IRRLICHTER – Szene 3

Auf dem Zeltplatz.

Erzähler: Am nächsten Morgen treffen sich die Kinder wieder. Es ist strahlend blauer Himmel. Keine einzige Wolke ist zu sehen.

Susanne, Frederike, Felix, Mara und Tim sitzen zwischen den Zelten und spielen. Klara und Fleur kommen hinzu.

Klara: Hi, hab ihr Tine irgendwo gesehen?

Susanne: Nicht seit gestern Nachmittag, warum?

Klara: Ihre Eltern haben mich gefragt, ob sie bei einem von uns geschlafen hat. Sie ist gestern Abend nicht zurückgekommen.

Susanne: Komisch.

Frederike: Na, ein bisschen komisch war sie ja sowieso, oder?

Mara: Vielleicht ist sie ausgerissen.

Felix: Ich könnt das nicht. Ich würd spätestens nach zwei Stunden vor Hunger sterben.

Tim: So schnell stirbt man nicht.

Julina kommt mit einem Fahrrad und einem Postkorb auf den Platz zwischen den Zelten gefahren.

Hanna: Schaut mal, da kommt die Post.

Alle Kinder stehen auf, rennen zum Fahrrad und umringen Julina. Weitere kommen dazu.

Julina nimmt professionell einen Fächer Briefe in die Hand und liest nacheinander die Namen vor.

Julina: Fuchs?

Tim: Das ist für uns.

Der Brief wechselt den Besitzer. Tim läuft mit dem Brief zum Zelt seiner Eltern.

Julina: Müller?

Felix: Hier.

Nele: Hier.

Beide lachen. Julina kann sich das Lachen grade so verkneifen und macht weiterhin ein professionelles Gesicht.

Julina: Waltraud Müller.

Nele: Das ist meine Mutter.

Der Brief wechselt den Besitzer.

Felix: Deine Mutter heißt Waltraud?

Nele zuckt mit den Schultern, will sich zum Gehen wenden, bleibt aber stehen und schaut Julina weiter interessiert zu.

Julina hält noch einen Brief in der Hand. Sie dreht und wendet ihn, räuspert sich und spricht betont langsam.

Julina: Auf dem hier steht … nun ja, ich glaub, der is für euch.

Klara: Ich nehm ihn.

Julina übergibt den Brief, nimmt ihr Fahrrad und radelt schnell davon.

Klara schaut sich den Brief von allen Seiten an. Die anderen Kinder scharen sich um sie und bestürmen sie alle gleichzeitig.

Kathrin: Lass sehen.

Kai: Was steht drauf?

Frederike: Zeig doch mal her.

Klara: Komisch.

Nele: Was ist?

Klara: Schaut mal, was da drauf steht: An die Kinder vom Zeltplatz. In ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben? Welcher Depp macht denn so was?

Klara reißt den Brief auf.

Annika: Darfst du das denn überhaupt?

Klara: Der Brief ist doch für uns, oder?

Sie nimmt den Brief heraus und liest ihn. Die anderen recken die Hälse, um auch etwas sehen zu können.

Als sie fertig ist mit Lesen, senkt sie das Blatt Papier und steht wie vom Donner gerührt da.

Klara: Ach du meine Scheiße.

Julia: Das sagt man doch nicht.

Fleur: Meine Mutter sagt immer –

Klara: Haltet mal die Klappe und hört zu. Hier steht:

Wir haben Tine. Wenn ihr sie wiederhaben wollt, kommt um Mitternacht ALLEIN zur dicken Eiche im Moor. Dort findet ihr weitere Anweisungen. Gez. die Irrlichter

Stille. Alle setzen sich langsam in einen Kreis.

Kathrin: Hätten wir sie nicht ausgelacht, wär sie nicht …

Klara: … fortgelaufen und …

Mara: … den beiden komischen Verfolgern direkt in die Arme.

Tim (entschlossen): Wir bringen das wieder in Ordnung.

Annika: Sollten wir den Brief nicht ihren Eltern zeigen?

Tim: Und was sollen wir ihnen sagen? Tut uns ja leid, wir sind schuld daran, dass Ihre Tochter gekidnappt wurde? Nein, ich denke, wir müssen das allein wieder gutmachen.

Annika: Können wir das denn?

Die anderen Kinder nicken zustimmend. Annika bleibt skeptisch, doch die anderen stecken enthusiastisch die Köpfe zusammen.

Susanne: Also ich finde, wir sollten uns zunächst in den Dünen umschauen.

Klara:  Am besten, wir teilen uns auf und durchkämmen die Gegend.

Tim: Ok, los kommt.

Die Kinder rennen davon. Annika bleibt als einzige stehen.

Annika (zu sich): Also ich weiß nicht. (dann plötzlich entschlossen) Ich geh jetzt zu ihren Eltern und erzähl ihnen alles.

Sie wendet sich und geht zu einem der Zelte. Als sie eintreten will, hört sie von innen ein lautes Gespräch, was sie innehalten lässt. Sie lauscht.

Mutter: Was willst du nun tun?

Vater: Nichts. Hier steht, dass die Entführer Tine nichts tun werden, solange ich mich an ihre Anweisungen halte. Sobald die Zulassung durch ist, lassen sie sie frei.

Mutter: Du willst die Zulassung befürworten?

Vater: Ich bin kein Held und meine Tochter keine Märtyrerin. Ich geh jetzt wieder an die Arbeit.

Annika schleicht sich, ohne das Zelt betreten zu haben, leise wieder davon.

weiter bei Szene 4

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