Ein Herz für Tiere

Hier ein kleines Kurzfilmdrehbuch, was ich vor Jahren geschrieben habe … nach einer Idee von Stefan Hilpert:

AUFBLENDE

1. INT. BAHNHOF SCHLIEßFACHANLAGE- TAG

Ein sehr langer, leerer Gang in einer Schließfachanlage. Der Gang wirkt alt aber sauber. Auf der anderen Seite der Schließfächer steht ein relativ voller Mülleimer. Kein Mensch ist zu sehen. Nur am Ende des Ganges, ganz weit hinten, laufen ab und zu Leute vorbei.

Vorspanntitel.

Im Hintergrund taucht ein Sicherheitsbeamter auf.

SICHERHEITSBEAMTER
Na warte, Bürschchen, ich krieg Dich schon!

Er läuft eilig ein Stück weit in den Gang hinein, wirft einen schnellen Blick in einen Seitengang, verschwindet wieder.

SICHERHEITSBEAMTER
Verfluchte Scheiße!

Seine Schritte werden leiser.

Langsam öffnet sich eine der Schließfachtüren im Vordergrund, eine vorsichtig tastende Hand erscheint, dann der Kopf eines ärmlich gekleideten kleinen Jungen, der sich verängstigt umschaut und dann langsam aus dem Fach herausklettert. Er dreht sich um, schaut sich nochmals in alle Richtungen um und zieht dann einen Schulranzen und eine mondäne, nicht sehr geschmackvolle Damenhandtasche aus dem Schließfach.

Zwischen der offenstehenden Schließfachtür und seinem Körper verborgen öffnet er die Handtasche, nimmt einige Gegenstände heraus – Schminke, zwei Briefe, einen von der Rentenstelle, einen aus Australien und eine Tüte mit Brotstückchen. Er legt sie neben sich.

Schließlich findet er die Geldbörse. Er öffnet sie hastig und durchsucht sie. In der Börse sind mehrere Scheine, die er nicht anrührt. Dann schüttet er das Münzgeld in seine Hand. Nachdem er alles bis auf die Münzen wieder in die Handtasche gestopft und diese unter sein T-Shirt gesteckt hat, geht er zielstrebig zu einem Schließfach auf der anderen Seite des Ganges.

Man sieht, dass der Gang keine „Sackgasse“ ist, sondern nach ein paar Metern aufhört und auf einen Quergang stößt. Um eine Hand freizubekommen, stellt er die Handtasche wieder auf den Boden. Er vergewissert sich erneut, dass niemand in der Nähe ist, dann holt er einen Schlüssel aus der Hosentasche und steckt ihn das Schlüsselloch. Der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Eine Leuchtanzeige mit der Aufschrift „NACHZAHLEN DM 5,-“ blinkt auf. Er öffnet seine andere Hand. Sie ist voller kleiner Münzen. Dann beginnt er, die Münzen in den Schlitz zu stecken. Eine nach der anderen. Zwischendurch horcht er immer wieder an der Schließfachtür, kein Laut ist zu hören.  Es dauert ewig, bis die Maschine so eine Münze verschluckt hat, und es rappelt ziemlich laut. Der noch fehlende Betrag auf der Anzeige nimmt nur schleppend langsam ab.

Der Junge wird hektisch, er versucht, die Münzen schneller reinzustopfen.

Als er gerade die letzen Münzen in den Schlitz steckt, wird er grob am Arm gepackt, der Sicherheitsbeamte von vorhin steht hinter ihm. Er ist riesengroß und sieht sehr böse aus. Die Münzen rattern durch, die Anzeige zeigt „SIE KÖNNEN JETZT DAS SCHLIEßFACH ÖFFNEN“.

SICHERHEITSBEAMTER
Na bitte, da ham wir dich je endlich!

Der Sicherheitsbeamte schaut auf die Münzen in der Hand des Jungen und den Schlüssel im Schloss des Schließfaches. Er realisiert, was der Junge getan hat.

SICHERHEITSBEAMTER
Das gibt’s doch nicht.

Er zieht den Schlüssel aus dem Schloss. Dem Jungen stehen die Tränen in den Augen. Der Sicherheitsbeamte sieht das und deutet es als Angst.

SICHERHEITSBEAMTER
Geschieht dir ganz recht. (zu sich) – und das in dem Alter. – So, Du kommst jetzt mal mit.

Der Sicherheitsbeamte schleift ihn hinter sich her in ein Büro im Bahnhofsgebäude.

2. INT. BÜRO – TAG

Der Junge sitzt ganz klein in einem Büro auf einem Stuhl. Der Sicherheitsbeamte steht mit einer alten Frau in der Tür, er hat die Handtasche und den Schließfachschlüssel in der Hand.

ALTE FRAU
Ja genau das ist er! Saubengel!

Der Sicherheitsbeamte hält ihr die Handtasche hin.

SICHERHEITSBEAMTER
Hier. Es fehlen allerdings 5 Mark.

ALTE FRAU
Was? Das lasse ich nicht durchgehen. Ich warte solange hier bis Sie den Jungen befragt haben. Der muss doch Eltern haben oder nicht? Ich will jedenfalls, dass er seine Strafe erhält, um das Geld geht es mir ja gar nicht so sehr, aber sowas ….

SICHERHEITSBEAMTER
Ok, warten Sie hier …. mit dem Kleinen werde ich schon fertig.

Er geht in das Büro und schließt die Tür hinter sich.

3. INT. BAHNHOFSHALLE VOR DEM BÜRO – TAG

Die Frau setzt sich draußen auf die Bank und wartet.

Eine junge Frau mit einem kleinen Hund läuft vorbei. Die alte Frau schaut lächelnd auf den kleinen Hund.

ALTE FRAU
Jaja, die einzigen Wesen, denen man noch trauen kann.

4. INT. BÜRO – TAG

Der Sicherheitsbeamte setzt sich vor den Jungen an den Schreibtisch und schaut ihn einen Moment an.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie heißt du?

Der Junge starrt nach unten und antwortet nicht.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie du heißt?

Der Junge antwortet immer noch nicht.

SICHERHEITSBEAMTER
Was ist in dem Schließfach? Noch mehr gestohlene Geldbörsen, he?

Der Junge schaut nach unten und fängt an zu heulen. Ab dieser Stelle hören wir die Szene nur noch, während wir die tatsächlich abgelaufenen Ereignisse sehen, die dem Jungen durch den Kopf gehen.* Er antwortet auf keine dieser Fragen, fängt nur noch kläglicher an zu heulen.

