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Der kleine Tiger mag nicht streiten

Hallo ihr Lieben,

hier kommt eine Geschichte für größere Kindergartenkinder oder kleine Grundschulkinder über den ersten Tag des kleinen Tigers in der Schule. Dort trifft er auf eine sehr streitsüchtige Ziege, doch der kleine Tiger mag nicht streiten …

Viel Spass beim Lesen!

Eure Patricia

Der kleine Tiger mag nicht streiten

Der kleine Tiger kommt in die Schule. Er hat ein wenig Angst. Alles ist neu und er kennt niemanden. Im Klassenzimmer setzt er sich auf einen leeren Platz und beobachtet, wie sich eine kleine Giraffe und ein Ziegenkind streiten:
„Du doofe Ziege!“ sagt die kleine Giraffe.
„Du Langhalsaffe!“ meckert die kleine Ziege.
„Hornungeheuer!“ ruft die kleine Giraffe.
„Fleckenteufel!“ brüllt die kleine Ziege.
„Böckchen!“ schreit die kleine Giraffe.
„Baumlutscher!“ kreischt die kleine Ziege.
Die Giraffe grinst die kleine Ziege an. „Heulsuse!“ sagt sie ganz ganz leise.
Der kleinen Ziege kommen die Tränen vor Wut. Sie haut die Giraffe. „Gar nicht!“ schreit sie außer sich vor Wut.
Die Giraffe weicht aus und lacht.
Die Lehrerin, Frau Bär, kommt herein. „Was ist denn hier los? Wer hat angefangen?“
„Sie!“
„Sie!“
Beide Kinder zeigen aufeinander. Die kleine Giraffe grinst noch immer.
Der kleine Tiger muss unwillkürlich auch kichern. Worum ging es eigentlich bei dem Streit?
Die Lehrerin schaut streng. “Ihr setzt euch augenblicklich auseinander. Du dort und du da.“ Sie zeigt mit der Tatze auf den Platz neben dem kleinen Tiger.
Die kleine Giraffe mault. „Ich will mich nicht neben jemanden setzen, den ich nicht kenn. Mit Zora war ich im Kindergarten.“
„Umso schlimmer“, antwortet Frau Bär und zeigt unerbittlich mit der Tatze auf den Platz neben dem kleinen Tiger.
Ihm wird ein wenig mulmig. Was ist, wenn die Giraffe auch Streit mit ihm anfängt? Er hasst Streit und er ist nicht gut darin.
Mit bockigem Gesicht setzt sich die kleine Giraffe neben ihn.

Im Unterricht versucht die kleine Giraffe dem kleinen Tiger den Stift wegzunehmen. Er hält fest. Er ist ein Tiger und stärker als sie. Trotzdem mag er das nicht. Was will sie? Er steckt den Stift in seine Tasche. Die Giraffe angelt nach seiner Tasche.
„Macht das dir Spaß?“, flüstert er leise.
Die kleine Giraffe grinst. „Ja“, flüstert sie zurück.
Der kleine Tiger legt seine Pranke auf die Federtasche. „Ich mag Streiten gar nicht. Das ist doof. Magst du in der Pause mit mir Fangen spielen?“ Er überlegt einen Moment, dann hält er ihr seine Pranke hin. „Ich bin Toby und wie heißt du?“
Die kleine Giraffe schaut ihn verblüfft an. „Warum wirst du nicht böse?“ fragt sie verwundert.
„Ich bin nicht gerne böse“, antwortet Toby.
Die kleine Giraffe überlegt. „Du bist komisch und ich bin Gina“, sagt sie und reicht ihm ihren Huf.

Toby und Gina gegen gemeinsam auf den Schulhof. Im Flur wird Toby von einem kleinen Löwen angerempelt, der eine Klasse höher ist. Toby reagiert nicht, aber Gina.
„Hey du Langhaarkätzchen! Mach das nicht nochmal, sonst kriegst du es mit mir zu tun, ja?“
Der kleine Löwe dreht sich um. „Ach ja?“ Er baut sich vor Gina auf. „Und was willst du tun?“ fragt er.
„Ich leg dich aufs Kreuz“, antwortet Gina und schon sind die beiden in den tollsten Ringkampf verwickelt. Schnell liegt der kleine Löwe auf dem Rücken.
Frau Bär kommt angelaufen und trennt sie. „Gina! Du bist den ersten Tag hier und bist schon wieder in einen Kampf verwickelt. Musst du immer streiten? Du bleibst in der Pause drin.“ schimpft sie.
Das ist doch ungerecht, denkt Toby. Er zupft Frau Bär am Ärmel. „Frau Bär, Gina hat nicht angefangen. Sie wollte mich verteidigen, weil der kleine Löwe mich geschubst hat, absichtlich.“
„Stimmt das?“ Frau Bär sieht die drei prüfend an. „Gut, dann ab in die Pause mit euch und keinen Streit mehr!“
Gina und Tony rennen Huf in Pranke davon. „Du darfst dir das nicht gefallen lassen“, sagt Gina zu Toby, „sonst macht er das immer wieder.“

Auf dem Schulhof spielen Toby, Gina und Zora, die kleine Ziege, Fangen. Sie rennen, bis ihnen die Zungen aus dem Hals hängen. Doch der Löwe aus der zweiten Klasse hat seine Niederlage nicht vergessen. Mitten im Lauf rennt er sie um.
Gina fällt hin und schlägt sich das Knie auf. Sie weint. „Du Blödmann!“ schluchzt sie.
Toby und Zora kommen angelaufen. Toby legt den Arm um Gina.
„Selber blöd“, antwortet der kleine Löwe. „Wer Streit anfängt, bekommt es eben zurück.“
Jetzt ist Toby wütend. Hört das denn nie auf? Er knurrt bedrohlich: „Gina ist meine Freundin. Lass sie in Ruhe!“
Der kleine Löwe zuckt mit der Schulter. „Wenn sie mich in Ruhe lässt?“ entgegnet er.
Toby sucht Ginas Blick.
Gina erwidert seinen Blick. „Nur wenn du uns in Ruhe lässt.“
Der kleine Löwe nickt. „Gut, aber ich werd nicht mit dir reden.“
Gina hält ihm ihren Huf hin. „Ich auch nicht.“
Der kleine Löwe schlägt ein. „Abgemacht.“
Toby lacht. „Ihr seid vielleicht komisch.“

Im Klassenzimmer sagt Gina zu Toby. „Du kannst ja doch sauer werden.“ Toby grinst. „Manchmal ist es eben nötig, aber meistens nicht.“

Lilli begegnet den Ponies

Hier eine Geschichte, die für ein Bilderbuch für die ganz Kleinen (Zwei- bis Dreijährige) gedacht ist und eine Frage. Gibt es jemanden, der Lust hätte, zu der Geschichte Bilder zu malen (ich kann das leider aufgrund Talentlosigkeit nicht)? Ich würde sie mit der Geschichte veröffentlichen …

 

Lilli begegnet den Ponies

 

Mama und ihre große Schwester Susanne gehen mit Lilli zu den Ponys. Lilli liebt Ponys.

