Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Diese Geschichte habe ich meiner Tochter zum siebenten Geburtstag geschenkt – mitsamt dem Bild und dem Ring, die in der Geschichte vorkommen. Das heißt, eigentlich hatte ich das Bild und den Ring erst und habe darum die Geschichte gesponnen …

Viel Spass beim Lesen!

 

 

 

Ein Geschenk für Prinzessin Filine

Heute hatte Laura Geburtstag. Sie war schon ganz aufgeregt. Immerhin waren sieben Jahre schon etwas Besonderes – fast erwachsen sozusagen. Neugierig schaute sie ihre Geschenkpäckchen an, die schon zusammen mit einer Kerze und einer Blume auf dem Frühstückstisch standen. „Nun mach schon auf!“ Ihr kleiner Bruder Max konnte es nicht abwarten und wollte schon selbst nach einem Geschenk greifen, um es aufzureißen. Doch Laura schaute ihn böse an und schnappte ihm das Geschenk vor der Nase weg. „Das sind meine, du Blödi!“ Dann begann sie, es in aller Ruhe auszupacken, während ihre kleinen Geschwister sich um sie drängelten, um einen Blick auf die Herrlichkeit darinnen zu erhaschen. Sie wurde enttäuschen, es war keines der ersehnten Spielzeuge, sondern ein handgemaltes Bild von einer zauberhaften Landschaft ganz in Pastelltönen gehalten, in deren Hintergrund ein Schloss zwischen zwei Bergspitzen hervorlugte. Laura strahlte. Im Gegensatz zu ihren kleinen Brüdern gefiel ihr das Bild außerordentlich gut. Sie betrachtete es andächtig und bemühte sich dann, die beiliegende Glückwunschkarte zu entziffern: „Für meine kleine Elfenprinzessin. Möge es in deinem neuen Zimmer einen Ehrenplatz erhalten und dir immer Glück und Freude bringen. Wünscht dir von Herzen deine Mama!“ stand darauf geschrieben.

Und den Ehrenplatz bekam das Bild: direkt gegenüber von Lauras Bett, von dem aus sie es noch kurz vor dem Einschlafen betrachtete und über den wundervollen ereignisreichen Geburtstag nachdachte. Zirkus hatten sie gespielt und ihren Eltern ihre Kunstfertigkeit vorgeführt, Kuchen gegessen und Süßigkeiten, verkleidet und angemalt waren sie gewesen … herrlich. Laura seufzte. Sie hatte die Augen schon fast geschlossen als sie aus dem Augenwinkel etwas Seltsames bemerkte. Das Bild, das neue schöne Bild an der Wand hatte zu leuchten begonnen. Es strahlte von innen heraus und zwar so hell und klar, dass das ganze Zimmer davon in ein rosa-bläuliches Licht getaucht wurde.

In diesem Moment bemerkte Laura, dass sie gar nicht mehr in ihrem Bett sondern auf einer weichen Wiese lag. Um sie herum blühten die wundersamsten Blumen. Laura blieb erstaunt einen Moment liegen und versuchte die Szenerie in sie aufzunehmen – den süßlichen Duft der Blüten, die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, das leise Brummen und Summen unzähliger Insekten, die geschäftig von Blüte zu Blüte flogen und die leuchtenden abertausend Farben überall um sie herum. Während sie noch staunte, wurde sie sanft von etwas Weichem an der Wange berührt. Neben ihr stand ein schneeweißes Einhorn, dass sie vorwurfsvoll aus seinen blanken, schwarzen Augen ansah. „Wir müssen zurück, Prinzessin. Im Palast wird man sich schon Sorgen machen. Du kannst hier nicht weiter liegen und träumen. „Laura musste unwillkürlich lachen. Sie eine Prinzessin? Sicher, heute war sie die Hauptperson gewesen, aber eine Prinzessin war sie gewiss nicht, wie sehr sie sich das auch gewünscht hätte. Doch in dieser Umgebung fühlte sie sich so leicht und beschwingt und war bereit, jeden Spaß und jede Dummheit zu glauben und mitzumachen. Sie hatte das Gefühl, hier könne ihr nichts passieren, noch nicht einmal, wenn sie von einem Hochhaus gesprungen wäre – soweit es hier überhaupt Hochhäuser gab. Mit einem übermütigen Satz sprang sie hoch und flog drei Meter in die Luft. War sie in dieser Nacht leichter geworden? Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, dass ihr Flügen zwischen den Schulterblättern wuchsen, die sich automatisch ausgebreitet hatten, sobald sie vom Boden aufgesprungen war. Entzückt stieß sie einen leisen Schrei aus und schwang sich in einer eleganten Bewegung auf den Rücken des Einhorns. „Klar, lass uns zurück zum Palast reiten.“ Damit presste sie die Hacken in die Flanken des Tieres und stob davon.

