Paris in zwei Stunden

Hier noch eine kleine Fingerübung. Aufgabe war, ein wahres Ereignis zu schildern. Nun, ganz so dramatisch war es nun doch nicht, aber fast …

Paris in zwei Stunden

Diesen Sommer wollte ich mit meiner Familie unbedingt eine „richtige“ Reise machen, was für mich die Ostsee und den Harz kategorisch ausschloss. Also wälzte ich Kataloge für Familienreisen und entschied mich für ein Feriencamp an der französischen Atlantikküste mit Halbpension, Frühsportangebot und Kinderbetreuung. Mein Mann war entsetzt. Er wollte weder nach Frankreich noch auf eine „Sportreise“. Ich beschloss, mit allen vier Kindern – Frederike, 6 Jahre alt, Ruben 5 Jahre alt, Max 3 Jahre alt und Lena 1 Jahre alt, ALLEIN zu fahren. Meine Mutter erklärte mich für verrückt. Insbesondere die Bahnfahrt hielt sie für unmöglich. Warum, erfuhr ich im Reisebüro.

„Lassen Sie mich mal schauen.“ Die Dame im Reisebüro beugte sich über ihren Computer. „Ich würde Ihnen den Intercity Night bis Paris empfehlen. Dort müssen Sie in den TGV nach Dax umsteigen. Sie kommen um 7.50 an. Um 8.40 geht es weiter.“ Ich nickte. 50 Minuten hörten sich machbar an. Die Dame ging zum Drucker und reichte mir kurz darauf die Reisedaten. Ich stutzte. „Warum kommt der Intercity in Gare d’Est an und der TGV fährt in Gare Montparnasse los? Liegen die beiden Bahnhöfe nebeneinander?“ Die Dame schüttelte den Kopf. „Sie müssen durch Paris mit der U-Bahn fahren.“ Ich schaute sie ungläubig an. „Sie haben knapp eine Stunde Zeit.“ „Ich habe vier Kinder, einen Kinderwagen und jede Menge Gepäck.“ Ich überlegte kurz. „Was wäre, wenn ich den Zug in Montparnasse verpassen würde?“ „Moment.“ Die Dame schaute in ihren Computer. „In diesem Fall verfällt das Ticket. Sie müssten ein neues lösen.“ „Wie lange braucht die U-Bahn?“ Sie tippte eifrig in ihrem Computer. „Es sind dreizehn Stationen ohne Umsteigen. Reine Fahrzeit 20 Minuten.“ Sie tippte weiter. „Eine Stunde später fährt der nächste Zug. Wäre Ihnen der lieber?“ Ich nickte. „Wesentlich lieber. Zwei Stunden werden zum Umsteigen reichen.“

7.30 Uhr. Die gleichmäßige Bewegung der Räder hielt den Zug in einer flüssigen, beruhigenden Bewegung. Ab und an schoss ein Signal vorbei. Die Sonne war bereits aufgegangen und tauchte die Banlieus in goldenes Licht. Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Im Abteil Nr. 12 schlief noch alles tief und fest. Eine Stimme, begleitet von Rauschen und Knarzen durchbrach die Stille. „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Paris Est.“ Augenblicklich saß ich senkrecht im Bett und stieß mir den Kopf an der Liege darüber. „Aua.“ Lena, meine kleine Einjährige, rieb sich die Augen. Auch die anderen Kinder schauten aus ihren Decken auf. Im Nu war ich angezogen und begann in aller Eile, die im Abteil verstreuten Sachen zusammenzusuchen, schlaftrunkene Kinder anzuziehen und ein Gepäckstück nach dem anderen zur Tür zu tragen. Lena lief hinter mir her und stand permanent im Weg. Äußerlich ruhig stieg ich über sie hinweg und ignorierte den Wunsch der anderen nach Frühstück. Der Kinderwagen wurde aufgebaut, Kuscheldecken verschwanden unter dem Wagen. Mein Handgepäck wurde an den Griff gehängt, die große Reisetasche kam in die eine Schale, Lena in die andere. Alle Rucksäcke auf! Frederike, meine Sechsjährige, nahm den Griff des Kinderrollkoffers. Die Bremsen quietschten. Der Zug hielt. Aussteigen!

7.50 Uhr. Wo war der Eingang zur U-Bahn? Da! Ich entdeckte ein Schild mit der Aufschrift „Metro“. Ruben zupfte mich am Ärmel. „Mama, ich hab Hunger.“ „Ich auch,“ echoten die anderen. Ich drehte den Kinderwagen in die andere Richtung und steuerte auf einen Stand mit Gebäck und Croissants. „Ich will ein Croissant.“ „Ich eine Brezel.“ „Ich auch.“ „Ich auch.“ Ich kramte mein Geld aus dem Portemonnaie und mein Französisch aus dem hintersten Winkel meines Kopfes. Glücklich mampfend zogen wir weiter.

8.00 Eine endlos lange Treppe führte in die Tiefen des Pariser Untergrunds. Suchend sah ich mich nach einem Fahrstuhl um. Es gab keinen. Eine Rolltreppe war nicht zu entdecken. Schnell orderte ich Ruben, meinen Zweitältesten, beim Kinderwagen zu bleiben, während ich mit Frederike und den Koffern die Treppe hinunterstieg. Frederike platzierte ich bei den Koffern am Fuß der Treppe. Schnell war der Kinderwagen hinuntergetragen. Vor dem Fahrkartenautomaten wartete vor dem eine gigantische Schlange. Innerlich stöhnend stellte mich in die Reihe.

8.25 Uhr. Endlich war ich an der Reihe. Welche Fahrkarte nahm man? Gab es Kinderkarten? Ich entschied mich für ein 10er Billet, während ich hinter uns Deutsch hörte. Eine klassische Familie, Vater, Mutter und zwei kleine Kinder waren auf der gleichen Odyssee. Ich schulterte meinen Rucksack und weiter ging’s. Der Eingang zur Metro war mit Schranken versperrt, durch die man unmöglich mit dem Kinderwagen kommen konnte. Frederike entdeckte die andere Familie, die gerade durch die Rollstuhlschranke verschwand. Erleichtert folgte ich ihnen. Bei den unzähligen Treppen auf dem Weg zum Bahnsteig freundeten wir uns an. Meine Kinder nahmen die anderen bei der Hand und der Vater half mir mit dem Kinderwagen. Ohne ihn hätte ich aufgegeben. 8.40 Uhr. Wir standen auf einem übervollen Bahnsteig. Die Metro kam schnell und fuhr ebenso schnell wieder davon, so dass wir Mühe hatten, alle rechtzeitig einzusteigen. Ruben war der letzte. Die andere Familie hatten wir im Gewühl verloren. Frederike hatte Angst, nicht rechtzeitig aus dem vollgestopften Wagen zu kommen. Ruben saß ganz hinten. Lena krähte. Sie wollte aus dem Kinderwagen und auch auf einem richtigen Sitzplatz sitzen. Ich verbot es. Sie bekam einen Wutanfall. Meine Nerven lagen blank.

9.00 Uhr. „Montparnasse Bienvenue.“ Aussteigen! Ruben drängelt sich rücksichtlos durch und ist diesmal der erste auf dem Bahnsteig. Kurze Zeit später sind von der Metro nur noch die Rücklichter zu sehen. Wo geht es zur Fernbahn? Da ein Schild! Ich folgte ihm und – stehe wieder vor einer Treppe. Das kann nicht wahr sein! Max zupft an meiner Jacke! „Mama, ich muss mal!“ „Kannst du aushalten bis wir im Zug sind?“ „Nein.“ Ich seufze. „Das musst du jetzt aber.“ „Kann ich aber nicht.“ Ohne ein weiteres Wort nehme ich die Koffer und schleppe sie die Treppe hinauf. Hoffentlich hat Max Unrecht.

9.20 Uhr. Ich irre durch die Gänge. Wo ist der Ausgang? Als ich zum zweiten Mal an einem vergitterten Ausgang scheitere, frage ich eine schwarze Frau nach dem Weg. Sie geht mit uns. Die Kinder fasziniert am meisten, dass sie ein lebendiges Huhn mit sich trägt, welches sie auf dem Markt gekauft hat. Ich schaue auf die Uhr. Weit kann es ja nicht mehr sein. „Mama, ich muss mal“, erinnert mich Max. „Ich weiß. Aber es geht jetzt grad nicht.“ Nach einer weiteren Treppe kommen wir zu einem Wegweiser. Mit vielen „Mercis“ verabschiede ich mich von der Frau.

9.30 Uhr Ach du liebes Bisschen! In zehn Minuten fährt unser Zug! Im Laufschritt biegen wir um die Ecke und – stehen vor einem großen Tunnel mit zwei langen Förderbändern. Wo ist der Bahnhof? Hastig geht es weiter über die Förderbänder. „Ich kann nicht mehr!“ jammert Frederike. Wortlos nehme ich ihren Koffer in die Hand. Kurz hinter dem Förderband liegt der Bahnhof.

9.38 Uhr. Im Endspurt renne ich den Bahnsteig entlang. Die Kinder kommen nicht hinterher. Frederike schreit lauthals. „Warte, warte auf mich!“ Ruben heult. Dass der Zug warten wird, sobald ich in der Tür stehe, fällt ihnen in diesem Moment nicht ein. Atemlos komme ich bei unserem Wagen an. Der Schaffner nickt mir freundlich zu. Der Zug habe 10 Minuten Verspätung. Außer Atem kommen die Kinder an der Tür an. „Mama, du solltest warten!“ Ein Kind nach dem anderen wird in den Zug gehoben, die Koffer auf den riesigen Gepäckberg im Gang gepackt.

