die Entführer Tine nichts tun werden, solange ich mich an ihre Anweisungen halte. Sobald die Zulassung durch ist, lassen sie sie frei.

Mutter: Du willst die Zulassung befürworten?

Vater: Ich bin kein Held und meine Tochter keine Märtyrerin. Ich geh jetzt wieder an die Arbeit.

Annika schleicht sich, ohne das Zelt betreten zu haben, leise wieder davon.

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IRRLICHTER – Szene 2

Kai schlendert vom nahegelegenen Zeltplatz durch die Dünen und trifft auf Kathrin und ihre kleine Schwester Julia, die aus der anderen Richtung kommen. Kai trägt einen Buddeleimer mit Wasser, Kathrin ein aufblasbares Gummikrokodil.

Kai: Hi.

Kathrin: Hallo.

Kai: Kommt ihr auch vom Zeltplatz?

Kathrin nickt.

Kathrin (zeigt auf den Eimer): Was ist das?

Kai: Oh, ich sammel Quallen. Willst du mal gucken?

Kathrin schüttelt sich. Kai lacht.

Kai: Ich bin Kai.

Kathrin: Kathrin. Das ist meine Schwester Julia und das (mit einer Geste auf das Krokodil) ist Wasti.

Mara tritt hinzu. Sie hat einen Ball in der Hand.

Mara: Hi.

Kai (dreht sich um): Hallo.

Mara: Habt ihr Lust, Ball zu spielen?

Julia: Klar.

Sie beginnen zu spielen.

Tim, Annika und Susanne kommen in die Dünen und beginnen unweit der Ballspielenden mit großen Schaufeln eine Wasserburg zu bauen.

Beim Versuch einen sehr hohen Ball zu fangen, tritt Kathrin aus Versehen die gerade fertiggestellte Burg kaputt.

Tim: Hey, passt doch auf.

Kathrin: Tschuldiung.

Mara: Eigentlich waren wir zuerst hier.

Susanne: Der Strand ist doch wohl für alle da.

Julia: Ich helf euch, die Burg wieder aufzubauen.

Alle bauen gemeinsam die Burg wieder auf. Sie wird größer und schöner als beim ersten Mal.

In der Zwischenzeit kommen noch weitere Kinder vom Zeltplatz. Tine kommt als letzte, setzt sich etwas entfernt in den Sand und nimmt ihr Tagebuch und einen Stift. Doch statt zu schreiben, beobachtet sie die anderen.

Susanne dreht sie um, sieht Frederike und begrüßt sie.

Susanne: Hey.

Frederike: Hi, auch wieder hier?

Susanne: Klar, jedes Jahr. Meine Eltern sind Gewohnheitstiere. (zu den anderen) Lust auf Münchhausen?

Kai: Was ist denn das?

Susanne: Ein Ballspiel. Jeder, der den Ball bekommt, muss etwas über sich erzählen. Wenn der nächste glaubt, dass es falsch war, darf er Einspruch erheben. Liegt er richtig, scheidet der Lügner aus. Liegt er falsch, scheidet er selbst aus. Wer als letzter übrig bleibt, ist Münchhausen.

Kathrin: Klingt cool.

Die Kinder stellen sich auf und beginnen zu spielen. Tine schreibt in ihr Tagebuch.

Mara: Ich komme aus Karlsruhe.

Susanne: Ich heiße Susanne.

Tim: Ich war schon mal im Himalaya.

Kai: Das stimmt nicht.

Tim (grinst): Stimmt. Ich wollt mich mal in die Sonne legen.

Kai (lacht): Faulpelz. Ich geh schon aufs Gymnasium.

Kathrin: So alt bist du? Na gut, ich glaub’s mal.

Kai grinst.

Kathrin: Ich hab ein Pferd namens Pizza.

Frederike: Glaub ich nicht.

Julia: Stimmt aber trotzdem.

Hanna: Cool.

