Runa

Hallo,

hier kommt eine neue Geschichte nach einer Aufgabe in meinem Schreibkurs. Es ging darum, eine Geschichte nach einem Bild zu schreiben. Auf dem Bild war eine Familie mit zwei Kindern beim Picknick zu sehen. Kommentar meiner Studienleiterin dazu war, der Stoff gefiele ihr gut, würde sich aber eher für einen längeren Text eignen. Was denkt ihr?

Guten Rutsch euch allen

Patricia

 

Runa

Ich habe eine besondere Fähigkeit. Wem ich in die Augen schaue, ist mein Freund und zwar so, als sei er es schon immer gewesen. Meist ist das praktisch, doch manchmal nützt es rein gar nichts. Bei meinen Eltern zum Beispiel: Sie haben sich wieder gestritten. Meine Mutter hat meinem Vater ihre Pumps an den Kopf geworfen und er hat sie mit dem Käsemesser bedroht. Wenn ich dann hinter dem Fernsehschrank sitze und heule, schaue ich niemanden an und niemand ist mein Freund. Daher bin ich weggelaufen.Jetzt sitze ich neben meiner Reisetasche auf einem der unteren Äste des Kletterbaums am See und beobachte die Leute. Im See plantschen ein paar Kinder. Eine Dame mit Sonnenbrille bräunt ihren Oberkörper und unter der Trauerweide sitzt eine Familie und picknickt. Die beiden Mädchen lachen und albern. Irgendwie sieht die Familie merkwürdig glücklich aus, auch ein bisschen spießig. Bestimmt sind sie alle langweilig. Oder doch nicht glücklich. Das will ich herauskriegen.

Ich schwinge mich vom Ast und springe auf den Boden. Die Tasche wackelt bedenklich, bleibt aber liegen. Barfuß schlendere ich über die Wiese und schaue dabei die ältere der beiden Mädchen fest an. Als sie mich endeckt, springt sie auf und stürmt mit einem Quietschen auf mich zu. „Mensch, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“ Sie hakt mich unter und schleppt mich zu ihren Eltern und ihrer Schwester. Bei der Vorstellung fehlen ihr die Worte. Das kenne ich schon. Schnell gebe ich artig die Hand und stelle mich selbst vor. „Ich bin Runa. Wir gehen zusammen auf die Schule.“

Wenig später spiele ich mit Clara und ihrer Schwester Marie auf der Wiese Verstecken. Marie zählt. Ich zeige Clara, wie hoch man auf dem Kletterbaum kommt. Im dichten Blätterwerk wird uns Marie ganz bestimmt nicht finden. „Da steht ja eine Tasche auf dem Ast“, ruft Clara überrascht. Mist, daran hab ich nicht gedacht. „Das ist meine.“ „Wohnst du hier?“ „Nee, ich war beim Sport.“ „Ach so.“ Leise kichernd sitzen wir im Geäst. Marie läuft suchend unter uns herum. „Ist es nicht eigentlich blöd, ne kleine Schwester zu haben?“ „Warum?“ „Kleine Schwestern ärgern doch ständig“, sage ich, als ob ich es wissen müsste. „Manchmal“, gibt Clara zu. „Wollen wir sie auch mal ärgern?“ Leise flüstere ich in Claras Ohr. Clara zögert. „Ich weiß nicht.“ „Ach komm, sei doch kein Spielverderber. Das wird lustig.“ Aufmunternd schaue ich sie an.

Als Marie genau unter uns sucht, springen wir mit Kriegsgeheul aus dem Baum. Clara fällt auf Maries Schultern und wirft sie zu Boden. Marie schreit auf und schubst ihre Schwester von sich herunter, so dass diese auf den Rücken fällt. Dann stürmt sie zu ihrer Mutter. Es ist einfach klasse. Als wir zur Picknickdecke kommen, empfängt uns ihre Mutter schon mit Vorwürfen. „Clara, wie konntest du nur. Ihr habt Marie richtig wehgetan. Auf der Stelle tröstest du sie“ Clara verschränkt bockig die Arme. „Marie hat mich auch geschubst. Und außerdem war es Runas Idee und nicht meine. Sie muss sich entschuldigen.“ Na soweit kommt’s noch! Marie brüllt: „Clara hat mich voll am Kopf getroffen. Clara ist blöd!“ „Aber Schätzchen!“ versucht ihre Mutter sie zu besänftigen. Doch Marie springt wütend auf. „Und überhaupt, ich spiel jetzt nur noch mit Runa.“ Damit nimmt sie meine Hand und zieht mich über die Wiese. „Hey“, ruft Clara ihr empört hinterher, „Runa ist meine Freundin!“ Jaja, so verhalten sich liebende Geschwister in perfekt glücklichen Familien.

Marie und ich sitzen unter dem Kletterbaum und spielen Elfen. Ich bin die Elfe, sie das Einhorn. Kleinlaut kommt Clara angeschlichen. „Entschuldige bitte Marie, ich hätte so etwas Blödes nicht tun sollen.“ Nanu, sie gibt klein bei? „Darf ich wieder mitspielen?“ Ach so, deswegen. Marie schaut sie freundlich an. „Na klar, komm.“ Die scheint ja ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Schnell flüstere ich: „Nur wenn sie meine Dienerin spielt. Als Strafe für vorhin.“
Aber Marie antwortet: „Nein. Sie hat sich entschuldigt und damit ist die Sache vergessen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na gut, dann spiel ich eben nicht mehr mit.“ Gerade will ich wieder auf meinen Baum klettern, als Marie mich zurückhält. Sie blickt mir fest in die Augen und kein bisschen Sympathie ist darin zu sehen. Das ist mir noch nie passiert!

„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass DU hier die Unruhestifterin bist. Und jetzt willst du dich mit mir gegen sie zusammentun. Aber mit Geschwistern läuft das so nicht. Die halten nämlich zusammen.“
Nervös starre ich auf den Boden. Dort krabbelt eine Ameise gerade angestrengt einen Grashalm hoch. „Warum machst du das eigentlich?“ Das war Claras Stimme. Nur ruhig Blut, jetzt schön die Unschuldige spielen. „Ich hab gar nichts gemacht.“ Marie schaut mich immer noch an. „Schau mal“, sagt sie ruhig. „wir sind beide deine Freundinnen und wollen dir nichts Böses. Also, warum? Hast du Kummer?“
Die Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Mechanisch antworte ich: „Ich bin von zu Hause weg, weil ich es nicht mehr ausgehalten hab. Zuviel … zuviel Streit um mich herum.“ Clara lacht. „Wir haben ja grad bemerkt, dass du das ebenfalls perfekt beherrscht.“ Tränen laufen über meine Wangen. Bin ich schon so wie meine Mutter? „Das war nur weil …“, ich suche nach einer Erklärung, die nicht so verdammt dämlich klingt, finde aber keine. „… weil ich euch auf die Probe stellen wollte. Ihr saht so verdammt glücklich aus. Und jetzt …“ Ich angele nach meiner Tasche, die immer noch auf dem Ast steht. „… jetzt muss ich mal wieder weiter. Entschuldigt, ich wollte euch nicht den Tag versauen.“

„Runa? Wie wär’s, du spielst den Rest des Tages mit und nicht gegen uns und wir fragen Papa, ob du bei uns übernachten darfst.“ Ich schlucke. Das ist mir auch noch nie passiert.

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