9.50 Uhr. Wir finden unsere Plätze. Der Zug rollt an in Richtung Atlantikküste. Innerlich ruhig reiche ich Frederike den restlichen Proviant und suche für Max eine neue Hose heraus. Paris in zwei Stunden ist ein unmögliches Unterfangen, aber wir haben es geschafft!

Kasperle und der unheimliche Schneemensch

Bei uns steht mal wieder ein Geburtstag an. Mein kleiner Sohn wird in einer Woche vier Jahre alt und ich plane ein Kasperstück aufzuführen. Es ist sehr einfach gehalten, da nur zwei Figuren vorkommen und gut von einer Person zu spielen. Hier ist es:

KASPERLE UND DER UNHEIMLICHE SCHNEEMENSCH

Der Vorhang geht auf. Wir sehen den verschneiten Winterwald und die Räuberhöhle. Der Räuber kommt aus seiner Höhle und bibbert.

Räuber: Huh, ist mir kalt. Heute Nacht ist mir das Feuer ausgegangen.

Er schaut neben seine Höhle. Dort liegt nichts.

Räuber: Nanu, kein Feuerholz mehr da? (stöhnt) Dann muss ich ja in den Wald und sammeln gehen. Noch nicht einmal einen Pullover hab ich, den haben letzten Winter die Motten als Weihnachtsmahl gegessen. Hoffentlich treffe ich unterwegs jemanden, dem ich seinen warmen Mantel klauen kann. Aber irgendwas zum Anziehen muss ich doch haben …

Räuber verschwindet wieder in seiner Höhle.

Kasperle kommt mit einem Geschenk in der Hand den Weg daher. Er trägt eine warme Wintermütze und einen Schal.

Kasperle: Tritratrullala, Tritratrullala, der Kasperle ist wieder da! Hallo Kinder! Puh ist das kalt hier. Seid ihr auch alle da? (Kinder antworten.) Wisst ihr, was heute für ein Tag ist? Heute ist Pauls Geburtstag und ich bin eingeladen. Ich bin schon ganz aufgeregt. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm. Ich muss nur noch durch diesen Wald wandern. Kennt ihr ein Wanderlied? (Kinder schlagen ein Lied vor.) Oh, schön. Wollen wir das zusammen singen? Dann sind wir bestimmt ganz schnell da.

Kasperle und die Kinder singen das Lied, während Kasperle durch den Wald wandert. Der Räuber, in ein Betttuch verhüllt, lauert hinter den Bäumen. Plötzlich springt er hinter einem Baum hervor und stellt sich Kasperle in den Weg.

Räuber (vermummt): Halt!

Kasperle erschrickt.

Kasperle: Huch, wer bist du denn?

Räuber: Ich bin der unheimliche Schneemensch. Ich wohne jetzt hier im Wald.

Kasperle: Ja vor dir kann man ja Angst haben. Lass mich mal durch.

Räuber: Vor mir hat jeder Angst. Und ich lasse dich nur durch, wenn du mir deine Mütze  gibst.

Kasperle: Ach so ist das. Aber ich muss doch zum Geburtstag und ohne Mütze friert’s mich so an den Ohren. Wie wär’s, wenn ich rechts um dich herumgehe?

Geht einen Schritt nach rechts. Räuber geht auch einen Schritt nach rechts und versperrt Kasperle wieder den Weg.

Kasperle: Oder nach links?

Kasperle springt nach links. Der Räuber auch.

Kasperle: Oder doch lieber nach rechts?

Kasperle springt wieder nach rechts, doch der Räuber ist schneller.

Kasperle: Links? Rechts? Links? Rechts?

Kasperle versucht, an dem Räuber vorbeizukommen, doch dieser ist immer schneller. Schließlich gibt Kasperle außer Atem auf.

Kasperle: Puh, bist du gemein.

Räuber: Buh!

Kasperle springt zurück und zittert vor Schreck.

Kasperle: Na gut, ich geb sie schon.

Kasperle gibt dem Räuber die Mütze. Der Räuber gibt den Weg frei. Kasperle wandert weiter. Als Kasperle nicht mehr zu sehen ist, nimmt der Räuber das Bettlaken vom Kopf und setzt sich die Mütze auf.

Räuber (seufzt): Schon viel besser. Der Kasper, der war aber leicht hereinzulegen. Das werde ich gleich noch einmal probieren. Sein Schal sah so schön mollig aus und ich frier doch so schrecklich. Und das Geschenk! Das will ich auch haben. Ich bin so neugierig, was da drin ist. Am besten, ich verstecke mich dort vorn und warte.

Räuber zieht das Bettlaken wieder über den Kopf und versteckt sich hinter einem Busch. Kasperle kommt den Weg entlang. Er singt wieder das Wanderlied.

Der Räuber springt hinter dem Busch hervor.

Räuber: Buh!

Kasperle springt drei Schritte zurück.

Kasperle: Hast du mich aber erschreckt. Was willst du nun noch?

Räuber: Du läufst viel zu lange durch meinen Wald für eine einzige mickrige Mütze. Gib mir deinen Schal!

Kasperle: Aber dann frier ich ja auch noch am Hals!

Räuber (jammert): Aber du, du hast es doch gut, du kommst gleich ins Warme und isst leckere Geburtstagstorte und ich? Ich muss hier den ganzen Tag draußen im Wald verbringen! Ich werde noch sterben vor Kälte!

Kasperle: Na gut. Warte, ich muss ihn erst ausziehen.

Kasperle stellt das Geschenk hin und zieht den Schal aus.

Räuber (leise zu den Kindern): Haha, auf die Gelegenheit hab ich gewartet.

Räuber  nimmt das Geschenk und versteckt es unter dem Bettlaken. Kasperle reicht ihm den Schal. Räuber nimmt ihn.

Räuber: Vielen Dank! Jetzt muss ich mich aber beeilen!

Geht schnell ab. Kasperle schaut ihm verwundert hinterher.

Kasperle: Der hatte es aber plötzlich eilig. Huh, ist mir kalt! Schnell weiter. (schaut sich suchend nach dem Geschenk um) Aber wo ist denn das Geschenk? Kinder, habt ihr das Geschenk gesehen? Das hab ich doch hier abgestellt. (Kinder berichten, was geschehen ist.) Was? Der Schneemensch hat das Geschenk geklaut? Wie? Der Schneemensch ist in Wirklichkeit der Räuber Stinkstiefel? Warum habt ihr mir das nicht gleich gesagt? Na warte! (Kasper hebt eine Astgabel vom Waldboden auf.) Der kann was erleben. Schnell hinterher, dann holen wir ihn noch ein!

Kasperle rennt mit dem Stock in der Hand dem Räuber hinterher. Kurz vor der Räuberhöhle hat er ihn eingeholt.

Kasperle: Huhu! Schneemensch! Ich hab noch was für dich!

Der Räuber hält inne und dreht sich um.

Räuber: Nanu, ich dachte du wärst schon längst auf der Geburtstagsfeier! Was ist denn das für eine komische Gabel?

Der Räuber geht vorsichtig einen Schritt zurück.

Kasperle (feierlich): Die. Die schenke ich dir. Damit du nie mehr frieren musst.

Räuber: Nie mehr frieren? Wie soll denn das gehen?

Kasperle: Das ist eine Zauber-Wärme-Gabel oder modern ausgedrückt eine mobile Heizung.

Räuber (neugierig): Und wie funktioniert die?

Kasperle: Ich zeig es dir. Aber ich warne dich, in der Aufwärmphase wird es etwas zwicken, aber danach wird dir mollig warm werden. Du musst dich nach vorne beugen.

Der Räuber beugt sich nach vorne.

Räuber: So?

Kasperle: Ja, so ist es genau richtig.

Kasperle nimmt den Stock, holt aus und haut dem Räuber auf den Po.

Räuber: Au

Kasperle: Merkst du schon was?

Räuber: Warm ist es noch nicht.

Kasperle: Na, dann nochmal.

Kasperle haut wieder zu.

Räuber: Au, au.

Kasperle: Wie gesagt, in der Aufwärmphase völlig normal.

Kasperle haut wieder zu. Der Räuber springt auf und beginnt im Kreis zu rennen. Kasperle rennt hinterher und haut weiter.

Räuber (jammert): Hör auf, hör auf!

Kasperle: Was denn? Ist dir schon warm? So schnell hat es noch bei keinem funktioniert!

Räuber: Ja, mir ist schon ganz warm, wirklich richtig doll warm! Hör bloß auf damit!

Kasperle: Soll ich nicht noch mehr?

Räuber: Nein.

Kasperle: Fein. Wenn dir jetzt so schön warm ist, kannst du mir ja meine Mütze und meinen Schal zurückgeben.

Räuber: Eh.

Kasperle: Ich kann auch weitermachen.

Räuber: Nein, bloß nicht!

Der Räuber zieht die Mütze und den Schal aus und gibt die Sachen Kasperle.

Kasperle: Und übrigens? Hast du mein Geschenk zufällig im Wald gefunden? Ich habe es nämlich verloren und ohne Geschenk kann man doch nicht auf einer Geburtstagsfeier erscheinen.

Räuber zögert. Kasperle droht ihm mit dem Stock.

Räuber: Ehm, ja, ganz zufällig habe ich dein Geschenk gefunden.

Er holt das Geschenk heraus und gibt es Kasperle.

Kasperle: Das ist aber nett von dir. Vielen Dank!

Der Räuber bibbert.

Kasperle: Sag mal, was ich nicht verstehe: Wie kannst du eigentlich frieren, wenn du doch ein Schneemensch bist?

