Ausflug mit der Klapprakete

Es hat leider eine Weile gedauert, bis ich wieder Zeit hatte, etwas zu posten. Unser Au-pair aus Ecuador ist vor drei Tagen angekommen und nun muss ich ihr erst einmal alles zeigen ectpp. Aber jetzt ist es geschafft, hier eine neue Guten-Nacht-Geschichte für meinen kleinen Sohn:

Ausflug mit der Klapprakete

Paul war gerade am Einschlafen, als er ein werkwürdiges Surren über sich hörte. Er setzte sich auf. Was war das? Auf der Holzumrandung seines Bettes saß etwas, was wie ein übergroßer, blauleuchtender Maikäufer aussah. Neugierig betrachtete Paul das Ding.

Plötzlich klappte es mit einem leisen Plopp zu beiden Seiten auf und heraus stieg ein kleines Wesen mit riesigen Füßen und Haaren in eben der gleichen blauen Farbe wie das Ding, aus dem es geklettert war.

Es hatte eine kleine Stubsnase, lustig funkelnde grüne Augen und war über und über mit sonnenblumengelben Sommersprossen bedeckt. Seine Kleidung war ebenso bunt wie sein Körper. Es trug lila Latzhosen mit rosa Punkten, ein rot-grün kariertes Hemd und schneeweiße Handschule. Die übergroßen Füße steckten in orangefarbenen spitz zulaufenden Schuhen. Alles in allem konnte man den Eindruck bekommen, das kleine Geschöpf wäre in einen Farbtopf gefallen. Es war nicht so leicht zu sagen, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelte.

“Hallo Paul!” sagte es mit kecker Stimme. Paul runzelte die Stirn. “Woher weißt du, wer ich bin?” Das Wesen grinste. “Verrat ich nicht. Ich bin Iolo und komme vom Planeten Lolilalilu und das ist meine Klapprakete Lilaluloli.” Paul sperrte Mund und Augen auf. Antworten konnte er zunächst nicht mehr. “Na, dir scheint’s ja gründlich die Sprache verschlagen zu haben. Ich hab gehört, du liebst Raumschiffe und wollte dich auf einen kleinen Rundflug einladen.” “Ja”, konnte Paul grad noch rausbringen. “Prima, na dann steig ein.” “Wie denn?” Paul sah ratlos auf das ungefähr faustgroße Raumschiff. Iolo lachte. “Ganz einfach. Steck deinen Finger oder den großen Zeh oder was reinpasst in die Öffnung und schon bist du drin.

Vorsichtig steckte Paul seinen Zeigefinger in das Raumschiff, nicht sicher, ob es nicht lediglich zuklappen und ihm den Finger einklemmen würde. Doch es gab ein schmatzendes und saugendes Geräusch und schon fiel er auf den metallenen Fußboden vor einen Sessel. Iolo landete elegant in dem Sessel neben ihm. “Au. Ich hab mich gestoßen”, jammerte Paul. Iolo grinste. “Na die Landung musst du wohl noch etwas üben.”

Paul rappelte sich hoch und krabbelte auf den Sitz hinter ihm. Fasziniert beobachtet er, wie Iolo die Knöpfe am Schaltpult bediente. Das Raumschiff klappte mit einem kleinen Plopp zusammen. Dann surrte der Motor auf und das Raumschiff hob ab und flog in Richtung Fenster.

“Halt!” schrie Paul. “Wie kommen wir durchs Fenster?  Das ist doch zu!” “Kein Problem”, winkte Iolo ab. “Ich mach einfach den Scheibenwischer an und der wischt die Scheibe einfach weg.” “Ach so.” “”Willst du das machen?” Paul nickte.

Iolo zeigte auf einen lila-orangefarbenen Knopf und Paul bemerkte erst jetzt, dass das Raumschiff im Inneren so knallbunt war wie sein Kapitän. Jeder der Knopfe am Pult hatte eine andere Farbe und das Steuerruder leuchtete in dem schönsten Grasgrün, dass Paul fast die Augen davon wehtaten.