Tim hat in der Zwischenzeit Tine bemerkt, die wieder die anderen beobachtet anstelle zu schreiben, und geht auf sie zu.

Tim: Hi. (streckt ihr die Hand entgegen) Willst du auch mitspielen?

Tine (schaut zu Boden): Über mich gibt‘s nix zu erzählen.

Tim: Das glaub ich nicht.

Tine (überlegt einen Moment und nickt dann zustimmend): Ich bin Tine.

Tim nimmt Tines Hand und zieht sie hoch.

Tim: Ich bin Tim.

Gemeinsam gehen sie in den Kreis. Annika macht Tine Platz.

Annika: Komm neben mich.

Tim will sich auch daneben stellen.

Annika: Ey, du mogelst. Du warst doch schon ausgeschieden.

Tim schmollt. Der letzte wirft Tine den Ball zu.

Tine: Ehm, ich, ich … die Ferien hier sind toll.

Tine bricht in Tränen aus und verlässt den Kreis wieder. Die anderen hören auf zu spielen und scharen sich um sie.

Mara: Was ist denn los?

Tine: Nix.

Hanna: Davon heult man ja wohl nicht.

Tine: Na gut. Ich werd schon die ganze Zeit von zwei so komischen Typen verfolgt. Ich glaub … die wollen mich …. kidnappen oder so.

Sie schaut hilflos in die Runde.

Kai: Meinst du nicht, dass du dir das nur einbildest?

Tine schüttelt energisch den Kopf.

Kai: Also, ich glaub dir ja. Aber mal ehrlich … wir sind hier an der Ostsee und nicht in Südamerika.

Tine: Ich hab eben so ein Gefühl.

Kathrin: Hast du es deinen Eltern schon erzählt?

Tine: Die haben im Moment anderes im Kopf.

Klara: Was können sie in den Ferien schon groß zu tun haben?

Tine: Papa arbeitet gerade an einer kniffligen Studie für die Zulassung eines neuen Medikaments und Mama hat auf die Reise bestanden. Nun arbeitet er also hier weiter und Mama meckert darüber. Für mich bleibt da keine Zeit.

Tim: Du hast einfach zu viele Krimis geguckt.

Tine: Nein.

Susanne: Deine Eltern sind doch nicht reich oder so? Ich mein, warum sollte jemand ausgerechnet dich entführen wollen?

Tine (zuckt mit den Schulter): Nein. Keine Ahnung.

Kathrin: Du siehst Gespenster.

Tine bricht wieder in Tränen aus.

Tine: Ach lasst mich doch in Ruhe.

Tine packt ihr Buch und ihren Stift in ihre Tasche und rennt in die Dünen davon.

Inzwischen hinter den Dünen.

Maria (flüstert zu Frieda, die neben ihr hockt): Kommt mit.

Maria winkt unbemerkt von den Ferienkindern den anderen. Sie folgen Tine.

Die Ferienkinder stehen wie vor den Kopf geschlagen da.

Kai: Komisches Mädchen.

Klara (zuckt mit den Schultern): Spielen wir weiter?

Mara: Ich mag nicht mehr. Gehen wir schwimmen?

Tim (nickt): Wer zuerst im Wasser ist.

Alle Ferienkinder stürmen in Richtung Wasser. Die Spielsachen bleiben liegen.

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IRRLICHTER – Szene 1

Dünen an der Ostsee. Im Hintergrund hört man das Rauschen der Wellen. Ein paar Kinder sitzen im Kreis. Es ist Nachmittag. Die Sonne brennt heiß vom Himmel herunter.

Erzähler: Wir befinden und in den Dünen eines kleinen Ostseebades. Wie jeden Sommer ist zurzeit Hochsaison. Der nahegelegene Zeltplatz sowie jedes Bett im Ort sind ausgebucht. Auch die Kinder, die hier im Ort wohnen, haben Sommerferien. Sie verbringen ihre Freizeit fernab vom Ferienrummel an einsamen Orten und in geheimen  Schlupfwinkeln und sind auf keinen Fall bereit, diese Geheimnisse mit irgendwelchen Feriengästen zu teilen.