Räuber zieht das Laken vom Kopf. Er weint fast.

Räuber: Eigentlich bin ich gar kein Schneemensch, sondern nur der Räuber. Und in meiner Höhle war das Feuer ausgegangen und den letzten Pullover hatten die Motten als Frühstück und Feuerholz war auch keins mehr da und da …

Kasperle: … hast du dir gedacht, du kannst dir die warmen Sachen zusammenrauben. Schämst du dich gar nicht?

Räuber: Doch, ein bisschen schon. Aber ich hab doch so gefroren.

Kasperle überlegt.

Kasperle (zu den Kindern): Kinder? Sollen wir den Räuber mit zu Pauls Geburtstag nehmen?

Die Kinder antworten.

Kasperle: Gut. (zum Räuber) Ich mache dir einen Vorschlag. Ich nehme dich mit auf Pauls Geburtstag, dort ist es schön warm und Kuchen gibt es auch. Aber du musst ein Geschenk mitbringen.

Räuber: Ich hol schnell eins aus meiner Höhle.

Räuber geht in die Höhle und kommt mit einem Geschenk wieder. Kasperle hebt die Astgabel  auf.

Kasperle: Die nehme ich mit. Und wenn du wieder lange Finger machst, wird dir eingeheizt!

Räuber: Nein, nein. Ich will wirklich ganz brav sein.

Beide fangen wieder an zu singen und wandern los. Nach einer Weile bleibt Kasperle stehen.

Kasperle: Hier sind wir.

Er läutet ein Glöckchen.

Kasperle: Ist denn der Paul da?

Paul antwortet.

Kasperle: Hier. Das habe ich dir mitgebracht.

Kasperle reicht Paul das Geschenk. Der Räuber reicht sein Geschenk.

Räuber: Und ich das hier.

Kasperle: Und jetzt wollen wir alle zusammen dem Paul ein Geburtstagslied singen.

Alle singen zusammen „Viel Glück und viel Segen.“

ENDE

 

Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Diese Geschichte habe ich meiner Tochter zum siebenten Geburtstag geschenkt – mitsamt dem Bild und dem Ring, die in der Geschichte vorkommen. Das heißt, eigentlich hatte ich das Bild und den Ring erst und habe darum die Geschichte gesponnen …

Viel Spass beim Lesen!

 

 

 

Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Heute hatte Laura Geburtstag. Sie war schon ganz aufgeregt. Immerhin waren sieben Jahre schon etwas Besonderes – fast erwachsen sozusagen. Neugierig schaute sie ihre Geschenkpäckchen an, die schon zusammen mit einer Kerze und einer Blume auf dem Frühstückstisch standen. „Nun mach schon auf!“ Ihr kleiner Bruder Max konnte es nicht abwarten und wollte schon selbst nach einem Geschenk greifen, um es aufzureißen. Doch Laura schaute ihn böse an und schnappte ihm das Geschenk vor der Nase weg. „Das sind meine, du Blödi!“ Dann begann sie, es in aller Ruhe auszupacken, während ihre kleinen Geschwister sich um sie drängelten, um einen Blick auf die Herrlichkeit darinnen zu erhaschen. Sie wurde enttäuschen, es war keines der ersehnten Spielzeuge, sondern ein handgemaltes Bild von einer zauberhaften Landschaft ganz in Pastelltönen gehalten, in deren Hintergrund ein Schloss zwischen zwei Bergspitzen hervorlugte. Laura strahlte. Im Gegensatz zu ihren kleinen Brüdern gefiel ihr das Bild außerordentlich gut. Sie betrachtete es andächtig und bemühte sich dann, die beiliegende Glückwunschkarte zu entziffern: „Für meine kleine Elfenprinzessin. Möge es in deinem neuen Zimmer einen Ehrenplatz erhalten und dir immer Glück und Freude bringen. Wünscht dir von Herzen deine Mama!“ stand darauf geschrieben.

Und den Ehrenplatz bekam das Bild: direkt gegenüber von Lauras Bett, von dem aus sie es noch kurz vor dem Einschlafen betrachtete und über den wundervollen ereignisreichen Geburtstag nachdachte. Zirkus hatten sie gespielt und ihren Eltern ihre Kunstfertigkeit vorgeführt, Kuchen gegessen und Süßigkeiten, verkleidet und angemalt waren sie gewesen … herrlich. Laura seufzte. Sie hatte die Augen schon fast geschlossen als sie aus dem Augenwinkel etwas Seltsames bemerkte. Das Bild, das neue schöne Bild an der Wand hatte zu leuchten begonnen. Es strahlte von innen heraus und zwar so hell und klar, dass das ganze Zimmer davon in ein rosa-bläuliches Licht getaucht wurde.

In diesem Moment bemerkte Laura, dass sie gar nicht mehr in ihrem Bett sondern auf einer weichen Wiese lag. Um sie herum blühten die wundersamsten Blumen. Laura blieb erstaunt einen Moment liegen und versuchte die Szenerie in sie aufzunehmen – den süßlichen Duft der Blüten, die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, das leise Brummen und Summen unzähliger Insekten, die geschäftig von Blüte zu Blüte flogen und die leuchtenden abertausend Farben überall um sie herum. Während sie noch staunte, wurde sie sanft von etwas Weichem an der Wange berührt. Neben ihr stand ein schneeweißes Einhorn, dass sie vorwurfsvoll aus seinen blanken, schwarzen Augen ansah. „Wir müssen zurück, Prinzessin. Im Palast wird man sich schon Sorgen machen. Du kannst hier nicht weiter liegen und träumen. „Laura musste unwillkürlich lachen. Sie eine Prinzessin? Sicher, heute war sie die Hauptperson gewesen, aber eine Prinzessin war sie gewiss nicht, wie sehr sie sich das auch gewünscht hätte. Doch in dieser Umgebung fühlte sie sich so leicht und beschwingt und war bereit, jeden Spaß und jede Dummheit zu glauben und mitzumachen. Sie hatte das Gefühl, hier könne ihr nichts passieren, noch nicht einmal, wenn sie von einem Hochhaus gesprungen wäre – soweit es hier überhaupt Hochhäuser gab. Mit einem übermütigen Satz sprang sie hoch und flog drei Meter in die Luft. War sie in dieser Nacht leichter geworden? Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, dass ihr Flügen zwischen den Schulterblättern wuchsen, die sich automatisch ausgebreitet hatten, sobald sie vom Boden aufgesprungen war. Entzückt stieß sie einen leisen Schrei aus und schwang sich in einer eleganten Bewegung auf den Rücken des Einhorns. „Klar, lass uns zurück zum Palast reiten.“ Damit presste sie die Hacken in die Flanken des Tieres und stob davon.

Auf dem Schloss angekommen, empfing sie eine empörte Stimme, die durch die ganze Halle schallte. „Prinzessin Filine! Wie konntet Ihr es wagen ohne Erlaubnis auszureiten? Ihr wisst doch, wie gefährlich der Wald um diese Jahreszeit ist.“ Laura widersprach ohne Nachzudenken. „Es war gar nicht gefährlich. Wer bist du überhaupt?“ rutschte es ihr heraus. Im selben Moment bemerkte sie, dass sie die gestrenge, etwas verknöcherte Dame wohl kennen müsse, die das vor ihr stand und sie wütend anstarrte. „Wer ist bin … wer ich … das ist ja wohl die Höhe. Mit mir erlaubst du dir keine Späße, Fräulein Tochter. Auch wenn du das einzige vergötterte Kind deines Vaters bist, werde ich nicht zulassen, dass du ihm und allen andere auf der Nase herumtanzt. Die ständigen Kämpfe mit den blauen Piraten machen ihm sowieso genug Kopfschmerzen. Dieses Jahr sind sie so zahlreich geworden, dass wir uns ihrer kaum erwehren können. Bis zum Ball bleibst du auf deinem Zimmer, Filine. Susanna wird auf dich aufpassen …“ Ihr Blick fiel auf Filines vom Reiten verschmutzen Kleidung. „… und dich wieder standesgemäß herrichten. So kannst du dich heute Abend auf keinen Fall blicken lassen.“ Die Königin machte auf dem Absatz kehrt und ließ die verdutzte Laura  neben ihrer Kammerfrau stehen.

Während sie den ganzen Nachmittag vor dem Spiegel sitzen musste, um sich „herrichten“ zu lassen, dachte Laura darüber nach, dass das Leben als Elfenprinzessin wohl doch nicht so riesig war, wie sie sich das immer vorgestellt hatte. Trauring nahm sie einen der reich verzierten Elfenbeinkämme in die Hand und betrachtete ihn. Zugegeben – alle Dinge hier waren wunderschön, aber was nütze es, wenn man offensichtlich keine Minute unbeaufsichtigt tun konnte, wozu man Lust hatte? „Was ist das für ein Ball heute Abend?“ fragte sie Susanna. „Euer Hochzeitsball selbstverständlich. Ihr werdet den König der Schlangensümpfe heiraten, wie es seit langem beschlossen wurde. Nur so kann die Feindschaft zwischen den beiden Ländern biegelegt werden.“ Laura runzelte die Stirn. „Wieso Feindschaft? Ich mein … und …“, ich kenn ihn ja gar nicht, hatte sie sagen wollen, aber das schluckte sie lieber hinunter. Wer weiß, vielleicht kannte Filine den König ja doch und war durchaus mit der Hochzeit einverstanden. „Hab ich … zugestimmt?“ fügte sie zaghaft hinzu. „Du lieber Himmel, nein. Aber kommt es darauf denn an?“ Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend sah Laura dem Abend entgegen und beschloss, ihren zukünftigen Gatten auf die Probe zu stellen.