Er drückte auf den Scheibenwischerknopf und schon bewegten sich Vorhang und Fensterscheibe lautlos zur Seite und ließen das Raumschiff passieren, um sich hinter ihm wieder ebenso geräuschlos an ihren Platz zu bewegen. Paul staunte.

“Das ist also eine Klapprakete?” “Ja. Die erste und einzige ihrer Art. Ich habe sie selbst ausgebrütet.” Paul nahm diese Merkwürdigkeit inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit hin. Hier schien sowieso alles anders zu sein als zu Hause.

Fasziniert beobachtete er die Häuser und Bäume der Althoffstr. von oben. unten auf der Straße entdeckte er die Nachbarin mit dem kleinen, schwarzen Hund. Sonst war niemand zu sehen.

“Wo soll’s denn hingehen?” Iolo sah ihn erwartungsvoll an. Paul überlegte nicht lange. Ich möchte zum Bundestag fliegen. Ich will einmal die Koppel umkreisen und einmal durch den Luftschacht und zurück.” “Na dann machen wir das.” Iolo nahm das Steuerruder in die Hand und lenkte die Rakete in Richtung Nordosten.

Eine Weile folgen sie über die nächtliche Stadt und Paul bewunderte die tausend und abertausend Lichter unter ihnen die von unzähligen Straßenlaternen, Ampeln, Autos und Leuchtreklamen zu ihnen hinaufstrahlten, bis sich Iolo schließlich zu ihm umdrehte. “Willst du auch mal steuern?” Paul nickte.

Sie tauschten die Plätze und Paul ergriff das grasgrüne Steuerruder. Es fühlte sich warm und behaglich an. Iolo nickte. “Ja, sie mag dich. Sie wird dir gehorchen.” Paul musste lachen. “Halt einfach erst einmal auf den Fernsehturm zu.” Paul folgte und hielt das Steuerruder in die angegebene Richtung. Er fühlte sich großartig. Er steuerte ein Raumschiff und es reagierte auf die kleinste Bewegung von ihm. Jetzt war er der Kapitän.

Lässig hielt er das Steuerruder in einer Hand, als plötzlich etwas großes weißes angeflogen kam und von links gegen die Windschutzscheibe prallte. Eine Taube, die offensichtlich nicht wusste, dass man als Vogel nicht im Dunkeln nichts sieht, war mit der Klapprakete zusammengestoßen. Die Rakete geriet ins Trudeln, klappte währenddessen die Flügel auf und raste in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Straße.

“Hilfe! Wir stürzen ab!” Paul klammerte sich blindlings am Steuerrad fest.

Iolo versuchte das Kontrollbord zu erreichen, doch die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn aus der Rakete und er landete unsanft oben auf dem Dach einer Imbissbude.

Die Laluleli… pardon Lilaluloli war indes mit den Flügeln an einer Ampel hängengeblieben und baumelte nun kopfüber hoch oben neben ein paar alten Turnschuhen, die ein Scherzbold hier hinaufgeworfen hatte.

“Warte”, rief Iolo,” ich rette dich.”

Doch schnell musste er sich ducken, als eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen vorbeischlenderte. Sie zeigten auf das merkwürdige Objekt nach oben und gackerten. Einige zogen sogar ihr Handy aus der Tasche und fotografierten das bunte Etwas nebst Turnschuhen.

Iolo hatte inzwischen in Windeseile lila Sprungfedern aus seiner Hosentasche gezogen und an seinen roten Schuhe befestigt und sprang nun hinter dem Rücken der Mädchen auf die Ampel, verfehlte die Stange um Zentimeter, klammerte sich mit den Händen fest und kletterte schnaufend hinauf.

“Verflixte Taubenviecher. Dass die noch nicht mal wissen, dass sie in der Nacht zu schlafen haben”, schimpfte er leise vor sich hin, während er auf der Stange vorwärtsrobbte, um das Raumschiff zu erreichen.

Paul indes konnte nicht machen, als weiterhin kopfüber in seinem Sitz zu hängen und sich festzuklammern. Plötzlich war die ganze Fahrt gar nicht mehr so lustig.

Iolo krabbelte in das Raumschiff und schnallte sich an seinem Sitz fest.