SICHERHEITSBEAMTER
Wie bist Du an den Schlüssel herangekommen? Ist das überhaupt Deiner?

Der Blick des Sicherheitsbeamten fällt auf den Schulranzen.

SICHERHEITSBEAMTER
Gib mal her.

Der Junge hält den Schulranzen so fest, dass der Sicherheitsbeamte ihn ihm fast entreißen muss. Er wühlt in dem Schulranzen und findet schließlich die Monatmarke mit der Adresse des Jungen.

SICHERHEITSBEAMTER
Na bitte. – Jetzt werden wir erst einmal deine Eltern anrufen.

Der Junge sinkt weiter in sich zusammen. Der Sicherheitsbeamte wählt eine Nummer. Keiner hebt ab.

SICHERHEITSBEAMTER
Na, da scheint es ja so, als ob wir noch viel Zeit haben. Also nochmal: Was ist in dem Schließfach?

Der Junge fängt wieder doller an zu heulen, antwortet aber immer noch nicht.

5. INT. BAHNHOF SCHLIEßFACHANLAGE – 2 Stunden früher *

Der Junge, seinen Schulranzen halb auf dem Rücken, schlendert den Bahnhof entlang. Er schaut träumend auf dem Boden und entdeckt neben dem Mülleimer einen Schlüssel. Neugierig hebt er ihn auf und betrachtet ihn. Die Nummer 25 ist darauf gedruckt und es ist offensichtlich ein Schlüssel eines Schließfaches.

Er schaut zu den Schließfächern und geht immer noch etwas verträumt darauf zu. Er findet das Schließfach 25 und probiert den Schlüssel. Er funktioniert nicht. Die Anzeige zeigt an, dass noch 5 DM bezahlt werden müssen, bevor sich das Schließfach öffnet.

Der Junge das Schließfach mit den Händen zu öffnen. Dann hört er ein leises Winseln aus dem Inneren. Er hält inne und schaut durch die Schlitze. Im Inneren erkennt er die Schemen eines kleinen Hundes, der dort auf dem Boden liegt. Er springt auf und versucht nur noch heftiger an der Tür des Schließfaches zu rütteln. Sie bewegt sich nicht. Das Winseln wird etwas lauter, klingt aber immer noch sehr erschöpft.

JUNGE
(flüstert durch die Tür)
Halt aus, ich komme gleich wieder!

6. INT. BAHNHOFSHALLE – TAG

Er rennt in die Wartehalle und schaut sich um. Es ist früher Nachmittag, kein Mensch ist in der Halle.  Die alte verbitterte Frau betritt die Halle. Sie ist auf dem Weg in die U-Bahn. Als der Junge sie sieht stürzt er auf sie zu.

JUNGE
Können Sie mir mal 5 Mark geben, bitte!

Die Frau starrt ihn befremdet an.

ALTE FRAU
Na wo kommen wir denn da hin?

JUNGE
Bitte, es ist ganz wichtig!

ALTE FRAU
Und was ist bitteschön so wichtig?

Der Junge starrt auf die steinharte Miene der Frau, dann schnappt er sich blitzschnell ihre Handtasche und flitzt in Richtung Schließfächer.

Die alte Frau reagiert sofort.

ALTE FRAU
Hilfe! Hilfe! Der Bengel hat meine Handtasche gestohlen!

Der Sicherheitsbeamte, der in seinem Büro gesessen hat, springt auf und rennt nach draußen. Er checkt die Situation, sieht den Jungen noch grade um die Ecke flitzen und rennt ihm nach.

7. INT. BÜRO – TAG

Der Junge heult immer noch, während der Sicherheitsbeamte auf ihn einredet.

SICHERHEITSBEAMTER
Warum hast Du der Frau die Handtasche geklaut?

Die Tür öffnet sich und die alte Frau steckt den Kopf herein.

ALTE FRAU
Entschuldigung, dass ich störe, aber haben Sie schon mal das Schließfach geschaut, vielleicht finden Sie da noch mehr heiße Ware.

Der Sicherheitsbeamte ist zwar etwas ungehalten über die Einmischung, sieht aber mit einem Blick auf den Jungen, dass er bei ihm im Augenblick nichts weiter erreichen kann. Er nimmt den Jungen beim Schlafittchen und den Schlüssel vom Schreibtisch und geht aus dem Raum.

8. INT. BANK VOR DEM BÜRO – TAG

SICHERHEITSBEAMTER
Na dann wollen wir mal sehen.

Die alte Frau folgt ihm auf dem Fuße.

SICHERHEITSBEAMTER
Sie warten besser hier.

Die alte Frau schaut ihn enttäuscht an. Setzt sich aber wieder folgsam auf die Bank vor dem Büro. Unruhig knetet sie ihre Hände, sie hat offensichtlich genug vom Warten. Sie schaut sich um, ob sie sieht, dass der Sicherheitsbeamte wiederkommt. Niemand ist zu sehen. Nach einer Weile steht sie auf und geht zu dem Zeitungsstand nebenan.

9. INT. SCHLIEßFÄCHER – TAG

Der Sicherheitsbeamte hält den Jungen fest am Arm, während er mit der anderen Hand das Schließfach aufschließt.

Die Tür geht auf. Innendrin liegt der kleine Hund und hebt müde den Kopf. Dann realisiert er, dass die Tür wirklich offen ist, steht auf und kommt mit wedelndem Schwanz heraus.

Der Sicherheitsbeamte schaut den Hund wie perplex an. Er lässt sogar unbewusst den Jungen los.

SICHERHEITSBEAMTER
Ist das dein Hund?

10. INT. BÜRO – TAG

Der Hund schlabbert aus einer großen Schüssel Wasser. Der Sicherheitsbeamte und der Junge sitzen sich wieder gegenüber. Nur noch die roten Augen zeugen davon, dass der Junge vorhin so kläglich geheult hat. Er schaut auf den Hund.

JUNGE
Naja, und da musste ich ihn doch befreien.

Der Sicherheitsbeamte schaut zur Tür, vor der die alte Frau nun wieder mit griesgrämiger Mine wartet. Dann schaut er wieder auf den Jungen.

SICHERHEITSBEAMTER
Ich gebe, der Dame jetzt ihre Handtasche zurück. Du kannst dir in der Zwischenzeit eine Entschuldigung überlegen.

JUNGE
Bitte nicht.