Der König kam auf einem prächtigen schwarzen Hengst und mit einem großen Gefolge. Ein in eine bunt-geschmückte Livree gekleideter junger Mann hielt ihm beim Absteigen die Steigbügel und führte das Pferd dann zu den Ställen. Laura, die am oberen Ende der Treppe in allem Prunk stand, beobachtete ihn. „Wer war das?“ flüsterte sie ihrer Kammerfrau zu. „Sein Knappe oder sein Leibknecht?“ Susanna lachte. „Nein, das war sein jüngerer Bruder Philip. Der König gefällt sich, seine Macht zu demonstrieren, indem er ihn zu seinem persönlichen „Begleiter“ gemacht hat. Es wird gemunkelt, der Kleine sei ein wenig zurückgeblieben im Kopf, so dass er im Hintergrund gehalten werden müsse.“ Stirnrunzelnd sah Laura Prinz Philip und dem Hengst nach. Als klein konnte man ihn wahrhaftig nicht mehr bezeichnen und in dem kurzen Moment, in dem Laura ihn hatte betrachten können, war sie sich gewiss geworden, dass es mehr seiner papageienähnlichen Kleidung als seinem Gesicht mit den klaren, wachen Augen an Respektabilität mangelte.

In diesem Moment stieß hoch oben in der Luft etwas einen fürchterlichen Schrei aus und raste direkt auf den König zu, der in Windeseile sein Schwert zückte und seinen übergroßen Prunkschild schützend erhob, um der feuerspeienden Kreatur zu begegnen. Nur der Schild verhinderte, dass er gegrillt wurde, als der Drache, vom Schwert leicht an der Brust verletzt, mit einem Schmerzensschrei wieder in die Höhe schoss und lauernd um die Burg kreiste. „Höllenbrut“, knurrte der König. „Eines Tages erwische ich dich und dann brate ich dich lebendig über kleiner Flamme, das schwöre ich.“

Laura hatte das Spektakel mit Entsetzen beobachtet und noch immer folgten ihre Augen dem über den Zinnen kreisenden Drachen, als der König sie beim Arm nahm und unsanft in die Halle zog. „Wenn Ihr wollt, Prinzessin, serviere ich Euch den Kopf dieses Scheusals morgen zum Frühstück.“ Er blickte voller Hass auf den Drachen. Laura sah ihre Chance gekommen und blinzelte ihn mit weichen Augen unschuldig an. „Ich kann das nicht sehen, wenn ein Tier umgebracht wird. Vertrag dich doch lieber mit ihm. Drachen sind sehr weise. Wenn du es richtig machst, wird es möglich sein, mit ihm Frieden zu schließen.“ Woher sie das wusste, wusste sie nicht. Sie wusste aber, dass es die Wahrheit war. Der König sah sie erstaunt an. „Sein Leben verschonen?“ Er lachte laut. „Nein mein Herzchen, von König Schlangenhaut wird niemand verschont, der ihn herausgefordert hat. Aber so ein kleines einfältiges Frauenzimmer wie du kann das nicht verstehen.“ Noch bevor sie etwas antworten konnte, packte er sie wieder beim Arm und zog sie weiter. „Komm jetzt, wir wollen heiraten.“ Laura riss sich abrupt los und gewann gebührenden Abstand zum König. Sie sah ihm fest in die Augen. „Niemand, der Euch je herausgefordert hat, wird verschont?“ fragte sie so laut, dass es der ganze Hofstaat hören konnte. „So ist es“, donnerte der König zurück. „Na dann ist die Hochzeit doch völliger Quatsch! Mit dir kann man sich nicht vertragen!“ Und noch bevor der König reagieren konnte, machte sie unter den verblüfften Blicken der Anwesenden kehrt und rannte so schnell sie konnte aus der Halle.

Das Ross des Königs war in der Box direkt neben Lauras Einhorn untergebracht, dass sie nun in Windeseile zäumte. Als sie sich auf seinen Rücken schwang, schaute Prinz Philip aus der Box des großen Pferdes über die Trennwand. „Wartet Prinzessin! Was ist geschehen?“ Doch Laura gab ihrem Reittier die Sporen und stob davon ohne sich von ihm aufhalten zu lassen. nachdenklich und besorgt schaute er ihr nach. Dann verließ er seine Arbeit und den Stall und wanderte hinaus auf das freie Feld am Fuße der Burg. Auf einen leisen Pfiff hin landete neben ihm ein riesiger rostroter Drache, der ihn geduldig auf seinen Rücken steigen ließ. Dann breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und flog davon.

Im Palast herrschte große Aufregung. König Schlangenhaut schwor mit gewaltigen Worten, die Prinzessin wohlbehalten zum Palast zurückzubringen und stellte sogleich einen Suchtrupp zusammen, an dessen Spitze er sich setzte. Filines Eltern, die sich am Ende der großen Halle befunden und daher die Unterredung zwischen ihr und dem König nicht vernommen hatten, blieben verwirrt und besorgt zurück. Insbesondere Filines Mutter war der festen Überzeugung, Filine laufe direkt in ihr Unglück und so Unrecht hatte sie damit nicht.

Laura war bis zur Küste geritten und ruhte sich jetzt am Strand im Schatten einer steil abfallenden Felswand aus. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nur die Wellen rollten in beruhigendem Rhythmus an den Strand. Laura legte sich in den warmen, feinen Sand, genoss die Geräusche der Wellen und der Möwen und beobachtete die Wolken. Und so bemerkte sie nicht das blaue Segel, welches schnell näher kam. Als das Einhorn, welches die ganze Zeit genüsslich Strandhafer und andere Kräuter gefressen hatte, plötzlich scheute und wild schnaubend davon galoppierte, war es bereits zu spät. Erschrocken fuhr Laura in die Höhe und sah sich von wilden Kerlen mit blauen Gesichtern umringt, die sie höhnisch und begierig anblickten. Immerhin war sie immer noch im prächtigsten Hochzeitskleid des ganzen Landes, Diamanten und Saphire schimmerten an ihren Ohren und ihrem Hals und bevor sie sich’s versah, stülpte sich ein riesiges Schmetterlingsnetz über ihren zierlichen Körper. „Nanu, was haben wir denn hier für einen kostbaren Vogel gefangen?“ Der wildeste und größte der Kerle baute sich vor ihr auf. So gut das Netz es zuließ, richtete sich Laura würdevoll auf und antwortete mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte: „Ich bin ehm … Filine, die Tochter des mächtigsten Elfenkönigs, und wenn du Bandit mich nicht sofort freilässt, wird es dir übel ergehen.“ Der Kerl lachte nur. „Ach! Was du nicht sagst! Das wird sich schon ändern, wenn du meine Frau geworden bist. Der Elfenkönig wird doch nicht seinen lieben Schiegersohn hängen lassen, sondern ihm im Gegenteil schön brav sein Königreich übergeben.“ Laura starrte ihn entsetzt an. Das konnte doch nicht wahr sein! Vom Regen in die Traufe! Warum waren nur alle widerlichen, groben Kerle darauf aus, ausgerechnet sie zu heiraten? Ein eindeutiger Minuspunkt im Leben einer Prinzessin. „Und damit du mir nicht davonfliegst, meine Schöne, bekommst du erst einmal das hier.“ Damit befestigte er einen Gurt um ihre Brust, der ihre Flügel fesselte und steckte den Schlüssel dazu befriedigt in seine Tasche. „So, aufs Schiff mit ihr!“

Das Einhorn raste immer noch in Todesangst über die Ebene, als ein riesiger Drache es in seinem Lauf stoppte. Prinz Philip schwang sich vom Rücken des Drachen, packte das verängstigte Einhorn beim Zügel und klopfte im beruhigend den schweißnassen Hals. „Ruhig, nur ruhig. Wo ist deine Herrin, mein Freund?“ Das Einhorn rang nach Atem. Schließlich brachte es hervor. „Die Piraten, die blauen Piraten haben sie entführt!“ Prinz Philip überlegte einen Moment. Noch einmal klopfte er dem Einhorn den Hals. „Lauf nach Hause und ruh dich aus. Wir werden die Piraten verfolgen.“ Dann trat er zu seinem Drachen und schwang sich auf seinen Rücken. Das Einhorn nickte erschöpft und trottete in Richtung Schloss, während Prinz Philip auf dem Rücken seines Drachen aufs offene Meer zusteuerte.

Unendliches Blau erstreckte sich bis zum Horizont. Der Himmel war mit weißen Wölkchen getupft, das Meer mit Schaumkronen garniert. Die Horizontlinie war fast nicht auszumachen. Suchend blickte sich Prinz Philip um. Weit konnten die Piraten noch nicht gekommen sein. Schließlich erblickte er eine Welle, welche sich im Gegensatz zu den anderen Wellen schnell in eine Richtung bewegte. War das die Bugwelle eines Schiffes? Doch das dazugehörige Schiff war nirgends zu entdecken. Erst die scharfen Augen des Drachen erblickten das blaue Schiff mit dem blauen Segel, welches die Welle vor sich herschob. Prinz Philip folgte den Piraten in gebührendem Abstand. Er wollte sich nicht auf eine Konfrontation mit den Piraten einlassen, bevor er nicht gründlich die Lage erkundet hatte. Vielleicht gab es ja auch eine andere Möglichkeit, die Prinzessin zu befreien. Das Schiff landete an einer schroffen Felsenküste, die offensichtig zu einer Insel von beträchtlicher Größe gehörte. Hoch auf dem Felsen ragte steil eine halb verfallene Burg auf, die in früheren Zeiten wohl mächtigen und reichen Herren gehört haben musste, deren glanzvolle Zeiten aber schon lange vorüber waren. Philip ließ den Drachen hinter einem Felsvorsprung landen und beobachtet, wie die Piraten die Prinzessin über die morsche Zugbrücke schleiften. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, hatte aber nicht die geringste Chance auf Erfolg. Als die Piraten im Schl0ss verschwunden waren, wandte Philip sich dem Schiff zu. Trotz seiner blauen Farbe war es ganz aus Holz gebaut und wie üblich mit Teer und Werk abgedichtet. Leise besprach sich der Prinz mit seinem Drachen. Dessen Augen begannen unternehmungslustig zu funkeln und er nickte.

