Alle Beiträge von silbenwerkstatt

Ich bin Autorin und Regisseurin und lebe mit meinen vier Kindern in Berlin.

Lilli begegnet den Ponies

Hier eine Geschichte, die für ein Bilderbuch für die ganz Kleinen (Zwei- bis Dreijährige) gedacht ist und eine Frage. Gibt es jemanden, der Lust hätte, zu der Geschichte Bilder zu malen (ich kann das leider aufgrund Talentlosigkeit nicht)? Ich würde sie mit der Geschichte veröffentlichen …

 

Lilli begegnet den Ponies

 

Mama und ihre große Schwester Susanne gehen mit Lilli zu den Ponys. Lilli liebt Ponys.

Susanne bindet ihr Pony Max zum Putzen an. Lilli läuft auf Max zu. Sie will ihn streicheln.

Max ist groß. Er senkt den Kopf und schnuppert. Dann schnaubt er.

Mit einem Satz springt Lilli zurück und klammert sich an Mamas Bein. Mama nimmt sie auf den Arm.

Lilli streichelt Max Nase. Max beginnt zu knabbern. Schnell zieht Lilli die Hand weg.

Susanne hat eine Idee. Sie nimmt Lilli und setzt sie auf Max Rücken. Jetzt ist Lilli groß.

Sie streichelt den warmen Hals, lehnt sich nach vorn und umarmt Max.

 

Aufführung „Der geraubte Schlaf“

Am 24.5. um 15 Uhr wird mein Theaterstück „Der geraubte Schlaf“ aufgeführt. Aufführungsort ist die Aula der Evangelischen Schule Steglitz, Beymestr. 6-7, 12167 Berlin. Es spielen, singen und tanzen die Kinder die Theater- und Musical AG der Evangelischen Schule Steglitz, inszeniert und mit Musik versehen von Eva-Maria Wolf. An der Bratsche spielt Katharina Wolf, am Klavier Mira Anindita. Es gibt keinen Eintritt, Spenden sind willkommen.

Wir freuen uns über zahlreiches Erscheinen!

Warum nicht?

Hallo ihr Lieben! Hier eine Geschichte für Kindergartenkinder. Die kleine Julie fragt nicht nur ständig „Warum?“, sondern andauernd „Warum nicht?“ und das ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten …. Aber lest einfach selbst. Viel Spass!

 

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Warum nicht?

Julie ging mit Mama an der Hand vom Kindergarten nach Hause. Jeden Tag liefen sie denselben Weg. Die Sonne schien und versprach einen schönen Nachmittag. Das Grundstück vor ihnen trennte ein niedriger Zaun vom Gehweg. Dahinter im Garten lag ein kleiner privater Spielplatz. Er sah aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Eine rote Schaukel baumelte im Wind. Der kleine Sandkasten war mit einer Plane abgedeckt und die Tür eines Miniaturhäuschens hing windschief in den Angeln. Julie hatte schon immer auf diesen Spielplatz gewollt, aber immer war das Gartentor fest verschlossen gewesen. Doch an diesem Tag stand es weit offen.

Wie ein Wirbelwind spurtete sie den Weg entlang und bevor Mama es verhindern konnte, war sie durch das verrostete Gartentor in den Garten gehüpft.
„Julie! Das macht man doch nicht!“ Mama hechtete hinterher und blieb am Gartenzaun stehen. „Julie, komm sofort wieder zurück!“
Julie drehte sich mit unschuldiger Miene um und schaute Mama mit großen Augen an. „Warum nicht?“
Mama seufzte. „Komm bitte da raus. Die Leute wollen sicher nicht, dass du in ihrem Garten spielst.“
„Warum nicht?“, wiederholte Julie noch einmal.
Mama stöhnte. „Weil … weil sie vielleicht ihre Ruhe haben wollen?“
„Aber hier ist doch gar keiner da.“
Mama verdrehte die Augen. „Nein, schon, aber … aber der Garten gehört doch jemandem.“ Sie holte tief Luft und hub an zu erklären. „Schau mal, Julie, du willst doch auch nicht, dass jemand mit deinem Kuschelhasen spielt, wenn du im Kindergarten bist, oder? Obwohl du nicht da bist.“
Julie überlegte einen Augenblick, dann hellte sich ihre Miene auf. „Wir fragen einfach. Das machen wir im Kindergarten auch so.“
Und bevor Mama es verhindern konnte, war sie schon zur Tür gehüpft und hatte auf den Klingelknopf gedrückt. Mama hastete hinterher.

In diesem Moment öffnete eine ältere Dame und schaute Julie erstaunt an.
„Darf ich in deinem Garten spielen? Der ist so schön“, platzte Julie heraus. Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Blick älteren der Dame wanderte zu dem offenen Gartentor und dann wieder zurück zu dem Kind. Dann lächelte sie. „Oh, da habe ich wohl das Gartentor offen stehenlassen, aber du darfst. Es war lange mehr kein Kind in meinem Garten.“
Julie strahlte. „Danke!“ und flitzte zu der etwas rostigen Schaukel. Sie schwang sich darauf und schaukelte wild hin und her.
Mama warf der Dame einen entschuldigenden Blick zu, während diese zum Tor ging, um es zu schließen. „Es tut mir furchtbar leid, dass wir Sie gestört haben. Das wollte ich wirklich nicht, aber … aber ich war einfach nicht schnell genug.“
Die Dame lächelte. „Aber das macht doch nichts. Ich freue mich.“
Julie war inzwischen von der Schaukel gehüpft und rannte wieder auf die beiden zu. Neugierig schaute sie der alten Dame ins Gesicht. „Wie heißt du?“ fragte sie.
„Sie, es heißt Sie“, flüsterte ihre Mutter dazwischen.
„Ich heiße Margarete und du?“
„Julie. Buddelst du mit mir?“
Die Dame lächelte. „Nein, Kleine. Ich bin gerade am Backen, aber wenn du noch eine kleine Weile hier bist, dann bekommst du nachher ein Stück frischgebackenen Apfelkuchen.“
Julie strahlte sie an. „Fein, dann backe ich dir in der Zwischenzeit auch einen Sandkuchen und wir tauschen“, und – schwupps – war sie wieder verschwunden.
Mama wehrte ab. „Aber das ist wirklich nicht nötig.“
Margarete schaute sie verschmitzt an. „Warum nicht? Ich habe nicht so oft so lebhaften Besuch. Und wenn mir das offene Gartentor so einen liebreizenden Wirbelwind beschert hat, dann muss man das ausnutzen.“
Nun lächelte auch Mama und ergab sich ihrem Schicksal.

Wenig später saßen alle drei am Gartentisch, tranken Kaffee – oder in Julies Fall Kakao – und aßen Apfelkuchen.
„Du bist total nett“, nuschelte Julie mit vollem Mund.
„Julie, man spricht nicht mit vollem Mund“, ermahnte sie die Mutter.
„Warum nicht?“
„Weil man dich nicht verstehen kann.“
„Ach so.“ Julie schluckte runter. „Könnte aber auch daran liegen, dass du dir nicht die Ohren gewaschen hast, Mama.“
Margarete lachte.
Mama wurde rot. „Daran liegt es ganz bestimmt nicht.“
„So, man kann also mit ungewaschenen Ohren gut hören, aber mit vollem Mund nicht gut sprechen? Da hast du mir gestern Abend aber noch was ganz anderes erzählt!“
Ohne Kommentar aß Mama ihren Apfelkuchen weiter.
Margarete kicherte wie ein junges Mädchen.
Julie sah sie altklug an. „Ist doch unlogisch, oder findest du nicht?“
„Julie, man sagt „Sie“ zu Erwachsenen.“
„Warum?“
„Weil es höflicher ist.“
„Was heißt höflich?“
„Dass man denjenigen nett und freundlich und mit Respekt behandelt.“
„Was ist Respekt?“
„Respekt ist so etwas wie Achtung.“
„Achtung, das kenn ich. Achtung, Achtung eine Durchsage.“ Julie hielt ihre Hände an den Mund wie ein Trichter. „Der Zug nach Düsseldorf hat zehn Minuten Verspätung! Aber wir sind hier doch gar nicht auf dem Bahnhof.“
„Nein.“
Margarete mischte sich ein. „Julie, du bist ein wundervolles, kleines Mädchen und du bist genau so richtig wie du bist. Du bist sehr kostbar und wertvoll – wie ein kleiner Edelstein.“
Über Julies Gesicht ging die Sonne auf. „Das hast du schön gesagt.“
„Das ist Achtung.“
„Du hast aber gar nicht Sie zu mir gesagt.“
„Das ist auch gar nicht notwendig dafür.“
Julie drehte sich zu ihrer Mutter um. „Siehste! Alles Quatsch.“

Auf den Kaffeetassen sah man nur noch den Bodensatz und die Kuchenteller waren bis auf den letzten Krümel leergeputzt.
Julie saß wieder auf der Schaukel und winkte Mama und Margarete zu. „Huhu! Margarete!!! Willst du auch mal schaukeln?“
Margarete schüttelte lachend den Kopf.
Julie sprang mit einem Satz von der Schaukel und lief zum Tisch. Sie zupft Margarete am Ärmel. „Nun komm schon! Ich will, dass du auch mal schaukelst!“
„Ich möchte …“, korrigiert Mama.
Julie sieht sie erbost an. „Ich möchte gar nicht, ich will.“
„Das sagt man aber nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es nicht höflich ist.“
„Schon wieder dieses Wort. Ich dachte, das hätte was mit dem Bahnhof zu tun und nun sagst, man ist höflich, wenn man lügt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber ich sollte doch nicht die Wahrheit sagen. Ist das nicht dasselbe?“
Mama seufzte, wie schon so oft an diesem Nachmittag.