Er hat offensichtlich Angst vor der Zickigkeit der alten Frau. Der Sicherheitsbeamte ignoriert ihn und geht zur Tür. Kurz bevor er die Tür öffnet lässt er noch ein Fünfmarkstück aus seiner eigenen Hosentasche in die Handtasche gleiten. Der Junge starrt auf seine Knie, dann fällt sein Blick auf den Hund. Er schaut ihn eine Weile an, erinnert sich an die Tüte mit den Brotstücken aus der Tasche der Frau. Ihm kommt eine Idee.

11. INT. VOR DEM BÜRO – TAG

Der Sicherheitsbeamte kommt mit der Tasche in der Hand aus der Tür. Die alte Frau steht auf. Der Sicherheitsbeamte hält ihr die Tasche hin.

SICHERHEITSBEAMTER
Hier haben Sie ihr Eigentum zurück.

ALTE FRAU
Und was ist ….

SICHERHEITSBEAMTER
Der Junge hat Ihnen noch etwas zu sagen.

Er dreht sich um und öffnet die Tür zu dem Büro, während die Frau misstrauisch in ihrer Tasche wühlt, ob wirklich noch alles da ist.

SICHERHEITSBEAMTER
Kommst du bitte?

Der Junge schleicht heraus. Er hat den Hund auf dem Arm. Die Frau schaut auf. Als ihr Blick auf den kleinen Hund fällt, lächelt sie. Es ist offensichtlich, dass sie kleine Hunde liebt. Sie verzieht ihre Mine wieder als der Junge anfängt zu sprechen.

JUNGE
Ehm, ich wollte … ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen, ehm …. dass ich  …. ehm …. ihre Tasche ….

Er hebt den Kopf und der Schalk ist in seinen Augen zu sehen.

JUNGE
Und zur Entschädigung wollte ich Ihnen ein kleines Geschenk geben, ich glaube, es ist bei Ihnen in den besten Händen.

Er kommt auf sie zu und drückt ihr den Hund in die Arme. Dann schaut er noch kurz den Sicherheitsbeamten an.

JUNGE
Tschuldigung.

Dann rennt er davon.

Die Frau und der Sicherheitsbeamte schauen dem Jungen nach. Die Frau schaut auf den Hund, streichelt seinen Kopf und lächelt.

ABBLENDE

ENDE

Max und die Geister

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Max. Nachts, wenn es dunkel war, hatte er Angst vor Geistern und Gespenstern. Jeden Abend musste seine Mama das Fenster öffnen und sie hinausjagen, sonst konnte er nicht einschlafen. Aber wie alle Erwachsenen glaubte auch seine Mama nicht so recht an Gespenster und hatte eines Tages keine Lust mehr, ihm diesen Gefallen zu tun. Ihr müsst wissen, dass Erwachsene im Gegensatz nämlich verlernt haben, Geister und Fabelwesen zu sehen und zu erkennen. Sie sagte Max, er sei nun alt genug, um ohne diesen Hokuspokus einzuschlafen.

In dieser und den darauffolgenden Nächten heulte Max laut und lange, wenn ein Gespenst ihn mit seinem spinnenwebartigen Gewand gestreift oder mit seinem frostigen Atem angehaucht hatte. Die Mutter schimpfte nur, er solle ruhig sein, um seine Geschwister nicht aufzuwecken. Max wusste, dass sie ihn nicht verstehen würde. Da sie unfähig war, die Geister zu sehen, hielt sie die grausigen Schatten, die unten in der Kuschelhöhle lauerten doch tatsächlich für harmlose Kissen!

Und so kam es schließlich, dass eines Nachts mehrere Gespenster über Max Bett hinüberschwebten, fürchterlich heulten und ihn mit ihren Gewändern wachkitzelten. Max setzte sich senkrecht im Bett auf und schaute sich panisch um. Doch von den Gespenstern war nichts mehr zu sehen. Unten in der Kuschelhöhle hörte er ein vielstimmiges Kichern.

Vorsichtig und am ganzen Körper zitternd spähte er über den Rand seines Bettes, als hinter ihm eine etwas heisere, aber warm klingende Stimme ertönte. „Fürchtest du dich vor den Gespenstern?“ Max fuhr herum und starrte mit großen Augen auf das kleine Regal hinter sich. Es war vollgestopft mit seinen Kuscheltieren, die er dort zu Bett gebracht hatte: zwei kleine Bären, einen Esel und Jolly, ein Leopard, der schon seiner Mutter gehört hatte. Der Leopard war nicht nur ein Kuscheltier, sondern auch eine Handpuppe und wenn die Mutter ihn mit der Hand bewegte, sah er fast so aus, als sei er lebendig.

Obenauf lag sein Holzschwert. Wer hatte gesprochen? Ganz sachte streckte er den Arm aus und umfasste fest den Griff seines Schwertes. Nun fühlte er sich schon etwas sicherer. Die Stimme lachte leise. Max schaute genauer hin. Jolly, der Leopard, hob leicht seinen Kopf und zwinkerte ihm mit seinen schwarzen Knopfaugen schelmisch zu. „Vor den Gespenstern musst du keine Angst haben. Soll ich dir verraten, wie man sie vertreibt?“

Max traute seinen Augen nicht. „Du, du bist lebendig?“ stotterte er. Jolly lachte wieder. „Natürlich, alle Spielzeuge und Kuscheltiere können des Nachts lebendig werden, nur meist lassen sie das ihre Kinder nicht wissen.“ Wieder zwinkerte er Max zu. „Was gedenkst du jetzt gegen die Plagegeister zu tun?“ Er nickte in Richtung Kuschelhöhle, aus der bösartiges Zischeln zu hören war. Max zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Augen zumachen und hoffen, dass sie von allein fortgehen?“ „Das würde ich nicht tun“, sagte der Leopard ernst. „Damit lädst du sie direkt in deine Träume ein. Nein.“ Der Leopard rutschte nun ganz dicht an Max heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Warte, bis eines der Gespenster hierherkommt und wieder versucht, dich zu erschrecken. Dann schaust du ihm direkt in die Augen, streckst du ihm die Zunge heraus und lachst es aus. Du musst nicht laut lachen. Das wichtigste ist, dass du richtig frech bist und keine Angst hast. Willst du es mal probieren?“ Max nickte langsam. „Gut, dann leg dich ins Bett und tue so, als ob du schläfst. Sobald du ein Gespenst in deiner Nähe spüren kannst, tue, was ich gesagt habe.“

Max legte sich hin und zog die Bettdecke ganz über den Kopf. Dann versuchte er, ruhig und gleichmäßig zu atmen, aber es gelang ihm nicht ganz. Kurze Zeit später spürte er die bekannte Kälte über sich und fühlte, wie ein leiser Hauch seinen Fuß streifte, der nicht ganz unter der Decke versteckt war. Ein sirrendes Geräusch war zu vernehmen.