Die Nacht senkte sich herab. Prinz Philip umkreiste auf seinem Drachen die Zinnen der Burg. Jedes Fenster wurde vorsichtig untersucht, ob sich nicht dahinter das Gefängnis der Prinzessin befand. Schließlich wurde seine Geduld mit Erfolg belohnt. Im Turmzimmer auf der obersten Zinne erspähte er Laura und den Piratenkapitän, die sich heftig stritten. Ihre Brust war immer noch mit dem Gurt umschlossen, der ihr kaum Luft zum Atmen lies und weiterhin ihre Flügel fesselte. Leise glitt er vom Rücken des Drachen und versteckte sich auf einem Vorsprung unterhalb des Fenstersimses. „Du wirst mich schon noch heiraten wollen, wenn du lange genug hier geschmort hast!“ Mit diesen Worten stampfte der blaue Kapitän wütend aus dem kargen Raum, donnerte die Tür hinter sich zu und lies die Prinzessin allein. Laura hatte Tränen der Wut in den Augen. Sie sprang ihm nach und trommelte erfolglos gegen die verschlossene Tür, dann ging sie fast wie in Zeitlupe zur Mitte des Zimmers zurück und lies sich auf einen Schemel sinken und begann zu weinen.

Philip stieß einen leisen Pfiff aus. Laura schreckte hoch und lauschte wie erstarrt. Lautlos und mit geschmeidigen Bewegungen kletterte der Prinz ins Zimmer, den Zeigefinger an den Mund gepresst. Laura saß immer noch auf dem Schemel wie eine Statue. Philip kam zu ihr. „Hast du ein Messer?“ flüsterte sie. Philip nickt und reichte ihr ein kleines Jagdmesser. Laura nahm es und schnitt den Gurt mitten entzwei. Befreit atmete sie auf. „Danke.“ Sie gab ihm das Messer zurück. „Wie kommen wir hier weg? Wie bist du überhaupt hier hereingekommen?“ Der Prinz schmunzelte. Dann lies er einen weitere Pfiff ertönen und der Drach erschien draußen vor dem Fenster. Lauras Augen wurden groß und größer. „Oh. Der gehört zu dir? Du kannst deinen Bruder wohl nicht gerade leiden.“ Neugierig sah sie ihn an. „Die Ehre beruht auf Gegenseitigkeit. Mein Bruder gefällt sich darin, mich wie einen Dienstboten zu behandeln und obendrein noch überall im Land verbreiten zu lassen, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“ Draußen vor der Tür waren Schritte zu hören. Der Prinz wechselte automatisch in einen Flüsterton. „Komm, ich erzähl dir die ganze Geschichte unterwegs.“ Hastig flüchteten die beiden zum Fenster und bestiegen den Drachen, so dass der Pirat, der der Prinzessin ein kärgliches Abendessen bringen sollte, die Kammer leer vorfand.

„Alarm! Alarm!“ schallte es durch die Gänge, doch der Drache war bereit hoch oben in der Luft. „Alle Mann zum Schiff.“ Der Drache ging in einen Sturzflug. Laura klammerte sich erschrocken fest. „Was tust du da?“ „Keine Angst, wir machen den Piraten nur ein kleines Abschiedsgeschenk.“ Nur ein paar Zentimeter raste der Drach über dem Schiff hinweg. Segel und Masten, Planken und Ruder fingen Feuer unter seinem Atem und als die Piraten ihr Schiff erreichten, brannte es hell wie eine Fackel vor dem schwarzen Himmel. Prinz Philip aber drehte sich auf seinem Reittier übermütig um und rief dem unter seiner blauen Haut kreideweißen Kapitän zu: „Die Prinzessin lässt Euch mitteilen, dass sei Eure Werbung ablehnt. Seeräuber sind nicht ihr Stil.“ Laura lachte. Auf dem Rücken des Drachens fühlte sie sich plötzlich leicht und frei.

König Schlangenhaut war indes ohne Erfolg zum Schloss zurückgekehrt. König und Königin waren nach dem Eintreffen des Einhorns voller Sorge. Immer noch wussten sie nicht, was mit ihrer Tochter passiert war, da das Einhorn allein mit der Prinzessin zu sprechen pflegte. König Schlangenhaut versicherte, dass er nicht ruhen werde, bis die Prinzessin gefunden sei und dass ihr Vater sein Königreich auch getrost in ihrer Abwesenheit in seine Hände geben könne. Gebeugt vor Kummer war der König geneigt, das Angebot seines Beinahe-Schwiegersohns anzunehmen und ihm die Bürde der Regierung zu übertragen, auf dass er selbst nur noch die Bürde des Kummers zu tragen hätte.

In diesem Moment erfüllt ein Rauschen die Luft und der Drache landete inmitten des Schlosshofes. König und Königin staunten nicht schlecht, als sie Laura und Philip von dessen Rücken steigen sahen, doch König Schlangenhaut erfasste die Situation sofort und wusste, sie zu seinem Vorteil zu nutzen. „Na endlich, mein Lieber, ich wusste, dass ich mich in dieser Mission auf dich verlassen kann“, begrüßte er seinen Bruder. „Übergib mir nun meine Braut, damit wir die Hochzeitzeremonie fortsetzen können. Die fürstliche Belohnung, die ich dir versprochen habe, wirst du umgehend erhalten.“ Damit nahm er Lauras Hand und wollte sie zu ihren Eltern führen, doch Philip hielt sie an der anderen fest. Weder der eine noch der andere ließen los. Philip trat neben Laura und sah seinen Bruder herausfordernd an. Der Drache schnaubte bedrohlich. „Ich fürchte, mein lieber Bruder, du hast dich verrechnet. Wie du sehr genau weißt, habe ich aus eigenem Impuls gehandelt und ich werde nicht wieder auch nur einen Befehl von dir annehmen. Wie sagtest du doch immer so schön? Dem Sieger gehört die Beute. Und der Sieger bin ich.“ Wie zur Bestätigung stieß der Drache eine kleine Stickflamme aus den Nüstern, die König Schlangenhaut den Hosenboden versengte. Er schrie auf und hielt sich sein Hinterteil. „Du, du … schon längst abschießen müssen hätt ich das Vieh!“ Und damit floh er mit grotesken Bewegungen, immer noch die Hände über seinem brennenden Allerwertesten hin zum Schlossteich, in den er seinen Po mit einem leisen Zischen versenkte.

Philip sah ihm mit Erleichterung nach. „Den wären wir los.“ Laura drehte sich zu ihm und schaute ihn direkt an. „So. Und was hast du mit mir vor? Der Beute?“ fragte sie kühl. Prinz Philip lächelte. „Was immer Ihr wollt, Prinzessin. Ich stehe zu Eurer Verfügung.“ Da lachte die Prinzessin erleichtert und fiel ihm vor Freude um den Hals. „Ich will dich“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Auf der Hochzeit überreichte Philip ihr anstelle des üblichen, goldenen Rings ein braun-bronzenes Medaillon, in welches merkwürdige Muster eingraviert waren. „Das habe ich von meiner Urgroßmutter geerbt. Sie sagte mir, sie hätte es von einer Quellnymphe erhalten und es würde jedem Mädchen, welches es trägt, die Klarheit des Wassers und die Zuversicht und Geborgenheit der Erde schenken.“ Laura sah ihm gerade in seine goldbraunen Augen. Mehr war im Augenblick nicht nötig.

Laura erwachte vom Gebrabbel ihrer kleinen Schwester im Bett unter ihr. Ihr erster Blick fiel auf das Bild an der Wand gegenüber. Zwar leuchtete es nicht mehr, das es war noch immer strahlend schön. Ein wunderschöner Traum war das gewesen, wie schön wäre es, wenn sie noch hätte dort bleiben können. Sie streckte sich und wollte sich aufrichten, als sie mit etwas an ihrer Hand in der Bettdecke hängen blieb. „Au! Mist!“ Verwundert besah sie den kleinen Gegenstand, der an ihrem Ringfinger gestreckt war. Es war genau das Medaillon aufs ihrem Traum.

ENDE

Zweite Theaterstunde

Ich habe ja geschrieben, dass man immer die Übungen mindestens einmal wiederholen sollte, bevor man etwas anderes tut. Nun ich habe mich selbst nicht dran gehalten … naja, fast oder teilweise ….