Susanne bindet ihr Pony Max zum Putzen an. Lilli läuft auf Max zu. Sie will ihn streicheln.

Max ist groß. Er senkt den Kopf und schnuppert. Dann schnaubt er.

Mit einem Satz springt Lilli zurück und klammert sich an Mamas Bein. Mama nimmt sie auf den Arm.

Lilli streichelt Max Nase. Max beginnt zu knabbern. Schnell zieht Lilli die Hand weg.

Susanne hat eine Idee. Sie nimmt Lilli und setzt sie auf Max Rücken. Jetzt ist Lilli groß.

Sie streichelt den warmen Hals, lehnt sich nach vorn und umarmt Max.

 

Warum nicht?

Hallo ihr Lieben! Hier eine Geschichte für Kindergartenkinder. Die kleine Julie fragt nicht nur ständig „Warum?“, sondern andauernd „Warum nicht?“ und das ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten …. Aber lest einfach selbst. Viel Spass!

 

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Warum nicht?

Julie ging mit Mama an der Hand vom Kindergarten nach Hause. Jeden Tag liefen sie denselben Weg. Die Sonne schien und versprach einen schönen Nachmittag. Das Grundstück vor ihnen trennte ein niedriger Zaun vom Gehweg. Dahinter im Garten lag ein kleiner privater Spielplatz. Er sah aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Eine rote Schaukel baumelte im Wind. Der kleine Sandkasten war mit einer Plane abgedeckt und die Tür eines Miniaturhäuschens hing windschief in den Angeln. Julie hatte schon immer auf diesen Spielplatz gewollt, aber immer war das Gartentor fest verschlossen gewesen. Doch an diesem Tag stand es weit offen.

Wie ein Wirbelwind spurtete sie den Weg entlang und bevor Mama es verhindern konnte, war sie durch das verrostete Gartentor in den Garten gehüpft.
„Julie! Das macht man doch nicht!“ Mama hechtete hinterher und blieb am Gartenzaun stehen. „Julie, komm sofort wieder zurück!“
Julie drehte sich mit unschuldiger Miene um und schaute Mama mit großen Augen an. „Warum nicht?“
Mama seufzte. „Komm bitte da raus. Die Leute wollen sicher nicht, dass du in ihrem Garten spielst.“
„Warum nicht?“, wiederholte Julie noch einmal.
Mama stöhnte. „Weil … weil sie vielleicht ihre Ruhe haben wollen?“
„Aber hier ist doch gar keiner da.“
Mama verdrehte die Augen. „Nein, schon, aber … aber der Garten gehört doch jemandem.“ Sie holte tief Luft und hub an zu erklären. „Schau mal, Julie, du willst doch auch nicht, dass jemand mit deinem Kuschelhasen spielt, wenn du im Kindergarten bist, oder? Obwohl du nicht da bist.“
Julie überlegte einen Augenblick, dann hellte sich ihre Miene auf. „Wir fragen einfach. Das machen wir im Kindergarten auch so.“
Und bevor Mama es verhindern konnte, war sie schon zur Tür gehüpft und hatte auf den Klingelknopf gedrückt. Mama hastete hinterher.

In diesem Moment öffnete eine ältere Dame und schaute Julie erstaunt an.
„Darf ich in deinem Garten spielen? Der ist so schön“, platzte Julie heraus. Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Blick älteren der Dame wanderte zu dem offenen Gartentor und dann wieder zurück zu dem Kind. Dann lächelte sie. „Oh, da habe ich wohl das Gartentor offen stehenlassen, aber du darfst. Es war lange mehr kein Kind in meinem Garten.“
Julie strahlte. „Danke!“ und flitzte zu der etwas rostigen Schaukel. Sie schwang sich darauf und schaukelte wild hin und her.
Mama warf der Dame einen entschuldigenden Blick zu, während diese zum Tor ging, um es zu schließen. „Es tut mir furchtbar leid, dass wir Sie gestört haben. Das wollte ich wirklich nicht, aber … aber ich war einfach nicht schnell genug.“
Die Dame lächelte. „Aber das macht doch nichts. Ich freue mich.“
Julie war inzwischen von der Schaukel gehüpft und rannte wieder auf die beiden zu. Neugierig schaute sie der alten Dame ins Gesicht. „Wie heißt du?“ fragte sie.
„Sie, es heißt Sie“, flüsterte ihre Mutter dazwischen.
„Ich heiße Margarete und du?“
„Julie. Buddelst du mit mir?“
Die Dame lächelte. „Nein, Kleine. Ich bin gerade am Backen, aber wenn du noch eine kleine Weile hier bist, dann bekommst du nachher ein Stück frischgebackenen Apfelkuchen.“
Julie strahlte sie an. „Fein, dann backe ich dir in der Zwischenzeit auch einen Sandkuchen und wir tauschen“, und – schwupps – war sie wieder verschwunden.
Mama wehrte ab. „Aber das ist wirklich nicht nötig.“
Margarete schaute sie verschmitzt an. „Warum nicht? Ich habe nicht so oft so lebhaften Besuch. Und wenn mir das offene Gartentor so einen liebreizenden Wirbelwind beschert hat, dann muss man das ausnutzen.“
Nun lächelte auch Mama und ergab sich ihrem Schicksal.

