Mias neuer Freund

Hallo ihr Lieben,

hier kommt wieder eine neue Kurzgeschichte. Diesmal ist sie für Jugendliche, da der Inhalt schon etwas heftigerer Natur ist. Ich hoffe, es gefällt:

Mias neuer Freund

Das Handy klingelte. Cara nahm ab. „Hi, Mia.“
„Hi, Schatzi! Du, ich muss dir unbedingt etwas sagen. Ich bin total verknallt. Seit einer Woche kenne ich ihn und seit gestern fliege ich auf Wolken.“
„Erzähl. Wie heißt er?“
„Er heißt … eigentlich … eigentlich sollte ich gar nichts über ihn erzählen, aber ich konnte nicht anders. Ich glaub, er stellt sich einfach lieber selbst vor. Sagen wir, er heißt Samuel. Du hast einen Namen und er seinen Willen.“
„Das ist dann jetzt nicht sein richtiger Name.“
Mia lachte. „Nee, das hab ich mir grad ausgedacht.“
„Cool, ein Deckname. Wann krieg ich ihn zu sehen?“
„Komm heute Abend ins Almodovar.“

Cara stand bibbernd vor dem Club “Almodovar”. Tiefe Bässe drangen durch die eisenbeschlagene Eingangstür. Nasse Schneeflocken tropften vom Himmel und bildeten eine feuchte Schicht auf Caras fellbesetzter Kapuze. Sie zitterte, aber nicht nur vor Kälte. Der Abend vor drei Tagen mit Mia und ihrem neuen Freund war wahrhaftig nicht so gelaufen, wie Cara sich das vorgestellt hatte und nun stand sie wieder hier und wartete. Nervös schaute sie sich um. Ein großer, dunkel gekleideter Mann stand neben der Eingangstür an einer Mauer und rauchte. Er starrte in die andere Richtung und schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Cara war er trotzdem unheimlich. Erleichtert sah sie Tobi aus der anderen Richtung auf sich zukommen.

Wenig später betraten Cara und Tobi den Club. Tobi war ein guter Bekannter aus der Uni. Außer ihrer Freundin Mia, mit der sie zusammen nach Berlin gezogen war, um hier zu studieren, hatte sie noch keine engen Freunde. Tobi war der einzige, der ihr in ihrer Not eingefallen war. Cara trug einen sexy Minirock, eine passende Bluse und einen breiten Gürtel. An ihren Füßen glitzerten silberne Riemchenschuhe. Ängstlich klammerte sie sich an Tobis Hand. Er legte beruhigend seinen Arm um ihre Schulter und wollte sie zu einer schummrigen Ecke führen, doch sie blieb stehen.
„Dort haben wir am Samstag gesessen. Da will ich nicht hin.“ Stattdessen steuerte sie an einen gut einsehbaren Tisch an der Wand.
„Was willst du trinken?“, fragte Tobi.
„Wodka Red Bull.“
Tobi schaute sie ernst an. „Brauchst du nicht einen klaren Kopf?“
„Ich bin noch nie vernünftig gewesen.“
„Na gut. Ich bin gleich wieder da.“
Tobi ging an die Bar und bestellte. Als er wieder an den Tisch kam, saß Cara in die Ecke gepresst und ließ ihren Blick über die Gäste schweifen.
„Hast du sie gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf.
„Dann erzähl am besten erst einmal von vorne.“
„Du kennst doch Mia, meine beste Freundin?“ Tobi nickte. „Sie trifft sich seit kurzem mit einem Typen. Sie hat ihn in ihren Erzählungen aus Scherz immer Samuel genannt. Angeblich stellt er sich am liebsten allein vor und sie sollte ihm nicht vorgreifen. Vor drei Tagen waren wir hier …“

Cara hatte wie heute vor dem Club gewartet. Eng umschlungen hatten sich Mia und ein extrem gut aussehender Mann genähert. Cara hatte unwillkürlich kichern müssen.
Mia hatte sich aus der Umarmung gelöst und war stürmisch auf Cara zugerannt. „Hallo Schätzchen!“ Bussi auf die eine, dann auf die andere Wange.
Der Mann kam lächelnd hinterher und küsste galant Caras Hand. „Hallo, ich heiße Boris und du musst Cara sein.“
Cara wurde fast ohnmächtig bei diesem Blick.

Einige Stunden später dann saßen Cara, Mia und Boris in eben jener schummerigen Ecke und unterhielten sich angeregt. Die Gläser auf dem Tisch zeigten den Alkoholspiegel. Caras Wangen waren gerötet und sie amüsierte sich prächtig.
„Ich muss mal für kleine Mädchen.“ Mia stand auf und gab ihrem Schatz einen Kuss.