Hier kommt der Ablauf der zweiten Theaterstunde:

  1. Wir gehen alle wie eine lange Schlange in den Raum und zischen leise.
  2. Die Kinder setzen sich auf die Kissen und das Sockenmonster „Wuschel“ kommt heraus und begrüßt die Kinder. Die Kinder fragen schon nach der Ballübung mit der Bombe und der heißen Kartoffel.
  3. Wuschel muss gestehen, dass die Sockenmonster zu Hause die ganzen Bälle aufgegessen haben und wir daher nicht mit richtigen Bällen spielen können. Die Kinder lauschen ungläubig.
  4. Ich schlage vor, mit einem unsichtbaren Zauberball zu spielen und beginne das Spiel „Ballala“
  5. Dann verwandelt sich der Ball in meinen Händen in einen Hut. Ich forme ihn wieder zu einem Ball und gebe ihn dem nächsten Kind. Jedes Kind soll nun versuchen, den Zauberball in etwas anderes zu verwandeln. Nicht allen gelingt das. Bei diesem Spiel merke ich, dass ich darauf achten muss, dass die anderen tatsächlich raten, worum es sich handelt und nicht das Kind das selbst sagt. Dadurch lernen die Kinder, sich mimisch auszudrücken.
  6. Als nächstes wird das Spiel mit der Bombe verlangt. Ich frage die Kinder, ob sie es lieber mit einem echten Ball oder mit dem Zauberball spielen wollen. Sie entscheiden sich für einen echten Ball und wir nehmen einen aus einer Kiste im Kindergarten. Der Ball wird zu der heißen Kartoffel, die weitergegeben werden muss und der Bombe die sehr, sehr vorsichtig von einem Kind zum anderen geworfen werden muss. Dabei sollen die Kinder sich vorher mit Namen ansprechen, damit derjenige weiß, wer gemeint ist.
  7. Es wird Zeit, das Thema zu wechseln. In Vorbereitung auf Fasching haben wir das Lied „Der Cowboy Jim aus Texas“ gesungen und ich habe geplant, es nachzuspielen. Wir machen eine Schleichschule. Die Bösewichte schleichen sich an den schlafenden Jim. Er wacht auf und rennt weg. Die anderen rennen hinterher.
  8. Beim zweiten Durchgang ist der Floh dabei, der den Cowboy aufweckt.
  9. Dann singen wir das Lied dazu und versuchen, die Aktionen im Rhythmus des Liedes zu tun.
  10. Als Abschluss machen wir eine Tschüß-Rakete: Alle Kinder stehen im Kreis und legen die Hände aufeinander. Die Hände werden mit einem langen, lauten  „Tschüß“ in die Luft geworfen.

Grundsätzlich gilt bei der Theaterstunde das Prinzip der Freiwilligkeit. Ich frage vorher immer, wer Lust hat mitzumachen und es kommen nur Kinder mit, die dies wollen. Auch in der Stunde müssen die Kinder keine Übung mitmachen. Wer nicht möchte, darf zuschauen. Bedingung ist, dass das Kind leise ist und nicht stört. Wer absichtlich stört, wird rausgeschickt. Bisher ist mir das noch nicht passiert. Drückt mal die Daumen, dass es so bleibt!

Ich freue mich über eure Kommentare!

So, hier geht es zu:

Wie man eine Theaterstunde für Kindergartenkindern plant

1. Theaterstunde

Wie man eine Theaterstunde für Kindergartenkinder plant

In meinem Kinderladen mache ich seit kurzem eine Theaterstunde für die 3- bis 6-Jährigen und ich wollte euch teilhaben lassen, wie ich den Kurs und die einzelnen Stunden plane:

Orientiert habe ich mich an der „Musikalischen Lernwerkstatt“ von Valeria Borbonus, die sie uns in unserer Erzieherausbildung vorgestellt hat. Valeria ist Musikpädagogin und nimmt als Ausgangspunkt ihrer Stundenplanung jeweils ein Kinderlied, aus dem sie dann die gesamte Einheit assoziativ entwickelt. Da ich ja keine musikalische Früherziehung, sondern Theaterpädagogik mache, nehme ich statt des Liedes ein theatralisches Thema, um das sich die gesamte Stunde rankt.

Solche Themen sind beispielsweise:

  • Bälle
  • Tiere
  • Gegensätze (hoch-tief, laut-leise, schwer-leicht, hart-weich, schnell-langsam, da-weg)
  • Gefühle
  • Spiegel
  • weglaufen – verstecken – fangen
  • Reise
  • Puppen
  • Geräusche / Klang / Atem
  • Körper
  • Raum und Zeit
  • Reim und Rhytmus
  • Alltagsgegenstände (Küchenutensilien, Gegenstände zum Putzen, Büroartikel)
  • Roboter / Maschinen
  • Tücher / Decken / Seile
  • Steine / Stöcke / Naturmaterial

Als ersten Schritt assoziiere ich mit der Mind-Map-Methode alles, was mir zum gewählten Thema einfällt.

Meine Mind-Map zum Thema „Ball“ sah beispielsweise so aus:

Mind-Map zum Thema Ball
dies alles ist mir assoziativ zum Begriff „Ball“ eingefallen

Während ich die Mind-Map mache, fallen mir Szenen und Spiele ein, die ich mit den Kindern machen könnte. Aus der „Ball“-Mind-Map habe ich beispielsweise folgendes gelesen:

  • der Ball kann gegenständlich oder unsichtbar sein.
  • der Ball kann sich in verschiedene Dinge verwandeln: Ein Ei, aus dem ein Vogel schlüpfen kann, ein Samenkorn, aus dem eine Pflanze wächst, eine Glaskugel, in der man die Zukunft oder weit entfernte Orte sehen kann
  • die Kinder können sich selbst in einen Ball verwandeln und durch den Raum kugeln und rollen
  • die Kinder können sich mit dem Ball fangen und abwerfen, zum Beispiel als Schneeball
  • der Ball kann als Zauberball (wie die Nüsse bei Aschenbrödel) ein Geheimnis beherbergen, was mit dem entsprechenden Zauberspruch sichtbar gemacht werden kann

Als nächstes suche ich in Theaterbüchern Anregungen und erprobte Spiele. Aktuell verwende ich das Buch „Theaterspielen mit Kindern ab zwei Jahren“ von Petra Paula Marquart und Stefanie Jerg (Hrsg.). Ich kann das Buch nur empfehlen.

Nun kommt die „Musikalische Lernwerkstatt“ ins Spiel. Valeria baut ihre Stunden wie folgt auf:

Beginn und Schluss sind wie bei allen solchen Stunden ein festes Ritual:

Am Anfang ist das Begrüßungslied, dann wird jedes Kind von dem Eisbär (einer Handpuppe von Folkmanis) mit einem Küsschen begrüßt. Die Kinder entscheiden, wo der Eisbär während der Stunde sitzen soll und dann geht es los.

  1. Einstieg: Valeria hat etwas mitgebracht, was das Thema einleitet, entweder einen Gegenstand oder eine Geschichte oder eine Frage an die Kinder. Daraus entsteht ein Gespräch.
  2. Danach wird einmal das Lied gesungen.
  3.  Die Kinder spielen, was in dem Lied vorkommt, während es noch einmal gespielt und gesungen wird.
  4. Es entsteht daraus ein Spiel.
  5. Etwas ungewöhnliches geschieht, was dem Ablauf der Geschichte eine neue Richtung gibt.
  6. Valeria hat etwas mitgebracht, was einen Alltagsbezug zu dem Thema des Liedes herstellt (meist etwas, was man essen kann ;)).
  7. Zum Schluss dürfen die Kinder sich noch ein Spiel aussuchen, welches sie machen wollen. Das kann auch aus früheren Stunden sein.

Die gesamte Einheit dauert etwa 20 – 25 min. Bei Elementarkindern werden zwei Einheiten gemacht, bei Krippenkindern nur eine.

Zum Schluss erfolgt wieder ein Ritual. Alle sagen sich gegenseitig tschüß und die Kinder entscheiden, wie alle den Raum verlassen sollen.

Meine Aufgabe ist es nun, dieses Schema auf mein Thema zu übertragen und schon habe ich meine Stunde!

Wie meine erste Stunde im Detail ausgesehen hat und was in der Realität daraus geworden ist, könnt ihr hier lesen.

Es ist übrigens wichtig, die Einheit nicht nur einmal mit den Kindern zu spielen, sondern sie mindestens einmal zu wiederholen. Vertraut einfach eurem Fingerspitzengefühl, können die Kinder das Spiel noch nicht, dann war es zu wenig Wiederholung, fangen die Kinder an, Quatsch zu machen, war es zu viel.

Habt ihr auch schon mit Kindern Theaterunterricht gemacht? Wenn ja, dann schreibt bitte in die Kommentare. Ich freue mich, über Erfahrungsaustausch!

 

 

 

 

Meine Theaterstunde zum Thema „Bälle“

Wie ich schon berichtet habe, mache ich jetzt in meinem Kinderladen regelmäßige Theaterstunden mit den Kindern. Die erste Stunde ist folgendermaßen abgelaufen:

  1. Ich habe den Raum so vorbereitet, dass der Fußboden komplett frei ist und alle Dinge im Raum die Wand geschoben sind. Regale sind mit Decken ein wenig abgehängt worden. Die Gegenstände, die ich brauche, liegen auf einem Regal. Außerdem habe ich noch eine Decke und zwei Matratzen parat gelegt. Ein Kreis von Kissen auf dem Boden ist ausgelegt.
  2. Ich hole die Kinder und wir stehen vor dem Raum. Ich frage die Kinder, wie sie den Raum betreten wollen. Sie entscheiden sich, die Augen zu schließen und sich in einer langen Schlange an den Händen zu halten.
  3. Als wir im Raum sind, setzen sich alle auf die Kissen. Mein Sockenmonster „Wuschel“ kommt heraus und fragt, was eigentlich Theater ist. Die Kinder begrüßen es und versuchen es ihm zu erklären.
  4. Ich hole einen Ball heraus und rolle ihn dem Kind gegenüber mit den Worten „Ballala Maria“ zu. Die Kinder begreifen das Spiel und rollen den Ball zum nächsten, trauen sich aber noch nicht richtig, das Kind auch anzusprechen.
  5. Dann rollt der Ball mit einem Geräusch zum nächsten Kind. Die Kinder finden das sehr witzig und lassen den Ball miauen und muhen.
  6. Jetzt wird der Ball im Kreis herum gegeben. Er ist eine heiße Kartoffel. Dann verwandelt er sich in einen Matschball, dann in eine Bombe, die sehr sehr vorsichtig weitergegeben werden muss.
  7. Jetzt haben die Kinder genug davon, im Kreis zu sitzen. Wir stehen auf und kugeln uns wie die Bälle. Aus den Bällen werden Eier, aus denen kleine Küken schlüpfen.
  8. Wir bauen aus der Decke, den beiden Matratzen und zwei Stühlen eine Bühne. auf. Dann bekommen die Kinder jeweils jeder einen eigenen Ball, mit dem sie sich eine Fortbewegungsart ausdenken sollen. Jeder führt seine Fortbewegungsart auf der Bühne vor.
  9. Zum Schluss schlüpfen noch mal ein paar Küken auf der Bühne. Verbeugung. Klatschen. Abgang.