“Achtung! Ich betätige jetzt den Schleudergang” und schon surrte der Motor wieder. Das Raumschiff flog nun im Kreis um die Ampelstange herum, an der es festhing. Immer schneller und schneller drehte es sich, bis sich schließlich der eine Flügel von der Stange befreite und der Schwung das Raumschiff aufwärts in die sternklare Nacht schleuderte.

Iolo robbte zu Paul, ergriff das Steuerruder und brachte das Schiff wieder auf Kurs.

Doch als er den hellbauen Knopf drückte, der die Rakete wieder zusammenklappen sollte, bewegte sich nur der eine Flügel. Der andere ruckte nur ein bisschen und rührte sich dann nicht mehr. “Heiliges Mondgewitter. Ach das noch. Wir müssen landen und die Klappe reparieren.”

Sanft setzte die Lulalilelo … ehm … Lolilelo … nee … Lilaluloli in einem dichten Gebüsch auf. Paul und Iolo stiegen aus. Iolo trug einen kleinen Werkzeugkoffer. Fachmännisch begutachtete er das Scharnier der rechten Klappe. “Aha! Der Bolzen ist gebrochen. Irgendwo im Raumschiff muss ich einen Ersatzbolzen haben. Ich geh in mal suchen. Versuch du inzwischen, die Schrauben zu lösen.”

Iolo verschwand im Inneren des Raumschiffes und Paul nahm sich den Schraubenzieher. Er begann mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, an einer Schraube zu drehen und tatsächlich. Sie bewegte sich. Langsam und geduldig löste Paul eine Schraube nach der anderen.

Hinter ihm im Raumschiff rumpelte es. Iolo schein den gesamten Lagerraum zu durchsuchen. Dann hörte er einen triumphierenden Schrei und Iolo kehrte mit dem Bolzen wieder zu ihm zurück.

“Endlich! Hatte doch glatt vergessen, dass ich ihn in den Kühlschrank gelegt hatte.” Paul wunderte sich – nun schon zum wiederholten Mal an diesem Abend. Ein Metallbolzen im Kühlschrank? Iolo musste das Fragezeichen auf Pauls Gesicht gesehen haben, als er antwortete: “Was soll ich denn machen? Sonst wächst er womöglich zu schnell und dann passt er nicht mehr.” Paul musste unwillkürlich kichern. Die war wirklich die merkwürdigste Rakete, die er je gesehen hatte.

Iolo schaute auf die Schrauben in Pauls Hand und nickte anerkennend. “Gut gemacht.” Schnell tauschte er den Bolzen und Paul zog die Schrauben wieder fest. Er war sehr stolz, bei einer richtigen Raumschiffreparatur geholfen zu haben. Rasch wurde der Werkzeugkasten wieder in der Rakete verstaut und Iolo und Paul stiegen ein.

Paul gähnte. Iolo, der wieder auf dem Steuersitz Platz genommen hatte, drehte sich um. “Müde?” Paul nickte. “Ich bin sehr müde. Aber ich will noch eine Runde um den Bundestag drehen”, und das taten sie.

Paul konnte kaum die Augen offenhalten, aber er sah staunend auf die hell erleuchtete Kuppel und die Türmchen und Figuren, mit denen der Bundestag ringsum verziert war.

Ohne das er richtig wusste, wie, waren die beiden wieder in Pauls Zimmer und Paul kuschelte sich in sein Bett. Das Schildchen seiner Kuscheldecke zwischen den Fingern, schlief er erschöpft ein.

Iolo winkte ihm noch einmal zu, bestieg dann sein Raumschiff und flog davon.

ENDE

 

 

2 Kommentare zu „Ausflug mit der Klapprakete“

  1. die Geschichte mit der Klapprakete fand ich ganz toll. Dinge, die sich klappen lassen haben mich stets fasziniert.
    Guido

    1. Vielen lieben Dank! Die hat eigentlich mein Sohn erfunden, der mit den Mohrrüben …. es kamen dann noch Kapp-, Saus- und Brausraketen dazu, bis ich dann selbst ganz drieselig im Kopf geworden bin …. kurze Zeit später, Zauber, Zauber, Zauber, war die Phase wieder weg … Lg Patricia

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