Max kreuzte die Finger, setzte sich kerzengrade auf und schaute fest auf den bleichen Schatten mit der grausigen Fratze. Dann holte er tief Luft und schnitt die frechste Grimasse, die ihm in den Sinn kam. „Angsthase, Pfeffernase …“ Er streckt die Zunge weit heraus und grinste das unförmige, durchsichtige Etwas an. Zu seinem Erstaunen begann das Gespenst, kleiner zu werden. „Weiter“, flüsterte Jolly hinter ihm. Max lachte nun richtig und schnitt weiterhin Grimassen.

Je kleiner das Gespenst wurde, desto weniger Angst hatte er. Kurze Zeit später war das Gespenst zu einem winzigen Ball zusammengeschrumpft und löste sich mit einem leisen „Plopp“ in Luft auf.

Max atmete auf. Jolly klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Gut gemacht.“ Er schielte zur Kuschelhöhle, aus der nun ein ängstliches Wimmern zu hören war. „Weißt du, jedes Wesen hat einen schwachen Punkt, an dem es verletzlich ist.“ Max lächelte Jolly warm an. „Danke, dass du mir geholfen hast.“ Der Leopard winkte ab. „Ach, keine Ursache. Aber, wenn du wieder mal nicht schlafen kannst, weil du Sorgen hast. Ich helfe gerne.“ Max schüttelte Jollys Pranke. „Danke“, sagte er noch einmal. „Ich rede und spiele auch so gern mit dir.“

Jolly richtete sich auf und deutete in Richtung Kuschelhöhle. „Schau mal.“ Ein weiteres Gespenst hatte sich aus dem Schatten gelöst und kam auf Max und Jolly zugeschwebt. Es zitterte am ganzen Leib und blieb in gehörigem Abstand in der Luft stehen. Es schluckte und sprach: „Wir haben gesehen, dass du unser Geheimnis kennst. Gelächter ist unser Tod. Wir werden fortgehen und dich nie wieder belästigen. Dafür bitten wir dich, unser Geheimnis nicht zu verraten.“ Max schaute das Gespenst nachdenklich an und lächelte. „Das kann ich nun wirklich nicht versprechen.“

Am nächsten Morgen weihte er seine Geschwister Laura und Paul in das Geheimnis der Gespenster ein, damit auch sie wussten, was zu tun sei, sollte sich je wieder ein Gespenst in ihr Kinderzimmer verirren. Nur von seiner Freundschaft mit Jolly erzählte er nicht. Dies blieb sein Geheimnis.

ENDE

 

Blind Date

Hier nochmal ein Kurzfilmdrehbuch, aber diesmal auf Deutsch. Viel Spass beim Lesen!

EXT. KAJAKCLUB AM WEHR – TAG

Ein Wehr. Vor dem Wehr paddelt ein Kajakfahrer in voller Montur gegen den Strom und versucht das Boot gerade zu halten. Obwohl die Kamera heranzoomt, kann man wegen des Helms und der Schwimmweste nicht einmal erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Nach einem bisschen dreht er ab, paddelt flussabwärts in Richtung Ufer und legt elegant am Ufer an, während schon der nächste Kajakfahrer in Richtung Wehr aufbricht.

Die Trainerin kommt ihm entgegen. Der Kajakfahrer legt seinen Helm ab und man kann nun endlich erkennen, dass es sich um eine junge Frau handelt. Ihr Name ist LAURA. Sie steigt aus.

TRAINERIN
Gut. Gute Arbeit.

Laura strahlt.

Währenddessen fällt grade der andere Kajakfahrer in der Mitte des Wehrs ins Wasser.

TRAINERIN
Oh nee.

Die Trainerin winkt ihn zum Ufer. Laura dreht sich um und beobachtet die Szene.

TRAINERIN
(zu Laura)
Und dabei tun die Männer doch immer so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen … Ist eben doch mehr eine Frage der Technik als der Kraft.

LAURA
Das sag ihnen mal, wenn sie das nächste Mal mit mir ausgehen.

Die Trainerin lacht.

TRAINERIN
Ich glaube, Männer, die Du mit weiblichen Fähigkeiten beeindrucken willst, suchst Du besser außerhalb des Clubs.

Laura seufzt.

LAURA
Wenn ich nur welche kennen würde. Obwohl …

Der anderen Kajakfahrer kommt mit seinem Kajak im Schlepptau an den Steg geschwommen. Er schaut Laura an, die gerade ihr Kajak schultert.

KAJAKFAHRER
Wie machst Du das bloß?

LAURA
Technik.

Der Kajakfahrer grummelt

KAJAKFAHRER
Erzähl das bloß niemanden, den Du beeindrucken willst.

Laura und die Trainerin wechseln Blicke, dann dreht sich Laura endgültig und geht, mit dem Kajak auf der Schulter.

INT. ROSTLAUBE – TAG

Vor dem Sportlercafe im ersten Stock. Ein junger Mann, relativ sportlich, steht in einer Gruppe von Freunden, als er aus dem Augenwinkel ein Mädchen vorbeilaufen sieht. Es ist auffallend hübsch und stylisch gekleidet.

Er rennt ihr nach und fasst sie am Arm.

THOMAS
Claire!

Sie dreht sich um.

CLAIRE
(kühl)
Oh, hallo.

THOMAS
Claire, können wir noch mal reden? Bitte.

Seine Freunde schauen sich neugierig um. Sie kennen das Drama offensichtlich schon.

CLAIRE
Was willst Du?

Sie dreht sich wieder um und will weitergehen.

THOMAS
So warte doch!

Er hält sie weiter am Arm fest. Sie stolpert zwei Schritte zurück.

THOMAS
Claire, so können wir nicht auseinandergehen.
(sehr leise)
Ich liebe Dich.

Offensichtlich haben es die Zuhörer doch gehört oder können vermuten, was er gesagt hat, denn es geht ein „Uhh“ durch die Gruppe.

Claire reißt sich los und glättet ihren Ärmel mit der Hand.

CLAIRE
Wir haben nicht das Geringste gemeinsam.
(extra laut, so dass sie anderen es gestimmt hören)
Du hast ja noch nicht einmal mit mir geschlafen in den drei Monaten, die wir zusammen waren!

Claire macht auf dem Absatz kehrt und geht.