Ein richtiges Abschlussritual habe ich noch nicht gefunden, daher haben wir uns alle nur „tschüß“ gesagt.  Nach der Stunde habe ich den Raum wieder umgebaut. Ein paar der Kinder wollten noch weiter mit den Bällen spielen und waren dann noch eine ganze Weile damit beschäftigt.

Gern dürft ihr die Stunde ausprobieren. Schreibt mir doch, wie es bei euch war!

Quatschgeschichten mit Yogafiguren

Da ich ja jetzt im Kindergarten arbeite, habe ich mich damit beschäftigt, was man so für Geschichten dort gebrauchen kann. Da ich auch schon Yoga mit Kindern gemacht habe, war die erste Idee, die Yogafiguren zu einer Geschichte zu verbinden, um so einen roten Faden durch die Übungen zu haben, dem die Kinder leicht und mit Spaß folgen können. Außerdem haben Yogafiguren immer sehr anschauliche Namen, die sich gut zum Geschichtenerzählen eignen.

Als zweite Idee kam ein Spiel von Haba dazu, was „Quatschgeschichten“ heißt und in dem man vier Elemente einer Geschichte per Zufall miteinander kombinieren kann, so dass syntaktisch einwandfrei, aber inhaltlich nicht unbedingt logisch, eine Geschichte herauskommt.

Die Elemente der einzelnen Geschichten sind einfach:

  1. Ein Ort: z.B. „In einem dunklen Keller, da lebte“. Wichtig ist, dass der Satzteil mit „da lebte“ aufhört, so dass er an jedes zweite Element passt.
  2. Eine Hauptfigur, die ein Bedürfnis oder einen Wunsch hat: z.B. „…. eine kleine Maus, die sich noch nie aus ihrem Loch herausgetraut hatte. Die Maus träumte davon, die große Welt zu sehen, fand aber nicht den Mut dazu. Doch dann entdeckte sie plötzlich … “ Hier muss der Satzteil mit „und traf“, „und sah auf einmal“ oder „und entdeckte“ aufhören, damit das Puzzleteil passt.
  3. Eine Nebenfigur,  die ebenfalls ein Bedürfnis hat oder eine besondere Fähigkeit oder Leidenschaft, die zur Hauptfigur passt: z.B. „…. ein kleines Mädchen, welches im Keller Saft holen sollte. Das Mädchen liebte Mäuse und wünschte sich sehnlichst ein Haustier. Und so …“ Hier geht die Geschichte dann immer mit „also“ oder „und dann“ oder „und so“ als Anschlusswort weiter zu Nr. 4.
  4. Das Ende: hier löst sich das Problem der Hauptfigur und die beiden Figuren tun etwas mit einander: „… freundeten sich die beiden miteinander an und machten zusammen die schönsten Reisen.“ ENDE

Meine Idee war nun, diese Struktur auf die Yogageschichte anzuwenden. Jedes Element ist eine Yogafigur, die dann zu einer Geschichte verbunden werden müssen. Sind alle Geschichten fertig, können sie, wie die Quatschgeschichten frei kombiniert werden.

Die Yogafiguren habe ich dem Buch „Yoga mit Kindern“ von Mark Singleton entnommen. Sie sind jeweils fett markiert. Herausgekommen sind sechs kleine Geschichten:

  1. In einer handbetriebenen Rakete, da lebte …

    … ein tapferer Sternenkrieger. Er träumte davon, Ruhm und Ehre zu erlangen. Eines Tages fand er …

    … auf einem Planeten einen verzauberten Pfeil. Der Pfeil hatte den Auftrag, den dunklen Herrscher zu besiegen. Also …

    … stiegen die beiden ein, strampelten (Radfahren) gemeinsam zum Mittelpunkt des Universums, besiegten den dunklen Herrscher und wurden im gesamten Weltall berühmt.

  2. Auf einem kleinen Segelboot, da lebte …

    … ein geschäftstüchtiger Hahn. Der Hahn fraß für sein Leben gern Risotto und träumte davon, einmal mit Reis sein Geld zu verdienen. Eines Tages …

    … landete er an einer kleinen Insel und traf dort er einen unglücklichen, ausschlagenden Esel. Seine Mutter und sein Vater waren Goldesel gewesen, aber er brachte nur Reis zustande. Also …

    … gründeten die beiden zusammen einen Reishandel, sortierten von morgens bis abends Reis und wurden sehr reich damit.

  3. In einem alten Schaukelstuhl, da lebte eine häusliche Spinne, die sich ein Kind wünschte, aber keine eigenen bekommen konnte. Eines Tages …

    … verfing sich in ihrem Netz eine verspielte Stechmücke. Die Stechmücke hatte keine Eltern mehr und war ganz allein auf der Welt. Und so …

    … nahm sie sie an Kindesstatt an und wiegte sie wie ihr eigenes Baby .

  4. Auf einem gemütlichen Schaukelboot, das lebte …

    … eine neugierige Maus. Der Maus war schrecklich langweilig und wollte auch mal etwas Aufregendes erleben. Eines Tages …

    … brachte ein Matrose eine flinke Katze mit an Bord. Die Katze hatte die Aufgabe, die Mäuse auf dem Boot zu fangen. Doch sie war Vegetarier und wollte nicht töten. Und so …

    … sprangen sie gemeinsam vom Boot, schwammen zu einer Insel und begannen zwischen Kokospalmen ein neues Leben.

  5. In einem wendigen Helikopter, da lebte …

    … eine gelenkige Marionette, die für ihr Leben gern tanzte. Eines Tages …

    … fand sie unter dem Boden einen alten, vergessenen Triangel (Dreieck), die in jungen Jahren für ihre Musik Preise gewonnen hatte. Also …

    … machten sie gemeinsam Musik, tanzten und schüttelten sich durch bis zum Morgengrauen.

  6. Unter dem silberhellen Halbmond, da lebte …

    … ein sanfter Löwe, der für sein Leben süßen Pudding aß. Der Löwe war sehr einsam, da jeder sich vor ihm fürchtete. Eines Tages …

    … traf er eine mutige Taube, die für eine Puddingfabrik Lieferungen zustellte. Sie mochte nicht mehr für die Menschen arbeiten und wollte lieber fernab in der Wildnis leben. Also …

    … suchten sich die beiden eine lauschige Höhle, in der sie fortan gemeinsam lebten und die leckersten Puddings kochten.

Aufgrund der Vorgabe der Yogafiguren sind die Geschichtchen an sich schon etwas skuril geworden. In freier Kombination werden sie sehr schräg. Kinder lieben so etwas …

Da es sechs Geschichten sind, kann man sie ganz einfach per Würfel mischen. In dem Spiel von Haba gibt es noch Pappkärtchen mit Bildern für die einzelnen Geschichtenteile. Wenn ich die Geschichten mit in den Kindergarten bringe, werde ich für die Yogafiguren ebenfalls Karten herstellen.

 

Neuauflage

Huhu,

ich habe seit ewigen Zeiten hier nichts geschrieben. Das soll sich jetzt aber ändern. In den letzten drei Jahren ist viel passiert. Meine Kinder sind mittlerweile alle in der Schule, ich habe eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und arbeite nun in einem Kinderladen, daher werde ich mich wohl weiter mit Geschichten und Theaterstücken für kleine Kinder beschäftigen ;).

Plan ist, regelmäßig Geschichten und Artikel über das Theaterspielen mit kleinen Kindern zu veröffentlichen. Ich schreibe das hier, damit ich mich auch verpflichtet fühle, es tatsächlich zu machen, da das Schreiben bei mir zur Zeit oft vom Alltag „gefressen“ wird.

Ich freue mich über Anmerkungen und Kommentare.

Eure Patricia

Der kleine Tiger mag nicht streiten

Hallo ihr Lieben,

hier kommt eine Geschichte für größere Kindergartenkinder oder kleine Grundschulkinder über den ersten Tag des kleinen Tigers in der Schule. Dort trifft er auf eine sehr streitsüchtige Ziege, doch der kleine Tiger mag nicht streiten …

Viel Spass beim Lesen!