Margarete unterbrach das Gespräch, indem sie aufstand und mit Julie an der Hand zur Schaukel ging. „Ich werde es mal mit dem Schaukeln probieren, aber du musst mich ganz vorsichtig anstoßen, wie bei einem sehr kleinen Kind.“
„Warum?“
„Weil ich schon sehr alt bin und sehr lange nicht auf einer Schaukel gesessen habe.“ Margarete setzte sich auf die rote Schaukel und Julie schubste sie an.
„Warum eigentlich nicht? Die Schaukel steht doch die ganze Zeit bei dir im Garten!“
Margarete lachte. „Ich glaube, es liegt einfach daran, dass allein schaukeln viel weniger Spaß macht als zu zweit.“
Julie nickte. Das konnte sie verstehen. „Dann muss ich eben ganz oft wiederkommen, damit du das Schaukeln wieder lernst.“ Sie unterbrach sich für einen Moment und zog die Nase kraus. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher ein Kind in deinen Garten eingeladen, wenn du nicht gern alleine spielst?“
Unsicher klammerte sich Margarete an den Kettengliedern der Schaukel fest und überlegte. „Ich weißt nicht, ich bin einfach nicht auf den Gedanken gekommen, weil man so etwas im Allgemeinen eben nicht tut.“
Julie grinste. „Wer ist eigentlich dieser komische Mann, der immer allen Leuten die lustigen und spannenden Sachen verbietet?“
Margarete lachte. „Ich weiß auch nicht, aber weißt du, was ich weiß? Ich glaube, du hast Recht. Du solltest sehr bald wiederkommen. Das geht nicht, dass eine so alte Frau wie ich noch nicht einmal schaukeln kann.“
„Nein“, stimmte Julie zu. „Das geht wirklich nicht.“

Mias neuer Freund

Hallo ihr Lieben,

hier kommt wieder eine neue Kurzgeschichte. Diesmal ist sie für Jugendliche, da der Inhalt schon etwas heftigerer Natur ist. Ich hoffe, es gefällt:

Mias neuer Freund

Das Handy klingelte. Cara nahm ab. „Hi, Mia.“
„Hi, Schatzi! Du, ich muss dir unbedingt etwas sagen. Ich bin total verknallt. Seit einer Woche kenne ich ihn und seit gestern fliege ich auf Wolken.“
„Erzähl. Wie heißt er?“
„Er heißt … eigentlich … eigentlich sollte ich gar nichts über ihn erzählen, aber ich konnte nicht anders. Ich glaub, er stellt sich einfach lieber selbst vor. Sagen wir, er heißt Samuel. Du hast einen Namen und er seinen Willen.“
„Das ist dann jetzt nicht sein richtiger Name.“
Mia lachte. „Nee, das hab ich mir grad ausgedacht.“
„Cool, ein Deckname. Wann krieg ich ihn zu sehen?“
„Komm heute Abend ins Almodovar.“

Cara stand bibbernd vor dem Club “Almodovar”. Tiefe Bässe drangen durch die eisenbeschlagene Eingangstür. Nasse Schneeflocken tropften vom Himmel und bildeten eine feuchte Schicht auf Caras fellbesetzter Kapuze. Sie zitterte, aber nicht nur vor Kälte. Der Abend vor drei Tagen mit Mia und ihrem neuen Freund war wahrhaftig nicht so gelaufen, wie Cara sich das vorgestellt hatte und nun stand sie wieder hier und wartete. Nervös schaute sie sich um. Ein großer, dunkel gekleideter Mann stand neben der Eingangstür an einer Mauer und rauchte. Er starrte in die andere Richtung und schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Cara war er trotzdem unheimlich. Erleichtert sah sie Tobi aus der anderen Richtung auf sich zukommen.

Wenig später betraten Cara und Tobi den Club. Tobi war ein guter Bekannter aus der Uni. Außer ihrer Freundin Mia, mit der sie zusammen nach Berlin gezogen war, um hier zu studieren, hatte sie noch keine engen Freunde. Tobi war der einzige, der ihr in ihrer Not eingefallen war. Cara trug einen sexy Minirock, eine passende Bluse und einen breiten Gürtel. An ihren Füßen glitzerten silberne Riemchenschuhe. Ängstlich klammerte sie sich an Tobis Hand. Er legte beruhigend seinen Arm um ihre Schulter und wollte sie zu einer schummrigen Ecke führen, doch sie blieb stehen.
„Dort haben wir am Samstag gesessen. Da will ich nicht hin.“ Stattdessen steuerte sie an einen gut einsehbaren Tisch an der Wand.
„Was willst du trinken?“, fragte Tobi.
„Wodka Red Bull.“
Tobi schaute sie ernst an. „Brauchst du nicht einen klaren Kopf?“
„Ich bin noch nie vernünftig gewesen.“
„Na gut. Ich bin gleich wieder da.“
Tobi ging an die Bar und bestellte. Als er wieder an den Tisch kam, saß Cara in die Ecke gepresst und ließ ihren Blick über die Gäste schweifen.
„Hast du sie gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf.
„Dann erzähl am besten erst einmal von vorne.“
„Du kennst doch Mia, meine beste Freundin?“ Tobi nickte. „Sie trifft sich seit kurzem mit einem Typen. Sie hat ihn in ihren Erzählungen aus Scherz immer Samuel genannt. Angeblich stellt er sich am liebsten allein vor und sie sollte ihm nicht vorgreifen. Vor drei Tagen waren wir hier …“

Cara hatte wie heute vor dem Club gewartet. Eng umschlungen hatten sich Mia und ein extrem gut aussehender Mann genähert. Cara hatte unwillkürlich kichern müssen.
Mia hatte sich aus der Umarmung gelöst und war stürmisch auf Cara zugerannt. „Hallo Schätzchen!“ Bussi auf die eine, dann auf die andere Wange.
Der Mann kam lächelnd hinterher und küsste galant Caras Hand. „Hallo, ich heiße Boris und du musst Cara sein.“
Cara wurde fast ohnmächtig bei diesem Blick.

Einige Stunden später dann saßen Cara, Mia und Boris in eben jener schummerigen Ecke und unterhielten sich angeregt. Die Gläser auf dem Tisch zeigten den Alkoholspiegel. Caras Wangen waren gerötet und sie amüsierte sich prächtig.
„Ich muss mal für kleine Mädchen.“ Mia stand auf und gab ihrem Schatz einen Kuss.

Kaum war sie außer Sichtweite, legte Boris Cara den Arm um die Schulter. „Sag mal, wie wär’s. Hättest du nicht Lust, nach dem Club noch mit zu uns zu kommen?“
Cara sah ihn erstaunt an. „Und ich dachte immer, verliebte Pärchen wollten möglichst allein sein.“
Boris strich ihr über die Wange. „Du bist auch sehr schön.“
Cara schaute ihn misstrauisch an. „Bist du nun Mias Freund, oder nicht?“
„Kannst es dir ja überlegen bis wir gehen.“

Mia kam mit zwei Gläsern in der Hand zurück. „Ich dachte, ich bring noch ein paar Cocktails, aber mehr als zwei konnte ich leider nicht tragen. Schatzi, du musst dir selbst einen holen.“ Sie grinste Boris frech an.
Er lächelte charmant zurück. „Cara hat gemeint, sie würde gerne bei uns übernachten. Damit sie nicht mehr so lange fahren muss in der Nacht.“
Mia sah ihn treuherzig an. „Oh, gut. Das hat sie ja schon öfter gemacht. Kein Problem.“ Sie zwinkerte Cara zu. „Wir machen die Tür zu und werden leise sein, damit wir dich nicht stören.“
Cara lächelte schief zurück. „Ich glaub, ich geh jetzt schon nach Hause. Ich bin ziemlich kaputt.“ Sie stand auf.
Plötzlich hielt Boris sie mit eisernem Griff unter dem Tisch fest. „Ich kann dich nicht allein nach Hause gehen lassen. Das kann ich nicht verantworten. Komm mit.“
Wie eine Schlange entwand sich Cara seinem Griff und rannte ohne ein Wort aus dem Club. Hinter sich hörte sie jemanden aufspringen, doch es war ihr egal.