Auf dem Schloss angekommen, empfing sie eine empörte Stimme, die durch die ganze Halle schallte. „Prinzessin Filine! Wie konntet Ihr es wagen ohne Erlaubnis auszureiten? Ihr wisst doch, wie gefährlich der Wald um diese Jahreszeit ist.“ Laura widersprach ohne Nachzudenken. „Es war gar nicht gefährlich. Wer bist du überhaupt?“ rutschte es ihr heraus. Im selben Moment bemerkte sie, dass sie die gestrenge, etwas verknöcherte Dame wohl kennen müsse, die das vor ihr stand und sie wütend anstarrte. „Wer ist bin … wer ich … das ist ja wohl die Höhe. Mit mir erlaubst du dir keine Späße, Fräulein Tochter. Auch wenn du das einzige vergötterte Kind deines Vaters bist, werde ich nicht zulassen, dass du ihm und allen andere auf der Nase herumtanzt. Die ständigen Kämpfe mit den blauen Piraten machen ihm sowieso genug Kopfschmerzen. Dieses Jahr sind sie so zahlreich geworden, dass wir uns ihrer kaum erwehren können. Bis zum Ball bleibst du auf deinem Zimmer, Filine. Susanna wird auf dich aufpassen …“ Ihr Blick fiel auf Filines vom Reiten verschmutzen Kleidung. „… und dich wieder standesgemäß herrichten. So kannst du dich heute Abend auf keinen Fall blicken lassen.“ Die Königin machte auf dem Absatz kehrt und ließ die verdutzte Laura  neben ihrer Kammerfrau stehen.

Während sie den ganzen Nachmittag vor dem Spiegel sitzen musste, um sich „herrichten“ zu lassen, dachte Laura darüber nach, dass das Leben als Elfenprinzessin wohl doch nicht so riesig war, wie sie sich das immer vorgestellt hatte. Trauring nahm sie einen der reich verzierten Elfenbeinkämme in die Hand und betrachtete ihn. Zugegeben – alle Dinge hier waren wunderschön, aber was nütze es, wenn man offensichtlich keine Minute unbeaufsichtigt tun konnte, wozu man Lust hatte? „Was ist das für ein Ball heute Abend?“ fragte sie Susanna. „Euer Hochzeitsball selbstverständlich. Ihr werdet den König der Schlangensümpfe heiraten, wie es seit langem beschlossen wurde. Nur so kann die Feindschaft zwischen den beiden Ländern biegelegt werden.“ Laura runzelte die Stirn. „Wieso Feindschaft? Ich mein … und …“, ich kenn ihn ja gar nicht, hatte sie sagen wollen, aber das schluckte sie lieber hinunter. Wer weiß, vielleicht kannte Filine den König ja doch und war durchaus mit der Hochzeit einverstanden. „Hab ich … zugestimmt?“ fügte sie zaghaft hinzu. „Du lieber Himmel, nein. Aber kommt es darauf denn an?“ Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend sah Laura dem Abend entgegen und beschloss, ihren zukünftigen Gatten auf die Probe zu stellen.

Der König kam auf einem prächtigen schwarzen Hengst und mit einem großen Gefolge. Ein in eine bunt-geschmückte Livree gekleideter junger Mann hielt ihm beim Absteigen die Steigbügel und führte das Pferd dann zu den Ställen. Laura, die am oberen Ende der Treppe in allem Prunk stand, beobachtete ihn. „Wer war das?“ flüsterte sie ihrer Kammerfrau zu. „Sein Knappe oder sein Leibknecht?“ Susanna lachte. „Nein, das war sein jüngerer Bruder Philip. Der König gefällt sich, seine Macht zu demonstrieren, indem er ihn zu seinem persönlichen „Begleiter“ gemacht hat. Es wird gemunkelt, der Kleine sei ein wenig zurückgeblieben im Kopf, so dass er im Hintergrund gehalten werden müsse.“ Stirnrunzelnd sah Laura Prinz Philip und dem Hengst nach. Als klein konnte man ihn wahrhaftig nicht mehr bezeichnen und in dem kurzen Moment, in dem Laura ihn hatte betrachten können, war sie sich gewiss geworden, dass es mehr seiner papageienähnlichen Kleidung als seinem Gesicht mit den klaren, wachen Augen an Respektabilität mangelte.