Wenig später saßen alle drei am Gartentisch, tranken Kaffee – oder in Julies Fall Kakao – und aßen Apfelkuchen.
„Du bist total nett“, nuschelte Julie mit vollem Mund.
„Julie, man spricht nicht mit vollem Mund“, ermahnte sie die Mutter.
„Warum nicht?“
„Weil man dich nicht verstehen kann.“
„Ach so.“ Julie schluckte runter. „Könnte aber auch daran liegen, dass du dir nicht die Ohren gewaschen hast, Mama.“
Margarete lachte.
Mama wurde rot. „Daran liegt es ganz bestimmt nicht.“
„So, man kann also mit ungewaschenen Ohren gut hören, aber mit vollem Mund nicht gut sprechen? Da hast du mir gestern Abend aber noch was ganz anderes erzählt!“
Ohne Kommentar aß Mama ihren Apfelkuchen weiter.
Margarete kicherte wie ein junges Mädchen.
Julie sah sie altklug an. „Ist doch unlogisch, oder findest du nicht?“
„Julie, man sagt „Sie“ zu Erwachsenen.“
„Warum?“
„Weil es höflicher ist.“
„Was heißt höflich?“
„Dass man denjenigen nett und freundlich und mit Respekt behandelt.“
„Was ist Respekt?“
„Respekt ist so etwas wie Achtung.“
„Achtung, das kenn ich. Achtung, Achtung eine Durchsage.“ Julie hielt ihre Hände an den Mund wie ein Trichter. „Der Zug nach Düsseldorf hat zehn Minuten Verspätung! Aber wir sind hier doch gar nicht auf dem Bahnhof.“
„Nein.“
Margarete mischte sich ein. „Julie, du bist ein wundervolles, kleines Mädchen und du bist genau so richtig wie du bist. Du bist sehr kostbar und wertvoll – wie ein kleiner Edelstein.“
Über Julies Gesicht ging die Sonne auf. „Das hast du schön gesagt.“
„Das ist Achtung.“
„Du hast aber gar nicht Sie zu mir gesagt.“
„Das ist auch gar nicht notwendig dafür.“
Julie drehte sich zu ihrer Mutter um. „Siehste! Alles Quatsch.“

Auf den Kaffeetassen sah man nur noch den Bodensatz und die Kuchenteller waren bis auf den letzten Krümel leergeputzt.
Julie saß wieder auf der Schaukel und winkte Mama und Margarete zu. „Huhu! Margarete!!! Willst du auch mal schaukeln?“
Margarete schüttelte lachend den Kopf.
Julie sprang mit einem Satz von der Schaukel und lief zum Tisch. Sie zupft Margarete am Ärmel. „Nun komm schon! Ich will, dass du auch mal schaukelst!“
„Ich möchte …“, korrigiert Mama.
Julie sieht sie erbost an. „Ich möchte gar nicht, ich will.“
„Das sagt man aber nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es nicht höflich ist.“
„Schon wieder dieses Wort. Ich dachte, das hätte was mit dem Bahnhof zu tun und nun sagst, man ist höflich, wenn man lügt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber ich sollte doch nicht die Wahrheit sagen. Ist das nicht dasselbe?“
Mama seufzte, wie schon so oft an diesem Nachmittag.

Margarete unterbrach das Gespräch, indem sie aufstand und mit Julie an der Hand zur Schaukel ging. „Ich werde es mal mit dem Schaukeln probieren, aber du musst mich ganz vorsichtig anstoßen, wie bei einem sehr kleinen Kind.“
„Warum?“
„Weil ich schon sehr alt bin und sehr lange nicht auf einer Schaukel gesessen habe.“ Margarete setzte sich auf die rote Schaukel und Julie schubste sie an.
„Warum eigentlich nicht? Die Schaukel steht doch die ganze Zeit bei dir im Garten!“
Margarete lachte. „Ich glaube, es liegt einfach daran, dass allein schaukeln viel weniger Spaß macht als zu zweit.“
Julie nickte. Das konnte sie verstehen. „Dann muss ich eben ganz oft wiederkommen, damit du das Schaukeln wieder lernst.“ Sie unterbrach sich für einen Moment und zog die Nase kraus. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher ein Kind in deinen Garten eingeladen, wenn du nicht gern alleine spielst?“
Unsicher klammerte sich Margarete an den Kettengliedern der Schaukel fest und überlegte. „Ich weißt nicht, ich bin einfach nicht auf den Gedanken gekommen, weil man so etwas im Allgemeinen eben nicht tut.“
Julie grinste. „Wer ist eigentlich dieser komische Mann, der immer allen Leuten die lustigen und spannenden Sachen verbietet?“
Margarete lachte. „Ich weiß auch nicht, aber weißt du, was ich weiß? Ich glaube, du hast Recht. Du solltest sehr bald wiederkommen. Das geht nicht, dass eine so alte Frau wie ich noch nicht einmal schaukeln kann.“
„Nein“, stimmte Julie zu. „Das geht wirklich nicht.“

Mias neuer Freund

Hallo ihr Lieben,

hier kommt wieder eine neue Kurzgeschichte. Diesmal ist sie für Jugendliche, da der Inhalt schon etwas heftigerer Natur ist. Ich hoffe, es gefällt:

Mias neuer Freund

Das Handy klingelte. Cara nahm ab. „Hi, Mia.“
„Hi, Schatzi! Du, ich muss dir unbedingt etwas sagen. Ich bin total verknallt. Seit einer Woche kenne ich ihn und seit gestern fliege ich auf Wolken.“
„Erzähl. Wie heißt er?“
„Er heißt … eigentlich … eigentlich sollte ich gar nichts über ihn erzählen, aber ich konnte nicht anders. Ich glaub, er stellt sich einfach lieber selbst vor. Sagen wir, er heißt Samuel. Du hast einen Namen und er seinen Willen.“
„Das ist dann jetzt nicht sein richtiger Name.“
Mia lachte. „Nee, das hab ich mir grad ausgedacht.“
„Cool, ein Deckname. Wann krieg ich ihn zu sehen?“
„Komm heute Abend ins Almodovar.“

Cara stand bibbernd vor dem Club “Almodovar”. Tiefe Bässe drangen durch die eisenbeschlagene Eingangstür. Nasse Schneeflocken tropften vom Himmel und bildeten eine feuchte Schicht auf Caras fellbesetzter Kapuze. Sie zitterte, aber nicht nur vor Kälte. Der Abend vor drei Tagen mit Mia und ihrem neuen Freund war wahrhaftig nicht so gelaufen, wie Cara sich das vorgestellt hatte und nun stand sie wieder hier und wartete. Nervös schaute sie sich um. Ein großer, dunkel gekleideter Mann stand neben der Eingangstür an einer Mauer und rauchte. Er starrte in die andere Richtung und schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Cara war er trotzdem unheimlich. Erleichtert sah sie Tobi aus der anderen Richtung auf sich zukommen.