Cara hatte ihre Erzählung beendet. Sie zitterte wieder und lies ihren Blick unruhig über die Tanzenden schweifen.
Tobi trank sein Glas aus und sah sie nachdenklich an. „Und seitdem hast du sie nicht mehr gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Handy aus, zu Hause geht der AB ran, keine Reaktion auf Klingeln oder Klopfen, sie war nicht in der Uni, keiner den ich frage hast sie gesehen. Und sie hier zu suchen, war ja deine Idee.“
„Hast du die Polizei angerufen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Ich wollte es zuerst irgendjemandem erzählen.“ Sie flüsterte jetzt so leise, dass er sich zu ihr beugen musste, um sie zu verstehen. „Das schlimmste an der Sache ist. Ich hab seitdem das Gefühl, beobachtet zu werden. Siehst du den Typ da?“ Ihr Blick wanderte zu einem unauffällig gekleideten Mann am Rand der Tanzfläche.
Tobis Augen folgten ihrem Blick und er nickte.
„Der hat schon draußen gestanden, als ich auf dich gewartet habe.“
„Ist das Boris?“ Cara schüttelte den Kopf. „Es ist auch nicht immer derselbe. Ich werd schon ganz verrückt.“
Tobi lächelte. „Ich glaub auch. Ich bring dich jetzt nach Hause und morgen früh schau‘n wir weiter. Wir werden Mia schon finden.“

Tobi brachte Cara bis zur Haustür. Vor ihrer Wohnung wurde sie bereits erwartet. Ihr wurden die Hände auf den Rücken verdreht, eine alte Socke in den Mund gestopft und ein Sack über den Kopf gezogen. Alles ging so schnell, dass sie noch nicht einmal schreien konnte. Die Nacht verbrachte sie dann im Laderaum eines klapprigen, alten Lieferwagens. Es war eine kurze Nacht.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Spitze eines Messers sich zärtlich in Caras Seite bohrte. Unaufhaltsam wurde sie die endlosen Gänge des Flughafens entlanggeführt. Sie fühlte sich merkwürdig ruhig. Ihre Gedanken waren glasklar. Sie würde in dem gleichen Flugzeug sitzen wie Mia einige Tage zuvor. Wohin die Reise ging, hatte sie vorhin bei einem Blick auf das Ticket erahnen können. Boris oder wie auch immer er hieß, hielt sie in festem Griff. Flucht war unmöglich. Ihr Handy befand sich ohne Akku in irgendeinem Mülleimer, ihr Ausweis in Boris Tasche. Handy, irgendwo klingelt ein Handy. Boris ließ sie los und griff in seine Tasche. Cara ergriff die Chance und rannte so schnell wie möglich los. In ihrer Jackentasche klapperten ein paar Münzen. Sie hielt sie fest, damit sie nicht aus der Tasche fielen. Was tun? Da vorne in einer Ecke war ein Münztelefon. Telefon. Münzen. Tobi. Das war es.
Mit zitternden Fingern steckte Cara die Münzen in den Automaten und wählte Tobis Nummer.
„Ja?“ kam es verschlafen aus der Leitung.
„Tobi, ich bin am Flughafen, ich werde entführt mit dem Flug nach Amsterdam um 5.42.“
Tobi war mit einem Mal hellwach. „Cara!“
Die wohlbekannte Messerspitze bohrte sich wieder in Caras Rücken. „Ich muss Schluss machen, Samuel wart… „
Eine Hand drückte auf den Hörer. „Unartiges Mädchen“, sagte Boris leise. „Es wird sowieso zu spät sein.“

Der geraubte Schlaf

Hier kommt das Kindertheaterstück, welches wir gerade mit der Theater-AG an der Schule meiner Tochter proben. Es ist nach einem Märchen, welches die Kinder sehr gerne als Gute-Nacht-Geschichte gehört haben. Das Original-Märchen habe ich der besseren Verständlichkeit halber mit eingefügt, obwohl es nicht von mir geschrieben ist. Spezifische Musikszenen sind noch nicht eingefügt, da diese die Lehrerin bearbeitet, mit der ich das Stück zusammen inszeniere. Ich werde später nachreichen, was wir für Musik verwendet haben.

 Der geraubte Schlaf
Kindermusical nach einem Märchen

FIGUREN

Erzählerin

Wurzelgeist (kann sowohl von einem Mädchen als auch von einem Jungen gespielt werden)
Musikant
Prinzessin
König

Hofstaat des Königs:
Amme der Prinzessin
Torwache
Schreiber
Diener

Ärzte
Ritter des Königs

Hofstaat des Wurzelgeistes:
alle Tiere, die unter der Erde leben, in ihr Höhlen bauen oder ihre Vorräte verstecken
wie
Eichhörnchen
Kaninchen
Maulwurf
Regenwurm
Käfer
Tausendfüßler
Assel
Spinne
Maus
Dachs
Fuchs
Schnecke
Igel
Blindschleiche
Ratte
Grille
Ameise

Die goldenen Träume der Prinzessin (drei bis max. fünf)

Fliegenpilz

SZENENBILDER

Die Spinnstube (ein Ort neben der Hauptbühne, wo die Erzählerin sitzt)
der Wald (gut vor dem Vorhang zu spielen)
das Schlafzimmer der Prinzessin im Schloss
die Palasthöhle des Wurzelgeistes

 

DAS MÄRCHEN

Es war einmal ein reicher, kluger und gütiger König. Er war so reich, dass er in einem Schloss aus purem Gold wohnte, er war so klug, dass sich alle Gelehrten des Landes um ihn versammelten und ihn um Rat fragten, und er war so gütig, dass die Blumen und Gräser sich vor ihm neigten und die scheuen Tiere herbeikamen, wenn er durch die Wälder und über die Felder seines Landes ritt.

Aber trotzdem war der König nicht glücklich, denn seine einzige schöne Tochter, die er über alles liebte, hatte ein großes Unglück betroffen. Als die Prinzessin eines Tages mit ihrem goldenen Ball durch den Wald hüpfte, zertrat sie beim Spielen ganz ohne Absicht einen kleinen Fliegenpilz. Der Wurzelgeist, welcher Herr über alles ist, was im Walde wächst, wurde darüber so böse, dass er beschloss, sich zu rächen, und eines Nachts schlich er sich heimlich ins Schloss und raubte der Prinzessin ihren Schlaf. Die Prinzessin war erschreckt aufgewacht und hatte gerade noch den hässlichen braunen Wurzelgeist davoneilen sehen.

Da lag die arme Prinzessin in ihrem goldenen Bett mit brennenden Augen, die der Schlaf nicht mehr schloss, und wurde von Tag zu Tag blasser und elender. Der König ließ die berühmtesten Ärzte kommen, aber auch sie konnten der Prinzessin nicht helfen, und bald ging die traurige Kunde, dass die Prinzessin wohl sterben müsse, wenn ihr der Schlaf nicht bald zurückgegeben würde. Der König schickte viele beherzte Männer in die Wälder, um den Wurzelgeist zu fangen und ihm den Schlaf der Prinzessin wieder abzunehmen, aber niemand wusste, wo der Wurzelgeist wohnte, denn sein unterirdisches Reich war groß, und in jedem Erdloch konnte er sich verstecken. Da wurde der König so verzweifelt, dass er versprach, demjenigen, der seiner Tochter den Schlaf wiederbrächte, jeden Wunsch zu erfüllen und wenn er auch das ganze Königreich fordere.

Zu dieser Zeit wanderte ein Musikant durch das Land, und eines Tages kam er auch an den königlichen Hof. Weil der König hoffte, seine Tochter mit Musik ein wenig aufheitern zu können, ließ er den Geiger zu sich führen und bat ihn, der Prinzessin vorzuspielen. Und dieser spielte so schön, dass alle, die ihm zuhörten, ganz verzaubert waren. Auch die Prinzessin lächelte zum ersten Male wieder. Aber selbst die zartesten Töne der Geige konnte sie nicht in den Schlaf wiegen. Da wurde der Musikant traurig und beschloss, der Prinzessin zu helfen.