Er kehrt zu der Gruppe zurück, Tränen in den Augenwinkeln. Als er aufschaut, bemerkt er, dass sie alle mit breitem Grinsen dastehen. Ein Freund kann sich nicht halten und fängt lauthals an zu lachen. Thomas dreht kurz vor der Gruppe ab und geht mit gesenktem Kopf in die andere Richtung. Er ist allein auf dem Gang. Eine Freundin zupft ihn noch am Ärmel.

FREUNDIN
Thomas, warte!

Er schüttelt ihre Hand ab und geht, ohne sich nochmal umzudrehen weiter.

INT. ARBEITSZIMMER – TAG

Man hört das Klicken von Fingern auf einer Tastatur.

Dann sieht man die Finger tippen.

Auf dem Bildschirm sieht man, dass es sich um Instantmessanger oder ein ähnliches Chatprogram handelt.

Eine Hand blättert durch ein Reisemagazin. Auf einer Seite ist eine große Jacht mit allen Schikanen abgebildet.

THOMAS (V.O.)
Ja, ich habe eine richtig große Jacht.

LAURA (V.O.)
Was ehrlich? Ich glaube es ja nicht.

In einer ganz normalen Etagenwohnung geben die Eltern ihrem Sohn sein Taschengeld. Es ist genau abgezählt.

THOMAS (V.O.)
Jaja, ist voll cool, hab ich von meinen Eltern geschenkt bekommen.

LAURA (V.O.)
Nein.

THOMAS (V.O.)
Doch.

LAURA (V.O.)
Was machst Du so?

Man sieht ihn auf dem Sportplatz Leichtathletik trainieren.

Er geht mit seinem Freund an der Bibliothek der Uni vorbei. Er schüttelt den Kopf, sie verabschieden sich. Der Freund geht hinein und er geht weiter.

THOMAS (V.O.)
Oh, ich studiere im Augenblick ein bisschen, Jura, so, weißt Du? Und Du?

Die Kamera fährt durch ein Badezimmer. Auf der Ablage liegt eine sehr spärliche Schminkausstattung. An den Binden auf hinter der Badewanne kann man erkennen, dass das Badezimmer einem Mädchen gehören muss.

LAURA (V.O.)
Äh, nicht so was Tolles, ich arbeite im Augenblick in der Parfümabteilung vom KaDeWe. Am liebsten würde ich mal Parfüm designen.

 Sie betritt das KaDeWe. Die Parfümabteilung fängt gleich hinter der Tür an. Sie geht schnellen Schrittes mit zugehaltener Nase durch zu den Aufzügen.

Man sieht ihn seine Schwester begrüßen, die hinter der Bar in einer relativ kleinen Kneipe arbeitet.

THOMAS (V.O.)
Nein wirklich? Meine Schwester hat so etwas auch mal gemacht, allerdings nur als Hobby.

Sie schaut sie im ersten Stock des KaDeWe neue Kajakhelme an.

LAURA (V.O.)
Echt? Du musst sie mir mal vorstellen. Ehm, wenn wir uns sehen.

THOMAS (V.O.)
Klar.

LAURA (V.O.)
Wann?

THOMAS (V.O.)
Hast Du Lust auf einen Ausflug mit meiner Jacht?

LAURA (V.O.)
Das wäre super!

THOMAS (V.O.)
Wir könnten uns dann danach mit meiner Schwester zum Kaffeetrinken treffen, ok?

LAURA (V.O.)
Klar! Ich freu mich ja so sehr!

TITEL: BLIND DATE

AUFBLENDE

EXT. TREPPE ZUM BOOTSHAUS – TAG

CU Kamerafahrt

Eine brüchige Treppe hinauf, Gras wächst durch die Brüche.

Zwei Füße in hochhackigen Sandalettchen kommen vorsichtig herunter.

Einer der Hacken verfängt sich in einem Spalt, der Fuß knickt um und der Hacken bricht ab.

LAURA (O.S.)
Au. So ein Mist!

Eine Hand zieht den Schuh vom Fuß. Die Kamera schwenkt an ihren rasierten Beinen, den Hotpants und dem gepiersten Bauchnabel vorbei, als sie sich mit dem Schuh wieder nach oben beugt.

Vor dem Bauch. Beide Hände versuchen den Hacken notdürftig wieder an den Schuh zu stecken.

CU

Die junge Frau, LAURA, schaut konzentriert auf den Schuh, während sie daran arbeitet. Ihr gepflegtes geschminktes Gesicht passt zum Rest ihrer Aufmachung.

Ihre Hände streifen den Schuh wieder über den Fuß.

WIDESHOT

Wir sehen nun, dass die Treppe auf ein recht verwildertes Gelände führt. Hinter ein paar alten Backsteingebäuden ist ein See zu sehen. An den Stegen liegt eine Reihe von Motorbooten. Vorsichtig und auf den Zehenspitzen geht sie weiter.

EXT. BOOTSHAUS – TAG

Eine ältere Frau mit einem blässlichen Badeanzug sitzt in einem Liegestuhl auf dem Rasen und liest Zeitung.

LAURA kommt so heiter wie möglich um die Ecke gehumpelt.

CU LAURA

Sie versucht, das Humpeln zu überspielen und durch ihr strahlendes Lächeln davon abzulenken.

LAURA
Hallo!

Die Frau schaut kurz und desinteressiert von ihrer Zeitung auf.

FRAU
Hallo.

Dann liest sie weiter.

Laura schaut sich um.

Ihr Blick bleibt an den Motorbooten hängen, die an den Stegen vor Anker liegen. Sie stützt sich auf den Tisch und lehnt sich vertraulich zu der Frau hinüber.

LAURA
Ich bin ja so aufgeregt. Ich bin von jemandem zu einer Bootsfahrt eingeladen. Und der hat mir schon so viel von seiner Jacht erzählt.

Die Frau schaut wieder nur kurz hinter ihrer Zeitung hervor.

FRAU
Ach ja? Von wem denn?

LAURA
Ehm – … mein Freund. – Sie ist ja so toll, die Jacht, mit allen Schikanen.

FRAU
Aha.

Die Frau lächelt in sich hinein und liest weiter.

Laura setzt sich vorsichtig auf einen der Stühle und schlägt die Beine übereinander und wartet.

Nach einem Weilchen trommelt sie ein wenig mit ihren lackierten Fingernägeln auf dem Tisch.

Sie schaut zur Treppe.

Sie schaut auf die Uhr,

Wartet weiter, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und klopft nervös mit ihren Hacken auf den Boden, dabei löst sich der Hacken wieder. Sie richtet ihn unauffällig mit dem Fuß.

LAURA
Bitte … gibt es hier irgendwo eine Umkleidekabine?