Wenig später betraten Cara und Tobi den Club. Tobi war ein guter Bekannter aus der Uni. Außer ihrer Freundin Mia, mit der sie zusammen nach Berlin gezogen war, um hier zu studieren, hatte sie noch keine engen Freunde. Tobi war der einzige, der ihr in ihrer Not eingefallen war. Cara trug einen sexy Minirock, eine passende Bluse und einen breiten Gürtel. An ihren Füßen glitzerten silberne Riemchenschuhe. Ängstlich klammerte sie sich an Tobis Hand. Er legte beruhigend seinen Arm um ihre Schulter und wollte sie zu einer schummrigen Ecke führen, doch sie blieb stehen.
„Dort haben wir am Samstag gesessen. Da will ich nicht hin.“ Stattdessen steuerte sie an einen gut einsehbaren Tisch an der Wand.
„Was willst du trinken?“, fragte Tobi.
„Wodka Red Bull.“
Tobi schaute sie ernst an. „Brauchst du nicht einen klaren Kopf?“
„Ich bin noch nie vernünftig gewesen.“
„Na gut. Ich bin gleich wieder da.“
Tobi ging an die Bar und bestellte. Als er wieder an den Tisch kam, saß Cara in die Ecke gepresst und ließ ihren Blick über die Gäste schweifen.
„Hast du sie gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf.
„Dann erzähl am besten erst einmal von vorne.“
„Du kennst doch Mia, meine beste Freundin?“ Tobi nickte. „Sie trifft sich seit kurzem mit einem Typen. Sie hat ihn in ihren Erzählungen aus Scherz immer Samuel genannt. Angeblich stellt er sich am liebsten allein vor und sie sollte ihm nicht vorgreifen. Vor drei Tagen waren wir hier …“

Cara hatte wie heute vor dem Club gewartet. Eng umschlungen hatten sich Mia und ein extrem gut aussehender Mann genähert. Cara hatte unwillkürlich kichern müssen.
Mia hatte sich aus der Umarmung gelöst und war stürmisch auf Cara zugerannt. „Hallo Schätzchen!“ Bussi auf die eine, dann auf die andere Wange.
Der Mann kam lächelnd hinterher und küsste galant Caras Hand. „Hallo, ich heiße Boris und du musst Cara sein.“
Cara wurde fast ohnmächtig bei diesem Blick.

Einige Stunden später dann saßen Cara, Mia und Boris in eben jener schummerigen Ecke und unterhielten sich angeregt. Die Gläser auf dem Tisch zeigten den Alkoholspiegel. Caras Wangen waren gerötet und sie amüsierte sich prächtig.
„Ich muss mal für kleine Mädchen.“ Mia stand auf und gab ihrem Schatz einen Kuss.

Kaum war sie außer Sichtweite, legte Boris Cara den Arm um die Schulter. „Sag mal, wie wär’s. Hättest du nicht Lust, nach dem Club noch mit zu uns zu kommen?“
Cara sah ihn erstaunt an. „Und ich dachte immer, verliebte Pärchen wollten möglichst allein sein.“
Boris strich ihr über die Wange. „Du bist auch sehr schön.“
Cara schaute ihn misstrauisch an. „Bist du nun Mias Freund, oder nicht?“
„Kannst es dir ja überlegen bis wir gehen.“

Mia kam mit zwei Gläsern in der Hand zurück. „Ich dachte, ich bring noch ein paar Cocktails, aber mehr als zwei konnte ich leider nicht tragen. Schatzi, du musst dir selbst einen holen.“ Sie grinste Boris frech an.
Er lächelte charmant zurück. „Cara hat gemeint, sie würde gerne bei uns übernachten. Damit sie nicht mehr so lange fahren muss in der Nacht.“
Mia sah ihn treuherzig an. „Oh, gut. Das hat sie ja schon öfter gemacht. Kein Problem.“ Sie zwinkerte Cara zu. „Wir machen die Tür zu und werden leise sein, damit wir dich nicht stören.“
Cara lächelte schief zurück. „Ich glaub, ich geh jetzt schon nach Hause. Ich bin ziemlich kaputt.“ Sie stand auf.
Plötzlich hielt Boris sie mit eisernem Griff unter dem Tisch fest. „Ich kann dich nicht allein nach Hause gehen lassen. Das kann ich nicht verantworten. Komm mit.“
Wie eine Schlange entwand sich Cara seinem Griff und rannte ohne ein Wort aus dem Club. Hinter sich hörte sie jemanden aufspringen, doch es war ihr egal.

Cara hatte ihre Erzählung beendet. Sie zitterte wieder und lies ihren Blick unruhig über die Tanzenden schweifen.
Tobi trank sein Glas aus und sah sie nachdenklich an. „Und seitdem hast du sie nicht mehr gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Handy aus, zu Hause geht der AB ran, keine Reaktion auf Klingeln oder Klopfen, sie war nicht in der Uni, keiner den ich frage hast sie gesehen. Und sie hier zu suchen, war ja deine Idee.“
„Hast du die Polizei angerufen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Ich wollte es zuerst irgendjemandem erzählen.“ Sie flüsterte jetzt so leise, dass er sich zu ihr beugen musste, um sie zu verstehen. „Das schlimmste an der Sache ist. Ich hab seitdem das Gefühl, beobachtet zu werden. Siehst du den Typ da?“ Ihr Blick wanderte zu einem unauffällig gekleideten Mann am Rand der Tanzfläche.
Tobis Augen folgten ihrem Blick und er nickte.
„Der hat schon draußen gestanden, als ich auf dich gewartet habe.“
„Ist das Boris?“ Cara schüttelte den Kopf. „Es ist auch nicht immer derselbe. Ich werd schon ganz verrückt.“
Tobi lächelte. „Ich glaub auch. Ich bring dich jetzt nach Hause und morgen früh schau‘n wir weiter. Wir werden Mia schon finden.“