Noch am gleichen Tage machte er sich auf, um den Wurzelgeist zu suchen. Er wanderte drei Tage und drei Nächte durch den Wald, schaute in jedes Erdloch und unter jeden Stein, rief den Namen des Wurzelgeistes in die Lüfte und fragte jeden, der ihm begegnete, nach ihm, aber vergeblich. Müde und hungrig setzte er sich endlich am Fuß eines riesigen, hohlen Baumes nieder, und um seine trüben Gedanken zu verscheuchen, geigte er sich ein lustiges Lied. Da regte sich plötzlich etwas in dem hohlen Baumstumpf hinter ihm, und aus einem Astloch schaute das brauche, runzelige Gesicht eines kleinen Männchens hervor. Der Musikant wusste sofort, dass dies der Wurzelgeist sein musste, aber er ließ sich nichts anmerken. „Was ist das für ein Ding, von dem die schönen Töne kommen?“ fragte der Wurzelgeist. „Ich möchte diesen braunen Kasten haben, was willst du dafür?“ Der Musikant bedachte sich, dann sagte er: „Zeig mir alles, was dir gehört, ich werde mir etwas aussuchen.“ Der Wurzelgeist lachte vergnügt: „Wenn du willst, können wir gleich gehen.“ Er klatschte in die Hände, da wurde am Fuß des Baumes eine Treppe sichtbar; die stiegen sie hinunter, und immer tiefer und tiefer ging’s hinab, bis sie endlich in einen großen Saal kamen, in dem überall Truhen und Kisten standen, angefüllt mit Perlen, Gold und Edelsteinen. Der Wurzelgeist hob einen Deckel nach dem anderen auf und fragte: „Willst du dies, willst du das?“ Aber der Geiger schüttelte jedes Mal den Kopf. „Nein, nein, meine Geige ist viel, viel kostbarer.“ Endlich kamen sie an das letzte Kästchen, das ganz aus Elfenbein geschnitzt war; aber als der Geiger seine Hand danach ausstreckte, rief der Wurzelgeist schnell: „Das kannst du nicht bekommen.“ Der Geiger bat jedoch, er möchte wenigstens sehen, was in dem Kästchen sei. Da öffnete der Wurzelgeist das Kästchen, und der Musikant erblickte darin ein gläsernes Fläschchen, und als er das Fläschchen herausnahm, schaute er in eine blaue, unendliche Tiefe, auf deren Grund goldene Träume tanzten. Es war der Schlaf der Prinzessin. „Wenn du meine Geige haben willst, musst du mir dieses Fläschchen geben“, sagte der Geiger. „Nein, nein“, schrie der Wurzelgeist, „das kannst du nicht haben!“ Als die ersten Töne erklangen, kamen Maulwürfe, Mäuse, Würmer, Käfer und viele, viele andere Tiere aus ihren Löchern hervorgekrochen und lauschten, und er spielte, bis er vor Müdigkeit fast umfiel. „Bleib bei uns“, flehten die Tiere. „Deine Musik bringt uns Freude in unserem Leben hier unter der Erde, bleib bei uns mit deinem braunen Kasten.“ – „Das geht nicht“, antwortete der Geiger, „ich bin doch ein Mensch und gehöre auf die Erde. Aber ich will euch meine Geige hierlassen, wenn mir der Wurzelgeist das kleine, weiße Kästchen schenkt. Ihr müsst ihn nur darum bitten.“ Das taten die Tiere, aber der Wurzelgeist hörte nicht auf sie, er hielt das Kästchen mit beiden Händen fest und schrie, dass er es nie herausgeben würde. Da wurden die Tiere böse. Die Maulwürfe drohten, dass sie alle Zugänge zur Erde zuschütten wollten, und die Mäuse wisperten, dass sei ihm keinen Wintervorrat mehr herbei schaffen und ihn verhungern lassen würden. Als der Wurzelgeist das hörte, bekam er Angst, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Musikanten das Kästchen zu geben und ihn auf die Erde zurückzubringen.
Der Musikant eilte nun, so schnell ihn seine Füße trugen, nach dem königlichen Schloss zurück, wo er alle in tiefer Trauer fand, denn die Prinzessin lag still und weiß auf ihren Kissen und atmete kaum noch. Rasch nahm der Geiger das gläserne Fläschchen aus dem Elfenbeinkasten und tröpfelte der Prinzessin den Schlaf in die Augen, da tat sie einen tiefen Seufzer und schlief acht Tage lang. Und als sie dann ausgeschlafen hatte und erwachte, war sie schöner und lieblicher als zuvor.
Der König ließ den Geiger zu sich kommen, dankte ihm aus vollem Herzen und fragte ihn, welchen Wunsch er ihm erfüllen solle. Da bat der Musikant um eine neue Geige, denn er hatte doch seine alte beim Wurzelgeist lassen müssen. Der König befahl sofort, dass man die beste Geige im ganzen Land herbeischaffe, und er überreichte sie dem Musikanten. „Dein Wunsch ist sehr bescheiden“, sagte der König, „die hast für uns mehr getan, als wir dir jemals vergelten können.“ – „Herr König“, antwortete der Musikant, „wenn ich mir noch etwas wünschen darf, so möchte ich hier am Hof bleiben und der Prinzessin manchmal vorspielen. Ich bin des Herumziehens müde.“ – „Eine größere Freude kannst du der Prinzessin nicht machen“, sagte der König. „Ich weiß, dass sie dich und deine Geige liebgewonnen hat. Du sollst bei uns bleiben, aber nicht als Musikant, sondern ich will dich zu meinem Nachfolger machen und dir meine Tochter zur Frau geben.“ Da wurde dem armen Muskanten ganz schwindelig vor Glück. Er fasste die Prinzessin bei der Hand und versprach, von nun an ihren Schlaf zu bewachen, damit ihn niemand mehr stehlen könne – und sie lebten lange Jahre in Glück und Freude zusammen.

ENDE

Prolog                        SPINNSTUBE          

Die Erzählerin sitzt auf ihrem Platz neben der Bühne vor einem Spinnrad und spinnt. Sie hält inne und schaut auf.

Erzählerin: Hallo Kinder, schön euch zu sehen! In alten Zeiten saßen die Mädchen und Frauen zusammen in Spinnstuben wie dieser hier, spannen Wolle, webten Stoff, stellen Kleider her und erzählten sich derweil die Geschichten – …Geschichten, die wir heute Märchen nennen. Und eines davon möchte ich euch heute erzählen:

Vorhang auf:

 

Szene 1          WALD                                                           Pantomime oder Tanz

Erzählerin: Es war einmal ein reicher, kluger und gütiger König. Er war so reich, dass er in einem Schloss aus purem Gold wohnte, er war so klug, dass sich alle Gelehrten des Landes um ihn versammelten und ihn um Rat fragten, und er war so gütig, dass die Blumen und Gräser sich vor ihm neigten und die scheuen Tiere herbeikamen, wenn er durch die Wälder und über die Felder seines Landes ritt. Aber trotzdem war der König nicht glücklich, denn seine einzige schöne Tochter, die er über alles liebte, hatte ein großes Unglück betroffen. Als die Prinzessin eines Tages mit ihrem goldenen Ball durch den Wald hüpfte, zertrat sie beim Spielen ganz ohne Absicht einen kleinen Fliegenpilz. Der Wurzelgeist, welcher Herr über alles ist, was im Walde wächst, wurde darüber so böse, dass er beschloss, sich zu rächen …

Die Prinzessin geht im Wald spazieren. Sie summt ein Lied und spielt mit ihrer goldenen Kugel. Die Tiere des Waldes kommen neugierig näher und die mutigsten lassen sich sogar von ihr streicheln. Als die Prinzessin beginnt, ihnen den Ball zuzurollen, spielen sie mit ihr. Dem Wurzelgeist gefällt das gar nicht. Er versucht, sie aus seinem Reich zu verjagen, doch sie bemerkt ihn gar nicht. Beim Spiel zertritt sie in unachtsamer Naivität einen Fliegenpilz (gespielt von einem Kind) unter ihren Füßen. Der Wurzelgeist ist wütend und schüttelt die Fäuste.

 

Szene 2          SCHLAFZIMMER DER PRINZESSIN        Pantomime oder Tanz

Erzählerin: … und eines Nachts schlich er sich heimlich ins Schloss und raubte der Prinzessin ihren Schlaf.

Der Wurzelgeist schleicht in der Nacht ins Schloss an das Bett der Prinzessin, raubt ihren Schlaf und ihre goldenen Träume, sperrt sie in ein kleines Fläschchen und verschwindet so leise und unbemerkt wie er gekommen ist. Die Prinzessin wacht mit einem Schrei auf und sitzt dann aufrecht im Bett und kann nicht mehr einschlafen. König und Gefolge kommen, durch den Radau geweckt ans Bett.

König: Mein Kind! Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?

Prinzessin: Ja, ja ich glaube schon. Ich bin nur … verwirrt. (Sie reibt sich die Augen.) Ich habe … ich habe von einem hässlichen, braunen Männchen geträumt. Es hat mich durch den Wald bis ins Schloss verfolgt und wollte mir etwas stehlen. Ich weiß nicht was, nur, dass es sehr wertvoll war. Und … als es das getan hatte, bin ich aufgewacht und sah eben genau dieses Männchen aus dem Schlafzimmer huschen.

König (beruhigend):Sicher hast du noch geträumt.

Amme: Das Männchen, welches die Prinzessin beschreibt, war ganz bestimmt der Wurzelgeist, der Herr über alles ist, was im Wald lebt.

Der König lächelt milde.

König: Den Wurzelgeist gibt es nicht. Das weißt du so gut wie ich, Marie. Schlaf wieder ein, meine Tochter.

Amme (murmelt): Und doch gibt es ihn, den Wurzelgeist.

Die Prinzessin legt sich hin und versucht, die Augen zu schließen. Wie eine Puppe schießt sie wieder nach oben und bleibt erschrocken im Bett sitzen.

Prinzessin: Ich kann nicht einschlafen.

Der König starrt sie entsetzt an.

Szene 3          SCHLAFZIMMER DER PRINZSSIN

Erzählerin: Da saß die arme Prinzessin in ihrem goldenen Bett mit brennenden Augen, die der Schlaf nicht mehr schloss, und wurde von Tag zu Tag blasser und elender. Der König ließ die berühmtesten Ärzte kommen.

Einige Tage später.

Musikszene: Die berühmtesten Ärzte scharen sich um das Bett der Prinzessin, die mit offenen Augen darin liegt und keinen Schlaf findet. Sie untersuchen sie, flößen ihr Tee und Pulver ein, verabreichen ihr Salben und Kompressen, doch nichts bringt die Prinzessin dazu, die Augen zu schließen. Die Prinzessin sitzt im Bett und schnellt jedes Mal wieder hoch wie ein Stehaufmännchen, wenn sie einer der Ärzte in die Kissen drückt. Schließlich wissen sich die Ärzte keinen Rat mehr.

Arzt: Majestät, wir können der Prinzessin mit unserer Kunst nicht helfen. Ihr ist der Schlaf gestohlen worden und wenn sie ihn nicht wieder zurückbekommt, muss sie sterben.

König: Sterben?

Arzt: So ist es.

