Paris in zwei Stunden

Hier noch eine kleine Fingerübung. Aufgabe war, ein wahres Ereignis zu schildern. Nun, ganz so dramatisch war es nun doch nicht, aber fast …

Paris in zwei Stunden

Diesen Sommer wollte ich mit meiner Familie unbedingt eine „richtige“ Reise machen, was für mich die Ostsee und den Harz kategorisch ausschloss. Also wälzte ich Kataloge für Familienreisen und entschied mich für ein Feriencamp an der französischen Atlantikküste mit Halbpension, Frühsportangebot und Kinderbetreuung. Mein Mann war entsetzt. Er wollte weder nach Frankreich noch auf eine „Sportreise“. Ich beschloss, mit allen vier Kindern – Frederike, 6 Jahre alt, Ruben 5 Jahre alt, Max 3 Jahre alt und Lena 1 Jahre alt, ALLEIN zu fahren. Meine Mutter erklärte mich für verrückt. Insbesondere die Bahnfahrt hielt sie für unmöglich. Warum, erfuhr ich im Reisebüro.

„Lassen Sie mich mal schauen.“ Die Dame im Reisebüro beugte sich über ihren Computer. „Ich würde Ihnen den Intercity Night bis Paris empfehlen. Dort müssen Sie in den TGV nach Dax umsteigen. Sie kommen um 7.50 an. Um 8.40 geht es weiter.“ Ich nickte. 50 Minuten hörten sich machbar an. Die Dame ging zum Drucker und reichte mir kurz darauf die Reisedaten. Ich stutzte. „Warum kommt der Intercity in Gare d’Est an und der TGV fährt in Gare Montparnasse los? Liegen die beiden Bahnhöfe nebeneinander?“ Die Dame schüttelte den Kopf. „Sie müssen durch Paris mit der U-Bahn fahren.“ Ich schaute sie ungläubig an. „Sie haben knapp eine Stunde Zeit.“ „Ich habe vier Kinder, einen Kinderwagen und jede Menge Gepäck.“ Ich überlegte kurz. „Was wäre, wenn ich den Zug in Montparnasse verpassen würde?“ „Moment.“ Die Dame schaute in ihren Computer. „In diesem Fall verfällt das Ticket. Sie müssten ein neues lösen.“ „Wie lange braucht die U-Bahn?“ Sie tippte eifrig in ihrem Computer. „Es sind dreizehn Stationen ohne Umsteigen. Reine Fahrzeit 20 Minuten.“ Sie tippte weiter. „Eine Stunde später fährt der nächste Zug. Wäre Ihnen der lieber?“ Ich nickte. „Wesentlich lieber. Zwei Stunden werden zum Umsteigen reichen.“

7.30 Uhr. Die gleichmäßige Bewegung der Räder hielt den Zug in einer flüssigen, beruhigenden Bewegung. Ab und an schoss ein Signal vorbei. Die Sonne war bereits aufgegangen und tauchte die Banlieus in goldenes Licht. Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Im Abteil Nr. 12 schlief noch alles tief und fest. Eine Stimme, begleitet von Rauschen und Knarzen durchbrach die Stille. „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Paris Est.“ Augenblicklich saß ich senkrecht im Bett und stieß mir den Kopf an der Liege darüber. „Aua.“ Lena, meine kleine Einjährige, rieb sich die Augen. Auch die anderen Kinder schauten aus ihren Decken auf. Im Nu war ich angezogen und begann in aller Eile, die im Abteil verstreuten Sachen zusammenzusuchen, schlaftrunkene Kinder anzuziehen und ein Gepäckstück nach dem anderen zur Tür zu tragen. Lena lief hinter mir her und stand permanent im Weg. Äußerlich ruhig stieg ich über sie hinweg und ignorierte den Wunsch der anderen nach Frühstück. Der Kinderwagen wurde aufgebaut, Kuscheldecken verschwanden unter dem Wagen. Mein Handgepäck wurde an den Griff gehängt, die große Reisetasche kam in die eine Schale, Lena in die andere. Alle Rucksäcke auf! Frederike, meine Sechsjährige, nahm den Griff des Kinderrollkoffers. Die Bremsen quietschten. Der Zug hielt. Aussteigen!

7.50 Uhr. Wo war der Eingang zur U-Bahn? Da! Ich entdeckte ein Schild mit der Aufschrift „Metro“. Ruben zupfte mich am Ärmel. „Mama, ich hab Hunger.“ „Ich auch,“ echoten die anderen. Ich drehte den Kinderwagen in die andere Richtung und steuerte auf einen Stand mit Gebäck und Croissants. „Ich will ein Croissant.“ „Ich eine Brezel.“ „Ich auch.“ „Ich auch.“ Ich kramte mein Geld aus dem Portemonnaie und mein Französisch aus dem hintersten Winkel meines Kopfes. Glücklich mampfend zogen wir weiter.