In diesem Moment stieß hoch oben in der Luft etwas einen fürchterlichen Schrei aus und raste direkt auf den König zu, der in Windeseile sein Schwert zückte und seinen übergroßen Prunkschild schützend erhob, um der feuerspeienden Kreatur zu begegnen. Nur der Schild verhinderte, dass er gegrillt wurde, als der Drache, vom Schwert leicht an der Brust verletzt, mit einem Schmerzensschrei wieder in die Höhe schoss und lauernd um die Burg kreiste. „Höllenbrut“, knurrte der König. „Eines Tages erwische ich dich und dann brate ich dich lebendig über kleiner Flamme, das schwöre ich.“

Laura hatte das Spektakel mit Entsetzen beobachtet und noch immer folgten ihre Augen dem über den Zinnen kreisenden Drachen, als der König sie beim Arm nahm und unsanft in die Halle zog. „Wenn Ihr wollt, Prinzessin, serviere ich Euch den Kopf dieses Scheusals morgen zum Frühstück.“ Er blickte voller Hass auf den Drachen. Laura sah ihre Chance gekommen und blinzelte ihn mit weichen Augen unschuldig an. „Ich kann das nicht sehen, wenn ein Tier umgebracht wird. Vertrag dich doch lieber mit ihm. Drachen sind sehr weise. Wenn du es richtig machst, wird es möglich sein, mit ihm Frieden zu schließen.“ Woher sie das wusste, wusste sie nicht. Sie wusste aber, dass es die Wahrheit war. Der König sah sie erstaunt an. „Sein Leben verschonen?“ Er lachte laut. „Nein mein Herzchen, von König Schlangenhaut wird niemand verschont, der ihn herausgefordert hat. Aber so ein kleines einfältiges Frauenzimmer wie du kann das nicht verstehen.“ Noch bevor sie etwas antworten konnte, packte er sie wieder beim Arm und zog sie weiter. „Komm jetzt, wir wollen heiraten.“ Laura riss sich abrupt los und gewann gebührenden Abstand zum König. Sie sah ihm fest in die Augen. „Niemand, der Euch je herausgefordert hat, wird verschont?“ fragte sie so laut, dass es der ganze Hofstaat hören konnte. „So ist es“, donnerte der König zurück. „Na dann ist die Hochzeit doch völliger Quatsch! Mit dir kann man sich nicht vertragen!“ Und noch bevor der König reagieren konnte, machte sie unter den verblüfften Blicken der Anwesenden kehrt und rannte so schnell sie konnte aus der Halle.

Das Ross des Königs war in der Box direkt neben Lauras Einhorn untergebracht, dass sie nun in Windeseile zäumte. Als sie sich auf seinen Rücken schwang, schaute Prinz Philip aus der Box des großen Pferdes über die Trennwand. „Wartet Prinzessin! Was ist geschehen?“ Doch Laura gab ihrem Reittier die Sporen und stob davon ohne sich von ihm aufhalten zu lassen. nachdenklich und besorgt schaute er ihr nach. Dann verließ er seine Arbeit und den Stall und wanderte hinaus auf das freie Feld am Fuße der Burg. Auf einen leisen Pfiff hin landete neben ihm ein riesiger rostroter Drache, der ihn geduldig auf seinen Rücken steigen ließ. Dann breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und flog davon.

Im Palast herrschte große Aufregung. König Schlangenhaut schwor mit gewaltigen Worten, die Prinzessin wohlbehalten zum Palast zurückzubringen und stellte sogleich einen Suchtrupp zusammen, an dessen Spitze er sich setzte. Filines Eltern, die sich am Ende der großen Halle befunden und daher die Unterredung zwischen ihr und dem König nicht vernommen hatten, blieben verwirrt und besorgt zurück. Insbesondere Filines Mutter war der festen Überzeugung, Filine laufe direkt in ihr Unglück und so Unrecht hatte sie damit nicht.