FRAU
Wenn Sie eine brauchen – … da hinter und dann die erste Tür links, gleicht neben der Treppe.

Die Frau zeigt halb von ihrer Zeitung aufschauend um die Ecke, aus der Laura gekommen ist.

INT. UMKLEIDEKABINE – TAG

Laura zieht sich gerade das Oberteil ihres Bikinis an, als sie bemerkt, dass eine fette Spinne über ihr Bein krabbelt.

Sie lässt ihren BH los und wischt hektisch die Spinne von ihrem Bein.

Die Spinne fällt auf ihre restlichen Sachen auf der Bank und krabbelt weiter. Voller Panik greift sie ihren Schuh und schlägt auf die Spinne ein, bis diese tot an ihrer weißen Bluse klebt, die oben auf dem Stapel liegt. Widerwillig entfernt sie die Spinne von ihrer Bluse, ein brauner Fleck bleibt.

Sie schaut sich um.

Genau über ihr an einem Schrank hängt noch eine größere Spinne.

Panisch stopft sie ihre Sachen in ihre Tasche und rennt mit der Tasche vor der Brust aus der Kabine.

EXT. BOOTSHAUS – TAG

Draußen bleibt sie stehen und lässt erleichtert die Tasche sinken.

Ein Mann kommt gerade die Treppe herunter. Er pfeift ihr aufreizend nach, als er an ihr vorbeigeht.

Sie schaut an sich herab und bemerkt, dass sie in ihrer Panik das Bikinioberteil verloren hat.

Sie schaut sich um. Niemand ist zu sehen.

Sie beginnt in ihrer Tasche danach zu wühlen, immer darauf bedacht ihre Brust zwischen ihren Knien und ihrer Tasche bedeckt zu halten. Sie findet es nicht. Es muss noch in der Umkleidekabine sein.

Mit ihrer Tasche vor der Brust geht vorsichtig und mit einem sehr unbehaglichen Gefühl wieder rein.

INT. UMKLEIDEKABINE – TAG

Auf Zehenspitzen geht sie durch die Kabine und fischt das leuchtend blaue Oberteil aus dem Staub.

EXT. BOOTSHAUS – TAG

CU

Das Bikinioberteil wackelt an ihrem Körper.

Laura kommt um die Ecke – diesmal ordentlich angezogen.

Der Mann ist grad dabei seine Jacht zu putzen.

Sie hält inne, stutzt. Rückt ihr Oberteil zurecht.

Die Jacht leuchtet in der Sonne. Der Mann grinst sie an.

Sie schaut sich hilflos um, lächelt  dann unsicher zurück. Unruhig tritt sie von einem Fuß auf den anderen. Sie schaut sich suchend um. Ihr Blick bleibt an den leeren Stuhl hängen, auf dem sie vorher gesessen hat.

Dann setzt sie sich auf einen der Stühle. Sie schaut auf die Uhr, dann schaut sie wieder fragend den Mann an. Er schaut interessiert zurück.

Die ältere Frau strickt inzwischen. Sie beobachtet die Situation. Sie findet die ganze Szene sehr amüsant.

Ein sportlicher junger Mann kommt die Treppe herunter.

Laura bemerkt ihn nicht, bis er ihr auf die Schulter tippt.

Sie erschreckt sich, springt auf und knickt dabei wieder mit dem Fuß um. Sie hält sich den Fuß mit einer Hand und hüpft ein bisschen.

LAURA
Autsch. Haben Sie mich aber erschreckt.

Sie mustert ihn eingehend. Er ist braungebrannt und sieht sehr gut aus. Er mustert sie ebenfalls.

THOMAS
Laura?

LAURA
Thomas?

Er nickt. Sie strahlt hocherfreut. Er streckt ihr die Hand entgegen. Sie schütteln sich die Hände.

THOMAS
Tschuldiung, hab mich einfach in der Zeit verkalkuliert. – Ich geh mal das Boot rausholen, ja?

Thomas stellt seine Sachen neben Lauras Füßen ab und geht los. Laura strahlt gespannt.

Thomas geht zur Bootshaustür, grüßt die andere Frau kurz im Vorübergehen. Sie nickt kurz zurück, fängt an zu grinsen. Dann verschwindet er in der Bootshaustür.

Laura wartet, korrigiert nochmals ihre Fingernägel.

Die Bootshaustür geht auf. Thomas kommt heraus und zieht ein Paddelboot wie einen Hund hinter sich her. Laura schaut das Boot ungläubig an.

Die Frau hat alles beobachtet und lacht.

FRAU
Jaja, das ist schon etwas ganz tolles. Mit allen Schikanen.

Laura schaut kurz und irritiert zu der Frau hin, dann ignoriert sie die Frau.

Thomas steht vor ihr als ob nichts wäre. Sie schaut ihn an, dann wieder zurück zu dem Boot.

LAURA
Aber – … ich dachte … du hattest doch was von einer großen Jacht erzählt …

THOMAS
Ach, das war doch nur nen Scherz.

Er mustert ihre Aufmachung. Dann zuckt er mit den Schultern.

THOMAS
Kann ich ja nichts dafür, wenn du alles glaubst.

EIN WENIG SPÄTER

Das Paddelboot liegt im Wasser. Laura steht mit entschlossenem Gesicht auf dem schmalen Steg daneben. Sie zieht ihre Schuhe aus und schmeißt sie hinein.

Thomas steht mit dem Rücken zu ihr auf dem Rasen und steckt sein Paddel zusammen.

THOMAS
Hier ist dein Paddel!

Er schmeißt Laura das Paddel zu und bemerkt erstaunt und anerkennend, dass sie es ohne Mühe fängt.

THOMAS
Steig schon mal ein. Musst nur in die Mitte treten. Ich komm gleich.

Dann dreht er sich wieder um und steckt sein eigenes Paddel zusammen.

Laura, die Tasche in der einen, ihr Paddel in der anderen Hand, setzt einen Fuß in das Boot.

Thomas hört Paddelschläge. Als er sich umdreht, sieht er Laura mit seinem Boot geübt auf den See hinausfahren. Er springt auf und rennt zum Steg.

THOMAS
Hey, was soll denn das? Komm zurück!!

Er versucht sie, über den Steg noch zu erreichen, rutscht auf der Entenscheiße aus und fällt mit einem lauten Platsch ins Wasser.

Sein Kopf taucht wieder auf. Erbost schaut er dem Boot nach, das auf dem See dahinschwindet.

Laura dreht den Kopf und blickt mit einem schelmischen Lächeln zurück.

