Schneeweißchen und Rosenrot – 2. Szene

Szene 2          THRONSAAL

Der König arbeitet an seinem Schreibtisch. Es klopft. Er schaut von seinen Papieren auf.

König: Herein!

Alexander tritt ein, bleibt in gemessenem Abstand vor dem Schreibtisch stehen und verbeugt sich. Wir sehen, wie Kilian, der Alexander nachgeschlichen ist, hinter der Tür stehen bleibt und lauscht.

König: Was gibt es, mein Sohn?

Alexander: Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Amt des Thronfolgers geeignet bin. Ich bitte Euch, mich bis zu meinem Geburtstag in die Einsamkeit zurückziehen zu dürfen, um darüber nachzudenken.

König: Du bist mein älterer Sohn und in einem halben Jahr einundzwanzig Jahre alt. Damit bist du geeignet.

Alexander: Aber bin ich auch gut genug?

Kilian hinter der Tür grinst.

König: Gut. Gehe und denke darüber nach. Ich werde dich mit allem ausstatten, was du brauchst. (der König nimmt einen Schild und ein Schwert von der Wand) Dieses Schwert und dieser Schild gehörten meinem Großvater. Sie werden dich schützen. (Er nimmt einen Mantel aus einer Truhe) Diesen Mantel hat meine Mutter gewebt. Er wird dich wärmen. (Er nimmt einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen von der anderen Wand) Mit diesem Bogen ging mein Vater auf die Jagd. Er wird dich nähren. (Schließlich holt er aus der Schublade des Schreibtisches einen goldenen Reif) Diesen Reif habe ich getragen, bevor ich König wurde. Er wird dich als meinen Sohn ausweisen. Bewahre die Dinge gut. Sie sind lebensnotwendig in der Fremde.

Der König möchte Alexander den Reif auf den Kopf setzen, doch dieser wehrt ab.

Alexander: Vater, ich danke Euch sehr für diese Gaben, aber ich möchte unerkannt reisen.

König: Dann stecke den Reif in dein Gepäck. So kannst du dich, wenn es nötig sein sollte, zu erkennen geben.

Alexander: Das werde ich tun. (Er umarmt seinen Vater.) Spätestens drei Tage vor meinem Geburtstag werde ich wieder da sein.

Alexander verbeugt sich und verlässt den Thronsaal. Den hinter der Tür im Flur stehenden Kilian sieht er nicht. Die Tür schlägt zu und Kilian kommt nachdenklich heraus.

Kilian: Ich weiß nicht recht, was ich denken soll. Ich möchte so gerne König werden. Ich glaube, ich wäre ein guter König. Ich würde fremde Länder erobern und das Reich vergrößern. Auf jedem Feldzug würde ich Heldentaten vollbringen. Mein Bruder ist zu nett und zu schwach dazu. Andererseits ist er mein Bruder. Es wäre am besten, er käme nicht wieder. Dann würde mein Vater mich zum Nachfolger erklären. Und wenn er doch wiederkommt? (überlegt) Josef! (Der Diener Josef erscheint.) Halte vor dem Tor Wache und melde mir sofort, wenn mein Bruder zurückkommt. Ich möchte es als erster erfahren.

Josef lächelt verschlagen.

Josef: Ich erkenne Eure Absicht, mein Herr. Soll ich meinen Dolch bereithalten?

Kilian: Nein. Ich habe andere Pläne. Sorg einfach dafür, dass ich von seiner Ankunft erfahre, bevor er das Schloss betritt.

Josef verbeugt sich.

Josef: Es wird mir ein Vergnügen sein.

weiter zu Szene 3

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