Laura war bis zur Küste geritten und ruhte sich jetzt am Strand im Schatten einer steil abfallenden Felswand aus. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nur die Wellen rollten in beruhigendem Rhythmus an den Strand. Laura legte sich in den warmen, feinen Sand, genoss die Geräusche der Wellen und der Möwen und beobachtete die Wolken. Und so bemerkte sie nicht das blaue Segel, welches schnell näher kam. Als das Einhorn, welches die ganze Zeit genüsslich Strandhafer und andere Kräuter gefressen hatte, plötzlich scheute und wild schnaubend davon galoppierte, war es bereits zu spät. Erschrocken fuhr Laura in die Höhe und sah sich von wilden Kerlen mit blauen Gesichtern umringt, die sie höhnisch und begierig anblickten. Immerhin war sie immer noch im prächtigsten Hochzeitskleid des ganzen Landes, Diamanten und Saphire schimmerten an ihren Ohren und ihrem Hals und bevor sie sich’s versah, stülpte sich ein riesiges Schmetterlingsnetz über ihren zierlichen Körper. „Nanu, was haben wir denn hier für einen kostbaren Vogel gefangen?“ Der wildeste und größte der Kerle baute sich vor ihr auf. So gut das Netz es zuließ, richtete sich Laura würdevoll auf und antwortete mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte: „Ich bin ehm … Filine, die Tochter des mächtigsten Elfenkönigs, und wenn du Bandit mich nicht sofort freilässt, wird es dir übel ergehen.“ Der Kerl lachte nur. „Ach! Was du nicht sagst! Das wird sich schon ändern, wenn du meine Frau geworden bist. Der Elfenkönig wird doch nicht seinen lieben Schiegersohn hängen lassen, sondern ihm im Gegenteil schön brav sein Königreich übergeben.“ Laura starrte ihn entsetzt an. Das konnte doch nicht wahr sein! Vom Regen in die Traufe! Warum waren nur alle widerlichen, groben Kerle darauf aus, ausgerechnet sie zu heiraten? Ein eindeutiger Minuspunkt im Leben einer Prinzessin. „Und damit du mir nicht davonfliegst, meine Schöne, bekommst du erst einmal das hier.“ Damit befestigte er einen Gurt um ihre Brust, der ihre Flügel fesselte und steckte den Schlüssel dazu befriedigt in seine Tasche. „So, aufs Schiff mit ihr!“

Das Einhorn raste immer noch in Todesangst über die Ebene, als ein riesiger Drache es in seinem Lauf stoppte. Prinz Philip schwang sich vom Rücken des Drachen, packte das verängstigte Einhorn beim Zügel und klopfte im beruhigend den schweißnassen Hals. „Ruhig, nur ruhig. Wo ist deine Herrin, mein Freund?“ Das Einhorn rang nach Atem. Schließlich brachte es hervor. „Die Piraten, die blauen Piraten haben sie entführt!“ Prinz Philip überlegte einen Moment. Noch einmal klopfte er dem Einhorn den Hals. „Lauf nach Hause und ruh dich aus. Wir werden die Piraten verfolgen.“ Dann trat er zu seinem Drachen und schwang sich auf seinen Rücken. Das Einhorn nickte erschöpft und trottete in Richtung Schloss, während Prinz Philip auf dem Rücken seines Drachen aufs offene Meer zusteuerte.

Unendliches Blau erstreckte sich bis zum Horizont. Der Himmel war mit weißen Wölkchen getupft, das Meer mit Schaumkronen garniert. Die Horizontlinie war fast nicht auszumachen. Suchend blickte sich Prinz Philip um. Weit konnten die Piraten noch nicht gekommen sein. Schließlich erblickte er eine Welle, welche sich im Gegensatz zu den anderen Wellen schnell in eine Richtung bewegte. War das die Bugwelle eines Schiffes? Doch das dazugehörige Schiff war nirgends zu entdecken. Erst die scharfen Augen des Drachen erblickten das blaue Schiff mit dem blauen Segel, welches die Welle vor sich herschob. Prinz Philip folgte den Piraten in gebührendem Abstand. Er wollte sich nicht auf eine Konfrontation mit den Piraten einlassen, bevor er nicht gründlich die Lage erkundet hatte. Vielleicht gab es ja auch eine andere Möglichkeit, die Prinzessin zu befreien. Das Schiff landete an einer schroffen Felsenküste, die offensichtig zu einer Insel von beträchtlicher Größe gehörte. Hoch auf dem Felsen ragte steil eine halb verfallene Burg auf, die in früheren Zeiten wohl mächtigen und reichen Herren gehört haben musste, deren glanzvolle Zeiten aber schon lange vorüber waren. Philip ließ den Drachen hinter einem Felsvorsprung landen und beobachtet, wie die Piraten die Prinzessin über die morsche Zugbrücke schleiften. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, hatte aber nicht die geringste Chance auf Erfolg. Als die Piraten im Schl0ss verschwunden waren, wandte Philip sich dem Schiff zu. Trotz seiner blauen Farbe war es ganz aus Holz gebaut und wie üblich mit Teer und Werk abgedichtet. Leise besprach sich der Prinz mit seinem Drachen. Dessen Augen begannen unternehmungslustig zu funkeln und er nickte.