Thomas kneift die Augen zusammen, die Herausforderung nimmt er an. Er beginnt dem Boot hinterher zu schwimmen.

Laura paddelt inzwischen langsam und gemütlich auf dem See.

Kurz bevor Thomas das Boot eingeholt hat, taucht er unter.

Laura hat das Boot angehalten und genießt die Sonne. Thomas Hand greift von unten das Paddel und versucht es und damit auch Laura ins Wasser zu ziehen. Sie kabbeln miteinander um das Paddel. Erst grimmig, dann immer alberner. Thomas greift ihren Arm. Schließlich fällt sie halb gezwungen, halb nachgebend ebenfalls ins Wasser.

Beide halten sich am Boot fest und können nicht mehr aufhören zu lachen.

Währenddessen schwimmt Lauras Paddel lautlos davon. Thomas bemerkt es.

THOMAS
Scheiße, das Paddel!

Laura reckt sich vom Boot weg und erwischt es grade noch an der Spitze des Blattes.

Dies ist das zweite Mal, dass Thomas sie anerkennend anschaut.

THOMAS
Eh – Sorry wegen dem Boot … quitt?

LAURA
Lügner!

THOMAS
Ebenso.

LAURA
Ok.

THOMAS
Was?

LAURA
Quitt. – Blödmann.

Beide fangen wieder an zu lachen.

ABBLENDE

Ausflug mit der Klapprakete

Es hat leider eine Weile gedauert, bis ich wieder Zeit hatte, etwas zu posten. Unser Au-pair aus Ecuador ist vor drei Tagen angekommen und nun muss ich ihr erst einmal alles zeigen ectpp. Aber jetzt ist es geschafft, hier eine neue Guten-Nacht-Geschichte für meinen kleinen Sohn:

Ausflug mit der Klapprakete

Paul war gerade am Einschlafen, als er ein werkwürdiges Surren über sich hörte. Er setzte sich auf. Was war das? Auf der Holzumrandung seines Bettes saß etwas, was wie ein übergroßer, blauleuchtender Maikäufer aussah. Neugierig betrachtete Paul das Ding.

Plötzlich klappte es mit einem leisen Plopp zu beiden Seiten auf und heraus stieg ein kleines Wesen mit riesigen Füßen und Haaren in eben der gleichen blauen Farbe wie das Ding, aus dem es geklettert war.

Es hatte eine kleine Stubsnase, lustig funkelnde grüne Augen und war über und über mit sonnenblumengelben Sommersprossen bedeckt. Seine Kleidung war ebenso bunt wie sein Körper. Es trug lila Latzhosen mit rosa Punkten, ein rot-grün kariertes Hemd und schneeweiße Handschule. Die übergroßen Füße steckten in orangefarbenen spitz zulaufenden Schuhen. Alles in allem konnte man den Eindruck bekommen, das kleine Geschöpf wäre in einen Farbtopf gefallen. Es war nicht so leicht zu sagen, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelte.

“Hallo Paul!” sagte es mit kecker Stimme. Paul runzelte die Stirn. “Woher weißt du, wer ich bin?” Das Wesen grinste. “Verrat ich nicht. Ich bin Iolo und komme vom Planeten Lolilalilu und das ist meine Klapprakete Lilaluloli.” Paul sperrte Mund und Augen auf. Antworten konnte er zunächst nicht mehr. “Na, dir scheint’s ja gründlich die Sprache verschlagen zu haben. Ich hab gehört, du liebst Raumschiffe und wollte dich auf einen kleinen Rundflug einladen.” “Ja”, konnte Paul grad noch rausbringen. “Prima, na dann steig ein.” “Wie denn?” Paul sah ratlos auf das ungefähr faustgroße Raumschiff. Iolo lachte. “Ganz einfach. Steck deinen Finger oder den großen Zeh oder was reinpasst in die Öffnung und schon bist du drin.

Vorsichtig steckte Paul seinen Zeigefinger in das Raumschiff, nicht sicher, ob es nicht lediglich zuklappen und ihm den Finger einklemmen würde. Doch es gab ein schmatzendes und saugendes Geräusch und schon fiel er auf den metallenen Fußboden vor einen Sessel. Iolo landete elegant in dem Sessel neben ihm. “Au. Ich hab mich gestoßen”, jammerte Paul. Iolo grinste. “Na die Landung musst du wohl noch etwas üben.”

Paul rappelte sich hoch und krabbelte auf den Sitz hinter ihm. Fasziniert beobachtet er, wie Iolo die Knöpfe am Schaltpult bediente. Das Raumschiff klappte mit einem kleinen Plopp zusammen. Dann surrte der Motor auf und das Raumschiff hob ab und flog in Richtung Fenster.

“Halt!” schrie Paul. “Wie kommen wir durchs Fenster?  Das ist doch zu!” “Kein Problem”, winkte Iolo ab. “Ich mach einfach den Scheibenwischer an und der wischt die Scheibe einfach weg.” “Ach so.” “”Willst du das machen?” Paul nickte.

Iolo zeigte auf einen lila-orangefarbenen Knopf und Paul bemerkte erst jetzt, dass das Raumschiff im Inneren so knallbunt war wie sein Kapitän. Jeder der Knopfe am Pult hatte eine andere Farbe und das Steuerruder leuchtete in dem schönsten Grasgrün, dass Paul fast die Augen davon wehtaten.

Er drückte auf den Scheibenwischerknopf und schon bewegten sich Vorhang und Fensterscheibe lautlos zur Seite und ließen das Raumschiff passieren, um sich hinter ihm wieder ebenso geräuschlos an ihren Platz zu bewegen. Paul staunte.

“Das ist also eine Klapprakete?” “Ja. Die erste und einzige ihrer Art. Ich habe sie selbst ausgebrütet.” Paul nahm diese Merkwürdigkeit inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit hin. Hier schien sowieso alles anders zu sein als zu Hause.

Fasziniert beobachtete er die Häuser und Bäume der Althoffstr. von oben. unten auf der Straße entdeckte er die Nachbarin mit dem kleinen, schwarzen Hund. Sonst war niemand zu sehen.

“Wo soll’s denn hingehen?” Iolo sah ihn erwartungsvoll an. Paul überlegte nicht lange. Ich möchte zum Bundestag fliegen. Ich will einmal die Koppel umkreisen und einmal durch den Luftschacht und zurück.” “Na dann machen wir das.” Iolo nahm das Steuerruder in die Hand und lenkte die Rakete in Richtung Nordosten.