Einige der DORFKINDER sitzen im Kreis im Sand.

Petra: Was ist denn los?

Frieda: Nu erzähl schon!

Julina (seufzt): Ihr wisst doch, dass der Petersen, der Besitzer vom Zeltplatzes da drüben, ein alter Griesgram ist. Jeden Tag hat er etwas anderes zu meckern. Heute ging es darum, dass ich die Post für die Feriengäste hätte früher bringen sollen. Einige der Urlauber hätten sich beschwert. (macht den Zeltplatzbesitzer nach) Der Gast ist König. Saublöd. Und das nur wegen dem bisschen Taschengeld.

Frieda: Mach’s doch einfach nicht mehr.

Julina: Geht nicht. Ich will doch endlich nen eigenes I-Pad haben. Und meine Eltern geben höchstens was dazu.

Katinka: Mach dir nix draus. Bei uns im Laden beschwert sich andauernd einer. Zu lange Schlangen, zu viele Körner auf den Brötchen, zu wenige Körner auf den Brötchen, zu hohe Preise, was weiß ich … irgend nen Grund gibt es immer.

Victoria: Feriengäste sind die Pest.

Katinka: Ich krieg noch nicht mal Geld dafür, dass ich meinen Eltern helfe!

Petra: Warum treffen wir uns eigentlich HIER?

Maria: Sie haben die Seekate gesperrt. Wegen Einsturzgefahr.

Frieda: Ehrlich?

Maria (nickt): Bei dem Sturm im letzten Winter ist doch ein weiteres Stück von der Klippe abgebrochen.

Fee: Mist. Und wo schlagen wir dann diesen Sommer unser Hauptquartier auf?

Vom nahegelegenen Zeltplatz sind Kinderstimmen zu hören. Julina verdreht die Augen.

Julina: Die vom Zeltplatz sind eindeutig die Nervigsten.

Maria: Die ehemalige Strandsauna hier in der Nähe steht leer und zum Verkauf.

Petra: In unserer Pension ist es schlimmer. (macht die sich beschwerenden Feriengäste nach) Da ist ein Fleck auf dem Tisch. Die Tapete ist zu blau. Das Bett ist zu weich, der Strand drei Schritte zu weiter und ihre Kinder … stören. Zu laut, zu dreckig und überhaupt.

Victoria: Da ist aber abgeschlossen.

Petra (irritiert): Was? Unsere Pension?

Victoria: Nee, die alte Strandsauna.

Maria holt einen Schlüssel aus der Hosentasche und wirft ihn in die Mitte.

Maria: Kein Problem mit einer Immobilienmaklerin als Mutter.

Frieda: Klasse. (zu Petra) In unserer Pension benutzen die Ferienkinder sogar unser Spielzeug im Garten. Meine Eltern finden das super. Das Plus im Reiseprospekt.

Julina (nickt): Der Petersen gibt den Feriengästen auch immer Recht. Sie sind unser
Einkommen, also dürfen sie machen was sie wollen.

Eilika: Bei uns auf dem Markt sind die Leute eigentlich immer nett.

Frieda: Kunststück. Gäste kaufen eben nicht selbst Butter und Käse ein.

Katinka: Nee, die lassen sich bedienen.

Eilika: Dafür bezahlen sie ja auch Geld.

Petra: Gibt ihnen das das Recht, sich zu benehmen, als hätten sie den ganzen Ort gekauft?

Victoria: Eigentlich müsste man mal irgendwas machen, das ihnen klarmacht, dass das Dorf UNS gehört. Die sollen froh sein, dass wir sie an UNSEREM Strand baden lassen.

Die anderen lachen.

Julina: Seid mal still. Ich hör was.

Die Kinderstimmen vom Zeltplatz kommen näher.

Maria: Schnell weg.

Die Kinder springen auf und verstecken sich hinter den Dünen.

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