Kaum war sie außer Sichtweite, legte Boris Cara den Arm um die Schulter. „Sag mal, wie wär’s. Hättest du nicht Lust, nach dem Club noch mit zu uns zu kommen?“
Cara sah ihn erstaunt an. „Und ich dachte immer, verliebte Pärchen wollten möglichst allein sein.“
Boris strich ihr über die Wange. „Du bist auch sehr schön.“
Cara schaute ihn misstrauisch an. „Bist du nun Mias Freund, oder nicht?“
„Kannst es dir ja überlegen bis wir gehen.“

Mia kam mit zwei Gläsern in der Hand zurück. „Ich dachte, ich bring noch ein paar Cocktails, aber mehr als zwei konnte ich leider nicht tragen. Schatzi, du musst dir selbst einen holen.“ Sie grinste Boris frech an.
Er lächelte charmant zurück. „Cara hat gemeint, sie würde gerne bei uns übernachten. Damit sie nicht mehr so lange fahren muss in der Nacht.“
Mia sah ihn treuherzig an. „Oh, gut. Das hat sie ja schon öfter gemacht. Kein Problem.“ Sie zwinkerte Cara zu. „Wir machen die Tür zu und werden leise sein, damit wir dich nicht stören.“
Cara lächelte schief zurück. „Ich glaub, ich geh jetzt schon nach Hause. Ich bin ziemlich kaputt.“ Sie stand auf.
Plötzlich hielt Boris sie mit eisernem Griff unter dem Tisch fest. „Ich kann dich nicht allein nach Hause gehen lassen. Das kann ich nicht verantworten. Komm mit.“
Wie eine Schlange entwand sich Cara seinem Griff und rannte ohne ein Wort aus dem Club. Hinter sich hörte sie jemanden aufspringen, doch es war ihr egal.

Cara hatte ihre Erzählung beendet. Sie zitterte wieder und lies ihren Blick unruhig über die Tanzenden schweifen.
Tobi trank sein Glas aus und sah sie nachdenklich an. „Und seitdem hast du sie nicht mehr gesehen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Handy aus, zu Hause geht der AB ran, keine Reaktion auf Klingeln oder Klopfen, sie war nicht in der Uni, keiner den ich frage hast sie gesehen. Und sie hier zu suchen, war ja deine Idee.“
„Hast du die Polizei angerufen?“
Cara schüttelte den Kopf. „Ich wollte es zuerst irgendjemandem erzählen.“ Sie flüsterte jetzt so leise, dass er sich zu ihr beugen musste, um sie zu verstehen. „Das schlimmste an der Sache ist. Ich hab seitdem das Gefühl, beobachtet zu werden. Siehst du den Typ da?“ Ihr Blick wanderte zu einem unauffällig gekleideten Mann am Rand der Tanzfläche.
Tobis Augen folgten ihrem Blick und er nickte.
„Der hat schon draußen gestanden, als ich auf dich gewartet habe.“
„Ist das Boris?“ Cara schüttelte den Kopf. „Es ist auch nicht immer derselbe. Ich werd schon ganz verrückt.“
Tobi lächelte. „Ich glaub auch. Ich bring dich jetzt nach Hause und morgen früh schau‘n wir weiter. Wir werden Mia schon finden.“

Tobi brachte Cara bis zur Haustür. Vor ihrer Wohnung wurde sie bereits erwartet. Ihr wurden die Hände auf den Rücken verdreht, eine alte Socke in den Mund gestopft und ein Sack über den Kopf gezogen. Alles ging so schnell, dass sie noch nicht einmal schreien konnte. Die Nacht verbrachte sie dann im Laderaum eines klapprigen, alten Lieferwagens. Es war eine kurze Nacht.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Spitze eines Messers sich zärtlich in Caras Seite bohrte. Unaufhaltsam wurde sie die endlosen Gänge des Flughafens entlanggeführt. Sie fühlte sich merkwürdig ruhig. Ihre Gedanken waren glasklar. Sie würde in dem gleichen Flugzeug sitzen wie Mia einige Tage zuvor. Wohin die Reise ging, hatte sie vorhin bei einem Blick auf das Ticket erahnen können. Boris oder wie auch immer er hieß, hielt sie in festem Griff. Flucht war unmöglich. Ihr Handy befand sich ohne Akku in irgendeinem Mülleimer, ihr Ausweis in Boris Tasche. Handy, irgendwo klingelt ein Handy. Boris ließ sie los und griff in seine Tasche. Cara ergriff die Chance und rannte so schnell wie möglich los. In ihrer Jackentasche klapperten ein paar Münzen. Sie hielt sie fest, damit sie nicht aus der Tasche fielen. Was tun? Da vorne in einer Ecke war ein Münztelefon. Telefon. Münzen. Tobi. Das war es.
Mit zitternden Fingern steckte Cara die Münzen in den Automaten und wählte Tobis Nummer.
„Ja?“ kam es verschlafen aus der Leitung.
„Tobi, ich bin am Flughafen, ich werde entführt mit dem Flug nach Amsterdam um 5.42.“
Tobi war mit einem Mal hellwach. „Cara!“
Die wohlbekannte Messerspitze bohrte sich wieder in Caras Rücken. „Ich muss Schluss machen, Samuel wart… „
Eine Hand drückte auf den Hörer. „Unartiges Mädchen“, sagte Boris leise. „Es wird sowieso zu spät sein.“

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