Tobi brachte Cara bis zur Haustür. Vor ihrer Wohnung wurde sie bereits erwartet. Ihr wurden die Hände auf den Rücken verdreht, eine alte Socke in den Mund gestopft und ein Sack über den Kopf gezogen. Alles ging so schnell, dass sie noch nicht einmal schreien konnte. Die Nacht verbrachte sie dann im Laderaum eines klapprigen, alten Lieferwagens. Es war eine kurze Nacht.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Spitze eines Messers sich zärtlich in Caras Seite bohrte. Unaufhaltsam wurde sie die endlosen Gänge des Flughafens entlanggeführt. Sie fühlte sich merkwürdig ruhig. Ihre Gedanken waren glasklar. Sie würde in dem gleichen Flugzeug sitzen wie Mia einige Tage zuvor. Wohin die Reise ging, hatte sie vorhin bei einem Blick auf das Ticket erahnen können. Boris oder wie auch immer er hieß, hielt sie in festem Griff. Flucht war unmöglich. Ihr Handy befand sich ohne Akku in irgendeinem Mülleimer, ihr Ausweis in Boris Tasche. Handy, irgendwo klingelt ein Handy. Boris ließ sie los und griff in seine Tasche. Cara ergriff die Chance und rannte so schnell wie möglich los. In ihrer Jackentasche klapperten ein paar Münzen. Sie hielt sie fest, damit sie nicht aus der Tasche fielen. Was tun? Da vorne in einer Ecke war ein Münztelefon. Telefon. Münzen. Tobi. Das war es.
Mit zitternden Fingern steckte Cara die Münzen in den Automaten und wählte Tobis Nummer.
„Ja?“ kam es verschlafen aus der Leitung.
„Tobi, ich bin am Flughafen, ich werde entführt mit dem Flug nach Amsterdam um 5.42.“
Tobi war mit einem Mal hellwach. „Cara!“
Die wohlbekannte Messerspitze bohrte sich wieder in Caras Rücken. „Ich muss Schluss machen, Samuel wart… „
Eine Hand drückte auf den Hörer. „Unartiges Mädchen“, sagte Boris leise. „Es wird sowieso zu spät sein.“

Runa

Hallo,

hier kommt eine neue Geschichte nach einer Aufgabe in meinem Schreibkurs. Es ging darum, eine Geschichte nach einem Bild zu schreiben. Auf dem Bild war eine Familie mit zwei Kindern beim Picknick zu sehen. Kommentar meiner Studienleiterin dazu war, der Stoff gefiele ihr gut, würde sich aber eher für einen längeren Text eignen. Was denkt ihr?

Guten Rutsch euch allen

Patricia

 

Runa

Ich habe eine besondere Fähigkeit. Wem ich in die Augen schaue, ist mein Freund und zwar so, als sei er es schon immer gewesen. Meist ist das praktisch, doch manchmal nützt es rein gar nichts. Bei meinen Eltern zum Beispiel: Sie haben sich wieder gestritten. Meine Mutter hat meinem Vater ihre Pumps an den Kopf geworfen und er hat sie mit dem Käsemesser bedroht. Wenn ich dann hinter dem Fernsehschrank sitze und heule, schaue ich niemanden an und niemand ist mein Freund. Daher bin ich weggelaufen.Jetzt sitze ich neben meiner Reisetasche auf einem der unteren Äste des Kletterbaums am See und beobachte die Leute. Im See plantschen ein paar Kinder. Eine Dame mit Sonnenbrille bräunt ihren Oberkörper und unter der Trauerweide sitzt eine Familie und picknickt. Die beiden Mädchen lachen und albern. Irgendwie sieht die Familie merkwürdig glücklich aus, auch ein bisschen spießig. Bestimmt sind sie alle langweilig. Oder doch nicht glücklich. Das will ich herauskriegen.

Ich schwinge mich vom Ast und springe auf den Boden. Die Tasche wackelt bedenklich, bleibt aber liegen. Barfuß schlendere ich über die Wiese und schaue dabei die ältere der beiden Mädchen fest an. Als sie mich endeckt, springt sie auf und stürmt mit einem Quietschen auf mich zu. „Mensch, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“ Sie hakt mich unter und schleppt mich zu ihren Eltern und ihrer Schwester. Bei der Vorstellung fehlen ihr die Worte. Das kenne ich schon. Schnell gebe ich artig die Hand und stelle mich selbst vor. „Ich bin Runa. Wir gehen zusammen auf die Schule.“

Wenig später spiele ich mit Clara und ihrer Schwester Marie auf der Wiese Verstecken. Marie zählt. Ich zeige Clara, wie hoch man auf dem Kletterbaum kommt. Im dichten Blätterwerk wird uns Marie ganz bestimmt nicht finden. „Da steht ja eine Tasche auf dem Ast“, ruft Clara überrascht. Mist, daran hab ich nicht gedacht. „Das ist meine.“ „Wohnst du hier?“ „Nee, ich war beim Sport.“ „Ach so.“ Leise kichernd sitzen wir im Geäst. Marie läuft suchend unter uns herum. „Ist es nicht eigentlich blöd, ne kleine Schwester zu haben?“ „Warum?“ „Kleine Schwestern ärgern doch ständig“, sage ich, als ob ich es wissen müsste. „Manchmal“, gibt Clara zu. „Wollen wir sie auch mal ärgern?“ Leise flüstere ich in Claras Ohr. Clara zögert. „Ich weiß nicht.“ „Ach komm, sei doch kein Spielverderber. Das wird lustig.“ Aufmunternd schaue ich sie an.

Als Marie genau unter uns sucht, springen wir mit Kriegsgeheul aus dem Baum. Clara fällt auf Maries Schultern und wirft sie zu Boden. Marie schreit auf und schubst ihre Schwester von sich herunter, so dass diese auf den Rücken fällt. Dann stürmt sie zu ihrer Mutter. Es ist einfach klasse. Als wir zur Picknickdecke kommen, empfängt uns ihre Mutter schon mit Vorwürfen. „Clara, wie konntest du nur. Ihr habt Marie richtig wehgetan. Auf der Stelle tröstest du sie“ Clara verschränkt bockig die Arme. „Marie hat mich auch geschubst. Und außerdem war es Runas Idee und nicht meine. Sie muss sich entschuldigen.“ Na soweit kommt’s noch! Marie brüllt: „Clara hat mich voll am Kopf getroffen. Clara ist blöd!“ „Aber Schätzchen!“ versucht ihre Mutter sie zu besänftigen. Doch Marie springt wütend auf. „Und überhaupt, ich spiel jetzt nur noch mit Runa.“ Damit nimmt sie meine Hand und zieht mich über die Wiese. „Hey“, ruft Clara ihr empört hinterher, „Runa ist meine Freundin!“ Jaja, so verhalten sich liebende Geschwister in perfekt glücklichen Familien.