König: Nein. Nein! Das darf nicht passieren. Das will ich nicht!

Arzt: Diese Entscheidung liegt nicht in Eurer Hand.

Der König senkt den Kopf, dann fasst er sich.

König: Meine Ritter! Meine tapferen, starken Ritter! Kommt zu mir. (Die Ritter versammeln sich um ihn.) Ihr habt es gehört. Meine Tochter ist todkrank. Geht hinaus und findet ein Heilmittel. Geht … geht in alle Wälder, sucht nach dem Wurzelgeist und bringt meiner Tochter ihren Schlaf zurück!

Amme: Das wird nicht so einfach sein, mein Herr. Der Wurzelgeist ist listig und verschlagen und sein Reich ist groß.

König: Geht.

Die Ritter salutieren.

Ritter: Mit Freude folgen wir Eurem Befehl, Majestät!

Musikszene: Die Ritter nehmen Schwert und Schild, schwingen sich auf ihre Steckenpferde und reiten in den Wald. Sie suchen in allen Ecken des Waldes, kämpfen mit den Bäumen, wenn sie glauben, den Wurzelgeist dort gefunden zu haben, doch dieser versteckt sich erfolgreich vor ihnen. Gelegentlich finden sie einen anderen Ritter, mit dem sie kämpfen, bis sie merken, dass es sich nicht um den Wurzelgeist handelt. Schließlich kehren sie erschöpft und derangiert ins Schloss zurück.

Ritter: Wir haben Euren Auftrag ausgeführt, Herr, aber ein Heilmittel konnten wir nicht finden.

Der König verbirgt den Kopf in den Händen und weint.

König: Schreiber! Schreibe folgendes:

Meiner geliebten Tochter wurde vom Wurzelgeist, der Herr über
alles ist, was im Wald lebt, heimtückisch der Schlaf geraubt. Wenn sie ihren Schlaf nicht bald zurückbekommt,
muss sie sterben. Demjenigen, der es schafft, den Schlaf der Prinzessin zu finden, erfülle ich JEDEN Wunsch,
und wenn es mein Königreich kostet.

Hänge diese Nachricht gut sichtbar an jedes Stadttor und jede Dorfkirche im Reich.

Der Schreiber schreibt mit.

Schreiber: Sehr wohl, Majestät.

In diesem Moment pocht es laut vernehmlich ans Burgtor. Eine Torwache tritt ein. Sie verbeugt sich.

Torwache: Herr, vor dem Tor steht ein Geiger, der um Einlass bittet.

König: Lasst ihn herein.

Die Torwache verbeugt sich nochmals und geht.

Der König bespricht sich mit dem Schreiber. Dieser rollt das Dokument zusammen und geht.

In diesem Moment kommt die Torwache mit dem Musikanten wieder. Der Musikant verbeugt sich.

Musikant: Majestät, ich bin ein armer Musikant und ziehe von Ort zu Ort. Ich bitte Euch um ein warmes Abendessen und ein Bett für die Nacht. Gern spiele ich Euch heute Abend auf. Zu meiner Musik kann man lachen und weinen, singen, träumen, tanzen und sogar schlafen, was immer Euch gefällt.

König (zum Musikanten): Ihr bekommt Euren Mahlzeit und Euer Bett. Nur um eins bitte ich Euch: spielt für meine Tochter. Sie ist todkrank. Macht Sie ein wenig fröhlich.

Der Geiger betrachtet die Prinzessin und nickt.

Musikszene: Der Musikant setzt seine Geige ans Kinn und spielt der Prinzessin vor. Sie lächelt, aber sie schläft nicht ein.

Arzt (ruft): Sie hat gelächelt!

Hofstaat (flüstern): Sie hat gelächelt. Zum ersten Mal seit Tagen hat sie gelächelt!

König (enttäuscht): Aber sie ist nicht eingeschlafen.

Währenddessen schauen sich der Musikant und die Prinzessin tief in die Augen. Der Musikant dreht sich zum König um.

Musikant: Was fehlt dir?

Prinzessin (flüstert heiser): Der Wurzelgeist hat meinen Schlaf gestohlen. Niemand kann ihn finden und ohne Schlaf kann ich nicht leben.

Musikant: Wo ist sein Reich?

Prinzessin: In den Wäldern.

Der Musikant streicht ihr vorsichtig über die Wange.

Musikant: Ich werde dir helfen, ich verspreche es. (zum König)  Ich habe Mitleid mit der Prinzessin. Ich will den Wurzelgeist suchen und nicht eher zurückkehren, bis ich ihren Schlaf gefunden habe.

Der König nickt.

König: Geh mit Gott.

Szene 4          WALD                                                           Pantomime mit Musik

Der Musikant durchsucht den Wald nach dem Wurzelgeist, kann ihn aber nirgends entdecken. Die Zuschauer aber sehen den Wurzelgeist, der sich erfolgreich vor dem Musikanten versteckt und ihn an der Nase herumführt und beobachtet. Der Musikant wird müde und setzt sich schließlich an den Fuß eines Baumes und beginnt auf seiner Geige zu spielen. Der Wurzelgeist kommt neugierig hervor, stellt sich vor den Musikanten und hört zu. Der Musikant bemerkt ihn und hört auf zu spielen.

Wurzelgeist: Was ist das für ein Kasten, der solch wundervolle Musik macht?

Musikant: Das ist eine Geige. Und nicht die Geige macht die Musik, ich mache sie. Guten Tag, wer bist du, kleiner Mann?

Wurzelgeist (schnaubt durch die Nase und plustert sich auf): Halt mich nicht zum Narren. Ich habe genau gehört, wie dieser Kasten Musik gemacht hat. Ich will ihn haben.

Musikant (schmunzelt): Wer sagt, dass ich dir meine Geige geben möchte?

Wurzelgeist: Ich gebe dir dafür alles, was du dir wünschst.

Musikant: Alles?

Wurzelgeist: Alles. Ich kann dich reich machen und mächtig. All deine Träume kann ich erfüllen. Komm mit in mein Reich und suche dir etwas aus.

Musikant: Gut. Sehr gerne!

Der Wurzelgeist klatscht in die Hände und unter der Baumwurzel öffnet sich ein Loch, welches tief in die Erde führt. Der Musikant steht auf und sie verschwinden gemeinsam in der Höhle.

                                                                                              währenddessen: Umbau

Szene 5          HÖHLE DES WURZELGEISTES

Der Wurzelgeist und der Musikant betreten die Fest- und Vorratshöhle des Wurzelgeistes. Sie ist angefüllt mit Schätzen und Diamanten, aber auch mit anderen Vorräten. In der Mitte ist eine freie Fläche. Der Wurzelgeist geht mit dem Musikanten von einem Korb zum anderen.

Wurzelgeist: Hier findest du alle Schätze dieser Erde! Ich kann dich reicher machen als jeden König!

Der Wurzelgeist hält ihm eine Handvoll goldener Ketten hin.

Musikant (schüttelt den Kopf): Die brauche ich nicht.

Der Wurzelgeist legt die Ketten wieder zurück und zeigt ihm einen Korb voll Silbermünzen. Der Musikant schüttelt wieder den Kopf.

Musikant: Die auch nicht.

Der Wurzelgeist zeigt auf einen Korb mit Goldstücken.

Wurzelgeist: Wenn nicht Silber dann Gold?

Musikant: Nein. Meine Geige ist einzigartig. Sie kann nur gegen etwas Besonderes eingetauscht werden.

Wurzelgeist: Aber schau doch, wie viele Münzen es sind. Du könntest dir die ganze Welt kaufen.

Der Musikant schüttelt lächelnd den Kopf und schaut sich weiter suchend um.

Der Wurzelgeist zieht den Musikanten zu einer Kiste mit riesigen funkelnden Diamanten.

Wurzelgeist: Hier. Die schönsten Edelsteine, die es gibt. Die anmutigsten Mädchen könntest du damit betören.

Der Musikant beachtet ihn nicht. Er hat zwischen all den Kostbarkeiten ein kleines unscheinbares Kästchen entdeckt.

Musikant: Was ist in diesem Kästchen?

Der Wurzelgeist schnappt sich schnell das Kästchen und versteckt es hinter seinem Rücken.

Wurzelgeist: Das kannst du nicht haben.

Musikant: Warum? Du hast versprochen, ich dürfe mir alles aussuchen, was du besitzt.

Wurzelgeist: Das nicht!

Musikant: Du machst mich neugierig. Lass mich wenigstens einmal hineinschauen.

Wurzelgeist (zögerlich): Na gut.

Der Wurzelgeist klappt das Kästchen auf. Der Musikant sieht hinein. Auf weißem Samt liegt ein Fläschchen mit einer tiefblauen Flüssigkeit. Der Musikant schaut in die Flüssigkeit.

Tanzszene: Auf dem Grund des Fläschchens in dem tief dunklen Blau tanzen die goldenen Träume der Prinzessin.

Der Wurzelgeist klappt das Kästchen wieder zu und versteckt es hinter seinem Rücken.

Musikant: Wenn du meine Geige haben willst, gibt mir das Kästchen dafür.

Wurzelgeist: Niemals.

Der Musikant zuckt mit den Schultern.

Musikant: Dann nicht.

Musikszene: Der Musikant stellt sich in die Mitte der freien Fläche und beginnt, die schönsten Weisen zu spielen, die ihm einfallen.