8.00 Eine endlos lange Treppe führte in die Tiefen des Pariser Untergrunds. Suchend sah ich mich nach einem Fahrstuhl um. Es gab keinen. Eine Rolltreppe war nicht zu entdecken. Schnell orderte ich Ruben, meinen Zweitältesten, beim Kinderwagen zu bleiben, während ich mit Frederike und den Koffern die Treppe hinunterstieg. Frederike platzierte ich bei den Koffern am Fuß der Treppe. Schnell war der Kinderwagen hinuntergetragen. Vor dem Fahrkartenautomaten wartete vor dem eine gigantische Schlange. Innerlich stöhnend stellte mich in die Reihe.

8.25 Uhr. Endlich war ich an der Reihe. Welche Fahrkarte nahm man? Gab es Kinderkarten? Ich entschied mich für ein 10er Billet, während ich hinter uns Deutsch hörte. Eine klassische Familie, Vater, Mutter und zwei kleine Kinder waren auf der gleichen Odyssee. Ich schulterte meinen Rucksack und weiter ging’s. Der Eingang zur Metro war mit Schranken versperrt, durch die man unmöglich mit dem Kinderwagen kommen konnte. Frederike entdeckte die andere Familie, die gerade durch die Rollstuhlschranke verschwand. Erleichtert folgte ich ihnen. Bei den unzähligen Treppen auf dem Weg zum Bahnsteig freundeten wir uns an. Meine Kinder nahmen die anderen bei der Hand und der Vater half mir mit dem Kinderwagen. Ohne ihn hätte ich aufgegeben. 8.40 Uhr. Wir standen auf einem übervollen Bahnsteig. Die Metro kam schnell und fuhr ebenso schnell wieder davon, so dass wir Mühe hatten, alle rechtzeitig einzusteigen. Ruben war der letzte. Die andere Familie hatten wir im Gewühl verloren. Frederike hatte Angst, nicht rechtzeitig aus dem vollgestopften Wagen zu kommen. Ruben saß ganz hinten. Lena krähte. Sie wollte aus dem Kinderwagen und auch auf einem richtigen Sitzplatz sitzen. Ich verbot es. Sie bekam einen Wutanfall. Meine Nerven lagen blank.

9.00 Uhr. „Montparnasse Bienvenue.“ Aussteigen! Ruben drängelt sich rücksichtlos durch und ist diesmal der erste auf dem Bahnsteig. Kurze Zeit später sind von der Metro nur noch die Rücklichter zu sehen. Wo geht es zur Fernbahn? Da ein Schild! Ich folgte ihm und – stehe wieder vor einer Treppe. Das kann nicht wahr sein! Max zupft an meiner Jacke! „Mama, ich muss mal!“ „Kannst du aushalten bis wir im Zug sind?“ „Nein.“ Ich seufze. „Das musst du jetzt aber.“ „Kann ich aber nicht.“ Ohne ein weiteres Wort nehme ich die Koffer und schleppe sie die Treppe hinauf. Hoffentlich hat Max Unrecht.

9.20 Uhr. Ich irre durch die Gänge. Wo ist der Ausgang? Als ich zum zweiten Mal an einem vergitterten Ausgang scheitere, frage ich eine schwarze Frau nach dem Weg. Sie geht mit uns. Die Kinder fasziniert am meisten, dass sie ein lebendiges Huhn mit sich trägt, welches sie auf dem Markt gekauft hat. Ich schaue auf die Uhr. Weit kann es ja nicht mehr sein. „Mama, ich muss mal“, erinnert mich Max. „Ich weiß. Aber es geht jetzt grad nicht.“ Nach einer weiteren Treppe kommen wir zu einem Wegweiser. Mit vielen „Mercis“ verabschiede ich mich von der Frau.

9.30 Uhr Ach du liebes Bisschen! In zehn Minuten fährt unser Zug! Im Laufschritt biegen wir um die Ecke und – stehen vor einem großen Tunnel mit zwei langen Förderbändern. Wo ist der Bahnhof? Hastig geht es weiter über die Förderbänder. „Ich kann nicht mehr!“ jammert Frederike. Wortlos nehme ich ihren Koffer in die Hand. Kurz hinter dem Förderband liegt der Bahnhof.

9.38 Uhr. Im Endspurt renne ich den Bahnsteig entlang. Die Kinder kommen nicht hinterher. Frederike schreit lauthals. „Warte, warte auf mich!“ Ruben heult. Dass der Zug warten wird, sobald ich in der Tür stehe, fällt ihnen in diesem Moment nicht ein. Atemlos komme ich bei unserem Wagen an. Der Schaffner nickt mir freundlich zu. Der Zug habe 10 Minuten Verspätung. Außer Atem kommen die Kinder an der Tür an. „Mama, du solltest warten!“ Ein Kind nach dem anderen wird in den Zug gehoben, die Koffer auf den riesigen Gepäckberg im Gang gepackt.

9.50 Uhr. Wir finden unsere Plätze. Der Zug rollt an in Richtung Atlantikküste. Innerlich ruhig reiche ich Frederike den restlichen Proviant und suche für Max eine neue Hose heraus. Paris in zwei Stunden ist ein unmögliches Unterfangen, aber wir haben es geschafft!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s