Oskar

Hier nach einiger Zeit wieder eine neue Kindergeschichte. Diesmal war es eine Aufgabe aus dem Schreibkurs, den ich gerade mache. Das vernichtende Urteil meiner Tochter lautete schon „langweilig“, aber meinem Sohn hat es gefallen. Da wir als Aufhänger ein Bild von einem Mädchen mit einem Hund auf einem Feldweg bekommen haben, kommen in der Geschichte keine Feen, Elfen, Drachen und Märchenprinzen vor und das war wohl nichts für meine Tochter. Es spielt in der schnöden Realität. Ich poste es hier trotzdem mal und bin gespannt, ob ihr es ebenso „langweilig“ findet ;).

Oskar

Sophia, ein schmales, blondes Mädchen von neun Jahren, schlug die Augen auf. Die Vögel zwitscherten und vor ihrem Fenster blühten die Kirschzweige. Überall standen Kisten herum, die Mama und Papa noch nicht ausgepackt hatten, aber das störte Sophia nicht. Sie liebte ihr neues Zuhause! Aus der Küche hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Sophia! Sophia! Steh auf, Schlafmütze! Steh auf und komm runter!“ Sophia hüpfte aus dem Bett. Schnell zog sie sich an und lief die Treppe hinunter.

In freudiger Erwartung betrat sie die Küche. Der Tisch war festlich gedeckt und Blumen standen darauf. „Wau, wau!“ kam es von unter dem Küchentisch. Sophia blieb stehen. „Was war das?“ fragte sie vorsichtig. Mama lächelte geheimnisvoll. Sie gab den Blick auf einen Schäferhund-Labrador-Mix frei, der unter dem Tisch lag und freundlich mit dem Schwanz wedelte. Sophia schluckte. Der Hund stand auf und stupste sie erwartungsvoll mit der Schnauze. „Na?“ fragte Papa erwartungsvoll. Sophia stand wie angewurzelt. „Du hast dir doch schon immer einen Hund gewünscht und nun wo wir einen großen Garten haben …“ Papa verstummte. Mama kam hinzu. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Maus!“ sagte sie. Sophia knetete nachdenklich ihre Unterlippe. „Mama, Papa … könnten wir nicht, ich meine, wo habt ihr den Hund denn her?“ fragte sie. „Aus dem Tierheim“ antwortete Papa. „War es da nicht viel schöner?“ legte Sophia nach. Papa lachte. „Wie kommst du denn darauf?“ Sophia zögerte. „Naja, weil … ich mag lieber doch keinen Hund.“ Mama fiel aus allen Wolken. „Aber warum?“

Sicher hätten Mama und Papa Sophia besser verstanden, wenn sie gewusst hätten, was zwei Tage zuvor geschehen war:
An diesem Tag war sie zum ersten Mal allein zur Schule gegangen. Früher, als sie noch in einer kleinen Wohnung in der Stadt gewohnt hatten, war sie den Weg immer mit zwei Freundinnen gegangen. Hier hatte sie noch keine Freunde und so ging sie allein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam ihr eine ältere Frau mit einem großen Rottweiler an der Leine entgegen. Ehe Sophia begriff, was geschehen war, hatte sich der Rottweiler von der Leine losgerissen und war mit wütendem Gebell über die Straße gestürmt. Instinktiv hielt Sophia ihre Schulmappe zwischen sich und den Hund, so dass seine scharfen Zähne nur in die Mappe schnappten. Die Besitzerin des Hundes kam über die Straße gerannt und versuchte, die wild fliegende Leine zu fangen. Schließlich gelang es ihr. Sie riss den Hund zurück und begann mit ihm zu schimpfen. Sophia zitterte am ganzen Körper. Sie sagte kein Wort und ging auch nicht zu der Frau hin, um sich zu beschweren. Sie wollte nur noch eins: fort. Nie, nie wieder wollte sie diesem Hund zu nahe kommen! Wie im Traum setzte sie ihre Schulmappe auf und lief schnell und immer schneller in Richtung Schule davon. Die Frau rief eine Entschuldigung hinter ihr her. Sophia hörte sie nicht mehr.

Einige Wochen später stand Sophia in der Küche und öffnete mit verhaltener Begeisterung eine Hundefutterdose. Papa beobachtete die Prozedur aufmerksam. „Willst du ihm nicht bald einen Namen geben?“ fragte er. Sophia schüttelte den Kopf. Sie stellte dem Labrador sein Fressen hin. „Wau!“ freute sich dieser und wedelt mit dem Schwanz. Dann begann er gierig zu schlingen. „Willst du ihn heute ausführen?“ fragte Papa beiläufig.  Sophia blickte auf. „Allein?“ Papa nickte. Sophia überlegte. Seit ihrem Geburtstag hatte Papa darauf bestanden, mit ihr zusammen Gassi zu gehen. Sie wusste, dass sie der Labrador mochte und ihr gehorchen würde. Dennoch … würde sie es schaffen?

Kurze Zeit später führte Sophia den Hund an der Leine einen Feldweg entlang. Es war ein wundervoller Frühlingstag. Die Sonne schien, unter den noch kahlen Bäumen blühten die Veilchen und die Birken zeigten ihr erstes Grün. Kurz vor dem Wäldchen ließ Sophia den Hund von der Leine. Sofort lief er mit der Nase am Boden ins Unterholz. Entspannt schlenderte Sophia weiter und genoss die frische Luft. Der Weg stieg sanft an.
Plötzlich sah sie auf der Kuppe des Hügels etwas, was sie erstarren ließ. Gegen die Sonne erkannte sie die Silhouette des Rottweilers. Allein. Ohne Leine. Ohne zu überlegen drehte sich Sophia um und floh den Weg zurück. Kurze Zeit später hört sie das Hecheln des Hundes hinter sich. Durch ihre Flucht hat sie nur seinen Jagdtrieb geweckt. Sie rannte, so schnell sie konnte. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie schluchzte und rannte schneller. Plötzlich schoss etwas wie ein Kugelblitz aus dem Unterholz und stellte sich mit gefährlichem Knurren zwischen sie und den Rottweiler. Wie ein Donnerrollen hörte sich die Warnung an. „Das ist MEIN Frauchen und wehe, du tust ihr etwas!“ schien es zu sagen. Sophia blieb keuchend in einiger Entfernung stehen. Sie zitterte wieder. Die beiden Hunde fixierten sich mit gesträubten Nackenhaaren und nach oben gezogenen Lefzen. Grrrrrrrrrrr. Rrrrrr. Rrrrrrrrrr. Doch dann senkte der Rottweiler den Kopf, zog den Schwanz ein und schlich den Weg zurück über den Hügel, auf dessen Kuppe jetzt die Besitzerin auftauchte.
Der Labrador leckte Sophias Hand. Sophia kniete sich nieder und umarmte ihren Hund. Ganz fest drückte sie ihn. „Weißt du was?“ flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ich nenn dich Oskar. Und ich werd nie wieder vor einem Hund Angst haben, wenn du dabei bist. Auch vor diesem Miststück nicht!“

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