Marie und ich sitzen unter dem Kletterbaum und spielen Elfen. Ich bin die Elfe, sie das Einhorn. Kleinlaut kommt Clara angeschlichen. „Entschuldige bitte Marie, ich hätte so etwas Blödes nicht tun sollen.“ Nanu, sie gibt klein bei? „Darf ich wieder mitspielen?“ Ach so, deswegen. Marie schaut sie freundlich an. „Na klar, komm.“ Die scheint ja ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Schnell flüstere ich: „Nur wenn sie meine Dienerin spielt. Als Strafe für vorhin.“
Aber Marie antwortet: „Nein. Sie hat sich entschuldigt und damit ist die Sache vergessen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na gut, dann spiel ich eben nicht mehr mit.“ Gerade will ich wieder auf meinen Baum klettern, als Marie mich zurückhält. Sie blickt mir fest in die Augen und kein bisschen Sympathie ist darin zu sehen. Das ist mir noch nie passiert!

„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass DU hier die Unruhestifterin bist. Und jetzt willst du dich mit mir gegen sie zusammentun. Aber mit Geschwistern läuft das so nicht. Die halten nämlich zusammen.“
Nervös starre ich auf den Boden. Dort krabbelt eine Ameise gerade angestrengt einen Grashalm hoch. „Warum machst du das eigentlich?“ Das war Claras Stimme. Nur ruhig Blut, jetzt schön die Unschuldige spielen. „Ich hab gar nichts gemacht.“ Marie schaut mich immer noch an. „Schau mal“, sagt sie ruhig. „wir sind beide deine Freundinnen und wollen dir nichts Böses. Also, warum? Hast du Kummer?“
Die Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Mechanisch antworte ich: „Ich bin von zu Hause weg, weil ich es nicht mehr ausgehalten hab. Zuviel … zuviel Streit um mich herum.“ Clara lacht. „Wir haben ja grad bemerkt, dass du das ebenfalls perfekt beherrscht.“ Tränen laufen über meine Wangen. Bin ich schon so wie meine Mutter? „Das war nur weil …“, ich suche nach einer Erklärung, die nicht so verdammt dämlich klingt, finde aber keine. „… weil ich euch auf die Probe stellen wollte. Ihr saht so verdammt glücklich aus. Und jetzt …“ Ich angele nach meiner Tasche, die immer noch auf dem Ast steht. „… jetzt muss ich mal wieder weiter. Entschuldigt, ich wollte euch nicht den Tag versauen.“

„Runa? Wie wär’s, du spielst den Rest des Tages mit und nicht gegen uns und wir fragen Papa, ob du bei uns übernachten darfst.“ Ich schlucke. Das ist mir auch noch nie passiert.

Dreckspatz beim Kochen

Ich will jetzt keine Werbung machen, nur erklären, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist. Meine Kinder lieben ein bestimmtes Badesalz. Warum? Weil auf der Packung lustige Geschichten vom kleinen Dreckspatz zu finden sind, den Werbetextern sei Lob und Preis. Jedenfalls haben wir neulich selbst knallrotes Badesalz gemacht und natürlich musste es dazu auch eine Geschichte vom kleinen Dreckspatz geben und hier ist sie:

Mama steht in der Küche und kocht Spaghetti. Der kleine Dreckspatz kommt angerannt. „Ich will nicht in die Badewanne, ich will mithelfen!“ kräht er bestimmt und klettert auf die Arbeitsplatte. Mama schneidet die Nudelpackung auf und will die Nudeln ins Wasser tun. „Ich!“ schreit der Dreckspatz, schnappt sich ein paar von den Nudeln und läßt sie elegant in das blubbernde Wasser gleiten. Mama dirigiert seine Hand und gibt den Rest der Nudeln in den Topf. Dann öffnet sie die passierten Tomaten. „Ich!“ Mama gibt ihm die Packung und will seine Hand führen. „Alleine!“ sagt der Dreckspatz energisch. Mama läßt ihn gewähren. Mit einem Schwung zielt er in den kleineren Topf. Zu kurz. Die Sauce landet … auf seinen nackten Beinen. Mama lacht. „Nun mußt du wohl doch baden.“ „Ja, aber nur in Tomatensauce!“ erklärt der Dreckspatz voller Inbrunst.

Auf einem anderen Forum hatte ich bei dieser Geschichte Kommentare nach dem Motto: Unverantwortlich von der Mutter, das Kind so nah an die heißen Töpfe ranzulassen. Wie seht ihr das?

Der gefräßige Drache

Hier einen Guten-Nacht-Geschichte, die sich mein Sohn gewünscht hat …

Der gefräßige Drache

Max lag in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Er wusste selbst nicht woran es lag. Die Geisterfallen waren aufgestellt, er hatte keine Angst und die Milchflasche war längst ausgetrunken. Trotzdem lag er mit offenen Augen in der Dunkelheit und der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Leise richtete er sich auf und kletterte aus seinem Bett. Er wollte noch ein Schwert holen. Das Schwert fehlte noch in seinem Bett. Er ging zum Fenster, an dem der Korb mit den Spielzeugwaffen stand und suchte das Gummischwert heraus. Über Luises Hellebarde baumelte noch der Gürtel mit der Schwertschnalle. Ohne recht zu wissen, warum, nahm er ihn und band ihn um den Bauch. Dann steckte er das Schwert hinein. Ein Wiehern erklang in der Stille. Max hielt inne und lauschte. Was hatte da gewiehert? Hier stand doch kein Pferd auf dem Flur oder im Kinderzimmer. Max sah sich um. Im Kinderzimmer stand tatsächlich ein Pferd, Max Schaukelpferd nämlich und es wieherte noch einmal laut und vernehmlich. Max grinste. Das war also der Grund, warum er nicht schlafen konnte. Es gab in dieser Nacht noch etwas zu tun. Schnell nahm er noch seinen Spielzeugschild aus dem Korb, hob den Ritterhelm, der achtlos auf dem Boden gelegen hatte, auf und schwang sich auf das Schaukelpferd. Das Pferdchen bäumte sich auf und los ging’s!

Max wusste nicht, was diesmal auf ihn zukommen würde, aber er wusste, dass es wichtig war, wenn sein Pferdchen wieherte. Sie ritten durch ein kleines Wäldchen auf einen See zu. Am Ufer des Sees war ein hoch aufragender Kirchturm zu sehen, der offensichtlich von einem kleinen Dorf umgeben war. Grauer Rauch stieg von einem der Häuser auf und lautes Geschrei war zu hören. Max gab seinem Pferdchen die Sporen und galoppierte in Richtung Dorf.