Eine Weile folgen sie über die nächtliche Stadt und Paul bewunderte die tausend und abertausend Lichter unter ihnen die von unzähligen Straßenlaternen, Ampeln, Autos und Leuchtreklamen zu ihnen hinaufstrahlten, bis sich Iolo schließlich zu ihm umdrehte. “Willst du auch mal steuern?” Paul nickte.

Sie tauschten die Plätze und Paul ergriff das grasgrüne Steuerruder. Es fühlte sich warm und behaglich an. Iolo nickte. “Ja, sie mag dich. Sie wird dir gehorchen.” Paul musste lachen. “Halt einfach erst einmal auf den Fernsehturm zu.” Paul folgte und hielt das Steuerruder in die angegebene Richtung. Er fühlte sich großartig. Er steuerte ein Raumschiff und es reagierte auf die kleinste Bewegung von ihm. Jetzt war er der Kapitän.

Lässig hielt er das Steuerruder in einer Hand, als plötzlich etwas großes weißes angeflogen kam und von links gegen die Windschutzscheibe prallte. Eine Taube, die offensichtlich nicht wusste, dass man als Vogel nicht im Dunkeln nichts sieht, war mit der Klapprakete zusammengestoßen. Die Rakete geriet ins Trudeln, klappte währenddessen die Flügel auf und raste in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Straße.

“Hilfe! Wir stürzen ab!” Paul klammerte sich blindlings am Steuerrad fest.

Iolo versuchte das Kontrollbord zu erreichen, doch die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn aus der Rakete und er landete unsanft oben auf dem Dach einer Imbissbude.

Die Laluleli… pardon Lilaluloli war indes mit den Flügeln an einer Ampel hängengeblieben und baumelte nun kopfüber hoch oben neben ein paar alten Turnschuhen, die ein Scherzbold hier hinaufgeworfen hatte.

“Warte”, rief Iolo,” ich rette dich.”

Doch schnell musste er sich ducken, als eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen vorbeischlenderte. Sie zeigten auf das merkwürdige Objekt nach oben und gackerten. Einige zogen sogar ihr Handy aus der Tasche und fotografierten das bunte Etwas nebst Turnschuhen.

Iolo hatte inzwischen in Windeseile lila Sprungfedern aus seiner Hosentasche gezogen und an seinen roten Schuhe befestigt und sprang nun hinter dem Rücken der Mädchen auf die Ampel, verfehlte die Stange um Zentimeter, klammerte sich mit den Händen fest und kletterte schnaufend hinauf.

“Verflixte Taubenviecher. Dass die noch nicht mal wissen, dass sie in der Nacht zu schlafen haben”, schimpfte er leise vor sich hin, während er auf der Stange vorwärtsrobbte, um das Raumschiff zu erreichen.

Paul indes konnte nicht machen, als weiterhin kopfüber in seinem Sitz zu hängen und sich festzuklammern. Plötzlich war die ganze Fahrt gar nicht mehr so lustig.

Iolo krabbelte in das Raumschiff und schnallte sich an seinem Sitz fest.

“Achtung! Ich betätige jetzt den Schleudergang” und schon surrte der Motor wieder. Das Raumschiff flog nun im Kreis um die Ampelstange herum, an der es festhing. Immer schneller und schneller drehte es sich, bis sich schließlich der eine Flügel von der Stange befreite und der Schwung das Raumschiff aufwärts in die sternklare Nacht schleuderte.

Iolo robbte zu Paul, ergriff das Steuerruder und brachte das Schiff wieder auf Kurs.

Doch als er den hellbauen Knopf drückte, der die Rakete wieder zusammenklappen sollte, bewegte sich nur der eine Flügel. Der andere ruckte nur ein bisschen und rührte sich dann nicht mehr. “Heiliges Mondgewitter. Ach das noch. Wir müssen landen und die Klappe reparieren.”

Sanft setzte die Lulalilelo … ehm … Lolilelo … nee … Lilaluloli in einem dichten Gebüsch auf. Paul und Iolo stiegen aus. Iolo trug einen kleinen Werkzeugkoffer. Fachmännisch begutachtete er das Scharnier der rechten Klappe. “Aha! Der Bolzen ist gebrochen. Irgendwo im Raumschiff muss ich einen Ersatzbolzen haben. Ich geh in mal suchen. Versuch du inzwischen, die Schrauben zu lösen.”

Iolo verschwand im Inneren des Raumschiffes und Paul nahm sich den Schraubenzieher. Er begann mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, an einer Schraube zu drehen und tatsächlich. Sie bewegte sich. Langsam und geduldig löste Paul eine Schraube nach der anderen.

Hinter ihm im Raumschiff rumpelte es. Iolo schein den gesamten Lagerraum zu durchsuchen. Dann hörte er einen triumphierenden Schrei und Iolo kehrte mit dem Bolzen wieder zu ihm zurück.

“Endlich! Hatte doch glatt vergessen, dass ich ihn in den Kühlschrank gelegt hatte.” Paul wunderte sich – nun schon zum wiederholten Mal an diesem Abend. Ein Metallbolzen im Kühlschrank? Iolo musste das Fragezeichen auf Pauls Gesicht gesehen haben, als er antwortete: “Was soll ich denn machen? Sonst wächst er womöglich zu schnell und dann passt er nicht mehr.” Paul musste unwillkürlich kichern. Die war wirklich die merkwürdigste Rakete, die er je gesehen hatte.

Iolo schaute auf die Schrauben in Pauls Hand und nickte anerkennend. “Gut gemacht.” Schnell tauschte er den Bolzen und Paul zog die Schrauben wieder fest. Er war sehr stolz, bei einer richtigen Raumschiffreparatur geholfen zu haben. Rasch wurde der Werkzeugkasten wieder in der Rakete verstaut und Iolo und Paul stiegen ein.

Paul gähnte. Iolo, der wieder auf dem Steuersitz Platz genommen hatte, drehte sich um. “Müde?” Paul nickte. “Ich bin sehr müde. Aber ich will noch eine Runde um den Bundestag drehen”, und das taten sie.

Paul konnte kaum die Augen offenhalten, aber er sah staunend auf die hell erleuchtete Kuppel und die Türmchen und Figuren, mit denen der Bundestag ringsum verziert war.

Ohne das er richtig wusste, wie, waren die beiden wieder in Pauls Zimmer und Paul kuschelte sich in sein Bett. Das Schildchen seiner Kuscheldecke zwischen den Fingern, schlief er erschöpft ein.

Iolo winkte ihm noch einmal zu, bestieg dann sein Raumschiff und flog davon.

ENDE