Die Tiere des Waldes und der Unterwelt kommen aus allen Löchern und Spalten, scharen sich um den Musikanten und hören gebannt zu. Sie beginnen zu schunkeln und mit zu summen und schließlich zu tanzen.

Der Musikant hört auf zu spielen. Abrupt stehen alle still.

Maus (flüstert): Wunderschön.

Der Musikant packt seine Geige in den Geigenkasten.

Der Maulwurf zupft ihn am Ärmel.

Maulwurf: Bitte bleib bei uns.

Spinne: Deine Musik erwärmt unser Herz.

Eichhörnchen: Deine Musik würde uns in der langen Winterzeit Freude machen.

Regenwurm: Bitte bleib.

Käfer: Sie ist wie ein Leuchten in der Dunkelheit, heller und strahlender als jeder Edelstein.

Musikant: Ich bin ein Mensch. Ich kann nicht bei euch unter der Erde leben. Aber ich kann in den Wald kommen und euch dort manchmal vorspielen.

Spinne (traurig): Im Winter können wir nicht über die Erde. Es ist zu kalt.

Wurzelgeist: Der Mensch dort schenkt mir den braunen Kasten. Er wird euch in trüben Wintertagen aufheitern.

Musikant: Nein. Nur, wenn du mir das Kästchen dafür gibst.

Der Wurzelgeist packt das Kästchen fester.

Maulwurf: Bitte, lieber Herr, tausche das Kästchen für die Geige.

Alle Tiere: Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte.

Wurzelgeist (kreischt): Nein, alles, was du willst, aber das Kästchen gebe ich NICHT her!

Der Musikant wendet sich zum Gehen.

Die Spinne hält ihn auf.

Spinne: Geh nicht.

Der Musikant hält inne.

Spinne (zum Wurzelgeist): Wenn du ihm das Kästchen nicht tauschst, halte ich dir nicht mehr die Fliegen und Mücken fern.

Maulwurf: Und ich verstopfe alle Ausgänge zur Oberwelt.

Kaninchen: Und ich grabe keine Höhle mehr für dich.

Regenwurm: Ich sorge dann nicht mehr für frische Luft in deinem Reich.

Eichhörnchen: Und ich sammele keinen Wintervorrat mehr für dich!

Wurzelgeist (in Panik): Dann muss ich verhungern. (wieder gefasst) Gut, gut. (knurrig) Ich gebe dir das Kästchen.

Der Wurzelgeist überreicht dem Musikanten das Kästchen. Der Musikant nimmt es mit verschmitztem Lächeln und überreicht ihm im Gegenzug die Geige. Er verbeugt sich vor dem Wurzelgeist.

Musikant: Ich danke dir.

Musikant ab. Der Wurzelgeist stapft vor Wut mit dem Fuß auf.


 

Szene 6          WALD                                                          

Mit dem Schlaf der Prinzessin eilt der Musikant so schnell wie es geht zurück zum Schloss.

währenddessen: Umbau

 

Szene 7          SCHLAFZIMMER DER PRINZESSIN

Musikszene: Der Musikant eilt in das Schlafzimmer der Prinzessin. Die Prinzessin sitzt wie tot mit offenen Augen in ihrem Bett. Der Hofstaat hat bereits die Totenklage angestimmt.

Der Musikant öffnet schnell das Fläschchen und träufelt der Prinzessin den Schlaf in die Augen. Sie seufzt und schließt die Augen.

Tanzszene: Die Träume kommen, betten sie und decken sie zu.

Der Hofstaat verlässt das Zimmer, nur der König und der Musikant halten am Bett der Prinzessin Wache.

Die Träume tanzen um das Bett der Prinzessin, bis diese erwacht.

Erzählerin: Und die Prinzessin schlief acht Tage lang und der König und der Musikant wachten an ihrem Bett. Schließlich erwachte sie, frisch und munter ausgeruht.

Die Prinzessin erwacht. Sie reckt und streckt sich. Der König, der an ihrem Bett auf dem Stuhl eingenickt war, schreckt auf und umarmt sie. Fast weint er. Der Musikant erhebt sich von seinem Stuhl und wartet.  

König: Mein Kind! Mein geliebtes Kind! Du bist wieder gesund.

Prinzessin: Gesund und munter.

Der König wendet sich dem Musikanten zu.

König: Ich habe geschworen, dem Retter meiner Tochter jeden Wunsch zu erfüllen. Was wünschst du dir?

Musikant: Ich musste ja meine Geige beim Wurzelgeist lassen und ein Geiger ohne Geige ist …Majestät, ich bitte Euch um ein neues Instrument.

Der König klatscht in die Hände. Der Diener erscheint.

König: Man bringe mir sofort die beste Geige im ganzen Königreich.

Der Diener verneigt sich und eilt davon. In der Zwischenzeit haben die Prinzessin und der Musikant nur Augen füreinander. Der König schmunzelt.

König: Dein Wunsch ist sehr bescheiden. Gibt es noch etwas anderes, womit ich dir eine Freude machen kann?

Musikant (mit einem Blick auf die Prinzessin): Ich bin des Herumziehens müde. Wenn ich mir noch etwas wünschen darf, dann würde ich gerne hier am Hof bleiben und der Prinzessin manchmal vorspielen.

Prinzessin (klatscht vor Freude in die Hände): Au ja!

König: Ich sehe, wie gern ihr euch habt und mache euch einen anderen Vorschlag. Heirate meine Tochter und bleibe hier am Hof, aber nicht als armer Musikant, sondern als mein Nachfolger.

Der Musikant schaut die Prinzessin an. Sie fällt ihm in die Arme.

Musikant: Von Herzen gern nehme ich Euren Vorschlag an.

Musikszene: Der Hofstaat des Königs und alle Tiere des Waldes erscheinen, um die Hochzeit der Prinzessin und des Musikanten zu feiern.

ENDE

ÜBERLEGUNGEN ZU DEN MUSIK- UND TANZSZENEN

  1. Liebesthema: der Musikant spielt ein Liebesthema bei dem Versuch, die Prinzessin in den Schlaf zu wiegen, dieses wiederholt er allein im Wald (evtl. auch leicht abgewandelt und melancholischer)
  2. Tanzlied: in der Höhle des Wurzelgeistes spielt der Musikant ein Tanzlied, zu dem die Tiere tanzen und welches sich am Schluss in der Hochzeitsszene wiederholt
  3. Lied der Ärzte: Während die Ärzte die Prinzessin untersuchen, singen oder tanzen sie zu einer geschäftigen, aufgeregten Melodie, die sich langsam und in Moll als Totenklage wiederholt, wenn der Musikant mit dem Fläschchen Schlaf zurückkehrt
  4. Perkussion und/oder Sprechgesang bei Auszug und Rückkehr der Ritter
  5. Kinderlied, welches die Prinzessin auf ihrem Waldspaziergang summt und/oder singt.
  6. Melodie der Träume

Die Geige wird bei uns von einer ausgebildeten Bratschistin gespielt, das Kind auf der Bühne bekommt eine „gebastelte“ Geige als Requisit.

Rapunzel-Aufführung in Berlin

Ein wenig Werbung in eigener Sache:

Im Januar spielen ich und zwei meiner Kinder in einer Theateraufführung von Rapunzel mit:

Aufführungstermine:

Fr. 10.01.2014 / 16.00 Uhr

Sa. 11.01.2014 / 16.00 Uhr

So. 12.01.2014 / 16.00 Uhr

Fr. 17.01.2014 / 10.30 Uhr

Sa. 18.01.2014 / 16.00 Uhr

 

Kartenvorbestellung unter: 030 / 6867785 (AB)

und der Flyer:

Spielort
Gemeinschaftshaus Gropiusstadt
Kleiner Saal
Bat-Yam-Platz 1
12353 Berlin

Veranstalter: Vineta-Bühne e.V.

Paris in zwei Stunden

Hier noch eine kleine Fingerübung. Aufgabe war, ein wahres Ereignis zu schildern. Nun, ganz so dramatisch war es nun doch nicht, aber fast …

Paris in zwei Stunden

Diesen Sommer wollte ich mit meiner Familie unbedingt eine „richtige“ Reise machen, was für mich die Ostsee und den Harz kategorisch ausschloss. Also wälzte ich Kataloge für Familienreisen und entschied mich für ein Feriencamp an der französischen Atlantikküste mit Halbpension, Frühsportangebot und Kinderbetreuung. Mein Mann war entsetzt. Er wollte weder nach Frankreich noch auf eine „Sportreise“. Ich beschloss, mit allen vier Kindern – Frederike, 6 Jahre alt, Ruben 5 Jahre alt, Max 3 Jahre alt und Lena 1 Jahre alt, ALLEIN zu fahren. Meine Mutter erklärte mich für verrückt. Insbesondere die Bahnfahrt hielt sie für unmöglich. Warum, erfuhr ich im Reisebüro.