Die Nacht senkte sich herab. Prinz Philip umkreiste auf seinem Drachen die Zinnen der Burg. Jedes Fenster wurde vorsichtig untersucht, ob sich nicht dahinter das Gefängnis der Prinzessin befand. Schließlich wurde seine Geduld mit Erfolg belohnt. Im Turmzimmer auf der obersten Zinne erspähte er Laura und den Piratenkapitän, die sich heftig stritten. Ihre Brust war immer noch mit dem Gurt umschlossen, der ihr kaum Luft zum Atmen lies und weiterhin ihre Flügel fesselte. Leise glitt er vom Rücken des Drachen und versteckte sich auf einem Vorsprung unterhalb des Fenstersimses. „Du wirst mich schon noch heiraten wollen, wenn du lange genug hier geschmort hast!“ Mit diesen Worten stampfte der blaue Kapitän wütend aus dem kargen Raum, donnerte die Tür hinter sich zu und lies die Prinzessin allein. Laura hatte Tränen der Wut in den Augen. Sie sprang ihm nach und trommelte erfolglos gegen die verschlossene Tür, dann ging sie fast wie in Zeitlupe zur Mitte des Zimmers zurück und lies sich auf einen Schemel sinken und begann zu weinen.

Philip stieß einen leisen Pfiff aus. Laura schreckte hoch und lauschte wie erstarrt. Lautlos und mit geschmeidigen Bewegungen kletterte der Prinz ins Zimmer, den Zeigefinger an den Mund gepresst. Laura saß immer noch auf dem Schemel wie eine Statue. Philip kam zu ihr. „Hast du ein Messer?“ flüsterte sie. Philip nickt und reichte ihr ein kleines Jagdmesser. Laura nahm es und schnitt den Gurt mitten entzwei. Befreit atmete sie auf. „Danke.“ Sie gab ihm das Messer zurück. „Wie kommen wir hier weg? Wie bist du überhaupt hier hereingekommen?“ Der Prinz schmunzelte. Dann lies er einen weitere Pfiff ertönen und der Drach erschien draußen vor dem Fenster. Lauras Augen wurden groß und größer. „Oh. Der gehört zu dir? Du kannst deinen Bruder wohl nicht gerade leiden.“ Neugierig sah sie ihn an. „Die Ehre beruht auf Gegenseitigkeit. Mein Bruder gefällt sich darin, mich wie einen Dienstboten zu behandeln und obendrein noch überall im Land verbreiten zu lassen, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“ Draußen vor der Tür waren Schritte zu hören. Der Prinz wechselte automatisch in einen Flüsterton. „Komm, ich erzähl dir die ganze Geschichte unterwegs.“ Hastig flüchteten die beiden zum Fenster und bestiegen den Drachen, so dass der Pirat, der der Prinzessin ein kärgliches Abendessen bringen sollte, die Kammer leer vorfand.

„Alarm! Alarm!“ schallte es durch die Gänge, doch der Drache war bereit hoch oben in der Luft. „Alle Mann zum Schiff.“ Der Drache ging in einen Sturzflug. Laura klammerte sich erschrocken fest. „Was tust du da?“ „Keine Angst, wir machen den Piraten nur ein kleines Abschiedsgeschenk.“ Nur ein paar Zentimeter raste der Drach über dem Schiff hinweg. Segel und Masten, Planken und Ruder fingen Feuer unter seinem Atem und als die Piraten ihr Schiff erreichten, brannte es hell wie eine Fackel vor dem schwarzen Himmel. Prinz Philip aber drehte sich auf seinem Reittier übermütig um und rief dem unter seiner blauen Haut kreideweißen Kapitän zu: „Die Prinzessin lässt Euch mitteilen, dass sei Eure Werbung ablehnt. Seeräuber sind nicht ihr Stil.“ Laura lachte. Auf dem Rücken des Drachens fühlte sie sich plötzlich leicht und frei.