„Oh, oh, oh“, jammerte ein Mann. Er war in einen dunkelgrünen Gugel und einen braunen Kittel gekleidet, hatte schütteres, graues Haar und einen grauen Spitzbart und Stadt vor einem ausgebrannten Haus. Max hielt sein Pferd an und sprang ab. „Was ist denn passiert, mein Herr?“ fragte er höflich. Der Mann stellte sein Wehklagen ein und drehte sich um. „Mein schönes Haus, oh Herr Ritter, und meine Tochter. Oh mein schönes Haus!“ Max sah ihn verständnislos an. „Der Drache! Ein wütender, gefräßiger, rotschuppiger, dreiköpfiger Drache war hier und hat mein Haus angezündet und meine Tochter als Frühstück mitgenommen.“ „Das ist wirklich nicht nett.“ Max war ehrlich entrüstet. „Nein, oh nein, ach mein schönes Haus!“ „War Eure Tochter denn nicht schön?“ „Was? Nein, ach natürlich vermisse ich sie auch. Sie war, sie war, wie war sie eigentlich?“ Verwirrt wandte sich der Mann ab und begann in der Ruine seines Hauses nach Wertgegenständen zu suchen. Nach und nach klaubte er Goldmünzen, goldene Becher und Teller aus den Trümmern. Max beobachtete ihn. „Soll ich sie nicht retten?“ fragte er. „Wen?“ „Eure Tochter.“ „Ach so. Ehm, ja, ja tut das. Das Aufräumen hier mache ich sowieso lieber allein.“ Liebevoll streichelte er einen Becher, den er gerade in der Hand hielt. Max stand da und sah den Mann erwartungsvoll nach weiteren Informationen an. „Ach so, ja, er ist in diese Richtung geflogen, der Drache. Sicherlich findet ihr ihn. Und wenn er Rosalinde inzwischen gefressen haben sollte, macht euch keinen Kopf. So wichtig war es nicht. Macht euch keine Gedanken.“ Schusselig wandte er sich wieder seiner Suche zu und überließ Max seinem Schicksal. Dieser schüttelte verständnislos den Kopf. Was war das nur für ein Vater, dem sein eigenes Kind nicht wichtig war? Gedankenverloren bestieg er seinen Apfelschimmel und ritt in die angegebene Richtung davon.

Tatsächlich fand er den Drachen einige Stunden später auf einer Lichtung liegend. Mutig zog er sein Schwert und forderte ihn zum Kampf. „Los, du Riesenvieh! Gib die Jungfrau Rosalinde heraus oder es soll dir schlecht bekommen!“ Träge öffnete der Drache ein Auge seines linken Kopfes und rülpste laut. Eine kleine lila Stickflamme schoss aus seiner Nase und versengte Max die Schuhspitzen. „Nö.“ Max fuchtelte mit seinem Schwert. „Los jetzt, ein bisschen dalli oder es knallt.“ Der Drache klappte das Auge wieder zu. „Nö.“ Damit ignorierte er den kleinen Ritter. „Oder hast du sie schon gefressen?“ fragte Max angstvoll. „Nö“, sagte diesmal der mittlere Kopf des Drachen. Jetzt wurde Max aber böse. „Kannst du eigentlich auch was anderes sagen?“ schimpfte er. „Nö“, antwortete nun wieder der linke Kopf und rülpste zum zweiten Mal. Diesmal war Max schon auf die kleine Stichflamme gefasst und trat einen Schritt zurück, bevor sie seine Schuhspitze erreichte. Entschlossen hob er sein Schwert und begann auf den Drachen einzuschlagen. Den kümmerte das nicht die Bohne. Max merkte, dass sein Schwert dem dicken Schuppenpanzer nichts anhaben konnte und änderte seine Taktik. Er pikste mit dem Schwert zwischen den Schuppen des Drachen in die Haut – mit durchschlagendem Erfolg. Der Drache kiekste und giggelte, fuhr in die Höhe und warf sich von einer Seite auf die andere. Max musste aufpassen, um nicht unter dem schweren Drachenleib begraben zu werden. Schließlich lachte, japste und kicherte der Drache mit allen drei Mäulern. Kleine blaue und rote Wölkchen pufften aus seinen Ohren und seine Hautfarbe hatte sich von blutrot auf hellrosa verfärbt. „Aufhören, aufhören!“ hechelte er. „Ich kann nicht mehr. Bitte aufhören!“ Max hielt inne. „Ach, du kannst ja doch reden“, bemerkte er kühl. „Jaja, aber nur mit dem rechten Kopf“, rechtfertigte sich der Drache. „Das reicht ja. Jetzt sag mir, wo das Mädchen ist, oder …“ Max hob drohend sein Schwert. „Jaja schon gut. Bloß nicht wieder kitzeln. Das war ja fürchterlich!“ Noch einmal pikste im Max kräftig in die Seite. „Also los.“ „Naja, ich hatte sie grad ein bisschen angeknabbert …“„Du hast was?“ Der Drache rollte mit den Augen. “Ich war gerade dabei, herzhaft zuzubeißen, als sie fürchterlich zu weinen anfing. Sie hat überhaupt nicht mehr aufgehört und ich dachte, das ist wegen der Fresserei. Alle heulen, wenn sie denken, gleich gefressen zu werden. Das bin ich ja gewöhnt. Also hielt ich inne und fragte: ‚Hast du Angst, gefressen zu werden?‘ Aber nee, sie antwortete: ‚Ja, friss mich ruhig. Mir ist es ganz recht. Ich bin sowieso nichts wert. Mein Vater liebt nur sein Geld und da man mich nicht verkaufen kann, bin ich ihm egal. Ich habe keinen Wert. Los, beiß schon zu.‘ Ich war völlig verdutzt. So was war mir noch nie passiert. Normalerweise ärgere ich die Mädchen nur etwas, indem ich so tue, als ob ich sie fressen wolle, damit sie auch schön folgsam sind, wenn sie mir dann den Haushalt führen sollen, aber das? Die wollte tatsächlich gefressen werden? Ich versteh es selbst nicht, aber ich tat etwas, was ich wirklich noch nie getan habe. Ich tröstete sie. ‚Dein Vater ist ein Idiot‘, sagte ich. ‚So ein schönes Mädchen kann man doch nur liebhaben.‘ Und ich versprach ihr, sie zu beschützen und ihr zu helfen und nun schläft sie oben in meiner Höhle.“ Max steckte sein Schwert wieder in die Scheide und reichte dem Drachen die Hand. „Dann sind wir jetzt zwei, die ihr helfen wollen. Der Drache schlug mit seiner Tatze ein.