Eure Patricia

Der kleine Tiger mag nicht streiten

Der kleine Tiger kommt in die Schule. Er hat ein wenig Angst. Alles ist neu und er kennt niemanden. Im Klassenzimmer setzt er sich auf einen leeren Platz und beobachtet, wie sich eine kleine Giraffe und ein Ziegenkind streiten:
„Du doofe Ziege!“ sagt die kleine Giraffe.
„Du Langhalsaffe!“ meckert die kleine Ziege.
„Hornungeheuer!“ ruft die kleine Giraffe.
„Fleckenteufel!“ brüllt die kleine Ziege.
„Böckchen!“ schreit die kleine Giraffe.
„Baumlutscher!“ kreischt die kleine Ziege.
Die Giraffe grinst die kleine Ziege an. „Heulsuse!“ sagt sie ganz ganz leise.
Der kleinen Ziege kommen die Tränen vor Wut. Sie haut die Giraffe. „Gar nicht!“ schreit sie außer sich vor Wut.
Die Giraffe weicht aus und lacht.
Die Lehrerin, Frau Bär, kommt herein. „Was ist denn hier los? Wer hat angefangen?“
„Sie!“
„Sie!“
Beide Kinder zeigen aufeinander. Die kleine Giraffe grinst noch immer.
Der kleine Tiger muss unwillkürlich auch kichern. Worum ging es eigentlich bei dem Streit?
Die Lehrerin schaut streng. “Ihr setzt euch augenblicklich auseinander. Du dort und du da.“ Sie zeigt mit der Tatze auf den Platz neben dem kleinen Tiger.
Die kleine Giraffe mault. „Ich will mich nicht neben jemanden setzen, den ich nicht kenn. Mit Zora war ich im Kindergarten.“
„Umso schlimmer“, antwortet Frau Bär und zeigt unerbittlich mit der Tatze auf den Platz neben dem kleinen Tiger.
Ihm wird ein wenig mulmig. Was ist, wenn die Giraffe auch Streit mit ihm anfängt? Er hasst Streit und er ist nicht gut darin.
Mit bockigem Gesicht setzt sich die kleine Giraffe neben ihn.

Im Unterricht versucht die kleine Giraffe dem kleinen Tiger den Stift wegzunehmen. Er hält fest. Er ist ein Tiger und stärker als sie. Trotzdem mag er das nicht. Was will sie? Er steckt den Stift in seine Tasche. Die Giraffe angelt nach seiner Tasche.
„Macht das dir Spaß?“, flüstert er leise.
Die kleine Giraffe grinst. „Ja“, flüstert sie zurück.
Der kleine Tiger legt seine Pranke auf die Federtasche. „Ich mag Streiten gar nicht. Das ist doof. Magst du in der Pause mit mir Fangen spielen?“ Er überlegt einen Moment, dann hält er ihr seine Pranke hin. „Ich bin Toby und wie heißt du?“
Die kleine Giraffe schaut ihn verblüfft an. „Warum wirst du nicht böse?“ fragt sie verwundert.
„Ich bin nicht gerne böse“, antwortet Toby.
Die kleine Giraffe überlegt. „Du bist komisch und ich bin Gina“, sagt sie und reicht ihm ihren Huf.

Toby und Gina gegen gemeinsam auf den Schulhof. Im Flur wird Toby von einem kleinen Löwen angerempelt, der eine Klasse höher ist. Toby reagiert nicht, aber Gina.
„Hey du Langhaarkätzchen! Mach das nicht nochmal, sonst kriegst du es mit mir zu tun, ja?“
Der kleine Löwe dreht sich um. „Ach ja?“ Er baut sich vor Gina auf. „Und was willst du tun?“ fragt er.
„Ich leg dich aufs Kreuz“, antwortet Gina und schon sind die beiden in den tollsten Ringkampf verwickelt. Schnell liegt der kleine Löwe auf dem Rücken.
Frau Bär kommt angelaufen und trennt sie. „Gina! Du bist den ersten Tag hier und bist schon wieder in einen Kampf verwickelt. Musst du immer streiten? Du bleibst in der Pause drin.“ schimpft sie.
Das ist doch ungerecht, denkt Toby. Er zupft Frau Bär am Ärmel. „Frau Bär, Gina hat nicht angefangen. Sie wollte mich verteidigen, weil der kleine Löwe mich geschubst hat, absichtlich.“
„Stimmt das?“ Frau Bär sieht die drei prüfend an. „Gut, dann ab in die Pause mit euch und keinen Streit mehr!“
Gina und Tony rennen Huf in Pranke davon. „Du darfst dir das nicht gefallen lassen“, sagt Gina zu Toby, „sonst macht er das immer wieder.“

Auf dem Schulhof spielen Toby, Gina und Zora, die kleine Ziege, Fangen. Sie rennen, bis ihnen die Zungen aus dem Hals hängen. Doch der Löwe aus der zweiten Klasse hat seine Niederlage nicht vergessen. Mitten im Lauf rennt er sie um.
Gina fällt hin und schlägt sich das Knie auf. Sie weint. „Du Blödmann!“ schluchzt sie.
Toby und Zora kommen angelaufen. Toby legt den Arm um Gina.
„Selber blöd“, antwortet der kleine Löwe. „Wer Streit anfängt, bekommt es eben zurück.“
Jetzt ist Toby wütend. Hört das denn nie auf? Er knurrt bedrohlich: „Gina ist meine Freundin. Lass sie in Ruhe!“
Der kleine Löwe zuckt mit der Schulter. „Wenn sie mich in Ruhe lässt?“ entgegnet er.
Toby sucht Ginas Blick.
Gina erwidert seinen Blick. „Nur wenn du uns in Ruhe lässt.“
Der kleine Löwe nickt. „Gut, aber ich werd nicht mit dir reden.“
Gina hält ihm ihren Huf hin. „Ich auch nicht.“
Der kleine Löwe schlägt ein. „Abgemacht.“
Toby lacht. „Ihr seid vielleicht komisch.“

Im Klassenzimmer sagt Gina zu Toby. „Du kannst ja doch sauer werden.“ Toby grinst. „Manchmal ist es eben nötig, aber meistens nicht.“

Schneeweißchen und Rosenrot – Szene 8

Szene 8          SEE

Im See schwimmt ein großer, bunter Fisch (oder mehrere). Alberich schiebt ein Boot ins Schilf. Er wirft seine Angel aus.

Der Bär beobachtet Alberich vom Ufer aus.

Die Fische betrachten interessiert den Wurm, der an der Angel hängt.

Fisch (zum Wurm): Du siehst aber lecker aus. Soll ich dich jetzt gleich verspeisen oder doch erst zum Abendbrot. Hmm, mal überlegen …

Bär (vom Ufer): He Fisch! Vorsicht! Der Wurm hängt an einer tödlichen Angel. Friss ihn nicht.

Der Fisch schaut sich um.

Fisch: Wirklich? Schade. Danke für die Warnung, lieber Bär. Du hast mir das Leben gerettet. Kann ich irgendetwas für dich tun?

Bär: Ja, das kannst du. Der die Angel auswirft ist mein Feind, der Zwerg Alberich. Ein Zauberbann umgibt ihn, so dass ich ihn nicht erreichen kann. Kannst du ihn für mich unter Wasser ziehen und ertränken?

Fisch: Aber mit Leichtigkeit kann ich das für dich tun.

Der Fisch nimmt die Angelschnur in die Flosse und beginnt zu ziehen. Der Zwerg zieht ebenfalls. Beide sind ungefähr gleich stark. Während des Tauziehens verwickelt sich der Bart des Zwerges in der Angelschnur. Er will ihn wieder entheddern und wird dabei fast vom Fisch ins Wasser gezogen. Gerade noch kann er sich wieder fangen.

Alberich: Hilfe! Hilfe!

Schneeweißchen und Rosenrot haben auf der anderen Seite des Sees Blumen gepflückt und Kränze gewunden. Sie schauen auf, eilen herbei.

Rosenrot: Wo willst du hin? Du willst doch nicht ins Wasser?

Alberich: Solch ein Narr bin ich nicht. Seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen!

Die Mädchen halten Alberich fest und versuchen den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur sind fest ineinander verwirrt. Rosenrot zückt die Schere und schneidet dem Zwerg die Hälfte seines Bartes ab. Sie fallen zurück ins Boot und die Angel gleitet mit der anderen Hälfte des Bartes ins Wasser.

Alberich: Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den Meinigen garnicht sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!

Der Zwerg schultert seinen Sack und stiefelt ohne Abschiedswort aus dem Boot.

Schneeweißchen: Wir hätten ihm nicht das Leben retten sollen?

Die Mädchen schauen ihm verwundert nach.

Rosenrot: So ein unfreundlicher Geselle. Vielleicht sollten wir ihm gar nicht mehr helfen. Er hat es nicht verdient.

Schneeweißchen: Auch wenn er es nicht verdient hat. Jede gute Tat bringt etwas Gutes hervor, auch wenn wir im Augenblick noch nicht sehen können, was es ist.

Rosenrot: Bei deiner Zuversicht muss es wohl so sein, kleine Schwester.

Schneeweißchen: Natürlich ist es so.

Schneeweißchen fasst die Schwester beim Arm und sie gehen gemeinsam zurück zu der Wiese und pflücken weiter Blumen.

Der Bär hat die ganze Szene beobachtet. Enttäuscht wendet er.

Bär: Nun ist mein Plan wieder fehlgeschlagen. Ich weiß ja, dass es gut ist jemandem zu helfen, der in Not ist, doch in diesem Fall werde ich wohl ewig als Bär durch den Wald laufen, wenn die beiden Mädchen so gut auf die Geschöpfe des Waldes achtgeben. Selbst kann ich ihn nicht besiegen, seine Zauberkraft ist zu stark und die Mädchen möchte ich nicht einweihen. Ich möchte ihren Glauben an das Gute nicht zerstören. Noch ein einziges Mal will ich versuchen, einen Verbündeten aus dem Tierreich zu gewinnen. Betet für mich, dass es gelingt.

Der Bär verschwindet im Wald.

Geschichten jeglicher Art, Form und Größe …