„Lassen Sie mich mal schauen.“ Die Dame im Reisebüro beugte sich über ihren Computer. „Ich würde Ihnen den Intercity Night bis Paris empfehlen. Dort müssen Sie in den TGV nach Dax umsteigen. Sie kommen um 7.50 an. Um 8.40 geht es weiter.“ Ich nickte. 50 Minuten hörten sich machbar an. Die Dame ging zum Drucker und reichte mir kurz darauf die Reisedaten. Ich stutzte. „Warum kommt der Intercity in Gare d’Est an und der TGV fährt in Gare Montparnasse los? Liegen die beiden Bahnhöfe nebeneinander?“ Die Dame schüttelte den Kopf. „Sie müssen durch Paris mit der U-Bahn fahren.“ Ich schaute sie ungläubig an. „Sie haben knapp eine Stunde Zeit.“ „Ich habe vier Kinder, einen Kinderwagen und jede Menge Gepäck.“ Ich überlegte kurz. „Was wäre, wenn ich den Zug in Montparnasse verpassen würde?“ „Moment.“ Die Dame schaute in ihren Computer. „In diesem Fall verfällt das Ticket. Sie müssten ein neues lösen.“ „Wie lange braucht die U-Bahn?“ Sie tippte eifrig in ihrem Computer. „Es sind dreizehn Stationen ohne Umsteigen. Reine Fahrzeit 20 Minuten.“ Sie tippte weiter. „Eine Stunde später fährt der nächste Zug. Wäre Ihnen der lieber?“ Ich nickte. „Wesentlich lieber. Zwei Stunden werden zum Umsteigen reichen.“

7.30 Uhr. Die gleichmäßige Bewegung der Räder hielt den Zug in einer flüssigen, beruhigenden Bewegung. Ab und an schoss ein Signal vorbei. Die Sonne war bereits aufgegangen und tauchte die Banlieus in goldenes Licht. Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Im Abteil Nr. 12 schlief noch alles tief und fest. Eine Stimme, begleitet von Rauschen und Knarzen durchbrach die Stille. „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Paris Est.“ Augenblicklich saß ich senkrecht im Bett und stieß mir den Kopf an der Liege darüber. „Aua.“ Lena, meine kleine Einjährige, rieb sich die Augen. Auch die anderen Kinder schauten aus ihren Decken auf. Im Nu war ich angezogen und begann in aller Eile, die im Abteil verstreuten Sachen zusammenzusuchen, schlaftrunkene Kinder anzuziehen und ein Gepäckstück nach dem anderen zur Tür zu tragen. Lena lief hinter mir her und stand permanent im Weg. Äußerlich ruhig stieg ich über sie hinweg und ignorierte den Wunsch der anderen nach Frühstück. Der Kinderwagen wurde aufgebaut, Kuscheldecken verschwanden unter dem Wagen. Mein Handgepäck wurde an den Griff gehängt, die große Reisetasche kam in die eine Schale, Lena in die andere. Alle Rucksäcke auf! Frederike, meine Sechsjährige, nahm den Griff des Kinderrollkoffers. Die Bremsen quietschten. Der Zug hielt. Aussteigen!

7.50 Uhr. Wo war der Eingang zur U-Bahn? Da! Ich entdeckte ein Schild mit der Aufschrift „Metro“. Ruben zupfte mich am Ärmel. „Mama, ich hab Hunger.“ „Ich auch,“ echoten die anderen. Ich drehte den Kinderwagen in die andere Richtung und steuerte auf einen Stand mit Gebäck und Croissants. „Ich will ein Croissant.“ „Ich eine Brezel.“ „Ich auch.“ „Ich auch.“ Ich kramte mein Geld aus dem Portemonnaie und mein Französisch aus dem hintersten Winkel meines Kopfes. Glücklich mampfend zogen wir weiter.

8.00 Eine endlos lange Treppe führte in die Tiefen des Pariser Untergrunds. Suchend sah ich mich nach einem Fahrstuhl um. Es gab keinen. Eine Rolltreppe war nicht zu entdecken. Schnell orderte ich Ruben, meinen Zweitältesten, beim Kinderwagen zu bleiben, während ich mit Frederike und den Koffern die Treppe hinunterstieg. Frederike platzierte ich bei den Koffern am Fuß der Treppe. Schnell war der Kinderwagen hinuntergetragen. Vor dem Fahrkartenautomaten wartete vor dem eine gigantische Schlange. Innerlich stöhnend stellte mich in die Reihe.

8.25 Uhr. Endlich war ich an der Reihe. Welche Fahrkarte nahm man? Gab es Kinderkarten? Ich entschied mich für ein 10er Billet, während ich hinter uns Deutsch hörte. Eine klassische Familie, Vater, Mutter und zwei kleine Kinder waren auf der gleichen Odyssee. Ich schulterte meinen Rucksack und weiter ging’s. Der Eingang zur Metro war mit Schranken versperrt, durch die man unmöglich mit dem Kinderwagen kommen konnte. Frederike entdeckte die andere Familie, die gerade durch die Rollstuhlschranke verschwand. Erleichtert folgte ich ihnen. Bei den unzähligen Treppen auf dem Weg zum Bahnsteig freundeten wir uns an. Meine Kinder nahmen die anderen bei der Hand und der Vater half mir mit dem Kinderwagen. Ohne ihn hätte ich aufgegeben. 8.40 Uhr. Wir standen auf einem übervollen Bahnsteig. Die Metro kam schnell und fuhr ebenso schnell wieder davon, so dass wir Mühe hatten, alle rechtzeitig einzusteigen. Ruben war der letzte. Die andere Familie hatten wir im Gewühl verloren. Frederike hatte Angst, nicht rechtzeitig aus dem vollgestopften Wagen zu kommen. Ruben saß ganz hinten. Lena krähte. Sie wollte aus dem Kinderwagen und auch auf einem richtigen Sitzplatz sitzen. Ich verbot es. Sie bekam einen Wutanfall. Meine Nerven lagen blank.

9.00 Uhr. „Montparnasse Bienvenue.“ Aussteigen! Ruben drängelt sich rücksichtlos durch und ist diesmal der erste auf dem Bahnsteig. Kurze Zeit später sind von der Metro nur noch die Rücklichter zu sehen. Wo geht es zur Fernbahn? Da ein Schild! Ich folgte ihm und – stehe wieder vor einer Treppe. Das kann nicht wahr sein! Max zupft an meiner Jacke! „Mama, ich muss mal!“ „Kannst du aushalten bis wir im Zug sind?“ „Nein.“ Ich seufze. „Das musst du jetzt aber.“ „Kann ich aber nicht.“ Ohne ein weiteres Wort nehme ich die Koffer und schleppe sie die Treppe hinauf. Hoffentlich hat Max Unrecht.

9.20 Uhr. Ich irre durch die Gänge. Wo ist der Ausgang? Als ich zum zweiten Mal an einem vergitterten Ausgang scheitere, frage ich eine schwarze Frau nach dem Weg. Sie geht mit uns. Die Kinder fasziniert am meisten, dass sie ein lebendiges Huhn mit sich trägt, welches sie auf dem Markt gekauft hat. Ich schaue auf die Uhr. Weit kann es ja nicht mehr sein. „Mama, ich muss mal“, erinnert mich Max. „Ich weiß. Aber es geht jetzt grad nicht.“ Nach einer weiteren Treppe kommen wir zu einem Wegweiser. Mit vielen „Mercis“ verabschiede ich mich von der Frau.

9.30 Uhr Ach du liebes Bisschen! In zehn Minuten fährt unser Zug! Im Laufschritt biegen wir um die Ecke und – stehen vor einem großen Tunnel mit zwei langen Förderbändern. Wo ist der Bahnhof? Hastig geht es weiter über die Förderbänder. „Ich kann nicht mehr!“ jammert Frederike. Wortlos nehme ich ihren Koffer in die Hand. Kurz hinter dem Förderband liegt der Bahnhof.

9.38 Uhr. Im Endspurt renne ich den Bahnsteig entlang. Die Kinder kommen nicht hinterher. Frederike schreit lauthals. „Warte, warte auf mich!“ Ruben heult. Dass der Zug warten wird, sobald ich in der Tür stehe, fällt ihnen in diesem Moment nicht ein. Atemlos komme ich bei unserem Wagen an. Der Schaffner nickt mir freundlich zu. Der Zug habe 10 Minuten Verspätung. Außer Atem kommen die Kinder an der Tür an. „Mama, du solltest warten!“ Ein Kind nach dem anderen wird in den Zug gehoben, die Koffer auf den riesigen Gepäckberg im Gang gepackt.

9.50 Uhr. Wir finden unsere Plätze. Der Zug rollt an in Richtung Atlantikküste. Innerlich ruhig reiche ich Frederike den restlichen Proviant und suche für Max eine neue Hose heraus. Paris in zwei Stunden ist ein unmögliches Unterfangen, aber wir haben es geschafft!

Runa

Hallo,

hier kommt eine neue Geschichte nach einer Aufgabe in meinem Schreibkurs. Es ging darum, eine Geschichte nach einem Bild zu schreiben. Auf dem Bild war eine Familie mit zwei Kindern beim Picknick zu sehen. Kommentar meiner Studienleiterin dazu war, der Stoff gefiele ihr gut, würde sich aber eher für einen längeren Text eignen. Was denkt ihr?