Lange saßen sei auf der Lichtung im Sonnenschein und überlegten, wie sie dem geizigen Vater eine Lehre erteilen konnten, doch es fiel ihnen nichts Gescheites ein. Auf einmal hörten sie leise Schritte. Das Mädchen war aufgewacht und zu ihnen auf die Wiese gekommen. Sie war höchstens 12 Jahre alt und trug einen alten, abgewetzten Kittel aus grauem leinenestoff. Im Gegensatz zu ihrer schäbigen Kleidung waren ihre langen, blonden Haare sorgfältig gekämmt und fielen wie flüssiges Gold über ihren Rücken. Ohne ein Anzeichen von Überraschung setzte sie sich zu Max und dem Drachen ins Gras. Den letzten Teil der Unterhaltung hatte sie offensichtlich mitangehört, denn sie sagte: „Mein Vater interessiert nichts als sein Geld. Menschen sind für ihn nicht wertvoll und er wird es auch nicht lernen, egal, was ihr tut.“ Max protestierte: „Das glaube ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass du deinem Vater wirklich gleichgültig bist.“ „Ich aber.“ „Lass es uns ausprobieren“, schlug Max vor und erzählte, was er sich ausgedacht hatte.

Einige Stunden später kam er verschwitzt und erschöpft von dem schnellen Ritt wieder bei der verkohlten Ruine an. Der Mann hatte inzwischen alle Wertgegenstände gerettet und war dabei, die Trümmer wegzuräumen. „Herr! Herr!“ rief Max. Der Mann drehte sie um. „Herr, leider konnte ich nichts mehr für Eure Tochter tun. Ich bin zu spät gekommen. Es tut mir sehr leid.“ Max machte ein betrübtes Gesicht. Der Mann schüttelte zerstreut den Kopf. „Sehr bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich. Nun trotzdem vielen Dank für Eure Mühe und guten Tag.“ Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und beachtete Max nicht weiter. „Nur noch eins“, sagte Max. „Eure Tochter hat dem Drachen berichtet, dass Ihr einen großen Schatz hortet. Möglicherweise kommt er wieder.“ „Was?“ Der Mann fuhr erschrocken in die Höhe. Eine fieberhafte Betriebsamkeit ergriff ihn. „Dann, dann, dann …“ Er kam zu Max und packte ihn am Bein. „Ihr müsst mir helfen, das Gold zu vergraben.“ Max schaute ihn kühl von oben herab an. „Was gebt ihr mir dafür?“ „Alles, alles, was ihr wollt … ehm … außer Geld natürlich.“ Max nahm die Hand des Mannes von seinem Knie und stieg ab. „Gut. Ich helfe Euch und Ihr versprecht mir, dem nächsten Menschen, der Euch begegnet, die Füße zu küssen und für Euren Geiz um Verzeihung zu bitten.“ Der Mann hatte Max bereits den Rücken gekehrt und suchte in den Trümmern nach einer Schaufel. „Gut, gut“, antwortete er zerstreut. Er hatte gar nicht mehr richtig zugehört. Gemeinsam vergruben sie den Schatz unter einem knorrigen Apfelbaum.

Als dies geschehen war, trat Rosalinde hinter dem Baum hervor, wo sie sich versteckt gehalten hatte. Entgeistert sah ihr Vater sie an. „Ich dachte, ich meinte … bist du nicht vom Drachen gefressen worden?“ fragte er taktlos. Rosalinde biss sich auf die Lippen. „Freust du dich, dass es nicht so ist?“ fragte sie zaghaft. Ihr Vater machte den Mund auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Max stieß ihn in die Rippen. „Los, entschuldige dich! Sag, dass sie dir wichtiger ist als dein Gold!“ Bockig stampfte der Mann mit dem Fuß auf. „Nein“, kreischte er. „Nein, nein, nein. Dies ist überhaupt nicht meine Tochter. Ein Bastard meiner Frau mit ihrem Liebhaber, das ist sie. Ich will und kann sie nicht länger durchfüttern!“ Rosalinde war bei diesen Worten wie zu Eis erstarrt, doch Max sagte kühl: „Wie ihr wollt“ Dann rief er laut in den Himmel: „Heija, hei, hei!“ Am Himmel erschien die gigantische Silhouette des Drachen. Er landete und packte den Mann mit seinem Krallen. „Hilfe! Hilfe!“ Der Mann quiekte und quietschte in allen Tonlagen. „So helft mir doch!“ Doch Max kümmerte sich nicht um ihn. Zu Rosalinde sagte er: „Unter dem Apfelbaum ist das Gold deines Stiefvaters vergraben. Es gehört dir.“ „Was?“ japste dieser dazwischen. Rosalinde sah Max lächelnd an. „Danke. Danke für alles.“ Sie umarmte ihn und er wurde ein ganz kleines bisschen rot. Schnell löste er sich aus der Umarmung und sah den Drachen an. „Wir machen alles wie besprochen. Der Kerl da im Tausch für Rosalinde.“ Dieser bleckte seine spitzen Zähne und grinste. Bunte Rauchwölkchen quollen aus allen sechs Ohren. „Ich werde meinen Spaß haben“, feixte er. Dann packte er den Mann fester, der immer noch zappelte und schrie, und schwang sich in die Luft. „Hilfe, ich will nicht gefressen werden, Hilfe, Hilfe!“, heulte der Mann. „Ich schmecke überhaupt nicht. Ich bin ganz zäh. Hilfe!“ „Ach halt die Klappe“, sagte der Drache. „Du sollst doch nur für mich den Haushalt führen und abwaschen, wie die anderen Mädchen vor dir.“ „Abwaschen?“ krächzte der Mann und danach war er tatsächlich still.

Max aber wurde plötzlich sehr sehr müde. Er hievte sich auf sein Pferchen, winkte Rosalinde zum Abschied noch einmal zu und trabte von dannen. Zu Hause angekommen, kletterte er samt Gürtel und Schwert in sein Bett und schlief sofort ein. Sein roter Spielzeugdrache mit den drei Köpfen saß im Regal und bewachte seinen Schlaf.