Schneeweißchen und Rosenrot – Szene 7

Szene 7          WALDLICHTUNG

Mit einem schweren Sack kommt der Zwerg zu seiner Höhle und verschwindet. Sein Beutel schlägt dabei unsanft gegen die Baumwurzel. Der Bär hat das beobachtet. Er geht zu der Baumwurzel, die vor dem Höhleneingang liegt und versucht, mit den Tatzen eine Kerbe in das Holz zu schlagen, doch ohne richtiges Werkzeug erreicht er sehr wenig. Schließlich probiert er es mit den Zähnen.

Wurzel: Au.

Bär: Wer spricht da?

Wurzel: Ich, du Dummkopf.

Bär: Warum kannst du sprechen?

Wurzel: Du bist wirklich ein Dummkopf. Du kannst doch auch sprechen. Warum sollte ich es nicht können?

Bär: Du bist eine Baumwurzel.

Wurzel: Und du bist ein Bär.

Bär: Nein, bin ich nicht.

Wurzel: Ah, und da kommen wir zum entscheidenden Punkt. Erstens ist alles in diesem Wald lebendig und da du ein Teil des Waldes bist, kannst du mit allen anderen Lebewesen sprechen. Zweitens, wer sagt dir, dass ich eine Baumwurzel bin?

Bär: Das ist interessant. Kennst du Alberich?

Wurzel: Natürlich, er ist unser aller Herr.

Bär: Liebst du ihn?

Wurzel: Seinen Herren liebt man nicht.

Bär: Das ginge auch anders.

Wurzel: Ist es aber nicht.

Bär: Könntest du ihn für mich festhalten?

Wurzel: Was willst du von ihm?

Bär: Ihn töten. Dann hast du keinen Herren mehr und bist frei.

Wurzel: Kannst du das denn?

Bär: Ich muss es versuchen.

Wurzel: Unter diesen Umständen helfe ich dir gern.

Der Bär versteckt sich wieder. Nach einer kurzen Weile kommt Alberich aus der Höhle. Die Baumwurzel hält seinen Bart fest, er zieht daran und der Bart verfängt sich immer weiter in dem Holz.

Alberich: So ein vermaledeites Unglück!

Der Bär tritt heran.

Bär: Ja, heute ist aber auch wirklich nicht dein Glückstag.

Er beginnt, nach Alberich mit den Tatzen zu schlagen, kann aber im Umkreis von einem Meter nicht an ihn heran. Seine Tatzen schlagen immer wieder in die Luft. Der Zwerg beginnt zu lachen.

Alberich: Du hast den Winter also tatsächlich überlebt. Gratuliere. Aber mich, mich kannst du nicht verletzen. Solange ich meinen Bart habe, schützt mich meine Zauberkraft vor dir. Du wirst mich nie erwischen, ob ich nun irgendwo festhänge oder nicht.

Der Bär gibt seine Versuche auf.

Bär: Du hängst so fest, dass ich dich gar nicht zu erwischen brauche. Ich brauche einfach nur zu warten, bis du verhungert bist.

Die Baumwurzel kichert. Der Bär dreht sich um und geht in den Wald zurück. Alberich beginnt, an seinem Bart zu ziehen, doch je mehr er zieht, desto fester verheddert sich der Bart.

Schneeweißchen und Rosenrot betreten die andere Seite der Lichtung.

Rosenrot: Schau hier, der Waldmeister blüht schon!

Schneeweißchen: Wir sollten etwas für die Maibowle mitnehmen.

Die Mädchen pflücken den Waldmeister. Alberich hat sie bemerkt.

Alberich: He, was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?

Die Mädchen schauen auf und eilen zu dem Zwerg.

Rosenrot: Was hast du angefangen, kleines Männchen?

Alberich: Dumme neugierige Gans, den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben. Bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte. Nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!

Die Mädchen bemühen sich, den Bart aus der Wurzel zu bekommen, doch die Wurzel hält fest.

Rosenrot: Ich will laufen und Leute herbeiholen.

Alberich: Wahnsinnige Schafsköpfe! er wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?

Schneeweißchen: Sei nur nicht ungeduldig, ich will schon Rat schaffen.

Schneeweißchen holt aus ihrem Beutel an ihrem Gürtel eine kleine Nähschere heraus und schneidet den Bart ab. Nun ist er um ein Drittel kürzer. Der Rest hängt noch immer in der Baumwurzel fest.

Alberich (kreischt): Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohns euch der Kuckuck!

Rosenrot: Aber es ist doch noch genug dran.

Alberich: Ihr wisst überhaupt nichts von der Welt.

Mit diesen Worten packt er sein Bündel und verschwindet.

Rosenrot: Danke hätte er schon sagen können, oder?

Schneeweißchen zuckt die Schultern.

Schneeweißchen: Lass uns nach Hause gehen und die Maibowle vorbereiten.

weiter zu Szene 8

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