Guten Rutsch euch allen

Patricia

 

Runa

Ich habe eine besondere Fähigkeit. Wem ich in die Augen schaue, ist mein Freund und zwar so, als sei er es schon immer gewesen. Meist ist das praktisch, doch manchmal nützt es rein gar nichts. Bei meinen Eltern zum Beispiel: Sie haben sich wieder gestritten. Meine Mutter hat meinem Vater ihre Pumps an den Kopf geworfen und er hat sie mit dem Käsemesser bedroht. Wenn ich dann hinter dem Fernsehschrank sitze und heule, schaue ich niemanden an und niemand ist mein Freund. Daher bin ich weggelaufen.Jetzt sitze ich neben meiner Reisetasche auf einem der unteren Äste des Kletterbaums am See und beobachte die Leute. Im See plantschen ein paar Kinder. Eine Dame mit Sonnenbrille bräunt ihren Oberkörper und unter der Trauerweide sitzt eine Familie und picknickt. Die beiden Mädchen lachen und albern. Irgendwie sieht die Familie merkwürdig glücklich aus, auch ein bisschen spießig. Bestimmt sind sie alle langweilig. Oder doch nicht glücklich. Das will ich herauskriegen.

Ich schwinge mich vom Ast und springe auf den Boden. Die Tasche wackelt bedenklich, bleibt aber liegen. Barfuß schlendere ich über die Wiese und schaue dabei die ältere der beiden Mädchen fest an. Als sie mich endeckt, springt sie auf und stürmt mit einem Quietschen auf mich zu. „Mensch, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“ Sie hakt mich unter und schleppt mich zu ihren Eltern und ihrer Schwester. Bei der Vorstellung fehlen ihr die Worte. Das kenne ich schon. Schnell gebe ich artig die Hand und stelle mich selbst vor. „Ich bin Runa. Wir gehen zusammen auf die Schule.“

Wenig später spiele ich mit Clara und ihrer Schwester Marie auf der Wiese Verstecken. Marie zählt. Ich zeige Clara, wie hoch man auf dem Kletterbaum kommt. Im dichten Blätterwerk wird uns Marie ganz bestimmt nicht finden. „Da steht ja eine Tasche auf dem Ast“, ruft Clara überrascht. Mist, daran hab ich nicht gedacht. „Das ist meine.“ „Wohnst du hier?“ „Nee, ich war beim Sport.“ „Ach so.“ Leise kichernd sitzen wir im Geäst. Marie läuft suchend unter uns herum. „Ist es nicht eigentlich blöd, ne kleine Schwester zu haben?“ „Warum?“ „Kleine Schwestern ärgern doch ständig“, sage ich, als ob ich es wissen müsste. „Manchmal“, gibt Clara zu. „Wollen wir sie auch mal ärgern?“ Leise flüstere ich in Claras Ohr. Clara zögert. „Ich weiß nicht.“ „Ach komm, sei doch kein Spielverderber. Das wird lustig.“ Aufmunternd schaue ich sie an.

Als Marie genau unter uns sucht, springen wir mit Kriegsgeheul aus dem Baum. Clara fällt auf Maries Schultern und wirft sie zu Boden. Marie schreit auf und schubst ihre Schwester von sich herunter, so dass diese auf den Rücken fällt. Dann stürmt sie zu ihrer Mutter. Es ist einfach klasse. Als wir zur Picknickdecke kommen, empfängt uns ihre Mutter schon mit Vorwürfen. „Clara, wie konntest du nur. Ihr habt Marie richtig wehgetan. Auf der Stelle tröstest du sie“ Clara verschränkt bockig die Arme. „Marie hat mich auch geschubst. Und außerdem war es Runas Idee und nicht meine. Sie muss sich entschuldigen.“ Na soweit kommt’s noch! Marie brüllt: „Clara hat mich voll am Kopf getroffen. Clara ist blöd!“ „Aber Schätzchen!“ versucht ihre Mutter sie zu besänftigen. Doch Marie springt wütend auf. „Und überhaupt, ich spiel jetzt nur noch mit Runa.“ Damit nimmt sie meine Hand und zieht mich über die Wiese. „Hey“, ruft Clara ihr empört hinterher, „Runa ist meine Freundin!“ Jaja, so verhalten sich liebende Geschwister in perfekt glücklichen Familien.

Marie und ich sitzen unter dem Kletterbaum und spielen Elfen. Ich bin die Elfe, sie das Einhorn. Kleinlaut kommt Clara angeschlichen. „Entschuldige bitte Marie, ich hätte so etwas Blödes nicht tun sollen.“ Nanu, sie gibt klein bei? „Darf ich wieder mitspielen?“ Ach so, deswegen. Marie schaut sie freundlich an. „Na klar, komm.“ Die scheint ja ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Schnell flüstere ich: „Nur wenn sie meine Dienerin spielt. Als Strafe für vorhin.“
Aber Marie antwortet: „Nein. Sie hat sich entschuldigt und damit ist die Sache vergessen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na gut, dann spiel ich eben nicht mehr mit.“ Gerade will ich wieder auf meinen Baum klettern, als Marie mich zurückhält. Sie blickt mir fest in die Augen und kein bisschen Sympathie ist darin zu sehen. Das ist mir noch nie passiert!

„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass DU hier die Unruhestifterin bist. Und jetzt willst du dich mit mir gegen sie zusammentun. Aber mit Geschwistern läuft das so nicht. Die halten nämlich zusammen.“
Nervös starre ich auf den Boden. Dort krabbelt eine Ameise gerade angestrengt einen Grashalm hoch. „Warum machst du das eigentlich?“ Das war Claras Stimme. Nur ruhig Blut, jetzt schön die Unschuldige spielen. „Ich hab gar nichts gemacht.“ Marie schaut mich immer noch an. „Schau mal“, sagt sie ruhig. „wir sind beide deine Freundinnen und wollen dir nichts Böses. Also, warum? Hast du Kummer?“
Die Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Mechanisch antworte ich: „Ich bin von zu Hause weg, weil ich es nicht mehr ausgehalten hab. Zuviel … zuviel Streit um mich herum.“ Clara lacht. „Wir haben ja grad bemerkt, dass du das ebenfalls perfekt beherrscht.“ Tränen laufen über meine Wangen. Bin ich schon so wie meine Mutter? „Das war nur weil …“, ich suche nach einer Erklärung, die nicht so verdammt dämlich klingt, finde aber keine. „… weil ich euch auf die Probe stellen wollte. Ihr saht so verdammt glücklich aus. Und jetzt …“ Ich angele nach meiner Tasche, die immer noch auf dem Ast steht. „… jetzt muss ich mal wieder weiter. Entschuldigt, ich wollte euch nicht den Tag versauen.“

„Runa? Wie wär’s, du spielst den Rest des Tages mit und nicht gegen uns und wir fragen Papa, ob du bei uns übernachten darfst.“ Ich schlucke. Das ist mir auch noch nie passiert.

Die Prinzessin und der Frosch

Hier eine kleine Fingerübung aus meinem Schreibkurs. Die Aufgabe, war ein Bild sinnlich zu beschreiben. Ich habe ein romatisch-kindliches Bild gewählt, welches einem Märchenbuch entsprungen sein könnte, aber lest selbst …

In einem verwunschenen Wald sitzt eine Königstochter im feuchten Gras. Vergnügt summt sie eine leise Melodie. Zu ihren Füßen schlagen die sanften Wellen eines kleinen Teiches gegen den dunkelbraunen Waldboden und die feinen Wurzeln der Bäume ringsum. Es riecht nach Moos und Wasser. Mit seinem dunkelgrünen Blätterwerk wirkt der Wald ringsum düster und gespenstisch. Hinter einem Baum raschelt es. Im Dickicht ist das Gesicht einer Elfe zu erahnen. Ein Augenaufschlag und es ist wieder fort.

Unter einem besonders dicken Fichtenzweig lugen die roten Zipfelmützen einiger emsiger Zwerge hervor. Oder sind es doch nur die Kappen der Fliegenpilze, die dort im Gras leuchten? Am Stamm der Fichte sind dicke Harztropfen zu sehen, die einen wilden Duft verströmen. Wieder ein Rascheln. Ein Reh streift in einiger Entfernung vorbei, hebt seinen grazilen Kopf und schnuppert. Dann verschwindet es wieder im Unterholz.

Rund um den Weiher blühen riesige, hellblaue Blumen. Sanft und freundlich öffnen sie ihre Blüten zur Sonne, welche helle Kleckse auf die Lichtung malt. Schaut man ganz genau hin, kann man inmitten der Kelche kleine Blütenkinder liegen sehen, die verträumt den Himmel betrachten.

In das leise Plätschern der Wellen und das heitere Summen der Prinzessin mischt sich plötzlich die sonore Stimme eines braun-grün-gemusterten Frosches, der auf einem aus dem Wasser ragenden Stein Platz genommen hat, um das Konzert zu vervollständigen. Die Prinzessin beachtet ihn nicht. Auch die Feuchtigkeit, die aus dem Boden durch ihr Kleid dringt, stört sie nicht.

Sie ist vollständig in den Anblick der strahlend leuchtenden, goldenen Kugel vertieft, die sie in ihren Händen hält. Alles andere scheint unwichtig gegen diesen Schatz. Und alles andere erstrahlt in seinem Glanz: die fließenden, goldblonden Locken über ihren Schultern, ihr rosa-weiß abgesetztes Kleid, die prachtvollen Edelsteine um ihren Hals und das kleine Krönchen auf ihrem Haupt. Alles Licht dieser Welt scheint diese Kugel auszustrahlen.