König Schlangenhaut war indes ohne Erfolg zum Schloss zurückgekehrt. König und Königin waren nach dem Eintreffen des Einhorns voller Sorge. Immer noch wussten sie nicht, was mit ihrer Tochter passiert war, da das Einhorn allein mit der Prinzessin zu sprechen pflegte. König Schlangenhaut versicherte, dass er nicht ruhen werde, bis die Prinzessin gefunden sei und dass ihr Vater sein Königreich auch getrost in ihrer Abwesenheit in seine Hände geben könne. Gebeugt vor Kummer war der König geneigt, das Angebot seines Beinahe-Schwiegersohns anzunehmen und ihm die Bürde der Regierung zu übertragen, auf dass er selbst nur noch die Bürde des Kummers zu tragen hätte.

In diesem Moment erfüllt ein Rauschen die Luft und der Drache landete inmitten des Schlosshofes. König und Königin staunten nicht schlecht, als sie Laura und Philip von dessen Rücken steigen sahen, doch König Schlangenhaut erfasste die Situation sofort und wusste, sie zu seinem Vorteil zu nutzen. „Na endlich, mein Lieber, ich wusste, dass ich mich in dieser Mission auf dich verlassen kann“, begrüßte er seinen Bruder. „Übergib mir nun meine Braut, damit wir die Hochzeitzeremonie fortsetzen können. Die fürstliche Belohnung, die ich dir versprochen habe, wirst du umgehend erhalten.“ Damit nahm er Lauras Hand und wollte sie zu ihren Eltern führen, doch Philip hielt sie an der anderen fest. Weder der eine noch der andere ließen los. Philip trat neben Laura und sah seinen Bruder herausfordernd an. Der Drache schnaubte bedrohlich. „Ich fürchte, mein lieber Bruder, du hast dich verrechnet. Wie du sehr genau weißt, habe ich aus eigenem Impuls gehandelt und ich werde nicht wieder auch nur einen Befehl von dir annehmen. Wie sagtest du doch immer so schön? Dem Sieger gehört die Beute. Und der Sieger bin ich.“ Wie zur Bestätigung stieß der Drache eine kleine Stickflamme aus den Nüstern, die König Schlangenhaut den Hosenboden versengte. Er schrie auf und hielt sich sein Hinterteil. „Du, du … schon längst abschießen müssen hätt ich das Vieh!“ Und damit floh er mit grotesken Bewegungen, immer noch die Hände über seinem brennenden Allerwertesten hin zum Schlossteich, in den er seinen Po mit einem leisen Zischen versenkte.

Philip sah ihm mit Erleichterung nach. „Den wären wir los.“ Laura drehte sich zu ihm und schaute ihn direkt an. „So. Und was hast du mit mir vor? Der Beute?“ fragte sie kühl. Prinz Philip lächelte. „Was immer Ihr wollt, Prinzessin. Ich stehe zu Eurer Verfügung.“ Da lachte die Prinzessin erleichtert und fiel ihm vor Freude um den Hals. „Ich will dich“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Auf der Hochzeit überreichte Philip ihr anstelle des üblichen, goldenen Rings ein braun-bronzenes Medaillon, in welches merkwürdige Muster eingraviert waren. „Das habe ich von meiner Urgroßmutter geerbt. Sie sagte mir, sie hätte es von einer Quellnymphe erhalten und es würde jedem Mädchen, welches es trägt, die Klarheit des Wassers und die Zuversicht und Geborgenheit der Erde schenken.“ Laura sah ihm gerade in seine goldbraunen Augen. Mehr war im Augenblick nicht nötig.

Laura erwachte vom Gebrabbel ihrer kleinen Schwester im Bett unter ihr. Ihr erster Blick fiel auf das Bild an der Wand gegenüber. Zwar leuchtete es nicht mehr, das es war noch immer strahlend schön. Ein wunderschöner Traum war das gewesen, wie schön wäre es, wenn sie noch hätte dort bleiben können. Sie streckte sich und wollte sich aufrichten, als sie mit etwas an ihrer Hand in der Bettdecke hängen blieb. „Au! Mist!“ Verwundert besah sie den kleinen Gegenstand, der an ihrem Ringfinger gestreckt war. Es war genau das Medaillon aufs ihrem Traum.

ENDE

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